Americana

Steve Wynn & Chris Cacavas @ Unter Deck, München, 2019-12-01

Lange war auf dem Tourflyer mit den boxenden Bären nichts von einem München-Termin zu lesen, zum Ende der Europa-Tour fand sich doch noch Gelegenheit für einen gemeinsamen Gig der befreundeten Musiker Steve Wynn und Chris Cacavas auf der kleinen Bühne im Innenstadt-Club Unter Deck, ein frühes Weihnachtsgeschenk für alle Fans der altgedienten US-Heroen des Alternative- und Desert-Rock, der gepflegten Indie-Folk-Ballade und der Spielarten des psychedelischen Paisley Underground.
Zum letzten Auftritt der Konzertreise der beiden Altstars im Duett war die Stimmung der Musikanten eine ausnehmend entspannt-gelöste, den Abend der Indie-Nostalgie eröffnete der seit Jahren in Deutschland ansässige Songwriter Chris Cacacas mit einer überschaubaren Handvoll seiner charakteristisch klagenden Balladen: Bewährte, zur Akustik-Gitarre vorgetragene Kleinode in bester Folk-Manier, eine empathisches Geschichten-Erzählen von vergangenen Liebschaften und zerbrochenen Lebensträumen, mit einer Stimme vorgetragen, die der Eindringlichkeit eines Neil Young in nichts nachsteht – ein betroffenes, mitunter wehmütiges Reflektieren in Moll. Die Nummer „Pale Blond Hell“ über die falschen Abzweigungen im Leben verliert auch in der akustischen Version nichts von seiner ergreifenden Intensität, das Gitarren-lärmende Titelstück seines 1994er-Longplayers mit der Band Junkyard Love würde noch heute jeden besseren Crazy-Horse-Tonträger qualitativ aufwerten, in Zeiten von höchst mittelmäßigem, letztlich obsoletem Neil-Young-Output wie dem aktuellen „Colorado“-Album allemal. Zum Ende seines kurzen Eröffnungs-Sets gibt sich Cacavas experimentell an Keyboard-Tasten und Regler-Schrauben, was nach seinen eigenen Worten selten glückt, sympathisches Understatement letztendlich, die Nummer mit hoch melodischem Krautrock-Touch und etwas holpriger Electronica-Behandlung hatte Unterhaltungswert und bot keinen Anlass zur Beanstandung.
Steve Wynn bestreitet den ersten Teil seines Vortrags gleichsam alleine und gräbt an diesem Abend tief in der eigenen Vergangenheit, in der Setlist finden sich zahlreiche Perlen aus den Achtzigern, aus seiner Zeit als Bandleader und Songwriter des stilbildenden kalifornischen, mittlerweile reformierten Alternative-Rock-Quartetts The Dream Syndicate. Ein beseeltes „Out Of The Grey“ bereits zur Eröffnung, Garagen-Punk als solisitische Trash-Übung mit „The Days Of Wine And Roses“, herrliche Versionen der Klassiker „Tell Me When It’s Over“, „That’s What You Always Say“ oder ein nach wie vor loderndes „Burn“, eine hypnotisch-gespenstische Interpretation vom Großwurf „Boston“ hintenraus im Zugaben-Block, garniert mit einer Auswahl aus dem Spätwerk der zahlreichen Solo-Aufnahmen des Wahl-New-Yorkers wie „Cindy, It Was Always You“, „Southern California Line“ oder „What Comes After“, die altgediente Anhängerschaft durften ausgiebig in Erinnerungen an die Hochzeiten des damals aufkommenden Indie-Rock schwelgen, in der Reminiszenz an eine Version der Achtziger, die mit synthetischen, nach wie vor im Mainstream-Radio überstrapazierten Pop-Unsäglichkeiten und abgehobenen Stadien-Superstars vom Schlage Bono und Konsorten absolut nichts gemein hatte. Damit nicht genug, stellte der Meister in einer seiner launigen Ansprachen für das kommende Jahr ein Dream-Syndicate-Touren in hiesigen Landen der 2012 reanimierten Kult-Combo in Aussicht.
Den dritten Teil des Konzert-Abends bespielten die beiden Freunde im Duett, Cacavas am Keyboard begleitend, Wynn die Freiheiten der hart schrammenden Rhythmus-Gitarre auslebend, sich gegenseitig die Bälle wie ein altes, hoch sympathisches, aufeinander eingespieltes Ehepaar zuspielend.
Konzerte der beiden Althelden waren in früheren Zeiten in der Regel einmal jährlich im örtlichen Touren-Kalender zu finden, in jüngster Vergangenheit machten sich die Musiker rar mit München-Besuchen, nach den gut hundert Minuten am Sonntagabend war klar, dass ein Stelldichein auf hiesigen Bühnenbrettern längst wieder überfällig war, mit einer Auswahl an zeitlosem Liedgut, das hinsichtlich zupackendem Songwriting, persönlichen Texten, ergreifend-melodischen Finessen und der beherzten Aufbruch-Stimmung der alternativen Rockmusik vor über drei Dekaden nichts an Stellenwert verloren hat – unkaputtbare Dauerbrenner als solide Denkmäler in Zeiten von permanentem Wandel und kurzlebigen Zeitgeist-Moden. Schöner, beseelter wird’s in Sachen Tradition zum Weihnachtsfest vermutlich auch nicht mehr funkeln…

Willy Tea Taylor @ Mark Icediggers Home, Out Of Rosenheim, 2019-11-20

Love, Life, Death, And Baseball.

