Videokunst

frameless11: Gletschermusik + KIM/JUNG @ Einstein Kultur, München, 2017-04-12

„Do glaciers make music? Yes, when they melt!“
(Barbara von Münchhausen, Goethe-Institut Almaty)

Die lose Münchner frameless-Reihe mit experimenteller Musik ging am vergangenen Mittwoch im Einstein Kultur mit der ersten Veranstaltung im Jahr 2017 in die nächste Runde, Ausgabe 11 widmete sich im Schwerpunkt asiatischen Klangexperimenten.

Die Veranstalter Dr. Daniel Bürkner und Karin Zwack begrüßten zur Eröffnung des spannenden und höchst anregenden Abends das Projekt Gletschermusik, der vom Berliner Postrock-Trio To Rococo Rot bekannte Sampling-Tüftler Robert Lippok, der deutsche Videokünstler Lillevan und der traditionelle kirgisische Musiker Askat Zhetigen widmeten sich in ihrer Multimedia-Arbeit dem Phänomen der schmelzenden Gletscher als Folge der dramatischen Umweltveränderungen in Zentralasien, die Gletscher in dieser Region sind für die Wasserversorgung der angrenzenden Länder von entscheidender Bedeutung, Gletschermusik setzen sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Schneeregionen in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan auseinander.
Das Projekt förderten die Goethe-Institute in Almaty und Taschkent, im Juli 2012 wurden während einer Expedition zum Tujuksu-Gletscher in Kasachstan Field Recordings vom schmelzenden Gletscher aufgenommen, die als Grundlage für die Performance der drei aufführenden Künstler dienten.
Zu verfremdeten Videoscreens von Gletscher-Fotografien des Berliner Visualkünstlers Lillevan entwarf Robert Lippok über Sampling-Schichten und Bearbeitung diverser Electronica meditative Ambient-Flows und abstrakte, Industrial-artige Drones aus den Aufnahmen vom knirschenden, schmelzenden Eis, die in ihrem dumpfen, düsteren Pochen die Bedrohung der Umwelt-Katastrophe hörbar machten. Askat Zhetigen bereicherte die Aufführung intensivst durch solistische und ergänzende Einlagen seiner organischen Tonkunst, sein auf traditioneller kirgisischer Volksmusik basierender Vortrag auf der Langflöte und insbesondere seine Fertigkeiten auf der Komuz, einer traditionellen zentralasiatischen Langhals-Laute, sowie sein ausgeprägtes, ausdrucksstarkes Sangestalent wussten das zahlreich anwesende Publikum in nachhaltige Begeisterungszustände zu versetzen.
Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, das die herausragende Qualität der frameless-Präsentationen einmal mehr mit dicker Feder unterstrich. Die Musik zum Projekt Gletschermusik ist als gleichnamige CD im Oktober 2016 bei Interbang/Folk Wisdom erschienen, neben Askat Zhetigen und Robert Lippok war die südkoreanische Klassik-Pianistin SooJin Anjou bei der Einspielung beteiligt.
(***** ½)

Der zweite Teil des frameless-Abends war nicht minder spannend hinsichtlich optischer und tonaler Präsentation, das Klangobjekt „Schubladen“ der beiden südkoreanischen Musikerinnen und bildenden Künstlerinnen Yoonji Kim und Youngjik Jung lud zum Staunen, musikalischen Genuss und Selbst-Hand-Anlegen ein, die Performance von Yoonji Kim am Objekt zauberte durch ihr Öffnen der diversen Schubladen Klänge in den Raum, durch entsprechendes Herausziehen und Schließen der Schubfächer des Möbelstücks entstand eine neoklassich-experimentelle Komposition, die einzelnen Schubläden beherbergten Lautsprecher mit angeschlossenen MP3-Playern, Verstärkern und Mikroschaltern, die Wiedergabegeräte wurden beim Öffnen aktiviert und erzeugten ein beeindruckendes Gesamtklangbild, das sich aus unterschiedlichsten Samples wie Alltags-Geräuschen, gregorianischen Gesängen, Tonbeispielen aus der asiatischen und der westlichen Klassik und Ambient-Drones speiste.
Die ausführende Künstlerin Kim komponierte quasi im Moment der Live-Präsentation und präsentierte so einen faszinierenden Grenzgang zwischen Performance und Konzert.
Im Anschluss an die außergewöhnliche und beeindruckende Aufführung durften die Gäste der frameless-Veranstaltung selbst an den Schubläden praktizieren und ihr kompositorisches Geschick testen, ein heiterer Ausklang eines über die Maßen gelungenen Experimental-Abends.
(*****)

Der Eintritt war wie gehabt bei den frameworks/frameless-Veranstaltungen dank Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und zusätzlich an diesem speziellen Abend auch des Goethe-Instituts frei.

Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner präsentieren die nächste Ausgabe der frameless-Reihe am 5. Mai im Einstein Kultur, auftreten werden der kanadische Experimentalmusiker Martin Messier und die finnische Folk-/Digital-Music-Grenzgängerin Laura Naukkarinen aka Lau Nau, den visuellen Teil des Abends übernimmt der britische Regisseur Liam Young mit seiner Film-Arbeit „In the Robot Skies“, die komplett mit automatisierten Drohnen gedreht wurde.

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frameless10: goat(JP), Ian Hawgood, Boris Labbé @ Einstein Kultur, München, 2016-11-16

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Die von Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner kuratierte und vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München geförderte frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter ging am vergangenen Mittwoch in die zehnte und für das sich langsam verabschiedende Jahr 2016 letzte Runde, die Veranstalter hatten bei der Auswahl der Künstler zum Jahresfinale einmal mehr außerordentliches Gespür bewiesen.

Der über die Maßen gelungene Abend wurde im Kellergewölbe des Einstein Kultur von Ian Hawgood eröffnet, der gebürtige Engländer lebt und arbeitet derzeit in Warschau und ist Betreiber des Ambient-, Experimental- und Electronica-Labels Home Normal, bei seinem frameless10-Auftritt beeindruckte der Brite im abgedunkelten Gewölbe mit einer digitalen Elektronik-Arbeit, die zwischen pochend-monotonem Industrial-Beat, feinem, sphärischem Ambient, sich in die Gehörgänge fräsenden Electronica-Drones und erhabenen, nahezu sakralen, kontemplativen Momenten im Geiste der deutschen Kraut-/Ambient-Pioniere Popol Vuh alles bot, was das Herz der Experimental-Freunde begehrte. Selbst in den abstraktesten Passagen wohnte der individuell entworfenen Soundlandschaft ein latent vertrauter Grundton im Sinne des Wohlklangs inne, Verstörung über die komplexe Arbeit wäre fehl am Platze gewesen, was auch der herzliche und lang anhaltende Applaus des aufmerksamen Publikums unterstrich.
(*****)

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Foto © Ian Hawgood / Courtesy Of The Artist / Vielen Dank an Karin Zwack

Das Quartett goat(JP) aus Osaka spielte instrumentalen Minimal Techno ohne Elektronik, mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Saxophon-Gebläse, dass weit mehr an harten Rhythmus-Gitarren-Anschlag als an Jazz angelehnt war. Die vier jungen Japaner zelebrierten präzise auf den Punkt gespielt eine treibende, harte, ineinander greifende Rhythmik, die sofort ihre hypnotische Kraft entfaltete. Der disziplinierte, nichtsdestotrotz im Klang ekstatische Vortrag rief in seinen wuchtigsten Momenten Erinnerungen an intensive, Gitarren-getriebene Stakkato-Attacken der Washingtoner Straight-Edge-Hardcore-Institution Fugazi wach und wurde in einem Intermezzo von digitaler Drone-/Doom-Elektronik unterbrochen und bereichert, die die Musiker zum Innehalten und Sammeln nutzten, um im finalen, euphorisierenden Werk punktuelle Gitarrenausbrüche zu wagen, die sich in ihrem explodierenden Anschlag in bester Postrock-Manier präsentierten. Ein mehr als würdiger Schlusspunkt für ein hervorragendes frameless/frameworks-Jahr, leider ließen sich die Musiker trotz frenetisch-gebührendem Applaus nicht mehr zu einer in dem Fall hochwillkommenen Zugabe bewegen. 45 Minuten Intensivst-Bedienung für zappelnden Körper und tanzenden Geist auf einem Niveau, dass Experimental- und Post-/Prog-Rockfreunde gleichermaßen zu beglücken wusste.
(***** ½)

Die Videoinstallation des Abends lieferte der 1987 in den Pyrenäen geborene Franzose Boris Labbé mit seiner Arbeit „Kyrielle“, für die er Aquarelle in Handarbeit fertigte und diese digitalisierte. In einem sich zusehends anschwellenden Gewirr gehen Menschen, stolpern übereinander und richten sich wieder auf. Der tägliche Kampf des Lebens, visualisiert in digitaler Verdichtung, ein Abbild der Beeinflussung des Organischen durch die Technik.
Der Künstler selbst beschreibt die Arbeit auf seiner Homepage wie folgt:
„The word Kyrielle in french means „long series of various things“, besides, le jeu des Kyrielles “the game of Kyrielles” is a word game that is presented as a child´s song, taking as the first syllable the last syllable of the previous expression as in the famous french nursery rhyme : Marabout, Bout de ficelle, Selle de Cheval, etc… The repeating rhythms and cycles have a hypnotic quality, and encourage the viewer’s eye to wonder playfully and explore different figures. The piece was built with 285 watercolors, letting the drawing deforms himself gradually from improvisation movements. The animated figures are developing a complex symmetric abstraction, and then returning to the minimalist aesthetic of the initial white. The final piece, on a palindromic form, was then digitally designed. Kyrielle was inspired, among others, from works like Tango of the filmmaker Zbigniew Rybczynski or the paint Children’s Games by Pieter Bruegel the Elder.“
Boris Labbé wurde für seine Arbeiten mit Preisen bei diversen Festivals ausgezeichnet, unter anderem bei der Ars Electronica, beim Annecy Festival, dem roBot Festival in Bologna und beim Multivision Festival in St. Petersburg.

