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Reingelesen (77): George Saunders – Lincoln im Bardo

So die Reise meines Lebens nun beendet ist, und da keine Verwandten mit mir aus dieser Welt dahingehen, wandere ich einsam im Bardo-Zustand.
(Das Totenbuch der Tibeter, herausgegeben von Francesca Fremantle und Chögyam Trungpa)

George Saunders – Lincoln im Bardo (2018, Luchterhand)

J. R. Robinson und Esther Shaw vom Drone/Postmetal-Experimental-Kollektiv Wrekmeister Harmonies haben sich in ihrer Auseinandersetzung mit schwergewichtigen Themen wie Trauer, Vergänglichkeit und Tod im Rahmen des Entstehungsprozesses zum vor kurzem erschienen Album „The Alone Rush“ unter anderem mit einer Auswahl literarischer Werke wie den Schilderungen jamaikanischer Gang-Gewalt in den Siebzigern in „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ von Marlon James, dem Essay „The Age Of Loneliness Is Killing Us“ von George Monbiot und der Novelle „Lincoln In The Bardo“ des texanischen Literaten George Saunders beschäftigt, letzteres Werk ist im Mai beim Luchterhand-Verlag in deutscher Übersetzung von Frank Heibert erschienen.

„Lincoln im Bardo“ erzählt die Geschichte vom Sterben und anschließendem Verweilen im schwebenden Zustand einer Zwischenwelt des jungen Willie Lincoln, der im zarten Alter von 11 Jahren in der Hochphase des amerikanischen Bürgerkriegs im Februar 1862 vom Typhus-Fieber dahingerafft wurde, während seine Eltern ein Staatsbankett im Weißen Haus gaben. Es ist damit auch die Geschichte vom unbeschreiblichen Schmerz des US-Präsidenten Abraham Lincoln, der seinen Sohn in der Familiengruft am Oak Hill Cemetary in Washington beisetzen ließ und den Leichnam in den Tagen nach der Trauerfeier mehrere Male besuchte, ihn aus dem Sarg nahm, um ihn verzweifelt in den Armen zu halten, wiederholt Abschied nahm und seinen Verlust beklagte. Der Junge wird als körperloses Geistwesen Zeuge dieser Besuche, er kann es nicht fassen, dass sich der Altvordere an ein lebloses Wurmwesen klammert und ihn selbst nicht wahrnimmt, das verstorbene Kind befindet sich in einem Vakuum-artigen Transit-Zustand zwischen dem Tod in der materiellen Welt und einem Weiterleben des Geistes in einer höheren Existenzform im Jenseits, in einem Übergangs-Stadium, dass in der Tradition des tibetanischen Buddhismus als „Bardo“ bezeichnet wird. Der Begriff kommt im Übrigen nur einmal im Buchtitel vor, eine explizite Auseinandersetzung mit der buddhistischen Lehre ist nicht Thema des Romans.

Wir waren geliebt worden, sage ich, und wenn die Menschen an uns dachten, lächelten sie, auch viele Jahre später noch, kurz beglückt von der Erinnerung.
(reverend everly thomas)

Und doch.
(roger bevins iii)

Und doch war noch nie jemand hergekommen, um uns so zu halten und so zärtlich zu uns zu sprechen.
(hans vollman)

Noch nie.
(roger bevins iii)

