Will Oldham

Reingehört (243): Trembling Bells & Bonnie ‘Prince’ Billy

KULTURFORUM Nozeroy www.gerhardemmerkunst.wordpress.com (10)

Trembling Bells & Bonnie ‘Prince’ Billy – The Bonnie Bells Of Oxford (2016, Tin Angel Records)
Will Oldham aka Bonnie ‘Prince’ Billy, liebster und begnadetster aller US-Folk-Lamentierer, hat 2012 mit seinen Sangeskünsten das Album „The Marble Downs“ (2012, Honest Jon’s Records) der schottischen Folk-Rock-Formation Trembling Bells veredelt, aus dem Zusammentreffen hat sich eine ersprießliche Zusammenarbeit ergeben, die diese Live-Aufnahmen aus Oxford im Rahmen einer gemeinsam bereisten und bespielten UK-Tour eindrucksvoll dokumentieren.
Der ätherische, nahezu spirituelle, zeitlose Appalachen-Folk Will Oldhams trifft auf den vom britischen Fairport-Convention-/Incredible-String-Band-geprägten Folk-Revival-Ansatz psychedelischer Prägung der Schotten um die Sängerin Lavinia Blackwall, gemeinsam gibt man sich neben der Pflege/Neuinterpretation ausgewählter Gusto-Stücke aus dem jeweils eigenen Back-Katalog im Geiste traditioneller Volksmusik-Weisen dem Ausleben entfesselter Psychedelic-/Progressive-Rock-Neigungen hin, das wiederholt frei fließende, spontane Klangwerk zitiert mitunter in Andeutungen gar Jazz-Improvisationen, um final in der herzerweichend-ergreifenden, Duett-besungenen Ballade „Love Is A Velvet Noose“ den krönenden Höhepunkt und Abschluss zu finden. Ein König Midas, dieser Oldham, wo der mitmischt, glänzt es…
(**** ½ – *****)

Reingehört (144)

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Bitchin Bajas & Bonnie “Prince” Billy – Epic Jammers and Fortunate Little Ditties (2016, Drag City)
Treffen sich ein Folk-Wunderlicher aus Louisville/Kentucky und ein experimentierfreudiges Drone-/Kraut-Trio aus Chicago/Illinois und transzendieren ihre Kunst in Richtung fernöstlich angehauchte Free-Folk-/Ambient-Klangmalereien – fängt an wie ein verunglückt-schräger Scherz und ist im Ergebnis doch sehr weit davon entfernt:
Die Electronica-Tüftler von Bitchin Bajas arbeiten mit asiatisch/buddhistisch anmutenden, frei fließenden, meditativen Tönen/Loops und legen den Klangteppich aus für den als Bonnie „Prince“ Billy weithin bekannten Waldschratt Will Oldham, der sich dezent ins Gesamtbild einbringt mit dem Zitieren von Glückskekse-Zettel-Texten und Flöten- und Glockenspiel-unterstütztem Songwriter-Folk, der sich vornehm-zurückhaltend immer wieder andeutungsweise vor dem großen Nick Drake zu verneigen scheint. Der Palace-Brother ist in vergangenen Zeiten wiederholt Kollaborationen eingegangen, siehe/höre unter anderem seine Arbeiten mit Tortoise, Matt Sweeney und Emmett Kelly/The Cairo Gang, so weit und mutig wie hier hat er sich seltenst aus dem traditionellen Folk-/Alternative-Country-Rahmen herausbewegt. “Your Hard Work Is About to Pay Off, Keep on Keeping On”.
(**** ½)

Reingehört (121)

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Tortoise – The Catastrophist (2016, Thrill Jockey)
Kein neues ‚TNT‘ (1998) und schon gar kein an das ‚Millions Now Living Will Never Die‘-Wunderwerk (1996, beide Thrill Jockey) heranreichendes neues Tortoise-Album, das erste seit fast sieben Jahren, weniger Post-Rock und Experiment, dafür vermehrt und verstärkt Elektronik-Gemucke, Math-Rock, artifizieller Club-Trance-Ambient, mitunter das gewohnt-vertraute Jazz-Fusion-Gedudel, über weite Strecken trotz vereinzelter Unkenrufe durchaus nicht unspannend. Georgia Hubley von Yo La Tengo trällert bei der LoFi-Indie-Ballade „Yonder Blue“, die Gesangspassagen drängen im Vergleich zu früheren Werken vermehrt in den Vordergrund, was der Stoff, wie auf dem Album wiederholt angedeutet, an hypnotischer Kraft besitzt, wird sich auf der anstehenden Europa- und US-Tournee vor allem konzertant finden – oder eben auch nicht, wir werden sehen, zum Beispiel am 29. Mai im Münchner Hansa39…
(****)

Tortoise live @ nyctaper.com  + southernshelter.com

Bonnie ‚Prince‘ Billy – Pond Scum (2016, Domino Records)
Will Oldham, Palace Music, Palace Brothers, Bonnie ‚Prince‘ Billy, letztendlich egal, unter welcher Adresse der wunderliche Waldschrat aus Louisville/Kentucky firmiert, geneigte Folk-Hörer wissen bei ihm seit Jahrzehnten, was sie erwartet, so auch hier: Songwriting der reinen Lehre, umgesetzt in intensivem, eindringlichem Vortrag und dezenter Instrumentierung, erweitert und bereichert durch partielle, in Töne gegossene Verzweiflung, die sodann mit rauherem Gitarren-Anschlag einhergeht, live im BBC-Studio im Rahmen der legendären John-Peel-Sessions zu diversen Gelegenheiten eingespielt, durchgehend auf früheren Veröffentlichungen zu findendes Material. Für Komplettisten, nix, was den Oldham-Kosmos wesentlich bereichert. Wer den Mann in seiner ganzen Pracht genießen will, greife zu frühen Glanztaten wie dem 1993er-Palace-Brothers-Debüt ‚There Is No-One What Will Take Care Of You‘, ‚I See A Darkness‘ (1999), der herausragenden Rundum-glücklich-mach-Platte ‚Ease Down the Road‘ (2001, alle Domino) oder ‚Superwolf‘ (Drag City), seiner Kollaboration mit dem Gitarristen Matt Sweeney aus dem Jahr 2005. Nachvollziehbar macht – für sich betrachtet – selbstredend auch ‚Pond Scum‘, warum der Mann seit vielen Jahren die Kritiker begeistert und überzeugt, allein, man kennt das Material schon zur Genüge.
(*** ½ – ****)

Bonnie ‚Prince‘ Billy And The Cairo Gang live @ nyctaper.com