frameless09: Hildur Guðnadóttir, Tarquin Manek, Scott Morrison @ Einstein Kultur, München, 2016-10-06

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Die neunte Ausgabe der frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter startete am vergangenen Donnerstag mit einer unkonventionellen Aufführung des jungen Australiers Tarquin Manek, der seinen experimentellen Musik-Ansatz in eigenen Worten als „somewhere between folk-tale and science fiction“ beschreibt, in Anlehnung an den Dadaismus eröffnete Manek seinen Vortrag in Grenzen der Musik auslotender Manier durch Erzeugen von Klanggeräuschen, die er durch dezentes Klopfen von Salzgebäck gegen einen Metall-Bügel, Schaben von Gegenständen am Mikrophon oder etwas so Alltäglichem wie Zähneputzen erzeugte.
Im weiteren Verlauf trieb der Australier seine Performance radikal durch Punk-artiges Wälzen am Boden und Minuten-langes, Hunde-artiges, Nerven-zehrendes Jaulen auf die Spitze, unvermittelt gelang ihm der Schwenk in tonalere Gefilde mit einem wunderbaren A-Capella-Vortrag, der sich über Loops zum Kanon auswuchs, und einem bezwingenden Abgang in Form einer Mixtur aus hartem, pochendem, kaltem Elektro-Rhythmen und feinem Synthie-/Digital-Dub/Pop in Anlehnung an frühe Depeche Mode, Cabaret Voltaire oder die Singles der Industrial-Pioniere Throbbing Gristle.
Der/die ein oder andere mochte von Passagen des Auftritts befremdet gewesen sein, die Spannung konnte man diesem Wanderen zwischen atonalen Ausbrüchen und purer Pop-Schönheit kaum absprechen.
(**** – **** ½)

Die isländische Cellistin Hildur Guðnadóttir musste bei ihrem frameless-Auftritt zu Beginn mit den Unbilden der Technik kämpfen, mit tiefenentspannter Engelsgeduld nahm sie den Umstand hin, dass das angedachte Zusammenwirken zwischen digitaler Technik und ihrem „6 string fretted cello“ eingangs nicht funktionieren mochte, der spartanischen Klarheit ihres ätherischen Vokalvortrags, der in uralte Zeiten und die karge Natur-Mystik der nordischen Landschaft entführte, tat dies keinen Abbruch, im weiteren Verlauf des Konzerts mochte sich auch die Technik zur Kooperation bequemen und so konnte Guðnadóttir auch im Zusammenspiel von Streichintrument und Elektronik den Glanz ihrer Eigenkompositionen entfallten, die instrumentalen Werke bestachen durch stilistisch stimmigen Versatz aus isländischer Folklore, Kammermusik-artiger Neo-Klassik, dezent-behutsamen Elektronik-Loops und repetitiver Minimal-Music, die sich auf Augenhöhe der Kompositionen von Größen des Genres wie Philip Glass oder John Adams präsentierten. Hildur Guðnadóttir erwies sich einmal mehr als sattelfeste Grenzgängerin zwischen den Experimental-Welten, wie sie es bereits auf ihren eigenen Arbeiten und in der Kooperation mit so verschiedenen Vertretern der musikalischen Avantgarde wie Hauschka, Throbbing Gristle, Múm, Ben Frost, Jóhann Jóhannsson oder Sunn O))) unter Beweis stellte.
(**** – **** ½)

Fester Bestandteil jeder frameless-Veranstaltung ist die Präsentation einer Videoinstallation, am Donnerstag Abend zeigten die Veranstalter Karin Zwack und Daniel Bürkner Werke des australischen Medienkünstlers Scott Morrison, in denen er Naturbilder seiner Heimat mit digitalen Verfremdungen bearbeitete. Zu sehen war auch die Arbeit „tension sketch 3“, die eine idealisierte Landschaftsaufnahme im Kontrast zu Aussagen des namesgleichen australischen Politikers Morrison im Untertitel stellt, der Minister für Immigration und Grenzschutz ist für seine restriktive, abweisende Flüchtlingspolitik bekannt. Die Videoarbeit mit Karaoke-Spur zeigte: Landschaft gewinnt im Kontext der Globalisierung eine politische Bedeutung, sie wird zum angestrebten Lebens-/Schutzraum.

frameless10 findet am 16. November 2016 statt, wie immer bei freiem Eintritt im Einstein Kultur. Auftreten werden die japanische Band goat(JP), die Minimal Techno ohne Elektronik spielt, und der britische Home-Normal-Labelbetreiber Ian Hawgood, der im Bereich der elektronischen Avantgarde musiziert. Boris Labbé aus Frankreich wird im Nebenraum seine Videoarbeit „Kyrielle“ zeigen, in der er handgefertigte Aquarelle digitalisiert.

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