Wirtshausmusik

Hochzeitskapelle @ Akademie der Bildenden Künste, München, 2017-12-20

Da war das Jahr hinsichtlich besuchten musikalischen Aufführungen bereits als erledigt abgehackt, dann kam Mitte vergangener  Woche – „spontan & live!“ – kurz vor dem Einschwenken in den weihnachtlichen Feiertags-Modus die hochgeschätzte Hochzeitskapelle nochmal ums Eck, was soll man sagen, schöner kann man ein Konzertjahr kaum final eintüten als mit dem einzigartigen Blaskapellen-Balkan-Polka-Blues-Crossover-Rumpeljazz-Sound der fünf begnadeten Musiker_Innen, das dachten sich auch die Damen und Herren Student_Innen der Münchner Kunstakademie, die angehenden jungen Kulturschaffenden hielten sich in den heiligen Ausbildungs-Hallen der schönen Künste zu weit vorgerückter Stunde gen Mitternacht nicht lange mit andächtigem Lauschen auf und gaben sich vielmehr der hemmungslosen Tanzwut hin, die Hochzeitskapelle würde ihrem Band-Namen nicht gerecht werden, wenn ihr faszinierendes Musizieren nicht auch dafür ohne Abstriche den passenden Soundtrack liefert.
Dass die ortsansässige Formation in ihrem fundiertem Instrumente-Beherrschen wie in ihrer versierten Improvisationskunst eine der Allerbesten ist, wurde nicht nur hier bereits des Öfteren bezeugt, da mag man sich gerne wiederholen, an neuen Erkenntnissen tat sich in dieser Winternacht zum einen auf, dass Alex Haas mit einem Banjo höchste Haltungsnoten im Lemmy-Kilmister-Gedächtnis-Posen verdient, zum anderen, dass die Band selbst bei frostigen Außen-Temperaturen sommerliches Karibik-Feeling mittels schwer groovender, Bläser-dominierter Reggae- und Ska-Rhythmen aus dem Hut zu zaubern vermag, aber davon konnte man sich bereits eine Ahnung durch die Interpretationen diverser Lee-„Scratch“-Perry- und Skatalites-Stücke auf dem wunderbaren 2016er-Album „The World Is Full Of Songs“ des Quintetts verschaffen.
„Aller guten Dinge sind drei“ heißt es immer so schön, hinsichtlich individuell besuchten Hochzeitskapellen-Auftritten in 2017 nach dem feinen sommerlichen Konzert beim Sendlinger Wochenmarkt und der exzellenten Zusammenarbeit der Combo mit dem Japaner Kama Aina kürzlich im Rahmen des frameless15-Experimental-Abends hat sich der Spruch in der vergangenen Mittwoch-Nacht einmal mehr bewahrheitet.
Very special thanx an Posaunist Mathias Götz für die Info, manchmal ist dieses Soziale-Netzwerk-Gedöns dann doch für was gut…
(*****)

Hochzeitskapelle @ Sommerfest der Marktleute, St. Margaret, München, 2017-07-01

Die Hochzeitskapelle, mit das Beste, was einem derzeit an – nicht nur – ortsansässigen MusikantInnen unterkommen kann, der Wieder-mal-Konzert-Besuch der München/Weilheim-Connection war lange schon als dringliches Bedürfnis angezeigt – insofern umso genehmer, wenn sich der stets wiederkehrende Gang am Samstag-Morgen zum Sendlinger Wochenmarkt und insbesondere zum Lieblings-Käsehändler Christian Ertl mit diesem musikalischen Erlebnis der besonderen Art verbinden lässt: Die Standl-Leute des kleinen, feinen Lebensmittel-Marktes am Untersendlinger Margaretenplatz (jeden Samstag von 7.00 bis 13.00 Uhr, dicker Tipp !!) haben unter nicht unmaßgeblicher Einflussname von Käse- und Musik-Experte, DJ und Buchautor Ertl hinsichtlich musikalischem Live-Programm mit der Hochzeitskapelle einen absoluten Volltreffer gelandet, beschwingt und mit exzellentem Soundtrack unterlegt konnte man seinen Bergkäse, die Tomaten, den Fisch und das Bio-Bier einfangen.
Als Nebengeräusch und Kauferlebnis-Beschallung wär’s aber viel zu schade, geradezu hergeschenkt gewesen, und so haben sich viele Marktkunden mit offenen Ohren zum Zuhören und Mitgrooven eingefunden bei dem vom Quintett selbst so benannten Rumpeljazz, die wunderbare Evi Keglmaier und ihre nicht minder über die Maßen begabten Mitmusiker Mathias Götz, Alex Haas und last not least die No-Twist-Gebrüder Acher haben dankenswerter Weise trotz derzeit permanenter Beteiligung zum Gedenken an den großen bayerischen Schriftsteller Oskar Maria Graf mittels Hörspiel-, Dokumentarfilm- und Festtage-Beschallung noch Zeit für ein vormittägliches Konzert gefunden.
Absolut entspannt, uneitel, aber eben auch völlig ein- und gefangen nehmend schütteln die fünf Ausnahme-MusikerInnen ihre aus vielen Kulturkreisen beeinflussten Instrumental-Kleinode aus dem Ärmel, einen Stilmix aus Gypsy- und New-Orleans-Jazz, Blues, Balkan-Folk, karibischer und orientalischer Volksmusik, Polka und bayerischem Wirtshaus-Gepolter, mit Geige, Banjo, Schlagwerk, diversen Blasinstrumenten und punktuell eingestreutem Geschepper, sowas kann bei weniger versierten Musikern vor allem ob dieser enormen Vielfalt an Musik-Richtungen auch gehörig daneben gehen, bei der Hochzeitskapelle klingen die ursprünglichen Country-, Reggae- oder Chanson-Kompositionen so, als hätte jeder andere Interpretations-Ansatz seine Berechtigung verloren.
Mit einer Song-Auswahl, die sich am herrlichen Material ihrer im letzten Jahr beim Münchner Gutfeeling-Label veröffentlichten Tonträger-Wundertüte „The World Is Full Of Songs“ orientierte, konnte das Quintett und sein Publikum vor der prächtigen Barock-Kulisse von St. Margaret nicht fehlgehen, schöner, beglückter lässt es sich kaum in das Wochenende starten als mit den begnadeten, kunstvollen, gleichsam geerdeten Klangdichtungen und Improvisationen der Hochzeitskapelle. Mögen bis zum nächsten besuchten Konzert dieser Weltklasse-Combo nicht wieder fast zwei Jahre ins Land gehen, bei Terminschwierigkeiten hilft fürderhin vielleicht ein Stoßgebet zur heiligen Margareta von Antiochia oder der Gang zum favorisierten Käsehändler…
(***** – ***** ½)

