Westcoast

Reingehört (473): Electric Horseman

Electric Horseman – Arrival EP (2018, Klangkantine)

Wer beim Begriff „Westcoast“ im musikalischen Kontext nicht automatisch an die stinklangweiligen Weichspüler von den Eagles denkt und sodann – in dem Fall völlig gerechtfertigt – postwendend mental die Schotten dicht macht, vielmehr die weitaus anregenderen, in künstlerischer und inhaltlicher Umsetzung erheblich genehmeren Spielarten des Genres von den Stil-prägenden Byrds bis hin zum alten Neil Young zu schätzen weiß, sollte dem Quartett Electric Horseman mit Wohlwollen Gehör leihen und beide Lauscher in die anstehende Debüt-EP der Band reinhängen: Die vier jungen Musikanten klingen unverkennbar nach kalifornischer Sixties-Sonne, staubtrockenem Mojave-Wüsten-Sound und schwergewichtiger, gespenstischer „On The Beach“-Bluesrock-Atmosphäre, belassen es aber nicht bei regional begrenzter Verortung im „Golden State“, selbst wenn auch bei psychedelischen Anklängen Reminiszenzen an die US-Westküsten-beheimateten Doors und Dead mitschwingen mögen, hinsichtlich progressiver Klangbild-Erweiterung zieht es die Band zurück über den großen Teich in britische Gefilde, mit ausladenden, schönen wie angenehm altmodischen Gitarren-Soli irgendwo zwischen ambitioniertem englischem Folk-Rock und der Saiten-Kunst eines David Gilmour aus besseren Pink-Floyd-Tagen – und damit befindet man sich geographisch von Kalifornien aus betrachtet doch um etliche tausend Meilen näher am heimatlichen, südhessischen Darmstadt, aus dem die Band kaum vermutet ob der Verhaftung im klassischen Psychedelic/Desert/Folk-Prog-Sound der angloamerikanischen Alt-Heroen stammt.
Der Gesang als unaufgeregter Tranquilizer zwischen gelöster Entspanntheit und schweinslässiger Coolness, ein in Vokalkunst gegossener Sundowner zum relaxten Runterfahren nach stoisch erduldeter Tagesmüh, würdig begleitet von fein nachhallendem Saiten-Klang, ausladenden solistischen Stromgitarren-Einlagen mit ausgeprägtem Hang zur Rock-Melodik und einem ureigenen Seventies-Groove, im Titel „Glassed“ gar ein schönes Slide-Spiel, und mit dem Titelsong eine filigrane Songwriter-Folk-Ballade zum Schluss, der Verbund hier seltsamer Weise zu keiner Sekunde altbacken oder aus der Zeit gefallen anmutend: muss man mit dem Ansatz auch erst mal hingebogen kriegen. Die vier jungen Süddeutschen erfinden das Rad der traditionellen Rockmusik selbstverständlich nicht komplett neu, runderneuern jedoch Respekt-gebietend mit nur einer Handvoll Nummern den Retro-Klang vollwertig zu einer exzellent laufenden, gut erhaltenen Maschine, zu irgendeinem dieser Geräte, die die Jahrzehnte überdauert haben, heute noch so wertvoll wie zu Anschaffungs-Zeiten sind, die mit Liebe repariert und gepflegt werden und nicht beim ersten Defekt auf dem Wertstoffhof landen.
Die „Arrival“-EP erscheint am 3. August als 10″-Vinyl und Digital-Ausgabe beim Darmstädter Label Klangkantine. Die Sonne Kaliforniens wird sie im alten Europa vermutlich nicht ans Firmament zaubern, für musikalische Ausdehnung des Spätsommers inklusive nicht nur für Alt-Hippies optimal passendem Soundtrack zu schwüler Luftfeuchte, entspanntem Grillenzirpen und den letzten Lagerfeuern vor dem anstehenden Herbst sollte es damit aber allemal locker reichen. Und auch gerne irgendwann eine Zugabe zu den vier feinen, ersten Titeln von Electric Horseman, zur Abwechslung könnte man sich dann mal beizeiten was anderes unter den Weihnachtsbaum legen als die 328. Archiv-Veröffentlichung aus dem Fundus aufgezeichneter Grateful-Dead-Konzerte…
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Homepage Electric Horseman mit youtube-Video „Page“ → guckst Du hier.

