Americana

Soundtrack des Tages (207): J.S. Ondara

Junger Kenianer landet 2013 mit wenig Kohle in der Tasche in Minneapolis, spricht kaum Englisch, spielt nur leidlich Gitarre und verehrt Dylan. Anders als der Nobelpreis-Bob ist er mit einer wohltönenden Stimme gesegnet und kann singen, sogar richtig gut. Vor ein paar Tagen ist das Debüt-Album „Tales Of America“ von J.S. Ondara erschienen, und wenn das speziell aufgrund dieses unverkennbaren Gesangs nicht total durch die Decke geht, dann läuft irgendwo ein Ball völlig verkehrt…

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Reingehört (512): William Tyler

William Tyler – Goes West (2019, Merge Records)

Nächster Schritt in Richtung solistische Etablierung: Der amerikanische Ausnahmegitarrist William Tyler wird im Line-Up seiner langjährigen Stammformation Lambchop mittlerweile als „Ex“ gelistet, bereits 2016 arbeitete er vorzugsweise am eigenen, grandiosen Instrumental-Werk „Modern Country“ und tauchte im selben Jahr weder in der Besetzungsliste zum gleichfalls nicht zu verachtenden Alternative-Country-/Electronica-Hybrid „FLOTUS“ noch im Reise-Tross zur konzertanten Promotion des Albums seiner ehemaligen Weggefährten um Wagner-Kurtl und Co auf, irgendwann in jenen Tagen müssen sich die Wege von Tyler und Lambchop getrennt haben.
Auf seinem Wurf vor zweieinhalb Jahren glänzte der Musiker aus Nashville/Tennessee mit einem Mix aus Ambient, Akustik-Folk und Country-Experimenten, der neben brillanten Gitarren-Meditationen vor allem durch seine glasklare Reinheit bestach, an diesem Ansatz knüpft er jetzt mit seiner jüngsten Veröffentlichung in voller Band-Montur nahtlos an und gibt ihm eine dezent neue Richtung.
Auf „Goes West“ präsentiert sich Tyler als versierter Vertreter einer zeitgemäßen Spielart der American Primitive Guitar, in der er mit ruhiger Hand, quasi mit links, eine Vielzahl an folkloristischen Elementen aus unterschiedlichsten Ecken dieser Erde einfängt und mit seiner Interpretation von instrumentaler Country-Musik und tiefenentspannter Americana in Verbindung bringt. Tyler ist ein Meister der filigranen, einfachen und unaufgeregten Strukturen, einer, der mit seinem exorbitanten Können nicht hausieren gehen muss, weil es für jeden Menschen mit halbwegs funktionierenden Gehörgängen in jedem Ton evident ist. Die technische Finesse ist das eine, ohne Seele bleibt das letztendlich immer nur antrainierter Sport, William Tyler musste sich über derart Eindimensionales hingegen noch nie den Kopf zerbrechen, heute nicht anders als in vergangenen Zeiten kommt in den aktuellen Arbeiten einmal mehr sein Talent für griffige, anrührende Melodien zum Tragen. Trotz sparsamer Tempi-Wechsel und unkomplizierter Kompositionen trägt das Konzept über die volle Distanz.
Bill Frisell, ein weiterer hochverehrter Großmeister der sechs Saiten, steuert seine elektrischen Gitarren-Tunes auf der finalen Nummer „Our Lady Of The Desert“ bei, hier haben sich wahrlich zwei herausragende Vertreter ihrer Zunft in segensreicher Mission zusammengetan.
Vielleicht ist diese Welt nicht mehr zu retten, immerhin wird sie durch Ohrenschmeichler und Seelenmassagen, wie sie auf „Goes West“ zuhauf zu finden sind, etwas erträglicher. Seit Ende Januar als Naturheil-Präparat in analogen und digitalen Formaten beim Sound-Pharmazeuten Ihres Vertrauens vorrätig.
(*****)

