Reingelesen (47): Iris Radisch – Camus

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„Ich bereue die stumpfsinnigen und schwarzen Jahre, die ich in Paris verbracht habe.“
(Albert Camus)

Iris Radisch – Camus – Das Ideal der Einfachheit. Eine Biografie (2013, Rowohlt Verlag)

Vor drei Jahren hätte Albert Camus seinen hundertsten Geburtstag gefeiert, auch wenn dieser Tage der aktuelle Anlass fehlt, ein Lesen in der Biografie, die ihm die Literatur-Journalistin Iris Radisch zum Jubiläum verfasste, lohnt nach wie vor.

Radisch gelingt neben einer stringenten, nüchtern-lakonisch erzählten, auf das wesentliche konzentrierten und gut zu lesenden Biografie das Kunststück, den wie in der Person Camus selten gegebenen Fall zu dokumentieren, in dem das Leben und das Werk eines Schriftstellers eine einzigartige Symbiose eingehen.

„Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern: Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer.“
(Albert Camus)

Gegliedert in zehn Kapitel nach den von Camus selbst definierten Schlagwörtern/Themen seines Lebens zeigt Iris Radisch vor allem den von seiner Kindheit und dem einfachen Leben in Algerien geprägten Autor, dem die Szene der intellektuellen Pariser Zirkel zeitlebens fremd blieb, der weit mehr das Leben der freien Mittelmeer-Anwohner idealisierte und sich so in krassem und letztendlich unüberwindbarem Gegensatz zu einem wortreichen Geschichtsphilosophen wie seinem späteren Opponenten Jean-Paul Sartre fand.

„Die Sonne lehrte mich, dass die Geschichte nicht alles ist.“
(Albert Camus)

Geboren 1913 in Algerien, wächst Camus in einfachsten Verhältnissen auf, den Vater lernt er nie kennen, Lucien Camus fällt kurz nach Alberts Geburt im ersten Weltkrieg, die Familie zieht nach Algier in das Arme-Leute-Viertel Belcourt. Camus entflieht der gefühlskalten und stummen Welt seiner autistisch veranlagten Analphabeten-Mutter Catherine (die er gleichwohl Zeit seines Lebens verehrt) dank seines Lehrers Louis Germain, der das Talent des jungen Albert erkannte und seinen Gymnasial-Besuch förderte, letztendlich der entscheidende Schritt heraus aus seiner Bildungs-fernen Umgebung hin zur Philosophie, Literatur und sportlichen Ertüchtigung.

„Der Mensch an den Küsten des Mittelmeers, der – jedenfalls nach Ansicht des Mittelmeerbewohners Camus – alle Freuden und alle Leiden mit ganzer Kraft und ganzem Herzen genießt, ist sein Vorbild. Niemals würde dieser Sommermensch den trüben Ideen des Aufschubs, des Sparens, der Sublimation und des Triebverzichts im Namen einer kalten Vernunft folgen.“
(Iris Radisch, Camus, 2. Kapitel, Der Sommer)

1930 erkrankt Camus an einer schweren Lungentuberkulose, für mehrere Monate begibt er sich, Zauberberg-gleich, in ein südfranzösisches Sanatorium. Nach seiner Rückkehr erhält er über einen Literatur-interessierten Onkel Zugang zur Kunst, er studiert Philosophie, heiratet in die algerische Oberschicht ein und tritt der kommunistischen Partei bei, weder Ehe noch Parteizugehörigkeit sind von langer Dauer. Am Kommunismus kritisierte er den „falschen Rationalismus“, die „Illusion vom Fortschritt“, den Klassenkampf und den historischen Materialismus, das Glück und den Triumph der Arbeiterklasse, da blieb folglich nicht mehr viel übrig für eine gemeinsame politische Basis.
Camus und die Frauen, auch dies Zeit seines Lebens ein schwieriges Kapitel. Die verehrte Mutter bezeichnete er als „unförmiges Tier“, an den zahlreichen Geliebten beeindruckte ihn einzig die „natürliche Einfalt“, Frauen langweilten ihn dem Vernehmen nach außerhalb der Liebe, dennoch war er in zahllose Affären verwickelt, oft in mehrere gleichzeitig, auch und vor allem während seiner zweiten, zwanzig Jahre bis zu seinem Tod währenden, unglücklichen Ehe mit seiner zweiten Frau Francine, die aufgrund der amourösen Abenteuer ihres Gatten phasenweise in schwere Depressionen verfiel, welche in einem Selbstmord-Versuch gipfelten.

