Van Morrison

Soul Family Tree (32): Legion Of Mary

„After a quick dash to Vancouver with Hal Kant to resolve a pot bust from earlier that year, Garcia found himself back on-stage just five days after the „last show“, this time with Merl Saunders, John Kahn, Martin Fierro, and Paul Humphrey. As the rest of the Dead gladly embraced some downtime, Garcia & Saunders, later called Legion of Mary, would work steadily throughout the hiatus.“
(Dennis McNally, A Long Strange Trip. The Inside History of the Grateful Dead, 41, The Hiatus, 10/21/74 – 6/76)

Die kalifornische Cosmic-American-Music- und Jam-Band-Institution Grateful Dead legte nach einem San-Francisco-Konzert am 20. Oktober 1974 eine längere Tour-Pause ein, von März 1975 bis Juni 1976 sollte die Band sporadisch nur bei vier einzelnen Gigs in The City By The Bay auftreten, Mastermind Jerry Garcia konzentrierte sich in dieser Zeit verstärkt auf seine Zusammenarbeit mit dem afroamerikanischen Keyboarder Merl Saunders, mit dem er bereits bei dessen Mitwirken an diversen Dead- und Garcia-Solo-Alben und bei seinem eigenen Engagement als Gitarrist beim Saunders-Solo-Debüt „Heavy Turbulence“ zugange war und mit dem er seit 1970 regelmäßig vornehmlich an der US-Westcoast neben seinem Dead-Hauptjob zahlreiche Konzerte bespielte, die gemeinsamen Auftritte sind auf den „Live At Keystone“-Alben, der darauf basierenden 4-CD-Box „Keystone Companions: The Complete 1973 Fantasy Recordings“ und den Ausgaben Numero Sechs und Neun der „Garcia Live“-Serie auf Tonträger für die Nachwelt erhalten. In dieser Kollaboration wird der gemeinsame, ausgeprägte Hang der beiden Musiker zu Rhythm & Blues, Jazz, Reggae und Soul deutlich, auf „Keystone Encores“ findet sich exemplarisch eine lange Version des Smokey-Robinson-Hits „I Second That Emotion“, den die Soul-Legende 1967 für Tamla/Motown einspielte und der zwei Jahre später für das selbe Label erneut zum Erfolgstreffer wurde bei der Zusammenarbeit von Diana Ross und ihren Supremes mit den Temptations:

„Jerry was like Ray Charles, man. He could play any style, and anything he touched had soul. He became so fluid in different styles that he could just sail through anything. I never liked labeling music, but after a while I really felt whatever he played became Jerry´s music.“
(Martin Fierro)

Zusammen mit dem Jahrzehnte-langen Garcia-Begleiter und Blues-Studio-Musiker John Kahn am Bass (der Münchner Musik-Journalist Karl Bruckmaier hat Kahn in seinem sehr lesenswerten Buch „Soundcheck“ ganz stumpf als „Session-Hengst“ bezeichnet ;-))), mit Elvis-Presley-Trommler Ron Tutt und dem mexikanischen Saxophonisten und Flötisten Martin Fierro formierten Merl Saunders und Jerry Garcia Ende 1974 die Band Legion Of Mary, benannt nach einer in den zwanziger Jahren in Irland gegründeten katholischen Laien-Organisation, das Quintett spielte bis Sommer 1975 über sechzig Shows und konzentrierte sich stilistisch neben sporadischem Covern von Dylan- und The-Band-Titeln vor allem auf ausgedehnte Jazzrock-Improvisationen und Black-Music-Interpretationen aus dem Bereich R&B, Chicago Blues, Sixties Soul und Reggae – hier eine Version des Quintetts von „I’ll Take A Melody“, einer Nummer des einflussreichen New-Orleans-R&B-Musikers Allen Toussaint:

„The Deadheads hated me. They really didn´t want to hear horns with the Grateful Dead. There was a lot of animosity, I heard a lot of negative comments. It´s a good thing the Internet wasn´t around back then!“
(Martin Fierro)

