Reingehört

Reingehört (541): MIS+RESS

MIS+RESS – Dispellers (2019, Sound In Silence)

MIS+RESS ist das Solo-Projekt des US-amerikanischen Sound-Tüftlers Brian Wenckebach aus New Jersey, der neben seinen eigenen Klang-Exkursionen in diversen anderen Electronica/Experimental-Unternehmungen mitmischt, for example zusammen mit dem aktuellen Tangerine-Dream-Musiker Ulrich Schnauss beim Elektronik-Pop-Trio Measured. Mit seinem kürzlich veröffentlichten Album „Dispellers“ gelingt ihm der Spagat zwischen digitalen, abstrakten, feinen Ambient-Tönen und analogen, geloopten Überblendungen an Gitarren-Melodien im melancholisch-verträumten Postrock-Flow. Wie bei gutem Ambient wird hier das Langatmige und Monotone weitest möglich ausgespart, dafür die geneigte Hörerschaft an die Hand genommen und hypnotisch in andere Sphären gebeamt, via Space-Sound mit reduzierten Mitteln, effektivst zur gefälligen Entfaltung gebracht. Das Album präsentiert acht elegante, unaufgeregte Sound-Miniaturen im milden Hall und mit augenscheinlichem Pop-Appeal, die Nummern hätten bei entsprechendem Libretto bisweilen das Zeug zu dunklen, emotional anrührenden LoFi-Shoegazer-Songs.
„Dispellers“ ist im April beim griechischen DIY-Label Sound In Silence in Athen erschienen, in einer limitierten Kleinst-Auflage von 200 handgefertigten und nummerierten CD-Kopien oder als digitaler Download über Bandcamp.
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Reingehört (540): Kludde

Kludde – In de Kwelm (2019, Consouling Sounds)

Kludde ist eine fiktive Figur aus der flämischen Folklore, ein Quälgeist oder Dämon, der vielerlei Gestalten annehmen kann. Seit gut fünfzehn Jahren erscheint er sporadisch in diversen Inkarnationen als vierköpfiges Black-Metal-Monster vornehmlich in der belgischen Stadt Aalst, die Bühnen-Namen der vier aktuellen Musikanten – Cerulean, Snoodaert, Basstaerd & Vellekläsjer – klingen selbst nach Fabelwesen aus der Fantasy-Schwarte. Mystisch bleibt es in den Texten von Nummern wie „Schabouwelijke Praktijken II – De Commerçant“ oder „Schramoeille“ vom jüngst erschienenen Longplayer „In de Kwelm“ – im Mindesten voll umfänglich für alle, die des belgischen Niederländisch nicht mächtig sind. In den Klangwelten des schwarzen Metal im geschmeidigen Crossover zum dunklen Sludge sprechen Kludde hingegen eine über die Grenzen Ostflanderns hinaus verständliche Sprache, der grölende Kehlgesang und der stramme Instrumenten-Anschlag des Quartetts brauchen keine internationalen Vergleiche scheuen. Das direkte und aggressive Draufhauen flankieren bisweilen schemenhaft durchschimmernde, angedeutete Melodien und flotter Hardcore-Punk-Drive, was die metallene Härte betrifft, wird damit alles nicht so heiß gegessen, wie es im brodelnden Höllenschlund eingekocht wird. Country-Ikone Johnny Cash hat in den Achtzigern die irgendwie ziemlich unhumorige Nummer „Heavy Metal (Don’t Mean Rock And Roll To Me)“ geträllert (dabei war er zeitlebens selbst ein „Man in Black“ und in seinen alten Tagen Auftraggeber für Metal-Produzent Rick Rubin), den ignoranten Text aus der Feder der Herren Clark/McBride widerlegen Kludde mit ihren acht aktuell veröffentlichten Nummern erschöpfend und jegliche Widerrede platt walzend, wobei das über zehn-minütige Finale „De Laatste Reis“ als eingangs zäher Doom-Brei mit hintenraus gesteigerter Speed-Variante und finsterem Drone-Abgang etwas aus dem Konzept-Rahmen des Albums fällt – Diversity Rules, sowieso, da ist der Dämon tolerant, die Spielarten des Metal waren schon immer (m/w/d), mindestens…
„In de Kwelm“ ist seit vergangenem Freitag über das belgische Experimental/Postrock/Metal-Label Consouling Sounds aus Gent am Markt.
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Reingehört (539): House And Land