Reingehört (510): Steve Gunn

You think your life is so empty but it’s really so full
All the things you never thought mattered
(John Cale, Where There’s A Will)

Steve Gunn – The Unseen In Between (2019, Matador)

In den letzten Jahren hat er mit seinen Solo-Arbeiten nicht als Veröffentlichungs-Weltmeister geglänzt, doch wenn er ablieferte, dann stets im Segment der gehobenen Qualität: „Brooklyn-based“ Songwriter und Ausnahmegitarrist Steve Gunn – mit den Appalachen-Traditionalisten von den Black Twig Pickers, in Experimental-Psychedelic-Kollaboration mit seinem langjährigen Kompagnon John Truscinski oder eben unter eigener Firma, wo Gunn draufsteht, ist erwartungsgemäß Erbauliches drin. Fügt sich bei seinem aktuellen, vor ein paar Wochen erschienen neuen Album „The Unseen In Between“ keinen Deut anders.
Seit seinem letzten Solo-Werk „Eyes On The Lines“ sind gut zweieinhalb Jahre ins Land gezogen, was Tiefenentspannung und völlig unaufgeregtes, unangestrengt virtuoses Songwriting wie Umsetzung in Sachen amerikanischer Folk- und Indie-Rock anbelangt, ist die Zeit am aktuellen Output von Steve Gunn weitestgehend spurlos vorübergegangen, Gottlob möchte man anmerken, eine willkommene Konstante in diesen wirren Tagen der Schnelllebigkeit.
Durch die neun Kompositionen weht oft mehr als nur ein Hauch von luftigem, wie locker aus dem Ärmel geschütteltem Psychedelic-Folk-Rock, der trotz seiner trügerischen Leichtigkeit nie den Tiefgang und die gewichtige Substanz dieser Americana-Perlen komplett zu verschleiern mag, dafür sorgt allein schon die auch für den Laien unverkennbare Könnerschaft des großen Gunn, explizit durch seine frei fließende, gleichsam in sich ruhende, behutsame Gitarren-Dominanz.
Die Nummer „Vagabond“ hat nichts weniger als Go-Betweens-Qualitäten, die Grant-McLennan-Abteilung, großartig melancholisch swingender Indie-/Country-Pop inklusive wunderschön verhallter Backing Vocals von Meg Baird und dezent singender Pedal-Steel-Gitarre, hätte in der Form ohne Zweifel auch der sonnigen „16 Lovers Lane“-Unbeschwertheit der hochverehrten Australier Ehre gemacht.
Die als Akustik-Ballade arrangierte Zuneigung zur zugelaufenen Katze „Luciano“ vermögen selbst die Streicher-Sätze nicht in die Niederungen des Kitsches zu ziehen, Steve Gunn erweist sich sich hier wie stets als Meister des Dezenten. „New Familiar“ glänzt mit dem vertrauten Cosmic-American-Flow, ein in Töne gegossenes Nachhause-Kommen und der Song für all jene, die von den Grateful Dead aus dieser Ecke sowieso schon alles kennen und eine runderneuerte, zeitlose Modernisierung des hypnotischen Frühsiebziger-Sounds mit offenen Armen willkommen heißen.
„The Unseen In Between“ ist Mitte Januar bei Matador Records in New York erschienen. Ein Album wie ein entspannter Tag ohne die großen Aufreger, ohne Gram und Hektik, der am Abend erfüllt Resümee ziehen und vor allem nichts vermissen lässt. „Heute ist ein guter Tag um zu sterben, denn alle Dinge meines Lebens sind anwesend“ hat einst ein weiser alter Native American tief zufrieden und zitier-tauglich zum Besten gegeben. Muss ja nicht gleich Exitus sein, morgen noch da sein ist auch sehr ok, und sei’s nur, um sich durch das reichhaltige, vor allem zutiefst bereichernde Steve-Gunn-Œuvre zu arbeiten…
(***** – ***** ½)