Von Legion Of Mary gibt es eine Handvoll exzellente Live-Mitschnitte: Die 2005 veröffentlichte Sammlung „Legion of Mary: The Jerry Garcia Collection, Vol. 1“ enthält diverse Konzert-Aufnahmen der Band von Auftritten in den Jahren 1974 und 1975 in Kalifornien und Oregon.
Die 2013 erschienene „Volume Three“ aus der „Garcia Live“-Serie präsentiert Konzert-Material vom Dezember 1974, aufgezeichnet bei zwei Konzerten in Eugene und Portland im US-Bundesstaat Oregon, das 3-Stunden-Album eröffnet mit einer 18-minütigen Version der Stevie-Wonder-Nummer „Boogie On Reggae Woman“:

„Keystone Berkeley, September 1, 1974“ aus der „Pure Jerry“-Serie firmiert noch nicht unter Legion Of Mary, der Bandname wurde erst ab Dezember 1974 nach dem Abgang des Jazz-Drummers Paul Humphrey und dem Einstieg von Ron Tutt verwendet. Das Album wartet unter anderem mit zwei Songs aus der Feder des jamaikanischen Reggae-Stars Jimmy Cliff auf, „Sitting In Limbo“ und einer Interpretation des wohl größten Cliff-Hits, „The Harder They Come“:

Bei archive.org gibt es Teile des Legion-Of-Mary-Konzerts vom 4. April 1975 im Whitman Auditorium des Brooklyn College/New York, in anständiger Tonqualität als Stream und kostenlosen, legalen Download.

Legion Of Mary lösten sich im Sommer 1975 auf, Saunders, Tutt und Kahn waren in späteren Jahren weiterhin an Garcia-Soloalben wie „Cats Under The Sun“ und „Run For The Roses“ beteiligt, John Kahn und anfangs auch Ron Tutt blieben feste Mitglieder des Live-Line-Ups der über 20 Jahre aktiven Jerry Garcia Band, Kahn gründete 1978 zusammen mit unter anderem Saunders und Garcia das kurzlebige Jazzrock-Sextett Reconstruction – hier eine von wuchtigen Bläsersätzen durchwehte Interpretation des Beatles-Klassiker „Dear Prudence“ der bereits 1979 wieder aufgelösten Band:

Den Rausschmeißer liefert heute die Jerry Garcia Band mit einer Version von „And It Stoned Me“ vom 1970er-Van-Morrison-Meisterwerk „Moondance“, der Belfast Cowboy hat zu seiner wunderbaren R&B-Ballade angemerkt, sie erinnert „how it was when you were a kid and just got stoned from nature and you didn’t need anything else“ – die Van-The-Man-Originalversion wie die Garcia-Bearbeitung haben die gleiche Wirkung in ihrer berückend-schönen Zeitlosigkeit:

Gehabt Euch wohl, Soul-Brothers and -Sisters, in 14 Tagen sitzt wieder Stefan vom Hamburger Freiraum-Blog am Mischpult.

Soul Family Tree (26): The Soul Of Elvis C.

Die Frage, für was der „man of many talents“ Elvis Costello heutzutage zuforderst bekannt ist, lässt sich wahrscheinlich bei dem weiten musikalischen Spektrum, dass der Londoner mit irischen Wurzeln in seiner jahrzehntelangen Künstler-Karriere beackerte, nicht so ohne weiteres beantworten.
Hits aus der britischen New-Wave-/Punk-Ära der späten Siebziger wie „Oliver’s Army“, „Alison“ oder die Nick-Lowe-Nummer „(What’s So Funny `Bout) Peace, Love, And Understanding“ stehen zu Buche, seine ersten drei Alben finden sich in der Rolling-Stone-Liste „500 Greatest Albums Of All Time“, viele seiner späteren Alternative-, Roots-Rock-, Americana- und Country-Arbeiten waren nicht minder ansprechend; Kollaborationen mit Größen wie Burt Bacharach, Roy Orbison, Allen Toussaint, Bill Frisell oder der schwedischen Klassik-Interpretin Anne Sofie Von Otter unterstreichen, dass Costello mit vielen KollegInnen kann und dementsprechend in vielen Genres unterwegs ist – hier im Rahmen der Black-Music-Reihe eine Auswahl seiner Interpretationen und Kompositionen aus dem Bereich des Soul und Jazz:

1983 engagierte Elvis Costello zu den Aufnahemsessions für sein Stück „Shipbuilding“ den von ihm hochverehrten Bebop-Trompeter Chet Baker, eine der großen tragischen Figuren des amerikanischen Jazz mit ausgedehnter Drogen- und Gefängnis-Vita inklusive etlichen Karriere-Tiefpunkten und bis heute ungeklärtem Unfall-Tod Ende der Achtziger. Jahre später covert Baker den Titel „Almost Blue“, im Original auf dem hochgelobten Costello-Album „Imperial Bedroom“ (1982) zu finden, und nicht wie oft irrtümlich vermutet auf dem Vorgängerwerk „Almost Blue“ von 1981, einer Sammlung von Country-Coverversionen.

„Ich hatte ihm bei der „Shipbuilding“-Session eine Kopie des Songs gegeben, aber keine Ahnung gehabt, ob er sie je angehört oder gar in sein Repertoire aufgenommen hatte. Chets Version stellte kein einfaches Hörvergnügen dar, doch die Filmbilder dazu waren weitaus schmerzvoller: Beim Filmfestival in Cannes kämpft er in einer Bar voller Schmarotzer um Aufmerksamkeit. Die Anstrengung, die Konzentration und der jahrelange Drogenkonsum stehen ihm ins Gesicht geschrieben.“
(Elvis Costello, Unfaithful Music. Mein Leben, 25, It’s A Wonderful Life)

Chet Baker mit „Almost Blue“, in der langen Studio-Version und in einer zweiten, erschütternden, kurzen Live-Fassung, die der Beschreibung aus Costellos Autobiografie sehr nahe kommt:

Auch die kanadische Jazz-Interpretin Diana Krall, Costellos dritte und derzeit aktuelle Ehegattin, hat 2004 eine Version von „Almost Blue“ eingespielt, die Tantiemen bleiben somit in der Familie:

1986 tritt Chet Baker zusammen mit Elvis Costello und dem spontan hinzugekommenen Van Morrison, den Costello zufällig auf dem Weg zum Gig trifft, im berühmten „Ronnie Scott’s Jazz Club“ im Londoner Stadtteil Soho auf, von den Sessions mit Jazz-Standards gibt es Filmaufnahmen zu einer ausführlichen Dokumentation, hier die Interpretation der Great-American-Songbook-Nummer „You Don’t Know What Love Is“ aus der Feder der Songwriter Don Raye und Gene de Paul, die sie für die 1941er-Kino-Komödie „Keep ‚Em Flying“ komponiert haben, einem Film mit dem zu jener Zeit berühmten US-Komikerduo Abbott and Costello (!!!):

2002 hat Sixties-Soul-Legende Solomon Burke bei Fat Possum ein völlig zu Recht mit herausragenden Kritiken bedachtes, Grammy-bepreistes, von Joe Henry produziertes Comeback-Album ausschließlich mit Fremdkompositionen eingespielt, neben Werken von Größen wie Van Morrison, Tom Waits und dem aktuellen Literaturnobelpreisträger findet sich auch der Titel „The Judgement“ aus der Feder von Elvis Costello und seiner damaligen Frau, der ehemaligen Pogues-Bassistin Cait O’Riordan:

Einige Jahre Jahre später nimmt Costello wie eingangs erwähnt mit New-Orleans-R&B-Legende Allen Toussaint das Album „The River In Reverse“ auf, die Kooperation wird 2006 in der Kategorie „Best Pop Vocal Album“ für den Grammy nominiert. Allen Toussaint galt als „one of popular music´s great backroom figures“, viele seiner Titel wurden durch anderen Interpreten bekannt, „Working In A Cole Mine“ etwa von Lee Dorsey oder „Southern Nights“ von Glen Campbell. Er hat unzählige Alben von Künstlern aus dem Jazz-, Blues- und Soul-Bereich produziert und unter anderem für das großartige The-Band-Live-Album „Rock Of Ages“ die Bläsersätze arrangiert. 2013 hat er von Präsident Obama die National Medal Of Arts erhalten. 2015 ist Allen Toussaint im Rahmen einer Tournee in Madrid im Alter von 77 Jahren gestorben. Hier seine Komposition „Who’s Gonna Help Brother Get Further?“ mit einem größtenteils zum Background-Sänger degradierten und somit kaum nöhlenden Elvis Costello:

Den Rausschmeißer gibt Meister Declan Patrick MacManus aka Elvis Costello selber mit einer Interpretation der R&B/Soul-Nummer „From Head To Toe“ von Tamla-Motown-Star Smokey Robinson aus seiner Zeit mit den Miracles in den Sechzigern und dem Rodgers/Hart-Klassiker „My Funny Valentine“, den er bereits 1979 als B-Seite für seine Single „Oliver’s Army“ einspielte und der sich auch in der Version des Gerry Mulligan Quartet aus dem Jahr 1952 mit einem herausragenden Trompetensolo von Chet Baker großer Beliebtheit erfreut, so schließt sich der Kreis.

Soul Family Tree (4): Sister Rosetta Tharpe, Big Mama Thornton, Pee Wee Ellis

Praise The Lord !

Black Friday, heute mal von mir selber zusammengestellt, mit den legendären Ladies Big Mama Thornton und Sister Rosetta Tharpe plus einer schönen Jazz-Nummer von Pee Wee Ellis, dem begnadeten James-Brown- und Van-The-Man-Kollaborateur, nächste Soul-Family-Tree-Ausgabe dann wieder von Stefan vom Freiraum-Blog – get up now:

Stark hinsichtlich Stimme, Körperumfang, Persönlichkeit: Willie Mae Thornton, die aufgrund ihrer ausgeprägten Attribute von Frank Schiffman, dem Manager des im New Yorker Stadtteil Harlem beheimateten Apollo Theater den Spitznamen Big Mama verpasst bekam, war eine der prägendsten Blues-Frauen der fünfziger und sechziger Jahre hinsichtlich Songwriting, voluminösem Gesang und Bluesharp-Spiel. Die von ihr erstmals aufgenommene Leiber/Stoller-Komposition „Hound Dog“ hielt sich 1953 sieben Wochen auf Platz eins der Billboard-R&B-Charts, ein Erfolg, der drei Jahre später von Elvis Presley mit fünf Millionen verkaufter Singles seiner Interpretation in den Schatten gestellt wurde.
Der 1961 von ihr geschriebene und 1968 veröffentlichte Song „Ball And Chain“ gelangte im selben Jahr in der Janis-Joplin-Version als einzige Live-Aufnahme des Big-Brother-And-The-Holding-Company-Albums „Cheap Thrills“ (Columbia) zu größerer Popularität.
1966 nahm Big Mama Thornton zusammen mit der Band von Muddy Waters (inklusive dem Meister selbst an der Gitarre) ein Album für das kalifornische Independent-Label Arhoolie Records auf, daraus der Song „Everything Gonna Be Alright“.
Big Mama Thornton ist 1984 in Los Angeles an den Folgen ihrer jahrelangen Alkoholabhängigkeit gestorben. Sie wurde 57 Jahre alt.

The original Soul Sister, the Godmother of Rock ’n‘ Roll: Sister Rosetta Tharpe (1915 – 1973) war mit ihren rhythmischen Gospel-Interpretationen eine der maßgeblichen Wegbereiterinnen der von Ignoranten so bezeichneten „Krachmusik“, hochverehrt von Elvis Presley, Chuck Berry und Johnny Cash, prägte sie mit Hits wie „Strange Things Happening Every Day“ oder „Rock Me“ spätere Musiker-Generationen.
In den Sixties teilte sie sich mit Blues-Größen wie Muddy Waters, Reverend Gary Davis oder Otis Spann die Bühne, bereits Ende der Dreißiger Jahre hat sie Material für Decca Records aufgenommen, eines ihrer bekanntesten Stücke ist der Hit „Down By The Riverside“, 1948 von Sister Rosetta aufgenommen, wurde das Werk in späteren Jahrzehnten unzählige Male gecovert, 2004 ist ihre Version in die National Recording Registry der U.S. Library of Congress aufgenommen worden – „it captures her spirited guitar playing and unique vocal style, demonstrating clearly her influence on early rhythm-and-blues performers“.