House And Land – Across The Field (2019, Thrill Jockey Records)

Nachdem im Chicagoer Indie-Haus Thrill Jockey Records in jüngster Vergangenheit mit Veröffentlichungen von Bands wie Aseethe, Dommengang oder Oozing Wound ausgiebigst Gelärme, ordentliches Gedröhne und damit entsprechende Wallung am Schiff geboten war, veröffentlicht das US-Label mit dem neuen Album „Across The Field“ vom Folk-Frauen-Duo House And Land aus Asheville/North Carolina demnächst zwecks Diversifikation was Erbauliches für die besinnlichen Stunden.
House And Land ist das gemeinsame Projekt der Multi-Instrumentalistin Sarah Louise und der Fiddle- und Banjo-Spielerin Sally Anne Morgan, letztere in Fachkreisen bekannt durch ihr Mitwirken bei den Black Twig Pickers, die auf ihren Alben unter anderem bereits mit Folk- und Blues-Größen wie Steve Gunn und Charlie Parr zusammenarbeiteten.
Auf „Across The Field“ bringen die beiden virtuos, formvollendet und ergreifend schön aufspielenden Ladies ihre feministische Weltsicht und die Verbundenheit mit dem ländlichen Umfeld mit uralten Song-Texten und einer höchst individuellen Interpretation von Bluegrass und Old Time Folk zusammen, mit den über die Jahrhunderte gewachsenen Musiktraditionen der Appalachen, der Ozark Highlands und des britischen Motherlands. Diese Form von Feminismus sollte auch ohne ausgedehnte Diskussionen selbst den grobschlächtigsten, übelsten Macho-Rüpeln das Herz erweichen und die Tränen der Freude in die blutunterlaufenen Glotzer treiben, Louise und Morgan beeindrucken auf dem neuen Werk mit erhabenen, zuweilen fast sakralen Duett-Gesängen und exzellenter Könnerschaft an diversen akustischen Streich- und Zupf-Instrumenten, die organische Klangkunst taugt wohl zum Verweilen und Innehalten nach verrichtetem Tagwerk am heimischen Herd genauso wie für Herz-weitende Erbauungs-Momente in der sonntäglichen Kirchengemeinde. Dabei ist dieses Balladen-Songwriting aus einer anderen, längst vergangenen Zeit nicht ausschließlich in der Tradition verhaftet, in dezentem Crossover verweben die beiden Musikerinnen die althergebrachten Interpretationen von Bluegrass und regionalen nordamerikanischen Volksweisen mit zeitloseren, reicheren Ausdrucksformen, mit Polyrhythmik, mit psychedelischen Elementen, mit Streicher-Sätzen, die sich im entrückten Drone-Trance verlieren. Das eindrücklichste Beispiel hierfür ist die etwas aus dem Rahmen des Album-Konzepts gefallene, umso herausragendere Instrumental-Nummer „Carolina Lady“, in der ein satt klingender, simpel gehaltener E-Gitarren-Flow auf getragene Geigen-Melodik trifft – so einfach kann musikalisches Experimentieren gelingen: der hypnotische, geheimnisvolle Desert-Blues eines Chris Forsyth oder der Cosmic-American-Rock von Steve Gunn treffen auf nahezu kammermusikalische, Neoklassik-durchwirkte Folklore.
House And Land bringen mit ausgeprägtem instrumentalem Können, untrüglichem Gespür und einer sicheren Hand für neue Ideen Tradition und Moderne in der amerikanischen Volksmusik zusammen, man darf wohl jetzt schon gespannt sein, welche Eindrücke und Anregungen Sarah Louise von ihren diesjährigen gemeinsamen USA-Konzertreisen mit den Psychedelic-Bands Wooden Shjips und Kikagaku Moyo 幾何学模様 künftig in ihre Kompositionen einfließen lässt.
„Across The Field“ von House And Land erscheint am 14. Juni bei Thrill Jockey Records.
(***** – ***** ½)