„Lincoln im Bardo“ ist trotz der zu Herzen gehenden, bewegenden Thematik ein völlig Kitsch-freies Werk, dabei auch in nicht wenigen Passagen zuvorderst humorig und grotesk, Autor Saunders gelingt dieser Spagat mithilfe seines entwaffnend einfachen, gleichsam experimentell gewagten wie genialen stilistischen Ansatzes, in dem er den Roman nicht von einem zentralen Erzähler in konventioneller Diktion vortragen lässt oder in klassischer Dialogform konzipiert.
Die knapp 450 Seiten der Prosadichtung sind ein Mosaik aus einzelnen, kurzen Textpassagen, die sich wunderbar zu einem großen Gesamtbild fügen, „Lincoln im  Bardo“ ist ein vielschichtiger, vielstimmiger Choral von Verstorbenen, die durch die Zwischenwelt geistern, sie mitunter in zahlreichen erzählten Nebensträngen in ein Tollhaus verwandeln und dort ihr Unwesen treiben. Die Ränke, der Tumult, das Beziehungsgeflecht und die Feindseligkeiten der Toten stehen denen der Lebenden in nichts nach. Die autobiografisch vorgetragenen Schlaglichter, distanzierten Kommentare zum Geschehen, Statements und Dialoge der handelnden Figuren sind mit oft nur wenigen, kurzen Sätzen denkbar knapp gehalten, selten erklingt eine einzelne Stimme über mehr als eine Seite, oft wesentlich kürzer, prägnanter, auf den Punkt gebracht. Abraham Lincoln kommt als Romanfigur einleitend selbst zu Beginn des Buches zu Wort, sein verstorbener Sohn Willie wiederholte Male verwirrt in der Reflexion und Auseinandersetzung mit seiner neuen, noch ungewohnten Daseinsform, daneben ragen vor allem drei immer wiederkehrende Stimmen als begleitende Erzähler und Kommentatoren der Ereignisse in der Gruft aus der Kakophonie der verstorbenen Mörder, Vergewaltiger, Soldaten, Fabrikanten, Sklaven, Huren und vieler anderer aus dem Panoptikum der Geister des Amerika der 1860er Jahre: Hans Vollman, über den im Roman kaum Biografisches zu erfahren ist, der homosexuelle Selbstmörder Roger Bevins III und der ehemalige Reverend Everly Thomas, der bereits den Blick in das finale Nirvana wagte, um dann die Flucht zurück in den Schwebezustand anzutreten.
Die im Bardo wandelnden Verstorbenen können die Gedanken der Lebenden hören, sich mit ihnen verschmelzen und ihr Denken beeinflussen, sie setzten sich in ihrer Totenwelt mit den Nöten und Problemen der Hinterbliebenen auseinander oder reflektieren selbst Erduldetes und Widerfahrenes von der Sklaven-Frage über Traumata aus dem Sezessionskrieg bis hin grundlegenden Überlegungen zu Religion, Sexualität, Moral und Gewalt. Viele der Toten spuken seit Jahrzehnten in der Zwischenwelt, können sich von den irdischen Dingen und den Zurückgebliebenen nicht völlig loslösen, und verweilen so in einem letztendlich unbefriedigenden und unfertigen Zustand. Sie verachten diejenigen, die den letzten Schritt ins Jenseits nicht wagen und bleiben doch selbst, getrieben von fadenscheinigen Ausflüchten und sich selbst belügend, weiter in der Transit-Sphäre verhaftet. Letztendlich treibt sie die Angst davor um, was den Sündern aufgrund ihrer begangenen Missetaten im Leben vor dem Jüngsten Gericht widerfährt. Die individuelle Seele behält bei Saunders ihren eigenen Willen auch nach dem Ableben, und verharrt so in der „Krankenkiste“, den der verstorbene Geist nicht als Sarg erkennen mag. Erst wenn die letzten Verbindungen zum Diesseits gekappt sind und die Hoffnung auf eine Wiederkehr als vergebliche erkannt wird, findet sich das Wesen in der Zwischenwelt bereit für die finale „Materienlichtblüte“.
Dem Autor ist eine profunde Auseinandersetzung mit den letzten Dinge gelungen, der Roman lässt sich als Schauder-Roman genauso lesen wie als philosophische Reflexion zum Thema Tod, Motive wie Wiedergeburt, Verdammnis, Fegefeuer und alttestamentarische Auge-um-Auge-Gerechtigkeit finden sich wie das erwähnte buddhistischen Bardo, die Vorstellung über das Prozedere beim Gang in die ewigen Jagdgründe ist bei George Saunders eine komplexe, hochspannende, mitunter verstörende. Und doch zelebriert der Roman trotz seiner umfänglichen morbiden Thematik ausgerechnet im Totenreich das Leben in seiner ganzen Komplexität von wunderschöner Pracht bis hin zu den niederträchtigsten Verwerfungen.