„One of the best musicians… one of the best, if not the best saxophone player. A real gentleman. A great talent. I enjoy working with him.“
(James Brown)

Der wunderbare, 1941 in Florida geborene Alfred „Pee Wee“ Ellis ist in erster Linie als kongenialer Sideman von James Brown und Van Morrison bekannt. Der Saxophonist ist auf vielen wichtigen Arbeiten des Godfather Of Soul zu hören und hat zusammen mit Brown dessen Billboard-R&B-Nummer-1-Singles „Say It Loud – I’m Black and I’m Proud“ und „Cold Sweat“ komponiert.
Ab Ende der 70er-Jahre war er als Musiker und Bläsersätze-Arrangeur an zahlreichen Van-Morrison-Produktionen beteiligt, unter anderem an herausragenden Alben des Belfast Cowboy wie „Into The Music“ (1979), „Common One“ (1980), dem Van-The-Man-Meilenstein „Beautiful Vision“ (1982, alle: Mercury) und dem bis dato letzten guten Longplayer des irischen Eigenbrötlers, „The Healing Game“ (Polydor) aus dem Jahr 1999.
Auf Solo-Pfaden ist Pee Wee Ellis hauptsächlich im Jazz unterwegs, hier eine Live-Aufnahme seiner Komposition „Blue Bell Pepper“:

Gonna study war no more.

Reingehört (226): Van der Graaf Generator, Bob Weir, Marianne Faithfull, Van Morrison

Abendrot im Hinterhof @ KAP37 München 2015-05-13

Van Der Graaf Generator – Do Not Disturb (2016, Esoteric Antenna)
Dreizehntes Studio-Album der nordenglischen Progressive-Institution, eingespielt in der verbleibenden Trio-Besetzung Hammill / Evans / Banton, nach Andeutungen von Gründungsmitglied, Songschreiber und Mastermind Peter Hammill könnte es das letzte Werk in der jahrzehntelangen Historie der Band sein.
Schwergewichtige, intensive Experimental-/Prog-Rock-Dramen, verspielt-virtuose Tempi-Wechsel, ambitionierte, Jazz-Rock-artige Improvisationen in einem stetigen Flow und nachdenkliche, Balladen-hafte Melancholie zum Ausklang, es ist alles enthalten, was eine gute und spannende VdGG-Platte seit jeher auszeichnet.
Hammills Stimme klingt bestimmt, erhaben, abgeklärt-wissend, für seine Verhältnisse jedoch geradezu altersmilde, die gewohnte, schneidende Schärfe des Anklägers bleibt weitestgehend außen vor.
In den Songtexten wird das Album beherrscht von Reflexionen über die Endgültigkeit, das Alter und das Vergehen der Zeit, in “Alfa Berlina” erinnert die Band an ihren frühen Erfolg in Italien, wo das 1971er-Album „Pawn Hearts“ (Charisma) seinerzeit tatsächlich die Album-Charts anführte.
Eine der letzten Bastionen des altgedienten Progressive Rock englischer Prägung und neben King Crimson die einzige auf Dauer gewichtige Band des Genres, nachdem Pink Floyd in der Post-Barrett-Phase zunehmend in Richtung Mainstream-Geldtöpfe schielten und viele andere Vertreter den Genannten ohnehin seltenst das Wasser reichen konnten.
Hammill und Co gelingt, was vielen Altersgenossen meist – wohl aufgrund der eigenen Hybris oder den pekuniären Verlockungen – verwehrt bleibt: Ein gewichtiges Spätwerk, und, sollte es tatsächlich der letzte Longplayer der Band sein, ein Abgang in Würde.
“More or less, all for the best, in the end it’s all behind you.”
(**** 1/2 – *****)

