Volksmusik

Reingehört (307): Ippio Payo, Zwinkelman, The Grexits

The Grexits – Δε Γκρέξιτς (2017, Echokammer / Gutfeeling Records)

Nikos Papadopoulos liefert auf dem Debüt-Album der Grexits eine betörende Mixtur aus der subkulturellen Rembetiko-Volksmusik Griechenlands und heftigem Garagen-Surf-Punk plus Artverwandtem aus dem angloamerikanischen Indie-Krach-Betrieb, maßgeblich unterstützt wird der Musiker von den befreundeten Münchner Band-Kollegen Josip Pavlov, Daniel Murena und Echokammer-Labelchef Albert Pöschl, die der interessierten Hörerschaft und den Konzertgängern der Isarmetropole durch ihr Mitwirken bei Bands wie Majmoon, Zwinkelman, Ippio Payo, Das weiße Pferd, Murena Murena oder 4 Shades bereits das eine oder andere Mal untergekommen sein dürften.
Der von der osmanischen Musiktradition beeinflusste Arme-Leute-Folk der Rembetiko, gerne als der „griechische Blues“ kategorisiert, eignet sich im Underground-Kontext durch seine Herkunft aus Hellas‘ Hafenstädten und die Songtexte über das harte Leben, Drogenerfahrungen, unglückliche Liebschaften, Kleinkriminelle und ihre Aufenthalte im Zuchthaus bestens als Beigabe zur gedeihlichen Sound-Collage mit dem Uptempo-Anschlag des Surf-Punk, der wuchtigen Direktheit des No Wave und dem schneidigen Gitarren-Trash-Ansatz, den die Band geschickt in ihrem radikalen Ansatz mit dieser speziellen Art der Mittelmeer-Folklore in psychedelischer Akzentuierung verwebt.
Die gelungene Veröffentlichung präsentiert in zehn Werken Eigenkompositionen aus der Feder von Nikos Papadopoulos, ein Surf-Punk-Instrumental von Albert Pöschl, Interpretationen traditioneller Rembetiko-Klassiker von griechischen Musikern wie dem Bouzoukispieler Iovan Tsaous, der 1942 während einer durch die deutsche NS-Besatzung ausgelösten Hungersnot ums Leben kam, und dem legendären Jiorgos Katsaros, der in den zwanziger Jahren in einigen Hollywood-Filmen als Hauptdarsteller mitwirkte und Schauspieler-Kollegen wie Chaplin und Bogart und den spanischen Klassik-Gitarristen Andrés Segovia zu seinen Bewunderern zählte.
Mit elektrisch verstärktem Rock’n’Roll-Instrumentarium retten die Grexits das Proletarier-Klagen aus den Hafen-Kaschemmen von Athen, Piräus und Thessaloniki in die Moderne der Neuzeit. Die Musik-Tradition der westlichen Pop-Welt kommt mit der Adaption des Punk-Klassikers „Attitude“ der Misfits zu Ehren, einer Version, die sich im Ansatz nicht allzu weit vom Original wegbewegt, sowie einer Dekonstruktion des Beatles-Hits „A Hard Day’s Night“ als schwergewichtige No-Wave-Akropolis, derartige stilistische Umwidmungen sind heutzutage wohl die einzig legitime Form, dieses über die Jahrzehnte totgespielte Songmaterial fürderhin guten Gewissens zu kredenzen.
Christos Davidopolous, seines Zeichens Münchner Optimal-Plattenladen-Chef und Trikont-Rembetiko-Sampler-Kompilierer, erzählt in den launigen Liner-Notes zum schmissigen Album, die er im Verbund mit dem allseits geschätzten Augsburger Autor Franz Dobler verfasste, unter anderem auch die Geschichte über die Geburtsstunde der Grexits bei einer Benefizveranstaltung für soziale Initiativen in Griechenland im Münchner Milla-Club, anno 2013.
The Grexits spielen demnächst live in München zu folgenden Gelegenheiten: am 22. Juli im Ampere und am 26. August im Rahmen des Sommer-Theatron-Festivals im Olympia-Park.
(*****)