1940 geht Camus nach Paris, in Algerien kann er seine zwischenzeitliche Journalisten-Tätigkeit aufgrund der Zensur, bedingt durch den Ausbruch des zweiten Weltkriegs, nicht mehr ausüben, sein langjähriger Freund und Förderer Pascal Pia besorgt ihm eine Reporter-Stelle bei der Pariser Zeitung France-Soir.
Ab Anfang der vierziger Jahre erscheinen seine ersten literarischen Werke wie das Theaterstück „Caligula“, die philosophische Abhandlung „Der Mythos des Sisyphos“ über das Absurde und sein erster Roman „Der Fremde“ über einen emotions- und antriebslosen Menschen, der nach einem begangenen Mord auf seine Hinrichtung wartet, der Roman gilt als eines der Hauptwerke des Existentialismus und steht in enger Beziehung zum posthum veröffentlichten Werk „Der glückliche Tod“.
Während der Besatzung arbeitet Camus beim Verlag Gallimard als Lektor, er schließt sich der Résistance an, schreibt zusammen mit Pia für das linke Untergrund-Blatt Combat und arbeitet an seinem Roman „Die Pest“ über den durch die Seuche verursachten Ausnahme-/Belagerungszustand, eine Metapher für die deutsche Besatzung, der 1947 erscheint und hinsichtlich Verkaufszahlen und literarischem Renommee den Durchbruch für den Autor bedeutet.
Noch vor Kriegsende lernt Camus Simone de Beauvoir und Sartre kennen, er verkehrt in Pariser Intellektuellen- und Künstlerkreisen, zusammen mit Picasso, Leiris, Éluard. Heimisch fühlt sich der im Norden Afrikas aufgewachsene, vom Ideal des Mittelmeer-Menschen faszinierte Autor nie in der vom zentraleuropäischen, kühlen Rationalismus geprägten Attrappenwelt, dem „Pariser Totentanz vor prächtiger Kulisse„.
Nicht zuletzt die unterschiedliche Einschätzung der Bedeutung der Résistance und die jeweils eigene Rolle während der deutschen Besatzung führen rasch zu einer Abkühlung im Verhältnis Camus/Sartre: „Man muss wissen, was man will. Der Anschein trügt, ich habe nicht viele Gemeinsamkeiten mit Sartre, weder mit dem Mann, noch mit dem Werk.
Spätestens nach Sartres vernichtendem Verriss zu Camus‘ Essay „Der Mensch in der Revolte“ ist das Verhältnis unheilbar zerrüttet.

„Ohne Pascal Pia an seiner Seite wäre Camus in diesen Jahren verloren gegangen. Er wäre das fünfte Glied einer braven Lehrerfamilie in Oran geblieben, still vor sich hin leidend, ab und zu einer Affäre nachgehend, seine Bücher im algerischen Kleinverlag Charlot publizierend. Ohne diesen großartigen, begeisterungsfähigen und bedingungslos engagierten Journalisten hätten wir von Camus wahrscheinlich nie etwas gehört.“
(Iris Radisch, Camus, 2. Kapitel, Die Ehre)

Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, wird Camus Vater der Zwillinge Jean und Catherine, er hat bis zu seinem Tod ein distanziertes Verhältnis zu seinen Kindern.
Camus schreibt weiter für den Combat. 1946 lernt er den Dichter René Char kennen, das südfranzösische, Sonnen-durchflutete Lourmarin, wo der neue Freund in der Nähe lebt, wird für Camus zum Sehnsuchtsort, später erwirbt er ein Haus in dem Provence-Ort.
1951 erscheint „Der Mensch in der Revolte“, in der Essay-Sammlung rechnet er unter anderem mit dem Stalinismus ab, Sartre wirft ihm den Verrat linker Ideale vor, für den Pariser Intellektuellen waren die Moskauer Schauprozesse eine in Kauf zu nehmende Notwendigkeit im Hinblick auf die Entwicklung des sozialistischen Ideals. Die Geschichte sollte Camus posthum Recht geben, auch hinsichtlich seiner geäußerten Wachstumskritik und seinem visionären Eintreten für ein geeintes Europa bei gleichzeitiger Warnung vor der deutschen Dominanz im kontinentalen Verbund.
Schade eigentlich, dass Camus die Stammheimer Hanswursterei des Baader-Besuchs seines Widersachers Sartre nicht mehr erleben durfte, Radisch merkt hier an, sein Kommentar wäre wohl folgender gewesen: „Ein Mensch macht so etwas nicht.“