Bob Weir – Blue Mountain (2016, Legacy / Columbia)
Bei den Soloalben, in Sachen Nebenprojekte und hinsichtlich Songwriting war Grateful-Dead-Kumpel Jerry Garcia quantitativ und qualitativ mindestens immer eine Bartlänge voraus, das Solodebüt von Bob Weir war bis dato die rühmliche Ausnahme, auf „Ace“ (1972, Warner) finden sich etliche Klassiker wie „Looks Like Rain“, „Greatest Story Ever Told“ oder „One More Saturday Night“, die umgehend und verdientermaßen Eingang in das Dead-Live-Repertoire fanden, ansonsten war nicht viel los mit dem solistischen Output des Rhythmus-Gitarristen aus San Francisco, das Nachfolge-Album „Heaven Help The Fool“ (1978, Arista) oder seine Arbeiten mit der Combo Kingfish boten wenig Anlass zur Freude, das erste Album seines 80er-Jahre-Seiten-Projekts Bobby And The Midnites mag da noch am ehesten positive Erwähnung verdienen.
Umso mehr überrascht Weir mit seinem tatsächlich erst dritten Soloalbum unter eigenem Namen in seiner über fünfzigjährigen Karriere, unter Mithilfe von Dylan-Vorbild Ramblin‘ Jack Elliott, dem Songwriter Josh Ritter und der The National-Brüder Bryce und Aaron Dessner, mit denen er bereits auf dem Dead-Tribute-Sampler „Day Of The Dead“ zusammenarbeitete, spielte er mit „Blue Mountain“ ein entspanntes, homogenes Spätwerk ein, die zwölf neuen Arbeiten bieten relaxten Folk-Rock, getragene, nachdenkliche Balladen und dunklen Country-Blues, aus einem Guss, eine ureigene Atmosphäre erzeugend, den Geist des uralten Amerika atmend, ohne die ganz großen Aufreger, aber auch ohne Durchhänger. Willkommene Abwechslung zum Grateful-Dead-Live-Archiv-Veröffentlichungs-Marathon.
(****)

Marianne Faithfull – No Exit (2016, Ear Music)
2014 hat Lady Marianne zur Krönung ihrer fünfzigjährigen Bühnenkarriere mit „Give My Love To London“ eines ihrer schönsten Alben eingespielt, ausgewählte Arbeiten des Meisterwerks bilden den Kern der Live-Aufnahmen von der seinerzeit anstehenden Promotions-Konzertreise. Mit dieser von der Tragik des Lebens, von Krankheit und Sucht und unzähligen Zigaretten geprägten, charakteristisch-brüchigen, verwüsteten Stimme und unter der Ägide von Bandleader Rob Ellis zelebriert Marianne Faithfull ausgewählte Preziosen wie die schwermütige Nick-Cave-Ballade „Late Victorian Holocaust“, eine auch im Live-Vortrag packende Version von „Falling Back“, dem lakonisch vorgetragenen Everly-Brothers-Klassiker „The Price Of Love“ und der Roger-Waters-Komposition „Sparrows Will Sing“ nebst Karriere-Highlights wie ihrer unverwüstlichen Debüt-Single „As Tears Go By“, dem bedrohlichen Drogen-Abgesang „Sister Morphine“ oder ihren Endsiebziger-Jahre-Hit „The Ballad Of Lucy Jordan“, der in seiner grundsätzlichen eleganten Dramatik vermutlich selbst in der Interpretation der unfähigsten Bierzelt-Kapelle nicht totzukriegen wäre.
(**** – **** ½)

Van Morrison – Keep Me Singing (2016, Caroline)
Zumindest im Titelstück und in seiner Interpretation des Blues-Standards „Share Your Love With Me“ blitzt der alte Glanz auf, daneben bietet Van The Man auf seinem neuesten Output ein paar wenige, zusätzliche passable Stücke, die sich zwischen dem üblichen, perfekt produzierten und orchestrierten Bar-Soul-Gejazze tummeln, das in seiner Belanglosigkeit charakteristisch ist für den weitaus größten Teil der VM-Aufnahmen der letzten zwanzig Jahre. Hand auf’s Herz: kein Mensch braucht eine weitere durchschnittliche Morrison-Produktion, wenn man auf Meisterwerke wie „Astral Weeks“, „Moondance“ oder „Beautiful Vision“ zurückgreifen kann.
(***)

Reingelesen (34)