Ippio Payo – All Depends On Nature (2017, Echokammer)

In einer knappen halben Stunde entfächert der Münchner Allrounder Josip Pavlov mit Unterstützung des Drummers Tom Wu unter dem Bandnamen Ippio Payo in sechs Stücken einen bunten, schwerst beeindruckend-überwältigenden Strauß aus der wunderbaren Welt des instrumentalen Postrock und der Kraut-Psychedelic.
In „Companions“ interpretiert er das Genre als repetitiven Indie-Rocker im nervösen Feelies-Kontext, die Hypnose-Spielart des Postrock, quasi. „Ankommen“ trifft im tiefenentspannten Flow als relaxter Hawaii-Ethno-Slide-Blues ein, man sieht die Blumen-bekränzten Mädels im Bast-Rock förmlich vor dem inneren Auge mitgrooven, Musik, die derart positiv besetzte Assoziationen heraufbeschwört, kann nicht genug gelobt werden.
Im weiteren Verlauf steigert sich das Duo in einen betörenden Krautrock-Fluss, im herrlichen „Terra Meter“ nehmen Pavlov und Wu den Hörer mit auf einen düster funkelnden, psychedelischen Space-Trip, angereichert und formvollendet durch beigemischte Electronica-Würze von Tobias ‚Hopsing‘ Laemmert, die ausgiebigen 7 Minuten hätten jedem Longplayer der Kölner Experimental-Pioniere Can zur Ehre gereicht. „Fisherman“ würdigt die Kraut-/Ambient-Variante der Chicago-Schule aus dem Hause Tortoise und „I Owe You A Dinner“ beginnt als einfach strukturierte Klangmeditation, die den Postrock in die finale, rauschhafte Kontemplation überführt.
Josip Pavlov, a man of many talents, ist auch bei den Grexits (siehe oben) als Drummer, bei Zwinkelman (siehe unten) und Das Weiße Pferd als Gitarrist und bei der Münchner Postrock-Band Majmoon als Bassist zugange, wie Ippio Payo alles durch die Bank empfehlenswerte Münchner Bands/Projekte, man darf getrost gespannt sein, was als nächstes kommt von diesem Ausnahme-Musiker.
„All Depends On Nature“ ist derzeit bei den Konzerten von Ippio Payo erhältlich, ab November 2017 via Echokammer dann auch im gut sortierten Fachhandel und Versand.
In München spielen Ippio Payo live am 1. Juni in der Roten Sonne einen Warm-Up-Gig für das Noise Mobility Festival in der Glockenbachwerkstatt (3. – 5. Juni), Josip Pavlov präsentiert einen Solo-Auftritt am 26. Juli in der Bergschmiede (ex-Galerie gUT, ex-Bienenorden), zusammen mit dem wunderbaren slowenischen Weltmusik-Trio Širom.
(***** – ***** ½)

Zwinkelman – Hallo Lullu / GoldWert 7“ (2017, Echokammer)

Josip Pavlov, once more: zusammen mit seinem kongenialen Gitarren-Partner Dominik Lutter veröffentlicht er demnächst den ersten Zwinkelman-Tonträger und fängt damit die reine Schönheit der minimalistischen Live-Vorträge ein, das Instrumental-Duo wurde an dieser Stelle bereits in jüngster Vergangenheit ob ihrer berückenden Support-Konzerte für die amerikanische Indie-Legende Chris Brokaw und die südkoreanischen Ausnahme-Postrocker Jambinai 잠비나이 gewürdigt, mit der ersten Single dürfen sich die Freunde der gepflegten Akustikgitarre und des filigranen Postrock-Ansatzes künftig zwei feine Zwinkelman-Arbeiten als Tonkonserve zur heimischen Nachbetrachtung und zum Schwelgen im tonalen Wohlklang angedeihen lassen – wie stand hier vor Kurzem zu lesen:
„Das Duo beschreitet neue Wege des instrumentalen Ausdrucks, indem es abstrahiert und loslässt vom gängigen Postrock. Keine Gitarrenwände, keine explodierenden Lärm-Fontänen, kein altbekanntes Laut-Leise-Auf-und-Ab: Zwinkelman und ihr alternativer akustischer Routenplaner für das Beschreiten instrumentaler Klanglandschaften führt in ruhig-kontemplativer, nahezu meditativer Manier heran an die Erweiterung der Hörgewohnheiten.“
Das Release-Konzert zur Single steigt am 13. Juni in der Münchner Polka Bar, Pariser Straße 38, Zwinkelman haben für diesen Abend den Klangkünstler Jason Arigato zwecks Gastauftritt geladen.
(*****)

