US-Literatur

Reingelesen (63): Richard Ford – Kanada

„Ich weiß nur, dass man bessere Chancen in seinem Leben hat – bessere Überlebenschancen – wenn man gut mit Verlusten umgehen kann; wenn man es schafft, darüber nicht zum Zyniker zu werden.“
(Richard Ford, Kanada, Teil Drei, Kapitel 68)

Richard Ford – Kanada (2014, Deutscher Taschenbuch Verlag)

„Es gibt Kinder, die kommen ohne Schutzengel auf d‘ Welt, und der Sandmann haut ihnen Reißnägel in d‘ Augen, unterm Christbaum liegt jedes Jahr ein Packerl Tränen als Geschenk, und ein Märchenbuch, wo der Teufel immer gwinnt“ textet der österreichische Song-Poet Ludwig Hirsch auf seinem Debüt-Album „Dunkelgraue Lieder“ im Stück „Der blade Bua“, Down South Bavaria würde man zu derart prekären Lebenslagen kurz und knapp den Spruch „Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Haufen“ zum Besten geben, beides bringt damit drastisch und überzeichnet auf den Punkt, wovon auch der Erzähler Dell Parsons im Roman „Kanada“ von Richard Ford ein Lied zu singen weiß.

Das Schicksal meint es nicht gut mit dem 15-jährigen Dell und seiner Zwillingsschwester Berner. 1960 lassen sich die Parsons in Montana nieder, der Altvordere Bev, Südstaatler mit Kopf in den Wolken, ex-Militär und gescheiterter Auto- und Immobilien-Händler, macht krumme Geschäfte mit den Indianern, wird von ihnen massiv bedroht und beschließt zusammen mit seiner Frau, zwecks Schulden-Tilgung eine Bank im Nachbar-Staat zu überfallen. Die Parsons führen eine unglückliche Ehe, Neeva, die Mutter der Zwillinge, entstammt einem jüdischen, intellektuellen Osteuropäer-Haushalt, eine feingeistige Künstler-Natur, da bleiben zwei über viele Jahre zusammen, die nicht zusammenpassen, warum Mrs. Parsons dem Gatten treu bleibt und später den Bankraub trotz besseren Wissens und moralischer Skrupel mitplant und begleitet, bleibt unklar, ein ausgeprägter Hang zum Fatalismus schwingt hier unverholen mit.
Wie nicht anders zu erwarten bei kriminellem Handeln von Dilettanten floppt der Bankraub, kurz nach der Erbeutung einer Handvoll Dollar stehen die Ermittlungsbeamten vor der Haustür, das Paar geht ins Gefängnis und die Familie hat aufgehört zu existieren. Die jugendlichen Zwillinge stehen in ihrer unendlichen Verlorenheit, Desillusionierung und Traurigkeit vor dem Scherbenhaufen ihrer Träume und Zukunftspläne, nach einem letzten Besuch bei den inhaftierten Eltern verschwindet Schwester Berner kurz darauf auf eigene Faust nach Kalifornien und führt ab dann ein unstetes Hippie-Leben inklusive etlichen gescheiterten Beziehungen und Problemen mit diversen Substanzen, man wird im weiteren Verlauf des Romans sporadisch von ihr hören.
Der Erzähler Dell entzieht sich der staatlichen Aufsicht des Staates Montana und wird von einer Freundin der Mutter illegal über die Grenze nach Kanada gebracht, wo sie den Jungen bei ihrem exzentrischen, politisch radikalisierten, wegen diverser Kapitalverbrechen aus den Staaten geflohenen Bruder unterbringt, einem Hotelier mit denkbar zweifelhaftem Ruf, hier fristet der junge Dell sein Dasein in einem Nest auf dem Land, das bessere Zeiten gesehen hat, im Ungefähren ohne jegliche konkreten Zukunftspläne. Er besucht keine Schule, ist der Gesellschaft zwielichtiger Zeitgenossen ausgesetzt und verdingt sich mit einfachen Arbeiten im Hotelbetrieb, ein täglich wiederkehrender, nach Auflösung schreiender Albtraum. Die Kindheit ist endgültig zu Ende, als der Junge Zeuge eines Doppelmordes wird, den der Erzähler bereits auf der ersten Seite des Romans ankündigt: „Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereignet haben.“
Das illusionslose Ankommen in der Realität der Erwachsenen, das Erkennen der Kausalität zwischen Tat und Schuld, es ist eine harte, radikale und schnelle Lektion, die dem ohne jeglichen geistigen und materiellen Halt in den Weiten Kanadas verlorenen Jungen widerfährt – im letzten Teil des Romans geschildert aus der Perspektive des inzwischen 65 Jahre alten, verheirateten Dell Parsons, der am Ende seines Berufslebens als Lehrer für Literatur angekommen ist, und der letztendlich seinen Werdegang und die eigene Bildung in die Hand nahm, aber selbst nach einem halben Jahrhundert nur rudimentär erklären kann, warum ihm das Schicksal in jungen Jahren derart übel mitgespielt hat, eine Metapher über die nicht zu lösenden Grundfragen des Lebens. Der Versuch, das nicht Beeinflussbare in seiner Sinnhaftigkeit zu durchdringen, muss letztendlich für den Romanhelden scheitern, auch wenn er es zu erklären versucht: „Das Vorspiel zu schrecklichen Ereignissen kann lächerlich sein, ganz wie Charley gesagt hatte, aber auch beiläufig und unauffällig. Es lohnt sich, das zu erkennen, den es zeigt den Ursprung vieler schrecklicher Ereignisse an: einen Zentimeter vom Alltag entfernt“. Immerhin gelingt es dem Protagonisten, bedingt durch Verlust und persönliche Rückschläge, die Notwendigkeit für den Blick in die Zukunft und den Drang nach Veränderung zu erkennen, ein Funken Optimismus in einer im Grundton trostlosen und verstörenden Geschichte.

„Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt, verkündete Mildred. Na ja, eigentlich gibt es ganz viele Arten. Aber mindestens zwei. Erst mal diejenigen, die begreifen, dass man es nie weiß; und dann diejenigen, die meinen, man wüsste es immer. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Ist sicherer.“
(Richard Ford, Kanada, Teil 2, Kapitel 39)

Es geht im 460-Seiten-Werk vordergründig um Bankraub und Mord, die beiden einschneidenden Ereignisse in dieser Erzählung, aber „Kanada“ ist weit von einem Spannungs- oder Kriminal-Roman entfernt. Richard Ford erzählt im Stil eines klassischen Entwicklungsromans mit der ihm eigenen, sämtliche Aspekte ausformulierenden, stetig-ruhigen Diktion, mit feingliedrigen Charakterstudien des handelnden Personals, einfach, unverstellt und ohne Schnörkel, das mag dem ungeübten Ford-Leser mitunter ermüdend und langatmig erscheinen und ist doch große Literatur, die den Zeitgeist und vor allem die Hektik der immer schnelllebigeren Entwicklungen im sozialen, politischen und technischen Umfeld völlig ausblendet – eine in Text gegossene Oase der Sorgfalt und ausführliche thematische Erörterung, man möchte es fast eine Meditation über die Sinnhaftigkeit der Fügung nennen.
„Zuweilen werden wir erst dann richtig erwachsen, wenn wir einen einschneidenden Verlust erlitten haben, so dass unser Leben uns gewissermaßen einholt und wie eine Welle über uns hinwegspült und alles mit sich reißt“, hat Richard Ford bereits 1986 in seinem ersten Roman „Der Sportreporter“ aus der Frank-Bascombe-Reihe geschrieben, ein Gedankengang, den er in „Kanada“ in ausführlicher und anregender Form wieder aufnimmt.

Richard Ford wurde 1944 in Jackson/Mississippi geboren, einer breiten Leserschaft bekannt geworden ist er vor allem durch die oben erwähnte Roman-Reihe über den Sportreporter und späteren Immobilienmakler Frank Bascombe. In den sechziger Jahren studierte er an der University of California, wo er unter anderem Vorlesungen der Schriftsteller E. L. Doctorow und Oakley Hall hörte.
Sein Werk wurde mit zahlreichen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet, der Nobelpreis war bisher nicht dabei, aber der ist seit der letztjährigen Lachnummer mit dem Bänkelsänger bis auf weiteres auch nicht mehr erstrebenswert.