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„Es ist kein Geheimnis, dass, wenn man in seinen Vierzigern oder vielleicht Fünfzigern, bestimmt aber, wenn man in seinen Sechzigern und Siebzigern ankommt, die Welt zu einem Affront gegen die gesamte eigene Existenz wird, und zwar durch die Art und Weise, wie sie sich in Werbung, Sprache, Technologie, Kleidung, Filmen, Musik, Geldangelegenheiten und vor allem auch Umgangsformen darstellt, d.h. die Art, wie Menschen die Straße entlanggehen und „Hallo“ oder „Auf Wiedersehen“ sagen oder sich gar nicht erst die Mühe machen, überhaupt zu reagieren. Man mag an einen Punkt gelangen, wie der Historiker Robert Cantwell so elegant formuliert hat, an dem „das eigene Leben in die Vergangenheit“ verschwindet – dein Leben, oder auch dein ganzes beschissenes Bezugssystem.“
(Greil Marcus, When That Rough God Goes Riding, Teil Vier, Take Me Back. 1991; Jennifer Jason Leigh. 1995)

„Manchmal macht man Fehler. Und manchmal ist einem langweilig.“
(Van Morrison in einem Gespräch mit Dave Marsh 2009 über die Alben mit Georgie Fame, Mose Allison und Linda Gail Lewis)

„Marcus’s quest to understand Van Morrison’s particular genius through the extraordinary and unclassifiable moments in his long career.“
(Brent Thompson, Marcus on Morrison, Birmingham Weekly, 2010-04-29)

Greil Marcus – When That Rough God Goes Riding. Über Van Morrison (2011, Kiepenheuer & Witsch)

Es gehört schon ein großer Geist dazu, die Zusammenhänge und Querverbindungen zu verdeutlichen und auszuleuchten, die Greil Marcus als sorgfältiger Beobachter im Kontext zu ausgewählten Van-Morrison-Songs und -Alben hier auftut. Auch wenn man seinen Ausführungen und Assoziationen nicht immer folgen mag oder sich der Gedankengang nicht auf das Erste erschließt, denkanregend sind die Ergüsse des Amerikaners allemal.

Dem Gegenstand der Betrachtung gebührend läuft Marcus vor allem in seinen Reflexionen zum VM-Meilenstein ‚Astral Weeks‘ (1968, Warner) zu Hochform auf, neben Informativem zu Entstehungsgeschichte, Mitmusikern und Inhalten der einzelnen Songs zeigt er in unnachahmlicher Weise Parallelen vom bedeutungsschwangeren Freestyle-Blues-Folk-Jazz-Wunderwerk zu Martin Scorseses ‚Taxi Driver‘-Gewaltmeditation, zu „Albatros“ vom großen PiL-Wurf ‚Metal Box‘ (1979, Virgin), zu den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre und – besonders originell in der Kernaussage – zum Weltrekord-Weitsprung des amerikanischen Leichtathleten Bob Beamon bei den olympischen Sommerspielen in Mexiko im Erscheinungsjahr von ‚Astral Weeks‘, über die Platte wie den Sprung schreibt Marcus: „Es war ein Ereignis, für das es keine Parallelen und keine Metaphern gibt“, völlig unerwartet, davor und danach nie wieder in der Form so geschehen.

„Von 1935 bis 1968 hatte sich der Weltrekord um 22 Zentimeter erhöht; an diesem Tag verbesserte Bob Beamon den Weltrekord um 55 Zentimeter. Als das Ergebnis auf den Tafeln angezeigt wurde, fiel er auf die Knie und bedeckte schockiert sein Gesicht mit den Händen (…) Was Bob Beamon gelang, fand irgendwie unwiderruflich außerhalb der Geschichte statt und bleibt auch dort (…) So wie ich das Album jetzt höre und wie ich glaube, es damals gehört zu haben, fing ‚Astral Weeks‘ denselben Geist ein (…) Historisch ergab es keinen Sinn“
(Greil Marcus, When That Rough God Goes Riding, Teil Zwei, Die Platte nehm ich mit ins Grab, Astral Weeks: 1968)

