Wipers

Melvins + Big Business @ Hansa39, München, 2015-10-05

Stoner Metal/Sludge Metal/Drone Metal/Alternative Metal/Noise Rock/Grunge/Hardcore Punk, wie immer man das nennen mag, jedenfalls gab es am Montag von dem Zeug reichlich auf die Ohren im Münchner Feierwerk beim schon fast traditionell-alljährlichen Stelldichein der Grunge-Urgesteine Melvins, deren Vorprogramm die eine Hälfte der Band wie auch in der Vergangenheit schon des Öfteren als Big Business bestritt, Bassist Jared Warren und Drummer Coady Willis bespaßten einige Zeit vor offiziellem Anpfiff die anfangs noch spärlich gefüllte Halle, die sich aber mit den ersten Tönen des Brachial-Sounds schnell bis Anschlag füllte.
Es ist immer wieder erstaunlich, welch Orkan-artige Wucht das Duo aus Seattle/Washington mit seinen beiden Instrumenten entfacht, Trommler Willis geht, wie auch im weiteren Verlauf des Abends bei den Melvins, von der ersten Minute an hohes Tempo, und was Jared Warren am Bass zaubert, dürfte so manchem Gitarristen ob der harten Riffs und der treibenden Akkorde Kopfzerbrechen bereiten. Freund Raimund stellte hinsichtlich musikalischer Darbietung Bezüge zur kalifornischen SST-Doom-Metal-Band St. Vitus her und da mag er nicht falsch liegen, die beiden Musiker bereiteten mit ihrem intensiven, hart auf den Punkt gebrachten Vortrag in jedem Fall optimalst das Feld für die anschließende Vollbesetzung.
(**** ½)

Big Business / Homepage

Jared Warren legte für das folgende Set das Sindbad-der-Seefahrer-Outfit an, der inzwischen vollbesetzte Saal wurde Pausen-füllend mit überlautem Jazz-Getröte beschallt und dann ging es direktemang weiter mit dem schweren Donner, dem Metal-Drone und dem Ur-Grunge der Melvins, Lärm-Götter, die mich auch schon mein halbes Leben begleiten, zum allerersten Mal vor über 20 Jahren konzertant genossen, als Nirvana ihr allerletztes Konzert gaben, seitdem immer geliebt und in Ehren gehalten. Der arme Kurtl wollte in jungen Jahren bei den Melvins anheuern und wurde an der Gitarre für zu leicht befunden, so will es die Legende wissen, vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wer weiß…
Dale Crover, der seit den Achtzigern im Gegensatz zu Cobain fast von Anfang an bei den Melvins mitmischen durfte und der mit Nirvana in der Zeit ihre ersten Demos einspielte, gesellte sich an das zweite Schlagzeug zum High-Speed-Getrommel und zusammen mit Mastermind/Gitarrist/Sänger Buzz Osborne zelebrierte das Quartett das erwartete brachial-intensive Soundgebräu, das so vieles an Einflüssen und später selbst Beeinflusstem enthält, was in dieser Musik-Gattung seit jeher gut und wichtig ist: die in die Neuzeit herübergeretteten, zähen, tonnenschweren Tony-Iommi-/Black-Sabbath-Riffs, den treibenden, fieberhaften Früh-Grunge/-Punk der Wipers (dem sie an diesem Abend mit einer furiosen, ans Original gemahnenden Version des Klassikers „Youth Of America“ Tribut zollten) und die atmosphärischen Metal-/Alternative-/Dark-Ambient-Drones von Bands wie Earth, Sunn O))) oder Neurosis.
Hinsichtlich Konzertdauer blieb die Band dieses Mal extrem unter Erwartung, weit von den gewohnt-üblichen 2 Stunden war am Montag nach 75 Minuten abrupt Schluss, Bassist Jared Warren türmte zentral am vordersten Bühnenrand – zur Abschottung vom Publikum??? – seine Box, Guitar Amp, Koffer und Bass auf, klatschte final sein verschwitztes Shirt drauf und das war’s dann. Weird Scenes Inside The Goldmine…
(*****)

Melvins / Homepage

Spitzenprodukte der Popularmusik (2)

Wipers – Youth Of America (1981, Park Ave)
Die zweite Scheibe der Wipers aus dem Jahr 1981. Nicht mehr der reine Punk und noch nicht Grunge, aber den Weg dorthin hat diese Platte unbestritten mitgepflastert. Die Band wird von vielen späteren Helden wie Dinosaur Jr, Nirvana, Sonic Youth oder den Melvins als wichtiger Einfluss genannt.
Auf „Youth Of America“ finden sich sechs zum Teil komplexere Post-Punk-Kompositionen aus der Feder von Wipers-Chef Greg Sage. Ein treibender, energiegeladener Sound auf der Basis verzerrter Gitarren bildet den musikalischen Rahmen für Sage’s klagenden Gesang, der sich hier oft am Rande der Verzweiflung bewegt. Ein düsteres Manifest und doch voller sich aufbäumendem Leben.
Schluss- und gleichzeitig Höhepunkt ist das über 10 Minuten lange Titelstück, ein fiebriges, ausfransendes, irrlichterndes Meisterwerk, zusammengehalten vom treibenden Beat der Rhythmusabteilung, Greg Sage ist hier mit seinen Sangeskünsten kurz davor, in den totalen Wahnsinn abzudriften. Zwei Jahre später kam „Over The Edge“ und stand „Youth Of America“ hinsichtlich musikalischer Güte in nichts nach.
(******)