Woodpigeon

Withered Hand + Lost Name @ Theater Heppel & Ettlich, München, 2015-05-25

Folk-Hochamt im Theater Heppel & Ettlich: Dort, wo sonst traditionell Comedy und politisches Kabarett geboten wird, lud die Münchner Promoterin Mirca Lotz mit ihrer Booking-Agentur [Fwd: like waves] zu einem herrlichen Liederabend, der vom Münchner Ausnahmegitarristen Andi Langhammer aka Lost Name und seinem jederzeit Song-orientierten Experimental-Folk eröffnete wurde. Lost Name wurde bereits vor kurzem von mir über den Schellenkönig gelobt und ich kann mich zu der Gelegenheit nur wiederholen: die Interaktion von live eingespielten Akustikgitarren-Loops, dem melancholischen Gesang und dem glasklaren, klassisch geschulten Gitarren-Picking und der hochmelodischen Tondichtkunst Langhammers ist etwas ganz Besonderes, ja nahezu Einzigartiges – ergreifend, Andacht-erzeugend und wunderschön. Ich behaupte: der junge Mann ist derzeit eines der größten musikalischen Talente unserer Stadt – A National Treasure! Am Pfingstmontag: Ganz, ganz großer Sport in Spuckweite zu den KULTURFORUM-Konzert-Jahrescharts-Spitzenplätzen!
(***** ½)

Lost Name / Facebook

Den zweiten Teil des extrem gelungenen Bardentreffens, das aufgrund seiner exzellenten Güte wesentlich mehr zahlende Gäste verdient hätte, bestritt der unter dem Namen Withered Hand auftretende Schotte Dan Willson. Der Mann aus Kaledoniens Perle Edinburgh, von Größen wie Jarvis Cocker und Malcolm Middleton hoch geschätzt, glänzte durch resignativ-schwarzhumorige Ansagen („United States. The Portions where big, everything else was dissapointing“), teils bitterböse, teils wehmütig-melancholische Songtexte und beschwingt-dramatisches Straßenmusiker-Gitarrenspiel. Die latent brüchige Stimme Willsons lässt entfernt an den amerikanischen Folk-Musiker Steve Forbert denken, sein Saitenspiel erinnerte mich wiederholte Male an den Native American David Munyon – eine absolut erstklassige Referenz.
Für stimmlichen Support gesellte sich der unter dem Künstlernamen Woodpigeon auftretende Kanadier Mark Hamilton, der an dem Abend als Gast zugegen war, für ein Stück zum Duett mit Withered Hand auf die Bühne und sorgte so für eine zusätzliche, besondere Note an dem rundum begeisternden Liederabend.
(**** ½ – *****)

Withered Hand / Homepage

Viech, Human Abfall, The King Of Cons, Twerps @ Theatron Pfingstfestival, München, 2015-05-24

PFINGSTTHEATRON München 2015-05-24 TWERPS (13)

Das Jugendkulturwerk der Stadt München veranstaltete in diesem Jahr zum fünfzehnten Mal das Theatron Pfingstfestival auf dem Münchner Olympiagelände, bei größtenteils passablem Wetter traten an drei Tagen Nachwuchs-Künstler und -Bands aus aller Herren Länder vor den gut gefüllten Rängen der Freiluftbühne neben der Olympia-Schwimmhalle auf. Das Festival wird in Zusammenarbeit mit Queerbeat, Moskitoevent, dem Kulturreferat/Technik, der Olympiapark GmbH und CybeGraphics Webdesign ausgerichtet und von Thomas Lechner und seinen Mitarbeitern vom Konzertveranstalter Queerbeat in ausladender Form moderiert.

Ich bin erst am zweiten Festivaltag eingestiegen, darum stelle ich hier zur Einleitung kurz alle Acts vor, die ich gerne gesehen hätte, aber zwecks anderweitiger Termine/Verpflichtungen versäumte:

M185 aus Wien – Hätten neben diversen anderen Bands am Samstag gespielt. Scheppernder, vielversprechender Indie-Rock aus der österreichischen Hauptstadt. Die nächsten Strokes?