Wir wünschten, der Knabe würde gehen und sich so retten. Sein Vater wünschte, er wäre „an einem hellen Ort, frei von allem Leid, in einer neuen Daseinsform erstrahlend“. Ein glückliches Zusammentreffen von Wünschen.
(hans vollman)

Den historischen Kontext zur Lincoln-Ära liefern kurze Einschübe aus Zitaten von Zeitzeugen, aus US-amerikanischen Geschichtsdokumentation des 19. Jahrhunderts, aus Zeitungsmeldungen, Briefwechseln, Biografien und persönlichen Erinnerungen: Statements und Kritik zur Regentschaft und zum politischen Talent des Präsidenten Lincoln, Berichte über die Beisetzung des jungen Willie, Schilderungen zu den Gräueln des Bürgerkriegs aus Augenzeugen-, Opfer- und Täter-Sicht, Klatsch und Tratsch aus Werken wie „Hinter den Kulissen oder Dreißig Jahre als Sklavin und vier Jahre im Weißen Haus“ – ob diese tatsächlich alle in historischen Publikationen und Quellen zu finden sind oder vom Autor in seiner künstlerischen Freiheit hinzugedichtet wurden, ist für die Leserschaft schwer nachzuprüfen, letztendlich aber für die Dramatik der Erzählung und den Flow der Handlung völlig unerheblich.

George Saunders hat mit „Lincoln im Bardo“ eine faszinierende Geschichte erzählt und vor allem hinsichtlich stilistischer Umsetzung viel Mut bewiesen, er hat sich was getraut und mit diesem Ansatz viel gewonnen, das Experiment ist geglückt. Der Roman gilt seit Erscheinen als literarische Sensation, als großer Wurf und Erneuerung des Genres, die literaturwissenschaftlich gebildeten Experten in den Feuilletons überschlugen sich mit lobenden Worten. Bei Jubel-Arien seitens der Kritiker aus der Mainstream-Journaille ist mitunter Vorsicht geboten, zuviel an Durchschnittsware und Belanglosem ist da in der Vergangenheit schon hochgehypt worden als lesenswerter Stoff, der bereits nach wenigen Seiten den verdammenden Wurf in die Ecke verdiente, im Fall des Saunders-Romans mag man hingegen gerne einstimmen in den Chor der Lobpreisungen. Die letzte Seite erreicht, wüsste man für den Moment nichts Erbaulicheres als von neuem mit dem Lesen zu beginnen, zum einen wegen der fabulierten Geschichte, weit mehr noch wegen der stilistischen Brillanz dieses Romans und seines mitreißenden Erzähl-Flusses, der in der Tat auf einem Level mit der instrumentalen Wucht herausragender Postrock-Werke steht.

Das Buch eignet sich aufgrund seiner knapp gehaltenen, Tempo-reichen Stakkato-Dialoge und kurzen, Schlaglicht-haften historischen Zitate ohne Abstriche ausnehmend gut als Skript für eine Hörspiel-Fassung, bei entsprechender Umsetzung mit dazu befähigten RezitatorInnen und Auswahl der wichtigsten Kapitel ist ein Meilenstein in der Qualität der Qualtinger-Lesungen aus „Die letzten Tage der Menschheit“ vorstellbar – auch hier im Kraus-Werk große Literatur im historischen Kontext – oder ein mehrstimmiger Experimental-Kanon wie in der exzellenten 1969er BR/WDR-Co-Produktion „Unter dem Milchwald“ nach dem Spiel für Stimmen von Dylan Thomas unter der Regie von Raoul Wolfgang Schnell. Die musikalische Untermalung wäre bereits verfügbar durch die schwergewichtigen Instrumental-Passagen aus dem jüngsten, eingangs erwähnten Wrekmeister-Harmonies-Album. J. R. Robinson und Esther Shaw haben sich als Inspirations-Quelle für ihre aktuellen, dunkel-experimentellen Postrock-Tondichtungen beileibe nicht die schlechtesten literarischen Arbeiten gewählt, „Lincoln im Bardo“ unterstreicht das einmal mehr.