Dick aufgetragen, aber der Bedeutung der VM-Jahrhundertplatte durchaus gerecht werdend. An anderer Stelle bleiben die Gedankengänge des amerikanischen Rock-Schreibers weitaus weniger nachvollziehbar, warum er sich beispielsweise seitenlang über den Film „Breakfast on Pluto“ von Neil Jordan auslässt, in dem die ‚Astral Weeks‘-Nummer „Madame George“ gerade mal eine Minute zum Soundtrack beiträgt, erschließt sich dem Leser nicht.
Das Stück „Caravan“ sieht er vor allem im Bezug zur „The Last Waltz“-Setlist, eine Würdigung des Originals im Zusammenhang mit dem nicht minder gelungenen ‚Astral Weeks‘-Nachfolger ‚Moondance‘ (1970, Warner) würde an der Stelle weitaus mehr Sinn machen.
Die Schaffensphase des Ausnahmesängers zwischen 1980 und 1996 schert er analog zur Dylan-Periode zwischen ‚Street Legal‘ und ‚Good As I Been To You‘ über einen Kamm, hier wie dort wird er den Künstlern kaum gerecht, Morrison hat mindestens mit ‚Common One‘ (1980), ‚Beautiful Vision‘ (1982), ‚No Guru, No Method, No Teacher‘ (1986, alle: Mercury) und ‚Enlightenment‘ (1990, Polydor) wie Dylan mit ‚Infidels‘ (1983) und ‚Oh Mercy‘ (1989, beide: Columbia) in einer vermeintlichen und in der Fachpresse mitunter gerne so dargestellten kreativen Durststrecke durchaus Hörenswertes unter das Volk gebracht.

Sehr gelungen dagegen wieder seine Gedanken-Ergüsse zu den Morrison-Glanztaten ‚The Healing Game‘ (1997, Polydor) und ‚Into The Mystic‘ (1979, Warner/Mercury), bei letztgenannter lässt er sich vor allem über das die Aufnahmen prägende Violinen-Spiel der Geigerin Toni Marcus aus, zu ersterer spannt er profund Bögen zum IRA-Terror, der „Anarchy“-Single der Pistols, zu Robert De Niro in seiner Rolle als Vito Corleone und erinnert bezüglich der musikalischen Qualitäten der Platte an die völlig vergessene, in den 30er Jahren strafgefangene Blues-Sängerin Mattie May Thomas, von der nur eine Handvoll Field Recordings existieren.

Allein die Fußnote, die eine Anekdote über das abrupte Scheitern der Beteiligung des Iren am Alan-Parker-Film „The Commitments“ erzählt, ist einen Blick in den schmalen Band wert. Hier zeigt der übellaunige Großmeister in einem einzigen Satz sein ausgeprägtes Talent zum Vernichtend-Boshaften, als Leser mag man das mit entsprechendem Abstand durchaus lustig finden, ist man dem unwilligen Ungustl konzertant ausgeliefert, macht der Spaß wie beim Münchner Tollwood-Auftritt 2002 schnell die Kurve, auf einen Konzertstart weit vor offiziell angekündigter Uhrzeit folgte seinerzeit ausschließlich Material des damals aktuellen, höchst durchschnittlich-belanglosen Albums ‚Down The Road‘ (2002, Universal), selbst mit der einzigen Zugabe des Abends, einem lustlosen „Gloria“, bleib er weit unter einer Stunde Spielzeit, der unsägliche Abend fand sein jähes Ende in einem Orkan fliegender Bierbecher gen verwaister Bühne und hinsichtlich Verhöhnung des Publikums seine Fortführung in der ein paar Tage später verlautbarten Pressemitteilung, Van Morrison wollte an dem Abend noch den letzten Flieger nach Belfast erwischen.

Greil Marcus wurde 1945 in San Francisco/Kalifornien geboren und gilt als einer der profiliertesten amerikanischen Autoren und Journalisten zum Thema Rockmusik. In vielen seiner Abhandlungen versteht er es, Musik über die eigentliche Thematik hinaus in einen umfassenderen kulturellen und/oder politischen Kontext zu stellen. Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Basement Blues. Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika“ (1998, Rogner und Bernhard) über die legendären Basement Tapes von Dylan und The Band und „Lipstick Traces“ (1992, Rogner und Bernhard), in dem er einen zugegebenermaßen ziemlich verkopften Zusammenhang zwischen Punk und Dada herstellt.

Den Start der über 50jährigen Karriere von Van The Man dokumentiert im Übrigen eine dieser Tage bei Sony/Legacy erschienene 3-CD-Box ‚The Complete Them: 1964-1967‘, die beide reguläre Alben der Band sowie Singles, Live-Aufnahmen und Demos der nordirischen R&B-Combo um den „Belfast Cowboy“ enthält.