Van Der Graaf Generator

Soundtrack des Tages (202): Van Der Graaf Generator

Die englischen Progressive-Großmeister Van Der Graaf Generator mit einer herausragenden Live-Version ihrer Glanztat „Man-Erg“ vom vierten Album „Pawn Hearts“ aus dem Jahr 1971. In der Heimat UK floppte die Scheibe aus der Hochzeit der Band seinerzeit unverdientermaßen bei Publikum und Teilen der Fachpresse, südlich der Alpen zeigten sich die Musik-Kenner weit mehr geschmackssicher, „Pawn Hearts“ enterte für sage und schreibe zwölf Wochen bis hin zu Platz 1 die italienischen Album-Charts, auch die Single-Auskopplung der von Beatles-Produzent George Martin komponierten Instrumental-Nummer „Theme One“ schaffte im Land der blühenden Zitronen den Sprung an die Spitze der Hitparade.
Kann man nur respektvoll den Hut vor den Tifosi ziehen. Oder in sarkastischer Boshaftigkeit vermuten, dass die Italiener in den Siebzigern nach wie vor anfällig für den Faschisten-Gruß waren, den sich die Bandmitglieder auf dem Foto der Innenseite des LP-Klapp-Covers in seltsam übertriebener Verrenkung gegenseitig entbieten. VDGG-Organist Hugh Banton merkte hierzu später an, die Band wollte damit einfach nur durchgeknallt-irrwitzig im Monty-Python-Stil rüberkommen – die Briten und ihre spezielle Auffassung von Humor halt…

Van Der Graaf Generator – „Man-Erg (Live)“ → youtube-Link

Reingehört (392): Peter Hammill

Peter Hammill – From The Trees (2017, Fie! Records / Rough Trade)

Von den altgedienten Helden ist dieser Tage nicht mehr allzu viel Erbauliches zu erwarten, Leonard Cohen ist tot, bei Old Neil Young ist – falls überhaupt – nur noch alle heiligen Zeiten zwischen Dahindümpeln im Mittelmaß mit Erwähnenswertem zu rechnen, über Figuren, die aufgrund ihres belanglosen Outputs in den vergangenen Jahren längst der Zwangs-Verrentung zugeführt werden sollten, mag man sich sowieso nicht mehr weiter auslassen, der letztjährige Literaturnobelpreisträger-Witz etwa oder der irische Ungustl Van The Boring Man drängen sich dahingehend einmal mehr als abschreckende Beispiele auf, da kommt ein neues Solo-Werk vom Van-Der-Graaf-Gründer Peter Hammill als Gegenwurf zu dieser Einschätzung gerade recht.
Der charismatische Engländer transferiert auf seinem 35. Solo-Album die hohe Kunst des komplexen Progressive Rock seiner Stammformation Van Der Graaf Generator in Richtung entschleunigter wie klar strukturierter Balladen-Vortrag, in reduzierten Arrangements, die weitestgehend von karger Akustikgitarre und ergreifenden Piano/Keyboard-Passagen dominiert werden, dezent erweitert um mehrstimmige Gesangsunterstützung aus dem Off, zurückgenommene Basslinien und filigrane, unterschwellige, als Hauchen im Hintergrund vernehmbare Streicher-Beigaben, ein auf das Wesentliche heruntergebrochenes Konzept, dass angenehm an Hammills sporadische Solo-Konzerte seit den Achtzigern erinnert.
Die Zeit ist auch am Meister nicht spurlos vorübergegangen, nächstes Jahr feiert er sein siebzigstes Wiegenfest, an der Stimme ist das am deutlichsten auszumachen, Hammill beherrscht zwar nach wie vor eine eindringliche Bandbreite zwischen vehementem Fordern und jammerndem Sermon, die einhergehenden Extreme, die er in vergangenen Zeiten präsentierte zwischen schneidender Schärfe des Inquisitors und verzweifelter Klage des gefolterten Opfers sind indes abgeschliffen und in dieser radikalen Ausprägung nicht mehr zu vernehmen.
Weitaus weniger Ausloten der Möglichkeiten und Forschen an neuen Ufern, wie man es aus der Sturm-und-Drang-Zeit des Progressive-Pioniers kennt, als vielmehr Bestandsaufnahme, Innehalten, Justieren für die Zielgerade, Hammill selber merkt hierzu an: „In the third act of life it’s time to look with a clear eye at where one’s been, at where one’s going“. Auch in der angedeuteten Altersmilde bliebt Peter Hammill einer, der nach wie vor, auch musikalisch, Gewichtiges zu vermelden hat, wie eingangs erwähnt lässt sich das nicht über jeden aus seiner Alterskohorte anmerken, und über viele wesentlich jüngere Musikanten auch nicht…
(*****)

Reingehört (226): Van der Graaf Generator, Bob Weir, Marianne Faithfull, Van Morrison