George Saunders wurde 1958 in Amarillo/Texas geboren. Er studierte Ingenieurwesen an der Colorado School Of Mines und graduierte 1981 mit einem Bachelor of Science in Geophysik. Seit 1997 lehrt Saunders kreatives Schreiben an der Syracuse University. In den vergangenen 20 Jahren hat er mehrere Werke mit Kurzgeschichten, einen Essayband sowie ein Kinderbuch veröffentlicht. „Lincoln im Bardo“ ist sein erster Roman, das Werk wurde 2017 mit dem Booker Prize ausgezeichnet, wie auch zahlreiche seiner weiteren Arbeiten mit renommierten Literaturpreisen geehrt wurden.

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Konzert-Vormerker: The Sonics

Die Godfathers des Grunge wollen es nochmal wissen: The Sonics, Paten des Alternative Rock, Pioniere, Urgesteine und Kult-Helden des Garagen-/Proto-Punk und des Rock’n’Roll-Trashs, schlagen im Oktober im alten Europa für eine ausgedehnte Tournee auf, auch im schönen München werden sie ihre Visitenkarte im Backstage abgeben, jeweilige Termine für die Schweiz und Deutschland guckst Du unten.

Die US-Trash-Institution aus Tacoma/Washington ist seit den frühen Sechzigern aktiv und war mit legendären Kollegen wie den Kinks oder den Byrds auf gemeinsamer Konzertreise, das halbe Jahrhundert Rock-and-Roll-Krakeelen hat sie längst auf dem Buckel und nähert sich zielstrebig der sechsten Dekade ihrer Bandgeschichte.

Die Sonics haben bereits auf ihrem Debüt-Album „!!!Here Are The Sonics!!!“ stilbildende Klassiker wie „Strychnine“, „Psycho“ und „The Witch“ veröffentlicht, die später von unzähligen Interpreten in eigenen Versionen aufgenommen oder live präsentiert wurden, ihre rohe Energie und den harten, direkten Sound ihrer Songs haben Legionen von Bands und Musiker wie die Sex Pistols, die Ramones, Nirvana, The Cramps, The-Fall-Grantler Mark E. Smith, die White Stripes oder die Fuzztones als maßgeblichen Einfluss ihrer eigenen Arbeiten benannt, selbst Pathos-Schmalzer Springsteen covert ab und an die Richard-Berry-Adaption „Have Love, Will Travel“ in seinen Shows, E-Street-Band-Gitarrero, Garagenband-Fan und Wicked-Cool-Records-Chef Steven Van Zandt wird’s wohl zu schätzen wissen…

2014 waren die Sonics als Headliner bei der US-Originalausgabe des Muddy Roots Festivals in Cookeville/Tennessee am Start, kurz darauf ist mit „This Is The Sonics“ das erste neue Album seit 35 Jahren erschienen. Der Song „Bad Betty“ ist bereits vorab als Split-Single zusammen mit einer Nummer der Seattle-Grunger von Mudhoney zum Record Store Day 2014 veröffentlicht worden.

Am 30. September wird der Dokumentar-Film „Boom“ über die Sonics beim Raindance Film Festival in London uraufgeführt: „For the first time ever, all five original members of the band tell the true story of how it all went down, beginning to end“.

Die Konzertagentur Hotellounge präsentiert die Deutschland- und Schweiz-Termine der Sonics:

THE SONICS – „This Is The Sonics“ 2018

11.10.Hamburg – Molotow
12.10.Bonn – Harmonie / WDR Rockpalast Crossroads
13.10.Aachen – Musikbunker
14.10.Frankfurt – Das Bett
16.10.Essen – Zeche Carl
17.10.München – Backstage
23.10.Zürich – Ziegel Oh Lac
25.10.Etagnières – Croc‘ The Rock Festival
27.10.Bern – Dachstock / Reitschulfest
28.10.Karlsruhe – Jubez

The Devon Allman Project, Duane Betts + Wynchester @ Backstage Club, München, 2018-08-30

