Instrumental

Reingehört (501): kj

kj – ex (2018, Dronarivm)

Schon ein paar Monate auf Sendung, aber nach wie vor und dringend noch eine Erwähnung wert: „ex“, der dritte Longplayer des New Yorker Ambient-Musikers KJ Rothweiler.
Das Album eröffnet mit „maze“ in kurzer, flatternder Trance-/Club-Electronica und legt damit falsche Fährten, denn tanzbar bleibt die Arbeit zu keiner weiteren Sekunde, bereits mit der folgenden Nummer „caro“ gibt sich Rothweiler einer meditativen, neoklassischen Piano-Elegie hin, in einer von erhabenen Tastenanschlägen getragenen Melancholie, und auch diese gedehnte Versenkung in tonaler Schwermut vermag wiederum nicht den Charakter des Gesamtwerks in Gänze zu skizzieren. Mit fortlaufender Dauer des Tonträgers entfaltet sich die Klangwelt des amerikanischen Experimental-Musikers in einer minimalistischen Ambient-Spielart, die trotz verwaschener, wie durch Nebel nur schemenhaft erkennbarer Drones und einer überschaubaren Bandbreite an düsterem Hall und abstrakten Klangfiguren immer wieder die Ahnung einer schmerzlich-schönen Hymnik in den mystischen Kompositionen durchscheinen lässt, die Plattenfirma umreißt es als „wandering into the dark side of nostalgia“, das trifft’s wohl ganz ordentlich in der Umschreibung.
Das latent Erhebende bleibt bei kj dankenswerter Weise Kitsch-frei, dahingehend sind die Arbeiten zu sehr mit einer diffusen Kühle und Nüchternheit umgesetzt, und sorgen so für eine ausgewogene Balance in den umrissenen, durch die fließenden Sound-Organismen transportierten Stimmungsbildern.
Im finalen Track „foxes“ ist bereichernd der amerikanische Cellist Aaron Martin mit von der Partie, der noch in angenehmster Erinnerung aus seiner letztjährigen Kollaboration mit dem niederländischen Klangforscher Rutger Zuydervelt/Machinefabriek verbleibt, hier webt der neoklassische Musiker seine dezenten Streicher-Beigaben wie aus fernen Zeiten und anderen Welten herüberwehend in die sphärische, dunkel leuchtende Instrumental-Arbeit mit ein.
„ex“ von kj wird der Welt seit Anfang September als Download oder Compact Disc über das kleine, aber feine Moskauer Neoklassik- und Ambient-Label Dronarivm dargereicht.
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Reingehört (499): Onségen Ensemble

Onségen Ensemble – Duel (2018, Hell Fi Studios / Self Release)

Prog-Leckerbissen aus dem hohen Norden: das finnische Onségen Ensemble liefert mit dem Zweitwerk „Duel“ ein exzellentes Fusion-Crossover an inspirierter und beschwingter Psychedelic im Big-Band-Breitband-Cinemascope.
Schwergewichtiges Kraut/Post/Stoner-Rock-Dräuen trifft auf fette Bläsersätze aus der vollgejazzten Soul-Schublade und nicht ganz Kitsch-freie, wortlose Choräle zum Anfixen der großen Gefühle, wie sie in Ennio-Morricone-Soundtracks zu Italowestern von Meister Leone in der Szene des Tonträger-Titel-gebenden Duells erklingen oder anderweitig in der Schmalz-Beschallung für Siebziger-Kino-Streifen zu hören waren.
In Töne transformierte große Gefühle, wandelnd zwischen gezügelter Euphorie und drückender Seelenlast, geformt vom skandinavischen Kollektiv in wechselnder Besetzung mit stürmischen, schweren, ausladend heulenden Gitarrenflows, umrahmt von synthetischem Synthie- und Keyboard-Gezirpe zum Anheizen der Abschussrampe in den Outer Space, allerlei hymnischem Flöten- und Trompetengebläse zur orchestralen Erbauung und einer virtuosen Rhythmik inklusive ausgefeilter Tempi-Wechsel im Jazzrock-Verbund.
Das finale Werk „Zodiacal Lights of Onségen“ ist ein fundiertes Paradestück im gedehnten Psychedelic-Downtempo, zu dem the Good, the Bad and the Ugly im Geiste mitreiten und zu einem gepflegten Dudelsack-Outro die Leichen der Revolverhelden begraben, und das ist im Post- und Prog-Rock dann tatsächlich mal was selten Gehörtes.
Das Line-Up der finnischen Musikanten um den Goth-Metal-Veteranen Esa Juujarvi liest sich nicht weiter verwunderlich wie die Besetzungs-Liste eines Kaurismäki-Films, um im cineastischen Kontext zu bleiben, „Duel“ ist das Folgewerk zum 2016er-Debüt-Longplayer „Awalaï“ und den beiden vorangegangenen, frühen EPs „Hiukkavaara Sessions“ und „HottoïzzoH“ aus den Nuller-Jahren, die diversen, limitierten Vinyl-Ausgaben sind leider mittlerweile vergriffen, über die bekannten Streaming-Dienste ist das Werk in digitaler Form nach wie vor erhältlich.
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FACS + WhåZho @ Maj Musical Monday #90, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-11-19