Abendrot im Hinterhof @ KAP37 München 2015-05-13

Van Der Graaf Generator – Do Not Disturb (2016, Esoteric Antenna)
Dreizehntes Studio-Album der nordenglischen Progressive-Institution, eingespielt in der verbleibenden Trio-Besetzung Hammill / Evans / Banton, nach Andeutungen von Gründungsmitglied, Songschreiber und Mastermind Peter Hammill könnte es das letzte Werk in der jahrzehntelangen Historie der Band sein.
Schwergewichtige, intensive Experimental-/Prog-Rock-Dramen, verspielt-virtuose Tempi-Wechsel, ambitionierte, Jazz-Rock-artige Improvisationen in einem stetigen Flow und nachdenkliche, Balladen-hafte Melancholie zum Ausklang, es ist alles enthalten, was eine gute und spannende VdGG-Platte seit jeher auszeichnet.
Hammills Stimme klingt bestimmt, erhaben, abgeklärt-wissend, für seine Verhältnisse jedoch geradezu altersmilde, die gewohnte, schneidende Schärfe des Anklägers bleibt weitestgehend außen vor.
In den Songtexten wird das Album beherrscht von Reflexionen über die Endgültigkeit, das Alter und das Vergehen der Zeit, in “Alfa Berlina” erinnert die Band an ihren frühen Erfolg in Italien, wo das 1971er-Album „Pawn Hearts“ (Charisma) seinerzeit tatsächlich die Album-Charts anführte.
Eine der letzten Bastionen des altgedienten Progressive Rock englischer Prägung und neben King Crimson die einzige auf Dauer gewichtige Band des Genres, nachdem Pink Floyd in der Post-Barrett-Phase zunehmend in Richtung Mainstream-Geldtöpfe schielten und viele andere Vertreter den Genannten ohnehin seltenst das Wasser reichen konnten.
Hammill und Co gelingt, was vielen Altersgenossen meist – wohl aufgrund der eigenen Hybris oder den pekuniären Verlockungen – verwehrt bleibt: Ein gewichtiges Spätwerk, und, sollte es tatsächlich der letzte Longplayer der Band sein, ein Abgang in Würde.
“More or less, all for the best, in the end it’s all behind you.”
(**** 1/2 – *****)

Bob Weir – Blue Mountain (2016, Legacy / Columbia)
Bei den Soloalben, in Sachen Nebenprojekte und hinsichtlich Songwriting war Grateful-Dead-Kumpel Jerry Garcia quantitativ und qualitativ mindestens immer eine Bartlänge voraus, das Solodebüt von Bob Weir war bis dato die rühmliche Ausnahme, auf „Ace“ (1972, Warner) finden sich etliche Klassiker wie „Looks Like Rain“, „Greatest Story Ever Told“ oder „One More Saturday Night“, die umgehend und verdientermaßen Eingang in das Dead-Live-Repertoire fanden, ansonsten war nicht viel los mit dem solistischen Output des Rhythmus-Gitarristen aus San Francisco, das Nachfolge-Album „Heaven Help The Fool“ (1978, Arista) oder seine Arbeiten mit der Combo Kingfish boten wenig Anlass zur Freude, das erste Album seines 80er-Jahre-Seiten-Projekts Bobby And The Midnites mag da noch am ehesten positive Erwähnung verdienen.
Umso mehr überrascht Weir mit seinem tatsächlich erst dritten Soloalbum unter eigenem Namen in seiner über fünfzigjährigen Karriere, unter Mithilfe von Dylan-Vorbild Ramblin‘ Jack Elliott, dem Songwriter Josh Ritter und der The National-Brüder Bryce und Aaron Dessner, mit denen er bereits auf dem Dead-Tribute-Sampler „Day Of The Dead“ zusammenarbeitete, spielte er mit „Blue Mountain“ ein entspanntes, homogenes Spätwerk ein, die zwölf neuen Arbeiten bieten relaxten Folk-Rock, getragene, nachdenkliche Balladen und dunklen Country-Blues, aus einem Guss, eine ureigene Atmosphäre erzeugend, den Geist des uralten Amerika atmend, ohne die ganz großen Aufreger, aber auch ohne Durchhänger. Willkommene Abwechslung zum Grateful-Dead-Live-Archiv-Veröffentlichungs-Marathon.
(****)

Marianne Faithfull – No Exit (2016, Ear Music)
2014 hat Lady Marianne zur Krönung ihrer fünfzigjährigen Bühnenkarriere mit „Give My Love To London“ eines ihrer schönsten Alben eingespielt, ausgewählte Arbeiten des Meisterwerks bilden den Kern der Live-Aufnahmen von der seinerzeit anstehenden Promotions-Konzertreise. Mit dieser von der Tragik des Lebens, von Krankheit und Sucht und unzähligen Zigaretten geprägten, charakteristisch-brüchigen, verwüsteten Stimme und unter der Ägide von Bandleader Rob Ellis zelebriert Marianne Faithfull ausgewählte Preziosen wie die schwermütige Nick-Cave-Ballade „Late Victorian Holocaust“, eine auch im Live-Vortrag packende Version von „Falling Back“, dem lakonisch vorgetragenen Everly-Brothers-Klassiker „The Price Of Love“ und der Roger-Waters-Komposition „Sparrows Will Sing“ nebst Karriere-Highlights wie ihrer unverwüstlichen Debüt-Single „As Tears Go By“, dem bedrohlichen Drogen-Abgesang „Sister Morphine“ oder ihren Endsiebziger-Jahre-Hit „The Ballad Of Lucy Jordan“, der in seiner grundsätzlichen eleganten Dramatik vermutlich selbst in der Interpretation der unfähigsten Bierzelt-Kapelle nicht totzukriegen wäre.
(**** – **** ½)

Van Morrison – Keep Me Singing (2016, Caroline)
Zumindest im Titelstück und in seiner Interpretation des Blues-Standards „Share Your Love With Me“ blitzt der alte Glanz auf, daneben bietet Van The Man auf seinem neuesten Output ein paar wenige, zusätzliche passable Stücke, die sich zwischen dem üblichen, perfekt produzierten und orchestrierten Bar-Soul-Gejazze tummeln, das in seiner Belanglosigkeit charakteristisch ist für den weitaus größten Teil der VM-Aufnahmen der letzten zwanzig Jahre. Hand auf’s Herz: kein Mensch braucht eine weitere durchschnittliche Morrison-Produktion, wenn man auf Meisterwerke wie „Astral Weeks“, „Moondance“ oder „Beautiful Vision“ zurückgreifen kann.
(***)