Volksmusik

Reingehört (476): Manu Delago

„In general, I find limitations inspiring and in the case of Parasol Peak I was limited to a fixed ensemble of 7 musicians. The different locations also brought various limitations, which affected how I composed the music. At some locations we were vertically aligned and couldn’t see each other. At others we couldn’t hear each other, or we were trying to survive while playing.“
(Manu Delago)

Manu Delago – Parasol Peak (2018, One Little Indian)

Musikalischer Kosmopolit schaut sich die Welt von oben an, auf dem kommenden neuen Album „Parasol Peak“ im wahrsten Sinne des Wortes. Der in Innsbruck geborene und in London lebende Österreicher Manu Delago wurde von Islands prominentestem Nebelhorn Björk entdeckt und ist fixes Ensemble-Mitglied ihrer Live-Crew, bei derartigen Biografie-Eckdaten schrillen zwar kurz alle Alarmglocken, die aber genauso schnell wieder verstummen, der akademisch ausgebildete, komponierende Ausnahme-Perkussionist hatte neben der exaltierten Trulla vom Geysir bereits Exzellenzen wie das London Symphony Orchestra, die indische Sitar-Spielerin Anoushka Shankar oder die verehrungswürdige Poppy Ackroyd als Kundschaft für sein experimentelles Rhythmus-Geben, die englische Electronica/Neoklassik-Pianistin etwa für ihren jüngsten Grandios-Wurf „Resolve“.
„Parasol Peak“ ist eine Reise, und wie jede gute Reise auch irgendwo ein Abenteuer – ein klangliches allemal, und hier im speziellen wegen der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte der Album-Aufnahmen ein tatsächlich nicht ungefährliches Abenteuer. Das siebenköpfige Ensemble begab sich nebst Ton-Ingenieuren und Film-Crew zur Einspielung der instrumentalen Preziosen in den Stubaier Alpen auf Feld-Exkursion und wählte die Bergwelt als großen Konzert-Saal zur Live-Aufführung der neuen Delago-Tondichtungen, die Stücke entstanden im Wortsinn als „Field Recordings“ in freier Wildbahn in unterschiedlichsten, sich von Titel zu Titel steigernden Höhenlagen, in denen das eigentliche Musizieren die geringste Herausforderung für die versierten Instrumental-KünstlerInnen darstellte. Vor den jeweiligen Sessions mussten Felsformationen überwunden, der Kälte getrotzt, die Instrumente aufgrund der extremen Temperaturen permanent neu gestimmt und im Alpinisten-Outfit gesicherte Orte im schroffen Fels für die eigentliche Performance gefunden werden. Aufgrund der verschärften Aufnahme-Bedingungen war die Einspielung vieler Takes nur maximal zweimal möglich, dann musste die Nummer im Kasten sein, und die Seilschaft zog weiter, dem Gipfel entgegen, wo das Titelstück in über 3000 Metern Höhe in der Schnee-Pracht der Tiroler Alpen als Kammerorchester-Werk seine Premiere erlebte.
