Post-Rock

Reingehört (471): 42DE

42DE – EP (2018, Fluttery Records)

Das süditalienische Instrumental-Quartett 42DE hat dieser Tage beim kalifornischen Postrock-Label Fluttery Records angeheuert, im Vorfeld zur Veröffentlichung des demnächst anstehenden ersten Longplayers „Fall Of The Moon“ legt die Plattenfirma die schlicht „EP“ betitelte EP der Band aus Palermo neu auf, das Werk wurde von der Combo selbst erstmals im Sommer 2015 über Bandcamp zwecks Streaming und Download ins Netz gestellt.
Die fünf Titel dokumentieren umfänglich die Schnittmenge der musikalischen Vergangenheit der vier jungen Italiener, die sich in früheren Jahren in diversen Punk- und Hardcore-Combos ihre ersten Meriten erwarben. Die Gitarren-Crescendi des handelsüblichen Postrock dominieren auffallend selten den Sound und geben nur vereinzelt die Richtung in der Entwicklung der instrumentalen Dramatik vor. Schroffe Akkorde, energetischer Saiten-Anschlag und versierte technische Finessen erweitern das Farben-Spektrum des Klangbilds mit Gesangs-freien, ausgedehnten Postpunk/core-Passagen und punktuellen Mathrock-Schattierungen, eingangs kommt gar eine verspielte New-Wave-Luftigkeit zum Tragen, die für den gewichtigen Postrock eine Spur zu fröhlich flattert und sich mit der Erkenntnis dementsprechend zügig hinwendet zu vertrauter Moll-Melancholie, atmosphärischem Hall, verschlungenen Gitarren-Attacken, emotionalen Ausbrüchen und dunklen, nachdenklichen Ambient-Intermezzi.
Die 20 Minuten des gut abgehangenen, jetzt in 2. Auflage erscheinenden Tonträgers sind laut Band der Prototyp zum kommenden Volle-Länge-Werk – „which is going to display a better-defined version of the same story“ – und werden damit ihrem Ansinnen zum Anfixen der Sucht nach mehr vollauf gerecht.
Der 42DE-„EP“-Reissue ist ab morgen, Samstag, 14. Juli, im gut sortierten Fachhandel, über Bandcamp oder die Fluttery-Records-Homepage am Start. Have a nice weekend, mit feinem sizilianischem Postrock-Stoff.
(*****)

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Reingehört (467): Oiseaux-Tempête & The Bunny Tylers

Oiseaux-Tempête – TARAB طرب / Live (2018, Sub Rosa)

