Weilheim

Hochzeitskapelle @ Sommerfest der Marktleute, St. Margaret, München, 2017-07-01

Die Hochzeitskapelle, mit das Beste, was einem derzeit an – nicht nur – ortsansässigen MusikantInnen unterkommen kann, der Wieder-mal-Konzert-Besuch der München/Weilheim-Connection war lange schon als dringliches Bedürfnis angezeigt – insofern umso genehmer, wenn sich der stets wiederkehrende Gang am Samstag-Morgen zum Sendlinger Wochenmarkt und insbesondere zum Lieblings-Käsehändler Christian Ertl mit diesem musikalischen Erlebnis der besonderen Art verbinden lässt: Die Standl-Leute des kleinen, feinen Lebensmittel-Marktes am Untersendlinger Margaretenplatz (jeden Samstag von 7.00 bis 13.00 Uhr, dicker Tipp !!) haben unter nicht unmaßgeblicher Einflussname von Käse- und Musik-Experte, DJ und Buchautor Ertl hinsichtlich musikalischem Live-Programm mit der Hochzeitskapelle einen absoluten Volltreffer gelandet, beschwingt und mit exzellentem Soundtrack unterlegt konnte man seinen Bergkäse, die Tomaten, den Fisch und das Bio-Bier einfangen.
Als Nebengeräusch und Kauferlebnis-Beschallung wär’s aber viel zu schade, geradezu hergeschenkt gewesen, und so haben sich viele Marktkunden mit offenen Ohren zum Zuhören und Mitgrooven eingefunden bei dem vom Quintett selbst so benannten Rumpeljazz, die wunderbare Evi Keglmaier und ihre nicht minder über die Maßen begabten Mitmusiker Mathias Götz, Alex Haas und last not least die No-Twist-Gebrüder Acher haben dankenswerter Weise trotz derzeit permanenter Beteiligung zum Gedenken an den großen bayerischen Schriftsteller Oskar Maria Graf mittels Hörspiel-, Dokumentarfilm- und Festtage-Beschallung noch Zeit für ein vormittägliches Konzert gefunden.
Absolut entspannt, uneitel, aber eben auch völlig ein- und gefangen nehmend schütteln die fünf Ausnahme-MusikerInnen ihre aus vielen Kulturkreisen beeinflussten Instrumental-Kleinode aus dem Ärmel, einen Stilmix aus Gypsy- und New-Orleans-Jazz, Blues, Balkan-Folk, karibischer und orientalischer Volksmusik, Polka und bayerischem Wirtshaus-Gepolter, mit Geige, Banjo, Schlagwerk, diversen Blasinstrumenten und punktuell eingestreutem Geschepper, sowas kann bei weniger versierten Musikern vor allem ob dieser enormen Vielfalt an Musik-Richtungen auch gehörig daneben gehen, bei der Hochzeitskapelle klingen die ursprünglichen Country-, Reggae- oder Chanson-Kompositionen so, als hätte jeder andere Interpretations-Ansatz seine Berechtigung verloren.
Mit einer Song-Auswahl, die sich am herrlichen Material ihrer im letzten Jahr beim Münchner Gutfeeling-Label veröffentlichten Tonträger-Wundertüte „The World Is Full Of Songs“ orientierte, konnte das Quintett und sein Publikum vor der prächtigen Barock-Kulisse von St. Margaret nicht fehlgehen, schöner, beglückter lässt es sich kaum in das Wochenende starten als mit den begnadeten, kunstvollen, gleichsam geerdeten Klangdichtungen und Improvisationen der Hochzeitskapelle. Mögen bis zum nächsten besuchten Konzert dieser Weltklasse-Combo nicht wieder fast zwei Jahre ins Land gehen, bei Terminschwierigkeiten hilft fürderhin vielleicht ein Stoßgebet zur heiligen Margareta von Antiochia oder der Gang zum favorisierten Käsehändler…
(***** – ***** ½)

Reingehört (261): Hochzeitskapelle, The Notwist

HOCHZEITSKAPELLE @ innen.aussen.raum Maximiliansanlagen, München, 2015-08-03 (12)