Die Hitzewelle scheint überstanden, ein untrügliches Anzeichen, dass sich auch das konzertante Sommerloch langsam aber sicher schließt: Das Münchner Backstage präsentierte am vergangenen Donnerstag-Abend ein ordentlich geschnürtes Live-Paket in der Atmosphäre der von hoher Luftfeuchtigkeit und schwülen Hochsommer-Temperaturen durchtränkten Nächte des US-amerikanischen Südens wie zur Brauchtums-Pflege des Southern Rock, als Nachlassverwalter waren zwei Ausnahmemusiker der nachgeborenen Generation aus dem Umfeld der legendären Allman Brothers Band am Start.
Bevor der Südstaaten-Bluesrock in seiner ausladenden Pracht durch die Halle des gut besuchten Backstage-Clubs schallte, eröffnete das Akustik-Duo Wynchester den launigen Traditionalisten-Ball, die beiden Folk-Gitarristen Mike Bray und John Konesky tummeln sich beizeiten im Dunstkreis der fragwürdigen Comedy-Rocker Tenacious D um den bekannten Hollywood-Schauspieler Jack Black, wer stumpfes Gaudiburschen-Gepolter im Programm der beiden Songwriter vermutete, durfte dahingehend indes schnell alle Befürchtungen in den Wind schreiben, Leadsänger und Rhythmus-Gitarrist Bray gab den gut gelaunten und humorigen Conférencier, Konesky glänzte als versierter Saiten-Künstler mit etlichen gelungenen, filigranen Soli auf seiner Akustischen im kurzen Eröffnungs-Gig, in dem die beiden Sympathie-Bolzen eine Handvoll Eigen-Komponiertes wie auf schmissige Americana getrimmtes Fremdwerk aus der Feder von Steely Dan und Lionel Richie zum Besten gaben, in einer stilistischen Bandbreite von akustischem Country-Blues über beschwingten Western-Swing bis hin zu einer beseelten Trucker-Folk-Ballade. Unspektakulärer, äußerst angenehmer Kurzauftritt und sowas wie die Ruhe vor der Gewitter-artigen Stromgitarren-Entladung, die da geballt noch aufziehen sollte.

„Irgendwie hieß es, ich wäre heute gar nicht da, aber jetzt bin ich doch hier“ begrüßte Duane Betts, der Sohn von Allman-Brothers-Band-Co-Founder und Weltklasse-Gitarristen-Legende Dickey Betts, das Münchner Publikum zum Auftakt seines virtuosen, gut einstündigen Gigs, der junge Mann, dem das Gespür für die exzellente Saiten-Kunst des Southern Rock bereis in die Wiege gelegt und der nach Allman-Bruder Duane getauft wurde, der „on the road“ an der Seite seines Vaters das Rock’n’Roll-Geschäft und die Finessen auf den sechs Saiten von jungen Jahren an von der Pike auf lernte – wer wäre mehr dazu prädestiniert, den musikalischen Geist der Frühsiebziger aus den Sümpfen Floridas weiterzutragen und die Erinnerung an Elizabeth Reed wachzuhalten? Der introvertierte, in sich ruhende Musiker brillierte mit satten Gitarren-Licks, gedehnten Soli und wie scheinbar aus dem Ärmel geschüttelter technischer Brillanz an seiner Gibson, ein würdiger Nachfahr zur Fortführung der hohen Kunst in Sachen Jam-Band-Flow und Crossover aus Blues-Rock, Southern-Süffigkeit und schwarzem Fusion-Groove. Im Verbund mit einer exzellent eingespielten Backing-Band spielte sich Betts in einen Rausch, dem analog zu den Urvätern auf ihrem seinerzeit im Fillmore East mitgeschnittenen Live-Meilenstein aus dem Jahr 1971 die lebendige Improvisations-Spontanität, das versierte Zusammenspiel und die beseelte instrumentale Meisterschaft von Coltrane über Hendrix bis hin zu den Dead innewohnte. Der Nachwuchs-Gitarrengott coverte sich gekonnt durch alte Southern-Klassiker der Altvorderen und gab darüber hinaus Einblick in eine Auswahl seiner Arbeiten vom neuen Album „Sketches Of  American Music“, da war einer am Werk, bei dem die musikalische Früherziehung und die Gnade der genetischen Disposition reichhaltige Früchte trägt. Der eigentliche Star des Abends, dem im Nachgang zu seinem kurzen Gig im weiteren Verlauf der Veranstaltung beim Auftritt von Devon Allman noch weitere Gelegenheit zur Entfaltung seiner expliziten Fertigkeiten gegeben wurde.
Wie schön, dass er trotz vorab anders lautender Infos doch da war…