Die Stimmung der einzelnen Stücke ist den jeweiligen Höhenlagen und Schwierigkeitsgraden des Geländes angepasst, die in tiefer gelegenen Regionen im Schutz des Waldes in unmittelbarer Nachbarschaft zu den thematisierten Pilzen aufgenommene Nummer „Parasol Woods“ ist ein dynamischer, euphorischer, fast tanzbarer Opener, der die Freude des Aufbruchs und die beschwingte Abenteuerlust einfängt, in exponierterer, ungeschützter Landschaft gerät das Musizieren mit Karabiner gesichert sitzend in der Felsspalte dann zuweilen zu einer getrageneren, elegischeren, wesentlich ehrfürchtigeren Ode, die dem Ausgeliefertsein an die Naturgewalten und der lebensbedrohenden Absturzgefahr gebührend Respekt zollt. Das beschließende „Base Camp“ lässt als befreiende Coda den Glücksgefühlen tonal transportiert freien Lauf, final im heimeligen Stockbetten-Lager der Berghütte nach gelungener Expedition aufgenommen.
Die Musik ist durchwirkt von Chanson-folkloristischen Akkordeon-Klängen, experimentellen Cello-Ambient/Prog-Drones und dominierenden Bläser-Sätzen, die Elemente aus harmonischem wie latent nervösem Jazz-Verwandtem, luftige, gleichsam profunde, hochmelodische Neoklassik-/Minimal-Music-Strukturen und Versatzstücke aus der Folklore der Alpenregion in ihrer südlichen und östlichen Ausdehnung enthalten, wunderschöne Welt-Musik-Entwürfe, die sich wie etwa auch die herrlichen Kompositionen der Münchner Hochzeitskapelle jeglicher eindeutigen Etikettierung entziehen. Perkussiv begleitet wird das tonale Gipfelstürmen vom Steeldrum-verwandten Hang/Handpan-Spiel Manu Delagos und seiner Rhythmus-Begleiter an Handtrommel, Xylophon, durch Klang-forschende Taktgebung mittels Ziehen der Karabinerhacken an Sicherungsseilen im alpinen Gelände, mit dem einfachen Aufeinander-Schmeißen von Steinen, dem Streichen des Schlagzeug-Besens an der Baumrinde, im naturbelassenen Takt-Geben zwischen artifiziellem Triphop und dem Puls der Natur im freien Flow – frei fließend im wahrsten Sinne des Wortes etwa hinsichtlich Einbindung der Klänge des nassen Elements eines vorbeiplätschernden Gebirgsbachs – in perfekter Symbiose und im Einklang mit der unberührten Berglandschaft.
„Parasol Peak“ ist eine überwältigend schöne Klangreise, die auch beim x-ten Hören nicht völlig umfänglich in ihrer ganzen Herrlichkeit zu fassen ist, wie ein atemberaubendes Bergpanorama im schweifendem Blick in die Ferne, vom Gipfel herab. So, wie es den Wanderer immer wieder zu neuen Touren und Bewältigen der Höhenmeter in die Berglandschaften ruft, so drückt man immer wieder gerne mit selbem Enthusiasmus die Repeat-Taste für dieses wunderbare, unerschöpfliche Instrumental-Meisterwerk.
„Parasol Peak“ gibt es als Tonträger wie als wunderschöne halbstündige Film-Meditation, die das siebenköpfige Ensemble beim Musizieren in der alpinen Natur zeigt und die Einspielung der acht Stücke unter ungewöhnlichen Bedingungen dokumentiert, erhaben und gefangen nehmend wie die Musik selbst. Der Film läuft in ausgewählten Kinos, bei diversen Doku-/Heimat-/Berg-Film-Festivals, und hoffentlich irgendwann auch im Netz für alle.
Live In The Alps. No Overdubs. Gott ist mit den Furchtlosen: Viel gewagt und alles gewonnen. Man gebe sich jedoch keiner Illusion hin: Die Musik wäre ohne die spektakuläre Entstehungsgeschichte nicht weniger großartig.
„Parasol Peak“ erscheint als Tonträger am 7. September beim Londoner Indie-Label One Little Indian.
(***** ½)