Am Sonntag eröffnete Mark Hamilton aka Woodpigeon den Festival-Tag. Den hätte ich nicht nur gerne gesehen, weil er von meiner Bekannten Mirca und ihrer Konzertagentur [Fwd: like waves] promotet wird, auch wegen seinem beseelten Songwriter-Folk wäre mir der Mann aus Toronto/Kanada voll reingelaufen, allein, ich musste den Löwen beim Abschenken im Karlsruher Wildpark zusehen und hinzittern, dass Aue nicht noch eine Bude zum endgültigen 1860-Abstieg versenkt. Wie es der Zufall wollte, sollte ich den kanadischen Hünen Tags darauf dann doch noch für einen kurzen Auftritt auf einer Münchner Bühne sehen, aber davon später mehr.

Montags ging mir wegen Terminüberschneidungen der Schweizer Klaus Johann Grobe mit seinem nervös-monotonen Orgel-Indie-Pop durch die Lappen:

Mit den letzten Stücken der Grazer Power-Pop-Combo Viech bin ich dann ins Geschehen eingestiegen, das Vernommene war mir an der ein oder anderen Stelle zu sehr in gefährlicher Hubert-von-Goisern-Nähe, die Gesellschaft auf den Rängen war allerdings recht animiert und fand’s leiwand. Kumpel Oliver, der beim Konzert als Zuhörer über die volle Distanz ging, meinte auch, dass das was taugte und so will ich schweigen und nicht weiter rummotzen.

Mächtig Eindruck hinterlassen haben dann Human Abfall, eine Deutsch-Punk-Combo aus Stuttgart mit ihrem Working-Class-Ansatz, ihrer Clash-orientierten-Gitarrenrhythmik und ihrer faszinierenden Textmixtur aus linkem Agit-Prop und monoton-repetitivem, literarischem Dadaismus.
In der Gesamtheit erinnerte dies angenehm an Punker-Mucke aus deutschen Landen der ersten Stunde im Stil von S.Y.P.H., Mittagspause und Monarchie-und-Alltag-Fehlfarben.
Mit Flávio Bacon hat die Band einen Agitator an vorderster Front in ihren Reihen, der durch seinen zornigen Vortrag weit über die Grenzen der Rolle des herkömmlichen Sängers hinausgeht und vehement an idealtypische Schauspiel-Kunst im Sinne des Brecht’schen epischen Theaters erinnert.

An allen drei Tagen gab der Münchner Franko van Lankeren aka The King Of Cons nach eigenen Worten den Pausenclown, was aufgrund der Güte seiner feinen Folksongs geradezu despektierlich anmutet. Auf der Wanderklampfe zelebrierte der König der Betrüger feinstes Gitarrenpicking nebst Bluesharp-Gebläse zur Begleitung seiner ansprechenden Songwriter-Balladen. Bob „Der Meister“ Dylan feierte am Sonntag sein 74. Wiegenfest und so passte der Vortrag des jungen Münchners ganz wunderbar zum Geburtstag der Songwriter-Legende.

Im Anschluss stand die Combo mit der bis dato weitesten Anreise der fünfzehnjährigen Theatron-Historie auf der Bühne, die Twerps aus dem australischen Melbourne verzückten das Publikum mit ihren Indie-Gitarrenpop-lastigen Reminiszenzen an die Frühphase ihrer Landsfrauen und -männer von den Go-Betweens sowie an neuseeländische Bands des legendären Flying-Nun-Labels wie The Chills, die Bird Nest Roys, The Sneaky Feelings oder The Clean. Manch einer mag im Zusammenspiel der jungen Australier eine Weiterentwicklung zu den prominenten Vorbildern hören, da gehe ich nur äußerst bedingt mit, enormen Spaß hat diese Spielart des Achtziger-Retro-Sounds allemal gemacht.