Reingelesen (43)

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„Nein, wenn sie einem Mann einen Schlag versetzen wollen, mussten sie etwas haben, was sicherer und präziser als ein Hammer war. Und da entschieden sie sich für elektrischen Strom.“
„Mein Gott, haben die sich nicht überlegt, was das für Schaden anrichten kann? Hat die Öffentlichkeit nicht dagegen protestiert?“
„Ich glaube, Sie verstehen nicht richtig, worum es der Öffentlichkeit geht, mein Freund. Wenn in diesem Land etwas nicht in Ordnung ist, dann ist die schnellste Lösung immer die beste.“
(Ken Kesey, Einer flog über das Kuckucksnest, Zweiter Teil)

Ken Kesey – Einer flog über das Kuckucksnest (1985, Zweitausendeins)

Kesey Revisited, Teil 1: Einer der wichtigsten amerikanischen Romane des 20. Jahrhunderts hat auch nach weit über 50 Jahren seit Erstveröffentlichung nichts an gesellschaftskritischer Brisanz verloren, er funktioniert nach wie vor als gewichtiges Plädoyer für die Freiheit des Individuums und als Statement gegen die Überwachung und Reglementierung durch Institutionen und staatliche Apparate. Die Geschichte von der psychiatrischen Anstalt, der dort diktierenden und manipulierenden – an Orwell angelehnten – „Großen Schwester“ Mildred Ratched und ihrem Widersacher, dem gegen das System aufbegehrenden, zwangseingewiesenen Strafgefangenen Randle Patrick McMurphy ist ein Drama, das sich wie jede gute Erzählung in mehreren Ebenen entfaltet.

Zum einen ist es die Biografie des Ich-erzählenden Halbindianers Chief Bromden, der den Prozess seiner eigenen, isolierten Passivität und sein Zurückfinden in das gesellschaftliche Leben dokumentiert, ergänzend hierzu bekommt der Leser im Nebenstrang ein Gespür für die Entmündigung der US-amerikanischen Ureinwohner Mitte des 20. Jahrhunderts vermittelt.
Die vom dominierenden realistischen Erzählstil abgehobenen Schilderungen von Wahrnehmungen unter Einfluss von Psychopharmaka verleihen dem Roman ein psychedelisches Element, Kesey ließ hier seine Erfahrungen aus dem CIA-Forschungsprogramm MKULTRA über die Möglichkeiten von Bewusstseinskontrolle durch Verabreichung von halluzinogenen Drogen einfließen, an dem er Ende der fünfziger Jahre freiwillig teilnahm, wie seine Inspiration für den Roman durch seine Tätigkeit als Aushilfe in der psychiatrischen Abteilung des kalifornischen Veterans Hospital Menlo Park verleihen diese persönlichen Eindrücke dem Werk die entsprechende Glaubwürdigkeit. Die Beschreibungen von damals gängigen Behandlungsmethoden wie der Elektroschock-Therapie tun als Schilderungen aus erster Hand ihr übriges.

Zentrales Motiv des Romans ist das Aufbegehren gegen die „Große Schwester“ und ihre absurden Stations-Vorschriften der polternden Spielernatur McMurphy, des nonkonformistischen irischen Raubeins, der sich keinen Normen und Regeln unterwerfen mag und in seinem Drang nach Freiheit die letargischen, sich selbst kasteienden und völlig passiven Insassen zur Rebellion gegen das Establishment  und die herrschenden Zustände in der Klinik anfeuert.

„Niemand beschwerte sich über den vielen Nebel. Ich weiß jetzt auch, warum: So schlimm er ist, man kann sich wenigstens darin verkriechen und in Sicherheit fühlen. Das ist es, was McMurphy nicht begreifen kann: dass wir uns sicher fühlen wollen. Er versucht dauernd, uns aus dem Nebel nach draußen zu ziehen, wo man uns leicht bekommen könnte.“
(Ken Kesey, Einer flog über das Kuckucksnest, Erster Teil)

Zu spät entdeckt der strafgefangene Querulant, der letztendlich der Willkür der Anstaltsleitung ausgeliefert ist, dass er von den freiwilligen Insassen der Heilsanstalt, die jederzeit ein Wahlrecht hinsichtlich ihrer eigenen Entlassung haben, für deren Zwecke manipuliert und missbraucht wird. In diesen Sequenzen zeigt sich auch McMurphys sensible Seite, hervorgerufen durch die Erkenntnis des möglichen Scheiterns.

