Willie Nile

Reingehört (333): Here Lies Man, Blind Mess, Willie Nile

Here Lies Man – Here Lies Man (2017, Riding Easy)

Psychedelic-Trance, Afro-Beat und Elektro-Funk sind die stramm groovenden Zutaten des Debüts von Here Lies Man, einem Nebenprojekt von Marcus J. Garcia, der hauptamtlich als Sänger und Gitarrist beim Brooklyn-Afrobeat-Kollektiv Antibalas engagiert ist.
Schwere 70er-Prog-Gitarren, hart zupackender Stoner-Rock und Garagen-taugliche Fuzz-Gitarren bilden den Körper, den Weltraumorgel-artiger Keyboard-Space und schwer vor sich her treibender Bass/Drum-Beat im repetitiven Flow zum hypnotischen Zappeln bringen. Mosh Pit trifft Club-Groove. Over the top gelungenes Crossover in Anlehnung an Funkadelic, Parliament, Fela Kuti, Goat, The Budos Band. Muss man nicht viel drüber labern, muss man hören, eintauchen, mitzucken…
(*****)

Blind Mess – Blind Mess (2017, Record Jet)

Support your local Stoner Gangs: Blind Mess aus München haben sich erst im vergangenen Jahr gegründet, wegen rechtlichem Zirkus bereits eine Namensänderung von „Black“ zu „Blind“ hinter sich, und dieser Tage nun in kürzester Zeit ihr Debütalbum vorgelegt. Wer sich hinsichtlich Drive, Energie und Präsentation im Live-Vortrag mit Größen wie den Misfits oder den einzigartigen, schmerzlich vermissten Motörhead vergleichen lassen darf, kann so daneben nicht liegen mit seinem Verständnis und Interpretieren von harter Rock-Musik, und tatsächlich präsentiert sich das kürzlich erschienene Erstwerk des Trios im klassischen Bass/Gitarre/Drums-Gewerk mit stramm polterndem, druckvollem Bass, einer die zügige Marschrichtung vorgebenden Rhythmik und schneidenden, schnörkellosen Rock-and-Roll-Krach-Gitarren im Stoner-/Metal-/Hardrock-Anschlag, gepaart mit der Frische einer flotten Punk-Gangart, messerscharfen Gitarren-Riffs und garniert mit einem forschen Rock-Shouter-Gesang, der Großes einfordert und das mit diesem solide nach internationalen Standards produzierten Erstwerk auch bekommen sollte. Hat sich was zugetraut, das Trio, und das dann auch unvermittelt mit Wucht, einer Portion Garagen-Schmutz und Desert-Psychedelic umgesetzt. Munich rocks, keine Frage.
Blind Mess spielen am 3. November live in München im Rahmen der Zombie-Sessions im Feierwerk. Kühles Bier am Sunny-Red-Tresen einfangen und gefälliges Mitnicken ist angezeigt.
(**** ½)

Willie Nile – Positively Bob: Willie Nile Sings Bob Dylan (2017, River House Records)

1980 hat Willie Nile unter anderem mit Patti-Smith-Drummer Jay Dee Daugherty sein zu Recht hochgelobtes Debüt-Album eingespielt, 2006 konnte er qualitativ mit „Streets Of New York“ und einem zwei Jahre später veröffentlichten, ergänzenden Live-Album an das Erstwerk anknüpfen, dazwischen und danach ist er sporadisch mit unterschiedlichster Tonträger-Güte vorstellig geworden, in seinem langen Musiker-Dasein ist er mehrfach über viele Jahre von der Bildfläche verschwunden und kam, obwohl von Folk- und Heartland-Rock-Fans und KollegInnen wie Lucinda Williams und Pete Townshend geschätzt, letztendlich nie über den Status eines „Springsteen für Arme“ hinaus.
Für sein 2017er-Werk bedient er sich ausschließlich bei Songmaterial aus der Feder des aktuellen Literaturnobelpreisträgers, ein wenig originelles Unterfangen, zumal die Set-List gespickt ist mit allseits bekannten Dylan-Gassenhauern, die heutzutage in etlichen Fällen wegen Bis-zum-Erbrechen-runtergespielt selbst im Original kaum mehr jemandem vor dem Ofen hervorlocken, der vom Meister selbst heutzutage in Schock-Starre-auslösender, Western-Swing-Version angestimmte Rentner-auf-dem-Kirchentag-Hit „Blowin‘ In The Wind“ schon mal gar nicht.
In „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ entwickelt Nile kurz hypnotische, beschwörende Kraft beim intensiven Text-Runterbeten, mit der Interpretation von „Every Grain Of Sand“, der brauchbarsten Nummer vom ansonsten grottigen „Shot Of Love“-Album, und dem lange unveröffentlichten „Abandoned Love“ aus den „Desire“-Sessions beweist er immerhin etwas Mut in der Songauswahl, ansonsten ist der Rest in weitaus genehmerer Form bereits vom Zimmerman selber oder den üblichen Verdächtigen aus dem Dylan-Interpreten-Lager wie etwa den Byrds hinlänglichst in x-facher Ausführung durchexerziert.
(** ½ – ***)