Wo bei der Oktober-Ausgabe der Do-It-Yourself-Serie Maj Musical Monday für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Installationen mit dem britischen Postrock/Neoklassik-Duo VLMV die ruhigen, getragenen, elegischen Töne dominierten, verfiel die Nachfolge-Veranstaltung in der 90. Auflage am vergangenen Montagabend an gewohnter Örtlichkeit im Glockenbachwerkstatt-Saal mit den beiden Formationen FACS und WhåZho in das andere Extrem: für die geneigte Hörerschaft der lärmenden Rockmusik-Beschallung blieben zu der Gelegenheit kaum Wünsche offen.

Für den ersten Teil des Doppelpacks stieg das Münchner Duo WhåZho in den Ring, Bassist Christian Riedel und Drummer Philip Gross veröffentlichten im vergangenen März ihr Debütwerk „100 Ways To Look Great“ beim Münchner Indie-Label Gutfeeling Records, dem bestens beleumundeten Hort für alles Wahre, Schöne und Gute, was diese Stadt an musikalischen Abenteuer-Reisen zu bieten hat. Schlagwerker Gross ist in der konzertanten lokalen Szenerie kein unbekanntes Gesicht, neben zahlreichen Auftritten mit Kompagnon Riedel ist er in der Vergangenheit bereits mit etlichen Beiträgen zu den G.Rag-Inkarnationen Hermanos Patchekos wie den Landlergschwistern in Erscheinung getreten. Polka, Texas Bohemia und Carribean Folk Trash kann man bei WhåZho-Aufführungen indes lange und vergebens suchen, das Duo entwickelt aus dem Stand offensiven Druck mit einer instrumentalen, von intensiven Rhythmen und schweren Bass-Linien dominierten Crossover-Spielart aus unkonventionellem Postrock, orientalisch durchwirkter Psychedelic und einer modernen, gleichfalls tanzbaren Version des Krautrock. WhåZho trimmen dieses fein abgestimmte Gebräu in Richtung Postpunk a la Joy Division auf Speed und geizen daneben nicht mit voluminösen Dub-Elementen, das erste Slits-Album dürfte in der Vergangenheit vermutlich des Öfteren durch die Gehörgänge der Musikanten gerauscht sein und seine entsprechenden Spuren hinterlassen haben.
Neben dem versierten Bespielen der rudimentären Drum&Bass-Rhythmus-Gerätschaft ergingen sich Gross und Riedel in allerlei Effekt-steigernden Sounduntermalungen mittels Loops, digitaler Drums, Einsatz des Pedal-Sets und atmosphärischer Samplings, die das experimentelle Treiben des Duos zu einem vollen und vielschichtigen Klang im Bandformat anschwellen ließen.
Mit den letzten beiden Nummern brachte das Doppel ihren bis dahin stringenten Instrumental-Vortrag leider Gottes zum Kollabieren, die Hinzunahme eines ansonsten nicht unsympathischen gemischten Duos zwecks unterstützendem Vokalvortrag warf die Frage auf, was seichte NDW- und Reggae-Verirrungen in diesem Rahmen zu suchen hatten – belanglose Mainstream-Berieselung, die als tonaler Beihau weit mehr in die mittlerweile abgesetzte, unsägliche Samstagabend-Fernsehshow vom kalifornischen Brandopfer Gottschalk denn zu einer gepflegten Maj-Musikmontag-Veranstaltung harmoniert hätte.
Muss ja nicht gleich auto-aggressive Selbstkritik im stalinistischen oder maoistischen Geiste sein, ein eingehendes Überdenken dieses Konzert-beschließenden Abgangs täte an der Stelle nichtsdestotrotz Not. Positiv formuliert, denn das Wohlwollen muss in dem Fall bei Weitem überwiegen: Fulminantes Postpunk-Dancehall-Gedröhne, mit zwei Streich-Ergebnissen hintenraus, ansonsten alles paletti.