Gun Outfit @ Unter Deck, München, 2018-02-26

Der entspannte Start in die Woche am vergangenen Montagabend, von der stets verehrten Münchner Konzertagentur Clubzwei auf die Spur gebracht: Wenn es draußen bei zweistelligen Minus-Graden schneit, eist und windet, kommt im heimeligen Münchner Innenstadt-Club Unter Deck die Sonne Kaliforniens gerade recht daher, in Form des ureigenen Downtempo-/Slowcore-Westcoast-Rocks der L.A.-Formation Gun Outfit, die bereits im Vorjahr mit dem Album „Out Of Range“ unsere Herzen wärmte und das Gemüt erhellte, gleichwohl dem Umstand gewahr werdend, dass auch im Sound der Wahl-Kalifornier nicht alles eitel Sonnenschein ist und die Nebel-verschleierte und Wolken-verhangene Stimmung aus der ursprünglichen Heimat im Bundesstaat Washington herüberweht und weiter seinen Platz findet.
Zu intelligent, vielschichtig und doppelbödig ist der vordergründig luftige Gitarren-Flow des Quintetts, als dass der herkömmliche Westküsten-Softrock zum passenden Vergleich taugen würde – Cosmic American Music oder „Western Expanse Music“, wie die Combo selbst ihre Tonkunst benennt, im besten Sinne des Wortes, Alternative Country und Folk-Rock im Geiste der Byrds und der Dead in die Jetztzeit verfrachtet, staubtrockener, sandiger Desert-Sound und eine ergreifende Melancholie in den Indie-Balladen, von musizierender Versiertheit der Band dominiert, in der sich Sängerin/Gitarristin Carrie Keith mit ihrem Duett-Partner Dylan Sharp im Sangesvortrag und in der launigen Anmoderation die Bälle zuschmeißt, Basser Adam Payne, Drummer Daniel Swire und nicht zuletzt Multiinstrumentalist und Rauschebart David Harris an diversen Saiten-Instrumenten kongenial begleiten wie im Verbund eine feine, unterschwellige, dauerhaft präsente Psychedelic-Note und souveräne Entspanntheit im Vortrag präsentieren, wie man sie bis dahin nur von geschätzten Könnern wie Steve Gunn, Yo La Tengo oder den Feelies kannte.
Einen erhebenden wie würdigen Schlusspunkt setzte die Band nach einer guten Stunde kredenztem Eigenmaterial vornehmlich aus dem aktuellen Werk mit der Psychedelic-/Indie-Rock-Version der J.J.-Cale-Nummer „Downtown L.A.“, wie uns bereits seinerzeit der große Schweiger aus Oklahoma auf seinem 1982er-Album „Grasshopper“ glaubhaft versicherte, ist diese Gegend der City of Angels „a depressing place“, ein Moloch mit unzähligen Schattenseiten, und so war dann der Übergang nach Konzertende von der gewärmten Stube des Unter Deck hinaus in die frostige Münchner Winternacht hinsichtlich mentalem Umschwenken ein abgefedertes und thematisch halbwegs Vorbereitetes in Richtung unwirtliche Realitäten…
Gun Outfit unterstrichen einmal mehr im Nachspüren der Prärie-Geister und im musikalischen Durchstreifen der kalifornischen Canyons  – wie im vergangenen Jahr artverwandt etwa auch die Brüder Kenny und Hayden Miles vom Americana-Duo Wayne Graham – warum Jeff Tweedy und die Seinen trotz wesentlich üppigerer finanzieller und technischer Möglichkeiten in der Sparte immer mehr ins Hintertreffen geraten hinsichtlich Songwriting, Kreativität und schlauen Ideen, vielleicht sollten sie beizeiten einen „Grasshopper“-Grundkurs durchexerzieren, auch Wayne Graham haben sich seinerzeit mit „Drifters Wife“ dahingehend beim alten Cale bedient und das in letzter Zeit arg anödende Wilco-Zeug schnell vergessen gemacht – zeichnet sich da etwa ein Trend ab?
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Gun Outfit spielen heute im Hamburger Hafenklang, die restlichen Termine der Europa-Tournee wären die folgenden:

01. MärzAarhus – Tape
02. MärzKopenhagen – Stengade
03. MärzBerlin – Schokoladen