Gerner Zipfeklatscher @ KAP37, München, 2016-01-21

„Frühkindlich geprägt von der elterlichen Volksmusik, sozialisiert in der 80ern in der Münchner Punk/Hardcoreszene, bleiben die Gerner Zipfeklatscher den heiligen drei Akkorden treu und spielen seit einigen Jahren deftige Wirtshausmusik. Traditionell und hausgebraut, gewürzt mit Covers aus der Punkära, am liebsten in Wirts- und Cafehäusern, akustisch, unverstärkt und immer gemäß dem Motto: Durst ist schlimmer als Heimweh.“

So habe ich vor kurzem in der Konzertjahres-Endabrechnung über das KAP37-Konzert der Gerner Zipfeklatscher im vergangenen Jahr verlauten lassen: „Unsere hiesigen most beloved Wirtshausmusikanten haben im KAP37 gezeigt, was alles geht, wenn das Publikum bei der Sache ist, einen Spaß versteht und schön mitsingt.“
Gilt uneingeschränkt auch für den Auftritt der Unplugged-Combo in diesem Jahr, die Intensität, den beherzten Vortrag, die Gaudi und den Enthusiasmus des Publikums nochmal um eine Umdrehung nach oben geschraubt, der kleine, feine Veranstaltungs-Raum der „Nachbarschaftshilfe Westermühlbach“ scheint sich langsam zur Hochburg für das Wirtshausmusikanten-Quintett zu entwickeln, großartig waren sie ja immer, die Zipfeklatscher, hier laufen sie zu Hochform auf, auch mit dem neuem Gitarristen Schnitzl, der Ebi hat nach eigenen Worten „keine Lust mehr auf den Volksmusik-Scheiß“ ;-). Bayrisch-direkt auf den Punkt gebracht, wie der T-Shirt-Aufdruck vom Basser Rick zum Motto des Abends, Sex and Drugs and Volksmusik – das Subversiv-anrüchige drängt an die Oberfläche in den traditionellen Volksliedern aus dem bayerisch-österreichischen und den Schrammel-Bearbeitungen diversen Indie-Liedguts aus dem angelsächsischen Sprachraum. Die Anmoderation ist mittlerweile Kabarett-reif, hinsichtlich Beherrschung des Instrumentariums und Interpretation des überlieferten Liedguts sind die Gerner ohnehin über jeden Zweifel erhaben.
Ein Abend, an dem deutlich wird: Im musikalischen Underground unseres Volksstammes steckt so viel Freiheitsliebe und Anarchie, man fragt sich in dem Zusammenhang, wie es sein kann, dass unser schönes Bayern-Land seit Jahrzehnten ununterbrochen von dieser speziellen, Spaß-befreiten Partei regiert wird…
Wie im Vorjahr glänzte Harfinistin Dorothea nach offiziellem Konzertende in trauter Runde für die noch Dagebliebenen als kritische Bänkelsängerin mit eigenkomponiertem Liedgut, Gitarrist Suppi haute auch noch einen raus, die Berliner Freundin der Band lieferte mit dem „Jemseneier-Lied“ und dem Chanson über die „unanständ’ge Lust“ vom Emil den musikalischen Beweis, dass wir hinsichtlich Liberalitas Bavariae selbstredend auch solches – zugegebenermaßen sehr gutes – Preißn-Zeug tolerieren, und zum endgültigen Finale verdeutlichte das Trio Dorothea/Suppi/Klaus mit einem um eigene Text-Passagen ergänzten „Weiß wie Schnee“, wie gut der Wolfgang Ambros früher doch war…
Once again @ KAP37: Gänsehaut-Feeling durch ganz große Wirtshausmusiziererei! Der Kraudn-Sepp wäre stolz auf Euch.
Sakrament, freu ich mich schon wieder auf den nächsten Zipfeklatscher-Abend, wenn der Suppi die Anweisung zum Auftakt des Abends an den Akkordeon-Virtuosen raushaut: „Auf geht’s Klausi, ziag auf…!“
(***** – ***** ½)

Very special Thänx an Christian Solleder und seine KAP37-Crew für die Veranstaltung der ‚SchaufensterKonzerte‘, mit dem Soloauftritt von Antun Opic steht am 25. Februar bereits das nächste Highlight der Reihe an.

„…wo’s beten is dem Gott doch wurscht,
ob in der Kirch oder Moschee,
die Wahrheit is so weiß wie Schnee“