Hochzeitskapelle – The World Is Full Of Songs (2016, Gutfeeling Records)
Das ist die Platte, die garantiert aus jedem mentalen Tief heraushilft, geht gar nicht anders. Das ist der Rhythmus, bei dem jede/r mit muss, sprichwörtlich. Und es ist auch die Platte, auf die die Hörerschaft sehnsüchtig gewartet hat, zumindest diejenigen, die die Münchner Hochzeitskapelle in den letzten eineinhalb Jahren bei irgendeiner Gelegenheit konzertant erleben durften, den Zauber, den Mrs. Zwirbl Evi Kegelmaier (Zwirbeldirn, Hasemanns Töchter, G.Rag), die Acher-Brüder Micha und Markus (The Notwist und weiß Gott was sonst noch alles an guten Bands aus Weilheim and elsewhere), Matthias Götz (u.a. Le Millipede, Alien Ensemble) und der umtriebige Münchner Jazzer Alex Haas bei ihren herausragenden Konzerten zu entfalten wissen, fängt der Debüt-Tonträger wunderbarst ein, das Quintett kredenzt in völlig tiefenentspannter Manier in zwanzig exzellenten Instrumental-Miniaturen ein komplexes, stimmig-musikalisches Seelenbad, wie es einem nur alle heiligen Zeiten zuteil wird. Swingende Gypsy-Jazz-Geigen, dezent nach vorne gemixter Rhythmik-Groove, garniert mit beseeltem Banjo-Scheppern, und nicht zuletzt diese geerdeten, völlig unaufgeregten, eine inwendige Grundgelassenheit transportierenden Bläsersätze, mit Tuba, Posaune und Trompete vorgetragen, eine musikalische Reise um den Globus, zwischen Kammermusik und rumpelnder Volksfest-Beschallung eingependelt, der Polka, dem Walzer, dem Country, dem jamaikanischen Ska, dem New-Orleans-Blues und dem Freigeist des Jazz die Ehre gebend, nie beliebig, immer so auf den Punkt gespielt, als wäre es anders gar nicht denkbar. Worldbeat und alles umarmender Pop im besten Sinne, vorrangig in einer exzellenten Auswahl an Fremdmaterial zelebriert, unter anderen kommt der große Minimalist Louis Thomas Hardin aka Moondog gleich zweimal zu Ehren, die legendären Skatalites ebenfalls, Sun Ra steht auf der Komponistenliste, der Camper-Van-Beethoven- und Cracker-Chef David Lowery, Reggae- und Dub-Innovator Lee Scratch Perry, bei „Bi Pet“ von Lali Puna bedienen sich die Achers sozusagen aus dem eigenen Fundus, und selbst der Chanson-Schmonzette „Comment te dire adieu“ von Francoise Hardy lässt sich in der Hochzeitskapelle-Version noch etwas abgewinnen.
Das Wunderwerk, das nicht zuletzt durch seinen gleichberechtigten und feinst aufeinander abgestimmten Instrumenteneinsatz beeindruckt, bei dem sich in basisdemokratischer Manier keiner der begnadeten Musiker als großer Zampano hervortun muss, wurde in der gebührenden Güte von Andreas Staebler aka G.Rag aufgenommen, abgemischt und beim eigenen Gutfeeling-Label auf den Weg gebracht, genau der richtige Mann für den Job, ist er doch in artverwandten Klängen mittels Vorstandschaft der eigenen Combos Los Hermanos Patchekos und Landlergschwister beheimatet und somit für die Nummer bestens beleumundet.
„The World Is Full Of Songs“, wie wahr, in dem Fall ausnahmslos nur gute…
(*****)

Die Hochzeitskapelle spielt live am 7. Januar in München im Optimal Plattenladen, Kolosseumstraße 6.