Die letztendliche Niederlage des Kopfes der Revolution, bedingt durch eine eskalierende Katastrophe zum Finale des Romans, birgt den Sieg der verbleibenden Patienten über eine gebrochene, in ihren Grundfesten erschütterten „Großen Schwester“ und vor allem den Sieg des Indianers Chief Bromden, dem McMurphy den Weg aus der Passivität wies, der sich seiner Stärken bewusst wird und durch einen einzigen, befreienden Kraftakt den Weg in seine angestammte Lebenswelt zurückfindet – No you won’t fool the children of the revolution, wie Marc Bolan seinerzeit so schön sang…

Die flüssig zu lesende und sich vor allem durch geschliffene Dialoge auszeichnende, durch die paranoiden, Medikations-bedingten Phantasien Chief Bromdens und durch detaillierte Schilderungen aus dem psychiatrischen Betrieb bereicherte Erzählung vom Freigeist McMurphy und seinem Aufbegehren dient noch heute als Metapher für den Widerstand gegen kontrollierende und überwachende Institutionen, im Handeln eines Edward Snowden, in seiner individuellen Aktion gegen die NSA in diesen Zeiten der sich verselbstständigenden Überwachungs- und Nachrichtendienste finden sich auch aktuell exemplarische Parallelen zur Erzählung aus der Anstalt.

„Wie hatte er es geschafft, ihnen zu entgehen? Vielleicht war es wie beim alten Pete, und der Apparat verpasste es, ihn rechtzeitig in die Mangel zu nehmen. Vielleicht hat ihn die Schule nie lange halten und bearbeiten können, und er hat sich schon als Junge im ganzen Land herumgetrieben und ist nie länger als ein paar Monate an einem Ort geblieben, und dann hat er sich mal als Holzfäller betätigt, mal als Spieler oder als Anreißer für Glücksräder auf dem Jahrmarkt, immer in Bewegung, so dass der Apparat nie eine Chance hatte, ihm etwas einzubauen.“
(Ken Kesey, Einer flog über das Kuckucksnest, Erster Teil)

„Einer flog über das Kuckucknest“ wurde zweimal ins Deutsche übertragen, 1972 für die deutsche Erstausgabe im März-Verlag von Hans Herrmann (u.a. auch Übersetzer von Werken von John Irving und Richard Ford), und 1985 in einer weiteren Bearbeitung für die Zweitausendeins-Neuausgabe durch den Burroughs-, Bukowski- und Algren-Experten Carl Weissner.
Die Herrmann-Übersetzung ist nach wie vor als Rowohlt-Taschenbuch im Buchhandel erhältlich.

Das Werk wurde 1975 von Miloš Forman mit Jack Nicholson als sensationell aufspielendem McMurphy-Darsteller, Louise Fletscher als Schwester Ratched sowie Will Sampson, Brad Dourif und Danny DeVito in weiteren Hauptrollen kongenial verfilmt, der Streifen gilt bis heute völlig zu Recht als eine der gelungensten Hollywood-Literaturadaptionen, wenngleich Ken Kesey den Film nie selbst gesehen haben soll und insbesondere monierte, das er nicht aus der Sicht des Native Americans Bromden erzählt wird.
Neil-Young- und Willy-DeVille-Spezi Jack Nitzsche hat die Musik zum Film geschrieben.
Die Kesey-Verfilmung erhielt 1975 fünf Oscars für den besten Film, die beste Regie, das beste adaptierte Drehbuch, die beste Hauptdarstellerin und den besten Hauptdarsteller, er ist damit neben „Es geschah in einer Nacht“ (1935, Frank Capra) und „Das Schweigen der Lämmer“ (1991, Jonathan Demme) einer der drei Filme, die bisher bei den Academy Awards alle „Big-Five“-Kategorien gewinnen konnten.