In den folgenden, von Selbstzweifeln geprägten Lebensabschnitt fallen die Veröffentlichung des Romans „Der Fall“ (1956) über die Lebensbeichte und den Sündenfall des Richters Jean-Baptiste Clamence und die Verleihung des Literatur-Nobelpreises 1957, über die Camus in seinem Tagebuch vermerkt: „Nobelpreis. Eigenartiges Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Wehmut.
1954 beginnt der Aufstand der algerischen Befreiungsfront gegen die Franzosen, Camus‘ Vermittlungsversuche scheitern, ein Algerien ohne Frankreich kann sich der Star-Autor nicht vorstellen.
Ende der fünfziger Jahre lässt er sich im Haus in der Provence nieder, die lang ersehnte Rückkehr zur Sonne des Mittelmeer-Raums. Camus arbeitet am Manuskript zu „Der erste Mensch“, einem von stark autobiographischen Zügen geprägten Roman über das Suchen nach Identität eines Algerien-Franzosen und den Traum vom einfachen Leben. Das Werk wurde 1994 unvollendet posthum veröffentlicht.
Camus scheint das zentrale Thema seiner Arbeit und die dafür ideale Örtlichkeit in dieser Phase seines Lebens gefunden zu haben, dieses Glück ist ihm leider nicht lange gegönnt. Am 4. Januar 1960, auf der Fahrt von Lourmarin nach Paris, verunglückt der Wagen seines Freundes Michel Gallimard und prallt gegen einen Baum, Camus als Beifahrer ist auf der Stelle tot, Gallimard stirbt zehn Tage später.
Albert Camus wurde 46 Jahre alt. Er ist auf dem Friedhof von Lourmarin bestattet. Das Vorhaben des früheren französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozys, die sterblichen Überreste des Schriftstellers in den Pariser Pantheon zu überführen, scheiterte vor einigen Jahren am Veto seines Sohns Jean Camus.

„Als er schließlich das Haus in Lourmarin bezogen, Paris hinter sich gelassen und die Einfachheit gefunden hat, nach der er sich sehnt; als es ihm schließlich gelungen ist, seinen Stil so zu verwandeln, dass er die wortlose und schlichte Welt seiner Mutter wiederauferstehen lassen kann – stirbt er. Es ist das größte Paradox seines Lebens: Er stirbt buchstäblich in dem Augenblick, in dem alles beginnen könnte.“
(Iris Radisch, Camus, 10. Kapitel, Die Wüste)

Iris Radisch hat die Biografie über Albert Camus nüchtern, ohne Sentimentalitäten und ohne überflüssige, unangebrachte Beweihräucherung geschrieben, jederzeit aber dem Werke Camus‘ zugewandt, sie benennt die Brüche in der Vita und die emotional-emphatischen Defizite in der Persönlichkeitsstruktur des einstigen Star-Autors ohne Umschweife. Sie zeigt gekonnt die Wechselwirkungen und gegenseitigen Einflüsse in Werk und Leben des Autors, in der Sprache klar, auf den Punkt gebracht.
Das einfache Leben, wie es im Untertitel des Buches zum Ideal erhoben wird, bleibt bei Camus zu großen Teilen Wunschvorstellung, die Umstände, seine Selbstzweifel und sein Hinterfragen des Seins und des Handelns verhindern die Umsetzung, die Autorin arbeit diesen Aspekt dem Thema des Buches gemäß umfassend heraus. Seiner Einstellung zu den Frauen steht Iris Radisch gebührend kritisch gegenüber.
Und sie macht mit ihrer Abhandlung über Camus vor allem eins, nicht zuletzt in ihrer knapp gehaltenen Funktion als Werk-Biographie: Lust darauf, die Schriften des Nobelpreisträgers (wieder) zu entdecken.

Der Einfluss Camus‘ im Kulturbetrieb reicht weit, Philosophen und Literatur-Wissenschaftler setzen sich bis heute mit seinem Werk auseinander, dem ungarischen Literaturnobelpreisträger Imre Kertész verhalf die Lektüre von „Der Fremde“ zum Finden der richtigen Sprache zur Schilderung seiner Erlebnisse in Auschwitz und Buchenwald im „Roman eines Schicksallosen“, die englische Düster-Band The Cure verarbeitete die Schlüsselszene aus „L’Étranger“ in ihrer ersten Single „Killing An Arab“ (1978, Small Wonder / Fiction Records), der Ursprung des Bandnamens der Manchester-Postpunk-Kultcombo The Fall liegt auf der Hand, um nur einige Beispiele zu nennen.

Iris Radisch wurde 1959 in Berlin geboren. Nach dem Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie war sie als Literatur-Kritikerin für die „Frankfurter Rundschau“ tätig,  1990 wechselte sie als Redakteurin zur Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“, wo sie seit 2013 das Feuilleton leitet. Daneben wurde sie einem breiteren Publikum durch ihre TV-Auftritte in den Sendungen „Das literatische Quartett“, „Bücher, Bücher“ und „Literaturclub“ bekannt.

 

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8 Kommentare

    1. Die Biografie liest sich gut und macht Laune. Hab viele Sachen von Camus (wie Du vor Jahrzehnten) gelesen, ein paar Sachen hab ich jetzt mal rausgekramt, mal sehen, Lust hätte ich schon mal wieder…
      Liebe Grüße,
      Gerhard

      Gefällt 1 Person

  1. sehr umfänglich rezensiert. die mühe macht mich neugierig.
    ich bin ein camus-affiner und habe seine bücher stets verschlungen.
    zeit für darstellungen zu seinem und über sein leben hatte ich mir bislang nicht genommen. werde das ändern.

    Gefällt 1 Person

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