The Notwist – Superheroes, Ghostvillains + Stuff (2016, Alien Transistor)
Im Herbst gab es trotz vielfacher Nebenerwerbs-Beschäftigungen auch ein Lebenszeichen vom Mutterschiff der Acher-Brüder, The Notwist haben im vergangenen Oktober ihr erstes Live-Album veröffentlicht. Sechzehn auf Doppelalbum-Länge ausgelegte Arbeiten dokumentieren die Vielschichtigkeit der Weilheimer Indie-Rock-/Electronica-Institution in ihrer Bandbreite von der dunklen Schrammel-Gitarre und Ausflügen in den Hardcore-Bereich früher Tage bis zum aktuellen, filigranen, komplexen Elektronik-Indie-Pop-Klangbild, das die Band seit ihrem Postrock-/Jazz-/Ambient-Meisterwerk „Shrink“ (1998, Virgin) kultivierte und das sie weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt und beliebt gemacht hat.
Das im Dezember 2015 im Leipziger Lichtspieltheater UT Connewitz mitgeschnittene Konzert zeigt die süddeutsche Combo in bestechender Form mit Schwerpunkt auf die nicht minder beeindruckenden Alben „Neon Golden“ (2002, Virgin) und „Close To The Glass“ (2014, Sub Pop), Energie trifft Poesie, treibende Beats und das Band-typische Indietronic-Georgel sorgen für die typische Notwist-Note, die durch das ab und an latent leiernde, mit dünner Stimme vorgetragene, Irritation und Spannung steigernde Singen Markus Achers noch unterstrichen wird. Was bei anderen Bands in einer über fünfundzwanzig-jährigen Historie als mehrfacher Bruch in der stilistischen Ausgestaltung erscheinen würde, fügt sich bei The Notwist zu einem immer wieder aufs Neue faszinierenden, ineinandergreifenden, multidimensionalen Klangkosmos zusammen. Die hinsichtlich Sound optimal produzierte Konzertaufzeichnung eignet sich auch wunderbar als Werkschau und Bestandsaufnahme für Notwist-Novizen.
(**** ½ – *****)

Ms. John Soda @ Import/Export, München, 2016-03-06

ms_john_soda

Nach über 10 Jahren haben sich die Couch-Keyboarderin Stefanie Böhm und der Weilheimer Tausendsassa Micha Acher (of Notwist- / Hochzeitskapelle– / 13&God- / Tied & Tickled Trio- / undundund-Fame) im vergangenen Jahr zur Einspielung eines neuen Tonträgers ihres gemeinsamen Projekts Ms. John Soda zusammengefunden und zur gesteigerten Freude der zahlreichen Freunde der Formation im Februar und März darüberhinaus zur Präsentation der Werke auf Deutschlandtournee begeben, am vergangenen Sonntag fand im an der Dachauer Straße wiederbelebten, ausverkauften Münchner Import/Export die neuntägige Konzertreise bei der vom wieder nicht genug zu lobenden Clubzwei veranstalteten Live-Präsentation den vielbejubelten Abschluss.
Das Duo wurde konzertant von den Herren Joasihno aka Cico Beck mit Keyboard-Georgel sowie Erzeugen-elektronischer-Töne-via-Gerätchen-rumschrauben und Schlagzeuger Thomas Geltinger wunderbar-passend unterstützt, Stefanie Böhm verzückte mit gesanglichem Wohlklang, der irgendwo im Bereich der Vokalkünste von Young-Marble-Giants-Chanteuse Alison Statton und den lieblichen Unthanks-Schwestern anzusiedeln ist, sie spielte ihren feinen elektronischen Ambient am Elektro-Baukasten und brachte mit krachig-gedoppelten Bass-Läufen im Verbund mit dem etatmäßigen Bassisten Micha Acher den vollbesetzten Saal via strammem Noise-Rock zum Kochen, der neben den dominierenden, elektronisch untermalten Indie-Pop-Gustostücken willkommene Kontrapunkte setzte.
Das Elektronische hält sich mit dem Analogen nach wie vor gekonnt die Waage bei Ms. John Soda, der Hang zum melodischen Wohlklang ist bei der Band genauso ausgeprägt wie der Mut zum Klang-verzerrten Experiment, der Titel des neuen Tonträgers deutet es an, ‚Loom‘ (2015, Morr / Indigo), der Webstuhl, der verschiedenste Tonspuren, Sound-Ideen, Melodien-Muster und Rhythmen zu einem beeindruckenden Klanggebilde verknüpft, wie immer im Falle jedweder Ausprägung/Besetzung der Weilheim-Connection konnte man den alles andere als ausgetretenen tonalen Pfaden der begnadeten Musiker blind und bedenkenlos folgen und sich auf das Angenehmste beglücken lassen.
Und nicht erst die rundum gelungene Interpretation der Slowdive-Nummer „Here She Comes“ zum Konzert-Finale machte unbändige Lust auf weiteres Elektronik-Experimentieren in Form des in dieser Woche stattfindenden Frameworks-Festivals im Münchner Einstein Kultur (10. – 12. März, jeweils 20.00 Uhr, Eintritt frei), auf das am Merch erstandene neue Vinyl und auf den ganzen Ms.-John-Soda- und Notwist-Backkatalog sowieso… ach Kinder, manchmal kann das Leben so reichhaltig und schön sein…
(***** – ***** 1/2)