Embryo feat. Ahmed Ag Kaedi, Abathar Kmash, Ramdan Mohcine, Orion Congregation @ Mali Maghreb Mashrek Festival, Köşk, München, 2018-08-02

Zwei Tage Mali Maghreb Mashrek Festival in den Räumlichkeiten des Zwischennutzungsprojekts Köşk im Münchner Westend, mit Workshops zum Thema „Die Musik der Tuareg“ und Aufführungen der Dokumentarfilme „Mali Blues“ von Lutz Gregor und „Al Oud“ von Fritz Baumann, hochspannende Programmpunkte allesamt, leider zu einer Tageszeit, zu der das werktätige Volk gemeinhin anderweitig eingespannt ist, aber für den abendlichen Besuch eines Konzerts im Rahmen der Veranstaltung ist es sich immerhin zeitlich ausgegangen, Gottlob.
Organisiert wurde das feine Themen-Programm von Marja Burchard und ihrem vom eigenen Vater übernommenen Kraut/Jazzrock/Worldbeat-Kollektiv Embryo, die Münchner Improvisations-Prog-Institution lud sich zum Kontext der Veranstaltung passend eine Reihe illustrer Gäste aus dem Norden des afrikanischen Kontinents und dem Nahen Osten zur gemeinsamen, ausgedehnten Session, zu der sich dann auch noch der ein oder andere spontan vorbeischneiende Musiker gesellte. Der Tamasheq/Tuareg-Blues-Gitarrist Ahmed Ag Kaedi, Bandleader des in Mali beheimateten Trios Amanar, reiste in Begleitung befreundeter Musiker der Berliner Formation Orion Congregation an, der mittlerweile im Exil lebende Kaedi startete mit der solistischen Interpretation seiner Desert-Blues-Songs und dem für die Region typischen Anschlag der Gitarre, der den westlich geprägten Blues von John Lee Hooker bis Mark Knopfler mit traditionellen nordafrikanischen Stilmitteln verbindet und damit den Hitze-flirrenden, luftigen Swing der Sahara-Region akustisch einfängt. Der hypnotische Flow der elektrischen Gitarre war weiter tragendes Element der personell variabel besetzten Jam-Improvisation, zu der sich naheliegend Marja Burchard mit ihrem grandiosen Vibraphon- und Marimba-Spiel wie psychedelischen Keyboard-Exkursionen, der Münchner Allround-Bläser, langjährige Embryo-Musiker und Express-Brass-Band-Leader Wolfie Schlick mit Querflöte und Saxophon und die hiesige Country/Blues-Koryphäe Titus Waldenfels am Banjo nebst weiteren Embryo- und Orion-Congregation-Musikern einfanden und damit den typischen nordafrikanischen Desert-Blues um funky Kraut-, Fusion-Jazz- und swingende Bluegrass-Elemente erweiterte – eine mehr als gelungene Symbiose der exzeptionellen Fertigkeiten des Ausnahmemusikers aus dem Nordosten Malis (der im Übrigen auch im erwähnten Film von Lutz Gregor eine Rolle spielt) und seiner sehnsuchtsvollen Melodien, treibenden Rhythmen und Songs über Hoffnungen, angeprangerte Korruption, „the real rebellion“ der Tuareg und das Leben fern der Heimat mit dem Crossover-Ansatz der kongenial im Spontan-Fluss groovenden Mitmusikanten aus heimischen Gefilden.
Für weitere Highlights an diesem Abend sorgten die Auftritte des marokkanischen Gnawa-Perkussionisten Ramdan Mohcine und des syrischen Oud-Spielers Abathar Kmash, der mit seinem beseelten Spiel auf der akustischen Kurzhalslaute Elemente aus der arabischen Volksmusik und der nahöstlich-persischen Klassik in die instrumentale Weltreise einbrachte. Vor allem solistisch konnte der akademisch ausgebildete Grenzgänger zwischen U- und E-Musik seine Virtuosität auf dem mit dem deutschen Wort „Holz“ übersetzten Oud-Instrument eindrucksvoll demonstrieren, im Verbund mit kleinem Ensemble drohten die feinen Saiten-Klänge leider mitunter im breiteren Sound-Spektrum des intensiven Weltmusik-Trance-Drives zu verschwinden, dafür war’s dann doch bei weitem zu schade, ansonsten gab es tatsächlich nichts zu monieren bei dieser raumgreifenden Zusammenkunft international renommierter musikalischer Grenzgänger und ihrer kunstvollen Illumination durch die analoge „Liquid“-Psychedelic-Lightshow der Kreuzer Lichtmaschine.
Wenn schon sonst in anderen Bereichen unserer Gesellschaft eher selten bis kaum, so funktioniert das Miteinander der unterschiedlichsten Kulturen in der Musik von Embryo und ihren Gästen aus allen Winkeln dieser Welt wie seit Jahrzehnten auch in der zweiten Generation vorzüglich, das Konzert vom Donnerstag-Abend wie schwer vermutlich auch die Wiederholung unter anderem mit dem Weltmusik-Pionier und langjährigen Embryo-Gitarristen Roman Bunka Tags darauf bezeugten dies einmal mehr in angenehmster und eindrücklichster Form.