Wolfgang Schorlau

Wolfgang Schorlau @ Bayern 2-Diwan, Gasteig, München, 2015-11-30

Am Montag der vergangenen Woche nahm der deutsche Krimi-Autor Wolfgang Schorlau im Rahmen des diesjährigen Münchner Literaturfests auf dem B2-Diwan Platz und stand der Radio-Moderatorin Martina Boette-Sonner Rede und Antwort zu seinem soeben bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen neuen Roman „Die schützende Hand“ um den Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler, in dem er sich in gewohnt kritischer Manier mit den Ermittlungen zu den rechtsradikal motivierten NSU-Morden auseinandersetzt.

Schorlau bezeichnete sich eingangs als spätberufenen Krimi-Schriftsteller, erst mit Ende Vierzig sei er zur Schreiberei gekommen, wobei ihn stets nur politische Themen interessierten, er beschäftige sich in der Regel an die achtzehn Monate mit einem Thema für ein neues Buch, und in dem Kontext sei ihm als Krimi-Autor ein Gattenmord thematisch zu wenig, aber, so Schorlau zugutehaltend: „Nichts gegen einen gut durchgeführten Gattenmord!“
Seine Arbeit erlaube es ihm, bei brisanten Themen hinter die Kulissen zu schauen, in Ecken, in die sonst niemand den Blick richtet, Themen wie die Rote-Armee-Fraktion, die Pharmaindustrie oder das außerhalb Münchens kaum mehr gegenwärtige Oktoberfest-Attentat, immerhin eines der brisantesten deutschen Terror-Verbrechen, erfordern journalistische Recherche-Arbeiten, Interviews, Einsicht in Polizei-Akten und ab und an die Bekanntschaft von „jemandem, der jemand kennt, der wiederum jemand kennt“, der dann Zugang zu brisanten Informationen verschaffen kann.
Für den neuen Dengler-Roman über die rechtsradikalen NSU-Morde arbeitete Wolfgang Schorlau erstmals mit einem professionellen Rechercheur, um die nicht offensichtlichen Zusammenhänge zwischen der rechten Szene und dem Verfassungschutz herzustellen. Hierzu merkte Schorlau an, dass selbst die Arbeit der Polizei in Thüringen durch die Geheimdienste massiv behindert und erschwert wurde, Beamte hätten ihm gegenüber geäußert, dass der rechte Untergrund zudem von Staats-Seite großzügig mit Geld und Schutz ausgestattet wurde.
Die Selbstmord-Theorie des Staatsschutzes bezüglich der beiden Hauptverdächtigen im Rahmen der Ermittlungen zu den NSU-Morden, Mundlos und Böhnhardt, zweifelt Schorlau an, zu viele Ungereimtheiten ergäben sich hinsichtlich des dokumentierten Zeitablaufs, überdies werde eine große rechtsradikale Gruppe wie die NSU kaum thematisiert, man gehe nach wie vor vom Täter-Trio Zschäpe/Mundlos/Böhnhardt aus, die Einzeltäter-Theorie sei haltlos wie seinerzeit beim Münchner Oktoberfest-Attentat, die offizielle Version sei, so Schorlau, damals wie heute anzuzweifeln.
Als Skandal bezeichnete in dem Zusammenhang Moderatorin Martina Boette-Sonner die Vernichtung der Dokumente zu entsprechenden Aktionen von V-Leuten des Verfassungsschutzes zu Beginn des NSU-Prozesses.
Wolfgang Schorlau erklärte, dass er im Rahmen seiner Recherchen zum neuen Roman 2014 vom Untersuchungsauschuß des Landes Baden-Württemberg zum NSU-Mord an der Heilbronner Polizeivollzugsbeamtin Michèle Kiesewetter als Zeuge geladen wurde.