Ken Kesey wurde 1935 in Colorado geboren, ab 1959 studierte er an der kalifornischen Stanford University Kreatives Schreiben. Nach dem Welterfolg von „Einer flog über das Kuckucksnest“ gründete er Anfang der sechziger Jahre zusammen mit anderen Künstlern und LSD-Befürwortern die „Merry Pranksters“, mit denen er durch die USA tourte und „Acid Tests“ genannte LSD-Happenings veranstaltete. Bekanntestes Mitglieder der Pranksters war der Kerouac-Spezi Neal Cassady, dem der Beat-Poet in der Figur des Dean Moriarty in „On The Road“ ein Denkmal setzte. Der Schriftsteller Tom Wolfe verarbeitete seine Erfahrungen mit den Pranksters in seinem Buch „The Electric Kool-Aid Acid Test“ (1968, aktuelle deutsche Ausgabe: 2009, Heyne Verlag).
Die Grateful Dead fungierten in der Zeit, anfangs noch unter dem früheren Bandnamen The Warlocks, als Begleitband der Happenings.
Ken Kesey moderierte das Benefiz-Konzert der Dead für die Springfield Creamery am 27. August 1972 in den Old Renaissance Faire Grounds in der Nähe seiner Farm in Veneta/Oregon, das Konzert gilt bei vielen Deadheads als das Beste in der jahrzehntelangen Karriere der Jam-Band-Institution, nachzuprüfen seit 2013 auf der exzellenten Rhino-4-CD/DVD-Box ‚Sunshine Daydream‘.
1964 veröffentlichte Ken Kesey mit „Manchmal ein großes Verlangen“ (engl.: Sometimes a Great Notion, dt.: 1987, Rowohlt, vergriffen) einen weiteren herausragenden Roman, der 1970 von Paul Newman mit ihm selbst, Henry Fonda und Lee Remick in den Hauptrollen verfilmt wurde, das Werk wurde für zwei Oscars nominiert. Eine Würdigung des Romans ist für die Zukunft an dieser Stelle geplant.
Die 1989 bzw. 1992 veröffentlichten, weitaus weniger erfolgreichen Kesey-Romane „Caverns“ und „Sailor Song“ wurden offensichtlich nie ins Deutsche übersetzt, Gegenteiliges/Korrigierendes hierzu gern in die Kommentarfunktion rein.
In späteren Jahren hat sich Ken Kesey nach etlichen Prozessen wegen Drogenbesitz und einer zwischenzeitlichen Flucht nach Mexiko auf der Familien-Farm in Pleasant Hill/Oregon niedergelassen. 1984 musste er den Tod seines 20-jährigen Sohnes Jed betrauern, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.
Am 10. November 2001 ist Ken Kesey an den Folgen einer Leberkrebs-Operation in Eugene/Oregon gestorben. Er wurde 66 Jahre alt.

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Reingelesen (39)

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„Well the coal black sea waits for me me me
The coal black sea waits forever
The waves hit the shore
Crying more more more
But the coal black sea waits forever“
(Lou Reed, Cremation – Ashes To Ashes, Magic And Loss)

„Falls Sie während der Reagan-Jahre (1981-89) nicht miterleben mussten, wie jemand, den Sie kannten, an Aids starb, dann haben Sie an diese Jahre andere Erinnerungen als ich. Was war das für ein Jahrzehnt – und den Großteil dieser Zeit war dieser reitende B-Movie-Schauspieler der Oberboss! (In sieben der acht Jahre seiner Präsidentschaft nahm Reagan den Begriff Aids nicht ein einziges Mal in den Mund.) Die Erinnerung an diese Jahre ist im Laufe der Zeit immer verschwommener geworden, auch weil man – bewusst oder unbewusst – die schlimmsten Details verdrängt.“
(John Irving, In einer Person, Nur noch Epiloge)

John Irving – In einer Person (2012, Diogenes)

Der dreizehnte Roman von John Irving: Ein gelungenes Plädoyer für Toleranz und die Freiheit zu entscheiden, wer man sein will, mit einigen Schwächen. Anfangs latent belangloses Geschwurbel mit den üblichen Irving-Ingredienzien Neuengland, Shakespeare, schwierigen/ungewöhnlichen Familienkonstellationen und dem Ringer-Sport, kennt man aus seinen früheren, zum Teil großartigen Romanen zur Genüge, Wien als Austragungsort darf im weiteren Roman-Verlauf auch nicht fehlen, unvermittelt nimmt die Geschichte vom bisexuellen Schriftsteller und Laienschauspieler William Abbot und seiner mit allerhand skurrilen Figuren bevölkerten Familie dann doch noch ordentlich Fahrt auf, die zum Teil Woody-Allen-artigen Schilderungen sexueller Abenteuer des Ich-Erzählers Abbot entfalten ihren ureigenen Charme und den von Irving gewohnt geistreichen Witz, mit dem er sich im Roman zu den Themen Selbstfindung, Liebe und Sexualität geschickt und vergnüglich über Tradiertes, Normen und Konventionen hinwegsetzt. Wär’s ein Tonträger, würde wohl irgendwas in Richtung „contains lyrics that may offend“ und „parental warning“ auf dem Cover stehen, bei der Schilderung gewisser sexueller Praktiken war John Irving nie der Zimperlichste, so auch hier nicht.