frameless11: Gletschermusik + KIM/JUNG @ Einstein Kultur, München, 2017-04-12

„Do glaciers make music? Yes, when they melt!“
(Barbara von Münchhausen, Goethe-Institut Almaty)

Die lose Münchner frameless-Reihe mit experimenteller Musik ging am vergangenen Mittwoch im Einstein Kultur mit der ersten Veranstaltung im Jahr 2017 in die nächste Runde, Ausgabe 11 widmete sich im Schwerpunkt asiatischen Klangexperimenten.

Die Veranstalter Dr. Daniel Bürkner und Karin Zwack begrüßten zur Eröffnung des spannenden und höchst anregenden Abends das Projekt Gletschermusik, der vom Berliner Postrock-Trio To Rococo Rot bekannte Sampling-Tüftler Robert Lippok, der deutsche Videokünstler Lillevan und der traditionelle kirgisische Musiker Askat Zhetigen widmeten sich in ihrer Multimedia-Arbeit dem Phänomen der schmelzenden Gletscher als Folge der dramatischen Umweltveränderungen in Zentralasien, die Gletscher in dieser Region sind für die Wasserversorgung der angrenzenden Länder von entscheidender Bedeutung, Gletschermusik setzen sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Schneeregionen in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan auseinander.
Das Projekt förderten die Goethe-Institute in Almaty und Taschkent, im Juli 2012 wurden während einer Expedition zum Tujuksu-Gletscher in Kasachstan Field Recordings vom schmelzenden Gletscher aufgenommen, die als Grundlage für die Performance der drei aufführenden Künstler dienten.
Zu verfremdeten Videoscreens von Gletscher-Fotografien des Berliner Visualkünstlers Lillevan entwarf Robert Lippok über Sampling-Schichten und Bearbeitung diverser Electronica meditative Ambient-Flows und abstrakte, Industrial-artige Drones aus den Aufnahmen vom knirschenden, schmelzenden Eis, die in ihrem dumpfen, düsteren Pochen die Bedrohung der Umwelt-Katastrophe hörbar machten. Askat Zhetigen bereicherte die Aufführung intensivst durch solistische und ergänzende Einlagen seiner organischen Tonkunst, sein auf traditioneller kirgisischer Volksmusik basierender Vortrag auf der Langflöte und insbesondere seine Fertigkeiten auf der Komuz, einer traditionellen zentralasiatischen Langhals-Laute, sowie sein ausgeprägtes, ausdrucksstarkes Sangestalent wussten das zahlreich anwesende Publikum in nachhaltige Begeisterungszustände zu versetzen.
Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, das die herausragende Qualität der frameless-Präsentationen einmal mehr mit dicker Feder unterstrich. Die Musik zum Projekt Gletschermusik ist als gleichnamige CD im Oktober 2016 bei Interbang/Folk Wisdom erschienen, neben Askat Zhetigen und Robert Lippok war die südkoreanische Klassik-Pianistin SooJin Anjou bei der Einspielung beteiligt.
(***** ½)