Von Publikum-Seite wurde an den Autor unter anderem die Frage gerichtet, ob er wegen seiner Recherchen bzw. kritischen Romane bisher bedroht worden wäre, worauf er anmerkte, nach Veröffentlichung seines ersten Romans „Die blaue Liste“ seien tatsächlich anonyme Morddrohungen bei seinem Verleger und ihm selbst eingegangen, er empfand das als extrem unfair hinsichtlich seiner damaligen Erwartungen nach dem Krimi-Debüt: „Alles was jetzt kommt, ist der Büchner-Preis, und dann das!“

Ausführlichere Rezensionen zu „Die schützende Hand“, dem 8. Fall der Georg-Dengler-Serie von Wolfgang Schorlau, finden sich in der WordPress-Community bei Gérard Otremba/Sounds&Books und Heiko Hoeppener/Zeitklang.

Das Oktoberfest-Attentat

An der Nordseite der Münchner Theresienwiese findet sich die Gedenkstätte für die Opfer des Oktoberfest-Attentats, das sich in diesem Jahr zum 35. Mal jährt.
Bei dem Bombenanschlag kamen 13 Menschen ums Leben, unter ihnen auch der mutmaßliche (Mit-)Attentäter Gundolf Köhler, ein Sympathisant der damals aktiven rechtsradikalen „Wehrsport-Gruppe Hoffmann“. Weitere 211 Personen wurden durch die detonierte Rohrbombe verletzt, viele davon schwer.

Da sich der damalige Bundestags-Wahlkampf zwischen dem regierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt und seinem bayerischen Herausforderer Franz-Josef Strauß in den letzten Zügen befand, erhielt das Attentat vom 26. September 1980 in diesen vergangenen Herbstwochen eine besondere politische Brisanz. Strauß, der sich jahrelang auf den linken Terrorismus eingeschossen hatte und unter anderem die seiner Meinung nach laxe Politik des FDP-Innenministers Gerhart Baum für die RAF-Exzesse verantwortlich machte, kam plötzlich in Erklärungsnöte, hatte er doch im Vorfeld die Neonazi-Gruppierung des Nürnbergers Karl-Heinz Hoffmann als verrückte Spinner verharmlost und die Gefahr von rechtsradikalen Attentaten völlig in Abrede gestellt.

Aufgrund des Abschlussberichts von Generalbundesanwalt Rebmann galt Gundolf Köhler nach offizieller Lesart lange als Einzeltäter, obwohl vielfache Zeugenaussagen als auch eine abgetrennte Hand, die aufgrund der Blutgruppe niemandem zugeordnet werden konnte, in eine andere Richtung deuteten. Der Hörfunkreporter Ulrich Chaussy vom Bayerischen Rundfunk stieß bei der Aufarbeitung des Attentats auf zahlreiche Ungereimtheiten und versuchte immer wieder, auf diese hinzuweisen – mit dem Ziel, die Ermittlungen wieder in Gang zu setzen. Der Regisseur Daniel Harrich verfilmte die Recherchen Chaussys 2013 unter dem Titel „Der blinde Fleck“ mit Benno Fürmann in der Hauptrolle, der Film, den ich sehr empfehlen kann, läuft am 4. Februar in der ARD. Gegen Ende dieses spannenden Spielfilms werden auch die Parallelen zu den Ermittlungsfehlern im aktuell laufenden NSU-Verfahren deutlich.

Werner Dietrich, der Anwalt der Münchner Oktoberfest-Attentats-Hinterbliebenen, reichte im September 2014 einen Antrag auf Wiederaufnahme der Ermittlungen ein, diesem wurde am 11. Dezember vergangenen Jahres durch Generalbundesanwalt Range stattgegeben. Die Vernichtung sämtlicher Asservate zu dem Fall im Jahr 1997 dürfte die wiederaufgenommenen Recherchen nicht einfacher gestalten.

Der spannende Polit-Krimi „Das München-Komplott“ (2009, Kiepenheuer & Witsch) des Stuttgarter Autors Wolfgang Schorlau aus der Privatdetektiv-Dengler-Serie basiert auf den selben Ungereimtheiten zur Einzeltäter-Theorie, auch hier wird dieses Ermittlungsergebnis angezweifelt, der Krimi handelt im Wesentlichen von systematischer Spurenverwischung inklusive einiger Morde, und wie bei allen Romanen der Georg-Dengler-Reihe weiß der Leser nie, wo die Fiktion aufhört und ab wann die Realität zum Tragen kommt.

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