Der Roman hat seine Schwächen, unbestritten, aber in den Abschnitten, in denen sich der Autor mit den tragischen Auswirkungen des HIV-Virus und seinen tödlichen Folgen speziell in den achtziger Jahren auseinandersetzt, ist das ganz großer Irving, großartiges humanistisches Drama wie in den stärksten Passagen seiner literarischen Meilensteine ‚Garp‘, ‚Cider House Rules‘ oder ‚Owen Meany‘, mit den vertrauten Familien- und Coming-of-age-Geschichten und in seinen stärksten Momenten ein ernst zu nehmender Aufruf zu Toleranz und Akzeptanz hinsichtlich der Themen Homo-, Bi-Sexualität und Transgender.

„So wird uns in messbar großen oder unermesslich kleinen Schritten unsere Kindheit gestohlen – nicht immer in einem einzigen dramatischen Augenblick, sondern oft in einer Serie kleiner Diebstähle, deren Endergebnis doch immer derselbe Verlust ist.“
(John Irving, In einer Person, Eine Aktion)

„In einer Person“ hat eingangs und gegen Ende nicht unbedingt die von Irving gewohnte erzählerische und literarische Brillanz, bezüglich seiner unkonventionell-originellen Ideen, der gesellschaftspolitischen Relevanz und der eindringlichen, leisen Töne ist der Roman trotz einiger – letztlich verzeihlicher – Schwächen lesenswert. Der langjährige Irving-Fan mag sich die Frage stellen, warum der Erfolgsautor im fortgeschrittenen Alter das Thema Homosexualität für sich entdeckt, in Bezug auf das Coming-out seines jüngsten Sohns liefert der amerikanische Schriftsteller die Erklärung: „Es gibt zwei Bücher, bei denen ich eine klare Vorstellung vom Leser hatte, einen Adressaten„, so Irving in einem Interview. „„Garp“ ist für meine beiden älteren Söhne geschrieben, „In einer Person“ für meinen jüngeren Sohn Everett.

Irving ist 2013 für den Roman im Rahmen der jährlich für Werke aus dem Bereich LGBT vergebenen Literaturpreise der US-amerikanischen Lambda Literary Foundation sowohl mit dem ‚Bridge Builder Award‘ als auch in der Kategorie ‚Bisexual Literature‘ ausgezeichnet worden.

John Irving wurde 1942 in New Hampshire geboren. Die immer wiederkehrenden Themen in seinen Romanen, der Ringer-Sport und die Stadt Wien, sind in seiner Biografie begründet: Seit seinem 14. Lebensjahr ist Irving aktiver Ringer, in den sechziger Jahren hat er einige Semester in der österreichischen Hauptstadt studiert. Seine größten literarischen Vorbilder sind nach eigener Aussage die Autoren Charles Dickens und der deutsche Nobelpreisträger Günter Grass. Viele seiner Werke wurden Bestseller, ‚Garp und wie er die Welt sah‘, ‚Hotel New Hampshire‘ und ‚Gottes Werk und Teufels Beitrag‘ wurden erfolgreich verfilmt. Für ‚Garp‘ erhielt er 1980 den National Book Award, für das Drehbuch zu ‚Gottes Werk…‘ im Jahr 2000 den Oscar.
John Irvings aktueller Roman „Avenue of Mysteries“ wird am 23. März 2016 in der deutschen Übersetzung unter dem Titel „Straße der Wunder“ im Diogenes-Verlag erscheinen.

„Dein Gedächtnis ist ein Monstrum; du vergisst – es vergisst nicht. Es packt Erinnerungen einfach weg; es bewahrt Erinnerungen für dich auf, oder es verbirgt sie vor dir. Dein Gedächtnis erweckt nach eigenem Ermessen Erinnerungen wieder zum Leben. Du bist der Ansicht, du hättest ein Gedächtnis, doch dein Gedächtnis hat dich!“
(John Irving, In einer Person, Eine Aktion)