Der zweite Teil des frameless-Abends war nicht minder spannend hinsichtlich optischer und tonaler Präsentation, das Klangobjekt „Schubladen“ der beiden südkoreanischen Musikerinnen und bildenden Künstlerinnen Yoonji Kim und Youngjik Jung lud zum Staunen, musikalischen Genuss und Selbst-Hand-Anlegen ein, die Performance von Yoonji Kim am Objekt zauberte durch ihr Öffnen der diversen Schubladen Klänge in den Raum, durch entsprechendes Herausziehen und Schließen der Schubfächer des Möbelstücks entstand eine neoklassich-experimentelle Komposition, die einzelnen Schubläden beherbergten Lautsprecher mit angeschlossenen MP3-Playern, Verstärkern und Mikroschaltern, die Wiedergabegeräte wurden beim Öffnen aktiviert und erzeugten ein beeindruckendes Gesamtklangbild, das sich aus unterschiedlichsten Samples wie Alltags-Geräuschen, gregorianischen Gesängen, Tonbeispielen aus der asiatischen und der westlichen Klassik und Ambient-Drones speiste.
Die ausführende Künstlerin Kim komponierte quasi im Moment der Live-Präsentation und präsentierte so einen faszinierenden Grenzgang zwischen Performance und Konzert.
Im Anschluss an die außergewöhnliche und beeindruckende Aufführung durften die Gäste der frameless-Veranstaltung selbst an den Schubläden praktizieren und ihr kompositorisches Geschick testen, ein heiterer Ausklang eines über die Maßen gelungenen Experimental-Abends.
(*****)

Der Eintritt war wie gehabt bei den frameworks/frameless-Veranstaltungen dank Unterstützung des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und zusätzlich an diesem speziellen Abend auch des Goethe-Instituts frei.

Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner präsentieren die nächste Ausgabe der frameless-Reihe am 5. Mai im Einstein Kultur, auftreten werden der kanadische Experimentalmusiker Martin Messier und die finnische Folk-/Digital-Music-Grenzgängerin Laura Naukkarinen aka Lau Nau, den visuellen Teil des Abends übernimmt der britische Regisseur Liam Young mit seiner Film-Arbeit „In the Robot Skies“, die komplett mit automatisierten Drohnen gedreht wurde.

Reingehört (279): Antologia de Música Atípica Portuguesa

KULTURFORUM PORTUGAL 1 www.gerhardemmerkunst.wordpress.com 5

Various Artists – Antologia de Música Atípica Portuguesa (2017, Discrepant)

Die Musikwelt Portugals besteht aus weit mehr als der über die Landesgrenzen hinaus bekannten Melancholie des Fado oder den Gesängen aus der Fankurve im Estádio zum Loben und Preisen des kickenden Nationalheiligen CR7: Die erste Ausgabe dieser Sammlung mit experimenteller, sich der eigenen landestypisch folkloristischen Wurzeln durchaus bewusster portugiesischer Musik räumt auf mit herkömmlichen Klischees, gibt Einblick in eine spannende Subkultur aus dem Süden Europas und erweitert den musikalischen Horizont nicht unerheblich.
„Vol. 1: o trabalho“ widmet sich der Neuinterpretation von Arbeiter-Liedern der Werktätigen zu Land und in der Seefahrt, die Bandbreite der Arbeiten reicht von reduzierter Ambient-Electronica über den experimentellen Ansatz der Minimal Music bis hin zu gedehnten Saxophon-Free-Jazz-Drones und mutigen Wagnissen im Bereich der Vokalkunst, neu arrangiert, aufgenommen und gesampelt von hierzulande wohl weitgehend unbekannten Künstlern und Bands/Projekten wie Pedro Silva, Live Low oder Negra Branca.
Der Komponist Tiago Morais Morgado lotet in seinem kurzen Gesangsstück die Grenzen zum kehligen Doom-Metal aus, der Installations-/Comic-Künstler und Komponist Filipe Felizardo fokusiert sich in seinem Beitrag „Sede e Morte“ auf die Solo-E-Gitarre und ergeht sich in Postmetal-artigen Drones, den stärksten Eindruck hinterlässt der zweimal auf dem Sampler vertretene Gonçalo F. Cardoso aka Gonzo im Stück „Agara Baixou o Sol“ mit Field-Recording-artigen Gesangs-Samples, Tape-Loops und Electronica-Beigaben, die das Werk in faszinierender Intensität zwischen den Avantgarde-Gesängen einer Diamanda Galás und sakraler Erhabenheit pendeln lassen.
Bei derart anregendem Stoff darf man gespannt seine auf weitere Ausgaben dieser hoffentlich ausbaufähigen Serie.
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