Post-Rock

Reingehört (543): Fly Pan Am

Fly Pan Am have always and reliably been much more than the sum of their influences and of their own constituent parts.

Fly Pan Am – C’est ça (2019, Constellation Records)

Le Fly Pan Am: Die Maschinen der namensgebenden US-amerikanischen Fluggesellschaft Pan American World Airways commonly known as Pan Am sind Ende 1991 durch Firmenpleite endgültig am Boden der Tatsachen hängen geblieben, von der kanadischen Post/Experimental-Rock-Formation Fly Pan Am waren seit Verkündung ihrer Auszeit im Jahr 2006 bis auf weiteres auch keine Höhenflüge mehr zu erwarten. Dass ein „indefinite hiatus“ im schlimmsten Fall das wahrscheinliche Band-Ende bedeuten kann, zeigt die Geschichte der hochverehrten Straight-Edge-Musikanten von Fugazi, Funkstille hier seit nahezu 17 Jahren in Sachen politisch korrekter DIY-Postcore.
So weit haben es Fly Pan Am nicht kommen lassen und im vergangenen Jahr einen Reunion-Gig in Montreal angeleiert, schnell war man sich einig, dass genug gemeinsamer Wille und musikalische Visionen für weitere Band-Aktionen bei allen Beteiligten vorhanden waren, nach über einer Dekade an Alleingängen und anderweitigen Kollaborationen (siehe u.a. mit Avec Le Soleil Sortant De Sa Bouche). Die Wiedervereinigung wird in Kürze mit dem kommenden Album „C’est ça“ dokumentiert, dem ersten neuen Tonträger des Quartetts seit über fünfzehn Jahren, für den Spätsommer zur Veröffentlichung angezeigt.
Die Herrschaften Parant, Morel, Truchy und Tellier-Craig aus Quebec brennen auf Longplayer Nummer 4 das erwartet bunte und komplexe Feuerwerk an experimentellen Sound-Ideen ab, mit Einflüssen aus klassischem Prog-Rock, mit Echos aus den Aufbruch-Tagen des avantgardistischen und Grenzen niederreißenden Postpunk, mit dekonstruierenden wie wiederbelebenden Ideen zu festgefahrenen Postrock-Mustern und zahllosen abstrakten Beigaben aus dem Electronica-Maschinenpark. Luftig lichternde Shoegazer-Nummern werden von dissonantem Drone-Störfeuern und Synthie-Samples überlagert, treibender Kraut/Space-Flow von verfremdeten Industrial-Interferenzen sabotiert und monotoner Minimal-Drift von schwer greifbaren Psychedelic-Nebeln und virulenten Noise-Pop-Querschlägern durchdrungen. In jeder der neun neuen Kompositionen finden sich mehr Klang-forschende Impulse und mutigere Wagnisse an tonalen Abenteuern als in so manchem vergleichbaren Künstler-Gesamtkatalog, permanent parallel umgesetzt, in mehrschichtigen Sound-Layern gleichzeitig oder in spontaner, impulsiver Ergänzung. Das strenge und konventionelle Song-Schema ist in diesem an kreativem Reichtum überbordenden Konzept obsolet, das Gebot vom sparsamem Zutaten-Einsatz stellt sich für Fly Pan Am nicht. Aus dem Vollen schöpfen Hilfsausdruck, um den alten Haas mal wieder ins Spiel zu bringen.
„C’est ça“ von Fly Pan Am erscheint am 20. September beim kanadischen Indie-Label Constellation Records in Montreal. Lösen Sie Ihren Flugschein und entschwinden Sie in andere Sphären, garantiert Klima-neutral und ohne Bruchlandung.
(***** – ***** ½)

Reingehört (541): MIS+RESS

MIS+RESS – Dispellers (2019, Sound In Silence)

MIS+RESS ist das Solo-Projekt des US-amerikanischen Sound-Tüftlers Brian Wenckebach aus New Jersey, der neben seinen eigenen Klang-Exkursionen in diversen anderen Electronica/Experimental-Unternehmungen mitmischt, for example zusammen mit dem aktuellen Tangerine-Dream-Musiker Ulrich Schnauss beim Elektronik-Pop-Trio Measured. Mit seinem kürzlich veröffentlichten Album „Dispellers“ gelingt ihm der Spagat zwischen digitalen, abstrakten, feinen Ambient-Tönen und analogen, geloopten Überblendungen an Gitarren-Melodien im melancholisch-verträumten Postrock-Flow. Wie bei gutem Ambient wird hier das Langatmige und Monotone weitest möglich ausgespart, dafür die geneigte Hörerschaft an die Hand genommen und hypnotisch in andere Sphären gebeamt, via Space-Sound mit reduzierten Mitteln, effektivst zur gefälligen Entfaltung gebracht. Das Album präsentiert acht elegante, unaufgeregte Sound-Miniaturen im milden Hall und mit augenscheinlichem Pop-Appeal, die Nummern hätten bei entsprechendem Libretto bisweilen das Zeug zu dunklen, emotional anrührenden LoFi-Shoegazer-Songs.
„Dispellers“ ist im April beim griechischen DIY-Label Sound In Silence in Athen erschienen, in einer limitierten Kleinst-Auflage von 200 handgefertigten und nummerierten CD-Kopien oder als digitaler Download über Bandcamp.
(*****)