FACS aus Chicago wussten in der zweiten Runde des MMM #90 hinsichtlich Lärm noch eine gehörige Schippe draufzupacken. Das Trio rekrutiert sich aus Mitgliedern der 2016 dahingeschiedenen Indie-Rock-Band Disappears, die zwischenzeitlich Anfang der 2010er Jahre mit dem Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley prominente Verstärkung im Tourbetrieb an Bord hatte. Ex-Disappears-Gitarrist/Sänger Brian Case und der Shelley-Nachfolger Noah Leger an den Trommelstöcken werden bei FACS mit weiblicher Anmut durch die ehemalige Cat-Power-Musikerin Alianna Kalaba und ihr Wirken am Bass ergänzt. Das Trio definiert ihren Sound wie folgt: „Using minimalism and space, FACS make abstract and modern art rock“. Live klingt das nach vehementestem Noise-Rock, der die klirrenden, jaulenden und gerne auch dissonanten Gitarren-Riffs in den Vordergrund stellt und nicht zuletzt mit den Sangeskünsten von Frontmann Case durch beinharte Industrial-Ästhetik und anonyme Großstadt-Unwirtlichkeit charakterisiert wird. Das schneidende Organ des Gitarristen klingt, als hätte sich Throbbing-Gristle-Vorturner Genesis P-Orridge in die Experimental-Garage einer lautmalenden Postpunk-Combo verirrt, mitunter flammten kurze und prägnante Assoziationen zum unorthodoxen Gitarren-Behacken der frühen Mission Of Burma und die kalte, schneidende, berechnende Wut der ersten PiL-Arbeiten inklusive beißendem Lydon/Rotten-Zynismus durch die Hirnwindungen, im inspirierten, dunklen Lärmen des Trios ist neben diffusen Reminiszenzen an ausgewählte Noise-Pioniere gleichwohl und zuforderst viel Raum für eigene Ideen, emotionale Ausbrüche und tonal/atonale Exzesse.
Die schöne Alianna Kalaba bediente in formvollendetem Stoizismus ihren Bass, Gitarrist Brian Case ließ den virulenten Lärm seiner flirrenden sechs Saiten unterschwellig bedrohlich und konstant anhaltend durch den Saal lichtern und Drummer Noah Leger kannte nur eine Richtung im Bearbeiten der bespannten Becken: straight forward, mit maximalem Druck und in nicht nachlassender Intensität, der beherzte Schluck aus dem Jägermeister-Flachmann war dem guten Mann nach verrichtetem Tagwerk mehr als gegönnt. Wie allen MusikantInnen der wohlverdiente Applaus für die einstündige Druckbetankung und die folgende, dringend erforderliche Erholungs/Ruhe-Phase für die strapazierten, blutenden, gleichwohl beglückten Gehörgänge des Publikums. Rasiermesser-Postpunk from Chicago at its best. Haben’s mal wieder eine goldene Hand bewiesen bei der Programmzusammenstellung, die MMM-Macher Josip Pavlov und Chaspa Chaspo, Hut ab.