Reingehört (43)

Otistop

Otis Taylor – Hey Joe Opus Red Meat (2015, Telarc / Inakustik)
Der Trance-Blueser aus Chicago schenkt uns mit seiner aktuellen Sammlung aus neuen Songs und Instrumentals, die sich wie so oft bei Taylor jeglicher Kategorisierung entziehen, vor allem zwei Neuinterpretationen des Jimi-Hendix-Klassikers „Hey Joe“, den Otis Taylor bereits für sein hervorragendes Album „Recapturing The Banjo“ (2008, Telarc) aufnahm, diese erste Fassung ließ jedoch die zeitliche Ausdehnung und die improvisatorische Entfaltung vermissen, die Taylor und seine Band der Nummer bei Konzerten geben und sie so zu einem wahren Live-Höhepunkt gedeihen lassen.
Die beiden Neueinspielungen beheben diesen Mängel und bannen das Werk nun auch in würdigerer Form auf Tonträger. Der Rest der Platte besticht durch gewohnt vielschichtige Blues-Songs und Instrumental-Stücke, die sich weit entfernt von der reinen Lehre in so unterschiedlichen Gefilden wie Soul, Ambient-Jazz und innovativer Rockmusik weiterentwickeln. Ein zusätzliches Plus der Platte ist das Gastspiel des Gitarren-Schwergewichts Warren Haynes, den der geneigte Blues- und Rock-Hörer von seinen zahlreichen Engagements bei der Allman Brothers Band, bei The Dead sowie seiner eigenen Band Gov’t Mule kennt und schätzt.
(**** ½)

Willie Nile – If I Was a River (2014, River House / Blue Rose Records)
Willie Nile hatte 1980 mit seinem Debüt gleichen Namens (1980, Arista) einen idealen Einstand im Rock-Business und mit seinen Geschichten über die New Yorker Bowery hat er damit Downtown Manhattan ein ähnlich herrliches musikalisches Denkmal gesetzt wie sein großer Schatten Bruce Springsteen es für New Jersey mit seinen ersten Alben geleistet hat.
Der Kritiker Dave Okamoto nannte die Platte “one of the most thrilling post-Byrds folk-rock albums of all time”.
Mit seinem folgenden Werk „Golden Down“ (1981, Arista) konnte Nile jedoch nur noch bedingt an die Erfolge und die Qualität des Erstlings anknüpfen und so verschwand er für die nächste Dekade und auch im Anschluss wiederholt für viele Jahre komplett von der Bildfläche. Erst seit 2006 veröffentlicht er wieder regelmäßig, das Comeback-Album „Streets Of New York“ (2006, Reincarnate Music) und die folgende, in New Yorks Kult-Club Mercury Lounge mitgeschnittene Live-Scheibe „Live From the Streets of New York“ (2008, Blue Rose Records) konnten wieder an Glanzleistungen der ersten Stunde anknüpfen.
Mit „If I Was A River“ legt Willie Nile nun eine 10-Song-Sammlung vor, die fast ausschließlich den Sänger nur in Piano-Begleitung oder allenfalls mit zusätzlichen, spärlichen Akustikminiaturen präsentiert. Das Werk zeigt den New Yorker als reifen Songwriter, die wenigen, nicht weiter störenden Kitsch-Ausbrüche trüben das Gesamtbild einer ansonsten rundum gelungenen Produktion kaum. Mag der Alt-Fan von derart Balladen-lastigem von einem Rock’n’Roll- und Gitarren-Liebhaber wie Willie Nile auf den ersten Blick überrascht sein, den herausragenden Songschreiber wird er auch in diesem Werk wiedererkennen…
(**** ½)