Privataudienz am vergangenen Mittwochabend in den Rosenheimer Suburbs: Willy Tea Taylor, kalifornischer Folk-Songwriter, Farmer, Sozial-Aktivist, Muddy-Roots-Urgestein, ehemaliger Baseball-Spieler und Co-Star in M. A. Littlers herausragender Dokumentation „The Kingdom Of Survival“ über radikale Gesellschaftsmodelle und Gegenwürfe zum American Way Of Life war auf Einladung von Mark Icedigger im heimischen Wohnzimmer des Konzert-Veranstalters für einen privaten Auftritt zu Gast.
Folk-Musik dokumentierte in ihren besten Momenten seit je die prekären Lebensumstände des sozialen Umfelds, legte authentische biografische Zeugnisse ab oder wusste die Zeichen der Zeit aus der Perspektive der sogenannten einfachen Leute zu deuten, und diese Momente findet man in der Musik und den aus dem Leben gegriffenen Texten von Willy Tea Taylor zuhauf. Getragene Balladen in Moll, mit viersaitiger Gitarre begleitet, in denen das vollbärtige Original seine Geschichten vom harten Alltag einer Krankenschwester, aus der Perspektive der vom Staat Abgehängten und Vergessenen, dem Leben seiner permanent alkoholisierten Großmutter und dem unsteten Musiker-Dasein seines Grandpas erzählt, von seiner Liebe zum Baseball und dem einfachen Leben im ländlichen Amerika. Taylors Songs sind in ihrer Erhabenheit herzergreifend, regen gleichsam Gemüt wie Verstand an und wollen doch nie predigen oder beklommene Betroffenheit heraufbeschwören, vor zuviel Moralinsäure bewahrt der ein oder andere Powerchord-Schrammler, die humorige Ansprache des in sich ruhenden Barden, der sich völlig uneitel über sein von einem skandinavischen Fan attestiertes Aussehen als schwedischer Troll amüsiert, über Kinderschnitzel auf deutschen Speisekarten feixt und sich mit erratischen Tanzeinlagen zu einer eigenen Uptempo-Nummer selbst nicht allzu ernst nimmt – und sollte die Tragik doch die Oberhand gewinnen, hilft immer noch ein kräftiger Schluck aus der „Writers Tears“-Flasche.
Der Akustikvortrag geriet bisweilen musikalisch höchst ansprechend, immer dann, wenn der mitgereiste, mittlerweile zwecks der Liebe in Hamburg ansässige Gitarrist Chandler Pratt im Duett sein filigranes und virtuoses Saitenspiel einbrachte – im Verbund zwei exzellent aufeinander eingespielte Folkies, die in der Vergangenheit gemeinsam auch in der Americana/Country-Band The Good Luck Thrift Store Outfit zugange waren.
Das eigene Songmaterial des rothaarigen Songwriters mit dem freien Geist und dem großen Herzen war in den beiden längeren Sets über jeden Zweifel erhaben, die Interpretation der Dylan-Nummer „Not Dark Yet“ ein gelungenes Unterfangen, das dem Original an Intensität in nichts nachstand, einzig der Griff in den Tom-Petty-Fundus war einer, der die Veranstaltung nicht weiter bereicherte.
Die essentielle, soziale Verwerfungen reflektierende wie musikalisch heute mehr denn je relevante, reine Lehre des Akustik-Folk kommt dieser Tage von Musikern wie Charlie Parr, Possessed By Paul James oder eben dem großartigen Willy Tea Taylor: Wer Ohren hat, der höre, alle anderen machen es sich in ihrer privaten Scheinwelt gemütlich und schmeißen den guten Geschmack mit dem Konsum von synthetischen Folk-Derivaten aus den Häusern Decemberists, Mumford und Söhne oder diesem unsäglichen Country-Swing-Genöle vom Nobelpreis-Faktotum über Bord.
God bless the Icedigger House und alle, die da gehen ein und aus: Ansässige, Konzertbetreiber, Gäste und Musikanten. Wie heißt es immer so schön zu derart erhebenden Anlässen: Thanks for having us, an diesem rundum gelungenen Privatkonzert-Abend.