Als Sohn des Allman-Brothers-Organisten Gregg trägt man zweifelsohne schwer am Erbe des großen Namen, MusikerInnen wie Rosanne Cash, Jakob Dylan oder Julian Lennon als Nachwuchs von Ausnahmekünstlern können gewiss alle ein Lied singen von den Schwierigkeiten, aus dem Schatten der weltberühmten Väter zu treten, wenn im Fall von Devon Allman die nicht zu überhörenden, selbst benannten prägenden Einflüsse vom Layla-Geleier des Bluesrock-Derivats Clapton (bei dessen Einspielung auch Onkel Duane 1970 maßgeblich beteiligt war) und das Latin-Gefrickel eines Carlos Santana hinzukommen, kann es ab und an etwas eng werden mit der eigenständigen Emanzipation im Musikbusiness, das extrovertierte Grimassen-Schneiden beim Herausjaulen der Gitarren-Soli im Stile Stevie Ray Vaughans machen die Nummer dahingehend nicht einfacher, wie auch nicht das wiederholte, in Richtung Mainstream/Stadion-Rock schielende, mitunter enervierende „Clap Your Hands“-Anheizen, und dennoch hatte der Auftritt des Gregg-Filius und seines Projects, dass sich nahezu personell identisch aus der Band vom vorangegangenen Betts-Gig rekrutierte, genügend erhebende Momente, um einen gelungenen Konzertabend abzurunden. Als hart rockender Fender-Gitarrist überzeugte Devon Allman ohne Abstriche, wie auch mit einem gesegneten, im schwarzen Soul verhafteten Sangesvortrag. Die sporadisch mit Duane Betts korrespondierenden Gitarren-Soli sprühten vor improvisatorischen Ideen, bei der Auswahl und Interpretation US-amerikanischer Songklassiker nebst eingestreutem Eigenmaterial bewies das Ensemble eine sichere Hand. Da war zum einen der wie ein Dr-John-Wiedergänger daherkommende Keyboarder Nicholas David mit seiner Einlage, in der er mit der Withers-Nummer „Lean On Me“ als schwergewichtiger Soul-Crooner zu überzeugen wusste, im Mittelteil glänzte die gesamte Band mit einer wunderschönen, lockeren Version des Country-Rock-Songs „Friend Of The Devil“ vom Folk-Klassiker „American Beauty“ der Grateful Dead, und allerspätestens beim Grande Finale, in dem die Formation die ellenlange Fassung des Allman-Brothers-Sahnestücks „Dreams“ vom 1969er-Band-Debüt als großes Southern-Rock-Hochamt präsentierte, gab es hinsichtlich Begeisterungsstürmen im Publikum kein Halten mehr, die Gitarristen gaben sich die Klinke in die Hand bei den ausladenden Soli, die Rhythmusabteilung arbeitete intensiv inklusive doppelter Drum-Besetzung, und das süffige Georgel sorgte für das entsprechende Swampland-Feeling – das Auditorium, das an dem Abend sicher mit keinen großen Innovationen hinsichtlich Weiterentwicklung der traditionellen Rockmusik rechnete, bekam das Erwartete reichhaltig erfüllt. Die 2014 endgültig in die Annalen eingegangene Allman Brothers Band hat nach wie vor in Interpreten und/oder ex-Musikern wie Warren Haynes und seiner Formation Gov’t Mule, dem Gitarristen-Wunderkind Derek Trucks und – wie am Donnerstag Abend eindrucksvoll unter Beweis gestellt – im eigenen Familien-Nachwuchs mit den beiden Gitarristen Devon Allman und Duane Betts eine ganze Handvoll würdiger Gralshüter im Rennen.