Walt Whitman

Reingehört (199): David Grubbs

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When I heard the learn’d astronomer,
When the proofs, the figures, were ranged in columns before me,
When I was shown the charts and diagrams, to add, divide, and measure them,
When I sitting heard the astronomer where he lectured with much applause in the lecture-room,
How soon unaccountable I became tired and sick,
Till rising and gliding out I wander’d off by myself,
In the mystical moist night-air, and from time to time,
Look’d up in perfect silence at the stars.
(Walt Whitman, When I Heard the Learn’d Astronomer, 1865, Leaves Of Grass)

David Grubbs – Prismrose (2016, Drag City)
Taucht seit den Achtzigern gern dort auf, wo eine gepflegte Experimental-Gitarre gefragt ist: David Grubbs, Mitbegründer der US-Postcore-Bands Squirell Bait und Bastro, ab den frühen Neunzigern zusammen mit dem späteren Sonic-Youth-Musiker Jim O’Rourke und dem Tortoise-Multinstrumentalisten John McEntire für etliche Jahre mit der Postrock-/Experimental-/Drone-Combo Gastr Del Sol zugange, darüberhinaus stehen unzählige Gastbeiträge auf Tonträgern von unter anderem Codeine, Bitch Magnet, Palace/Will Oldham, Richard Buckner, Dirty Three, Royal Trux und The Red Krayola zu Buche.
Auf „Prismrose“ deckt er einen komplexen Klangkosmos ab zwischen freien Gitarren- und Percussion-Improvisationen und LoFi-verwandtem Songwriting im einzigen Vokal-begleiteten Stück “When I Heard the Learn’d Astronomer”, der Adaption eines Walt-Whitman-Gedichts, das hier in seiner Umsetzung grob in die Preisklasse Yo La Tengo/Daniel Johnston fällt. Angelegt in einer guten halben Stunde in sechs Stücken, die sich in einem zeitlichen Rahmen von 1:15 bis 11 Minuten bewegen.
Im Großteil der Arbeiten lässt sich Grubbs mit seinem Gitarrenspiel dort hintreiben, wo die Muse und/oder der Freigeist ihn hintragen. In drei Nummern wird er vom Perkussionisten Eli Keszler begleitet, speziell diese Werke entfalten in ihrem experimentellen Fluss eine tiefgreifende, meditativ-asiatische Grundstimmung. Der in freie Rhythmen eingebettete Saitenanschlag der elektrischen Gitarre in ihren sparsam-minimalistischen Klang-Entwürfen deutet wiederholte Male das Potential für gewichtige Song-Kompositionen an, weiß aber auch in der skizzierten, unvollendet wirkenden Form zu überzeugen.
(****)

Reingehört (134)

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Iggy Pop, Tarwater & Alva Noto – Leaves Of Grass EP (2016, Morr / Indigo)
Ehrenrettung für James Osterberg: Iggy Pop, letztens bezüglich seiner Zusammenarbeit mit Josh Homme mit wenig lobenden Worten bedacht, auf dem Literatur-Trip und über die Schiene des Vorlese-Onkels gleich wesentlich besser aufgestellt.
Über die dezenten Experimental-/Elektronik-/Trance-Klangbilder des Berliner Postrock-Duos Tarwater und des Chemnitzer Elektronik-Komponisten Carsten Nicolai aka Alva Noto, der vor kurzem zusammen mit Ryuichi Sakamoto für den „The Revenant“-Soundtrack verantwortlich zeichnete, liest Iggy mit sonorer Stimme Werke des einflussreichen amerikanischen 19.-Jahrhundert-Lyrikers Walt Whitman, macht er astrein, da gibt es nix dran rumzumäkeln. Vor kurzem hat sich Pop im ZEITmagazin-Interview mit Klaus Kinski verglichen, bleibt zu hoffen, dass er das nicht auf alle Facetten des deutschen Schaupiel-Exzentrikers bezieht, aber schöne Literatur hat auch er sehr mustergültig eingelesen, der Kinski…
(**** ½)

Thomas Köner – Tiento De La Luz (2016, Denovali / Cargo Records)
Keyboard-Meditationen und Minimal Music des Bochumer Klang- und Multimedia-Künstlers Thomas Köner, mit dezenten elektronischen Verzerrungen/Verwerfungen im Klangbild hinterlegt. Funktioniert auch prächtig ohne die berauschenden Bilder, die Köner bei seinem letztjährigen Frameworks-Auftritt visualisierte. Brian Eno hätte das wohl ‚Music For Airports, Teil 2‘ oder so ähnlich betitelt.
Der Tiento ist die Bezeichnung für verschiedene freie Improvisations-Formen für Tasteninstrumente, die in Spanien im 15. Jahrhundert entwickelt wurden, Köner setzt in seiner Interpretation dieses musikalischen Klangbilds neben der individuellen Elektronik auch klassisches Instrumentarium wie Piano, Perkussion und die Gambe ein, für ihn bestehen zwischen der künstlichen und konventionellen Erzeugung von Tönen offensichtlich hier nur graduelle Unterschiede.
(****)