Willy Tea Taylor tritt heute im Quarterdeck in Basel auf, in den folgenden Tagen spielt er seine exzellenten Folksongs zu diesen Gelegenheiten – do yourself a favour:

25.11.Zürich – Gotthard Bar
26.11.Dillenburg – Erbse
28.11.Husum – Speicher
30.11.Bremen – Schule 21
01.12.Hamburg – Monkeys

The Dad Horse Experience @ KAP37, München, 2019-10-24

Viele Schiffe treiben über deinen Ozean
und werden einst das Land sein,
unter dem du liegst.
(D. H. Ottn, Viele Schiffe)

Gepriesen sei der Herr, dafür, dass er alljährlich seinen unermüdlichen Keller-Gospler Dirk Otten gen Süden schickt zur Erbauung und Errettung der Seelen, gepriesen sei die Andachtskapelle des KAP37 an den Gestaden des Münchner Westermühlbach, dass sie dem landauf, landab als wanderpredigende One-Man-Band The Dad Horse Experience bekannten Barden Kanzel und Herberge in ihren heiligen Hallen gewährt für seine aus den holprigen Tiefen und modrigen Sümpfen des Lebens gegriffenen Predigten. Und gepriesen seien die Messdiener des KAP fürderhin für das Reichen des göttlichen Mannas in Form von erlesenen Spirituosen an die nach Trost und Wahrheit dürstenden Gläubigen.
Gelobt sei der Musikant selbst, der alljährlich den Hort seiner „Schule 21“ verlässt und den beschwerlichen, steinigen Weg vom fernen Bremen in den Sündenpfuhl des Isar-Dorfs auf sich nimmt zur Vertreibung der herbstlichen Schwermut, gelobt sei er für altbewährte, Gemüts-schüttelnde Gospel-Klagen über die windschiefen Abzweigungen, Plagereien und Unbilden des irdischen Daseins, über die inwendigen Tätowierungen, die so manche schmerzhafte Erfahrung auf das Seelengeflecht zeichnet. Gebenedeit sei die Dad Horse Experience für ihre Lieder über – Gottlob – gescheiterte Selbstmordversuche, über das eigene Unperfekte, über die Liebe, die im schlimmsten Fall keine Schmetterlinge im Bauch fliegen lässt, vielmehr als zermürbender Fleischwolf die Grundfeste der Existenz zerrüttet – Lieder, die uns immer wieder daran erinnern, dass traurig nirgendwo anders so lustig ist als in den gelesenen und gesungenen Messen des geläuterten Predigers aus Kirchweyhe, wie ein schreibender Ministrant einst andernorts so treffend anmerkte.
Gesegnet sei der Sänger mit dem scheppernden Banjo für den neuen Weg, den er in diesen finsteren Tagen zwecks unzweideutiger Botschaft im landessprachlichen Idiom beschreitet: Wo der Gospel und seine Souterrain-Ausgabe nur im amerikanischen Slang funktionieren, bereichert The DHE nun mit brandneuem, bis dato noch nicht veröffentlichtem Songschreiben das deutsche Liedgut, in dem sich scheinbar unzusammenbringbare Charaktere wie Peter Kraus und Aleister Crowley in einer schlaflosen Nacht am Landungssteg von Cuxhafen treffen, darauf ein mehrstimmiges Hallelujah.
Mit Fürbitten bedacht sei der Herr, um international renommierte Auszeichnungen für die Kurz-Gedichte, die Dad Horse dieser Tage zur geistigen Labsal zwischen seinen Songs einstreut. Bevor sowas wieder an politisch zweifelhafte Langweiler aus Österreich vergeben wird, oder einen kauzigen Bänkelsänger aus Duluth/Minnesota für sein kryptisch-unverständliches Gekrächze, sollte diese selbst nicht unbescholtenen Kopeiken von der Schwedischen Akademie vor dem nächsten Fehlgriff einen Blick in die diversen Ausgaben des Sargasso-Breviers werfen oder – noch weitaus besser – den konzertanten Vorträgen des Walking Dad mit gebührend offenem Herz und Verstand lauschen. Aber nachdem dieses irdische Jammertal ein ungerechtes, stolprig-holpriges und mit Knüppel-schmeißen zwischen die Beine kaum zurückhaltendes Theater ist, wird’s wohl eher auf den belanglosen, vielfach seit Jahren geforderten Japaner rauslaufen, demnächst.
Nebst dem Flehen nach Erlösung, der Abwendung des bösen Blicks und der Verschonung vor schlecht gebrauten Bieren sei der Allmächtige gebeten, das er die Wege seines treuen Dieners im Geiste Dad Horse Ottn auch im kommenden Kirchenjahr zwecks Läuterung und Innehalten vor dem Unausweichlichen einmal mehr in unsere Gefilde lenken möge.
Amen.