Sturmvögel Live, Volume 1: Die beiden Pariser Musiker Frédéric D. Oberland und Stéphane Pigneul von Oiseaux-Tempête haben im vergangenen Jahr mit „AL-‘AN ! الآن (And Your Night Is Your Shadow – A Fairy​-Tale Piece Of Land To Make Our Dreams)“ einen der herausragendsten Tonträger seit langem im experimentellen Postrock veröffentlicht und mit den Konzerten zum Präsentieren des exzellenten Materials nicht minder Eindruck hinterlassen, unter anderem auch bei ihrem fulminanten Auftritt in der Münchner Glockenbachwerkstatt, auf dem dieser Tage erschienenen Live-Album „TARAB طرب“ haben sie die magischen Momente der 2017er-Tour für die Nachwelt eingefangen.
Oberland und Pigneul zeichnen mit Hilfe von Musikern des libanesischen Johnny Kafta Anti-Vegetarian Orchestra, des Beiruter Drone-Duos The Bunny Tylers, Drummer Sylvain Joasson, Sampling/Electronica-Mixer Mondkopf und dem niederländischen The-Ex-Sänger G.W. Sok in dominierend dunklen Klangfarben ein düster funkelndes Bild in der thematischen Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation im Nahen Osten, die acht ausgedehnten, oft weit über zehn Minuten langen Werke speisen sich naheliegend aus den Titeln der letztjährigen Veröffentlichung, aus ausgewählten Titeln vom 2015er-Album „ÜTOPIYA?“ sowie einer Handvoll bis dahin exklusiv live vorgetragener neuer Arbeiten wie dem intensivem, sich rauschhaft in Einklang mit der Musik steigerndem, von G.W. Soks großartigen Spoken-Word-Tiraden getragenem „Tuesday And The Weather Is Clear“.
Orientalische Mystik trifft auf arabischen Folk, freie Improvisation und Free-Jazziges auf eine Psychedelic, die nachhaltig in gehobene, vor allem abgehobene Klangregionen führt, Electronica, Sampling und schwere Drones auf den unvergleichlichen Postrock von Oiseaux-Tempête, der mitunter Tiefgang und Schwere des Doom- und Post-Metal nicht nur andeutet, sondern mit ureigenen, anderen, Genre-untypischen Mitteln umsetzt. Die Band erschafft zuforderst mit maßgeblicher Hilfe der beteiligten Musiker aus dem Libanon eine beziehungsreiche, vielschichtige musikalische Metapher im nachdenklichen, empathischen Grundton, die eine unterschwellige Bedrohung mitschwingen lässt und die fragile politische Situation im Nahen Osten in gedeckten Tönen abbildet.
Die Aufnahmen sind erfreulich weit entfernt vom herkömmlichen konzertanten Abbilden bereits bekannter Studio-Einspielungen, funktionieren darum als eigenständiges Gesamtkonzept und unterscheiden sich somit fundamental von handelsüblichen Live-Best-Of-Alben anderer Künstler. Viel mehr als nur eine sinnvolle Ergänzung zum bisher noch überschaubaren, komplett und mit Nachdruck empfehlenswerten Gesamtwerk der französischen Postrock-Institution.
(***** – ***** ½)

Oiseaux-Tempête & The Bunny Tylers – The True History Of The Tortoise & The Hare According To Lord Dunsany / Live At Reunion On March 19, 2016 (2018, Ruptured / Cargo Records)

Sturmvögel Live, Volume 2: Bereits aus 2016 stammt die gleichfalls aktuell veröffentlichte Aufzeichnung eines Konzerts, das Oiseaux-Tempête zusammen mit dem libanesischen Coldwave-Duo The Bunny Tylers seinerzeit im Beiruter Club Reunion spielten. In der französisch/nahöstlichen Kollaboration mit Charbel Haber und Fadi Tabbal zünden Oberland und Pigneul eine weitere Stufe ihres experimentellen Postrock-Ansatzes, der hier in sieben langen, ineinander fließenden Instrumental-Arbeiten einer einheitlichen, komplexen Komposition in stilistische Grenzen überwindende Space- und Krautrock-Sphären driftet. Der individuelle Progressive-Ansatz der Pariser Sound-Pioniere ist hier von einem gedehnten, bedrohlichen Downtempo-Virus befallen, das sich langsam, nichtsdestotrotz nachdrücklich, gründlich und vor allem schwerst Klangbild-prägend ausbreitet durch die Trip-artigen, abstrakten, dunkel schimmernden Drones und Ambient/Trance/Electronica-Infusionen der beiden Bunny Tylers, die sich ohne Brüche an den Nahtstellen wunderbarst in die geheimnisvoll schwelenden Instrumental-Improvisationen fügen.
Exzellente Klangreise und beispielhafter Ausflug in den jungen, vielschichtigen Beiruter Musik-Underground, in dem der damals mitten in die Wirren des Libanesischen Bürgerkriegs hineingeborene Bunny-Tyler-Gitarrist Fadi Tabbal neben seiner Profession als Musiker und Komponist eine zentrale Rolle spielt als Betreiber der Tunefork Recording Studios und Patron des Beirut Open Space, einer Bühne als Treffpunkt und Raum zum Austausch für libanesische und arabische Indie-, Experimental- und Folk-Musiker.
(*****)