Konzertfoto

Nordic Giants @ Kranhalle, München, 2017-12-10

We are now faced with the fact, my friends, that tomorrow is today
We are confronted with the fierce urgency of now
In this unfolding conundrum of life and history there is such a thing as being too late
Procrastination is still the thief of time
(Nordic Giants / Martin Luther King Jr, Together)

Man darf sich schon wundern, warum eine Band wie die Münchner Combo Zebrathought mit ihrem funky Achtziger-Synthie-Pop als eröffnende Band für einen Abend mit dem einzigartigen Postrock des britischen Duos Nordic Giants ins Spiel gebracht wird, über diese Frage ließ es sich an der Kranhallen-Bar bei einem kühlen Hellen am Genehmsten grübeln – wenn sich auch keine Antwort aufdrängte oder gar fand, so konnte die unleidige halbe Stunde wenigstens mit einer weitgehend tauglichen Schallschutztür zwischen Tresen und Konzertsaal überstanden werden, ehe sich die Hauptattraktion der Veranstaltung auf der Bühne einfand.
Die Musiker Loki und Rôka Skuld der südenglischen Nordic Giants traten wie stets in ihren urzeitlich anmutenden, Feder-geschmückten Phantasie-Kostümen auf, hinsichtlich Anonymität und Verweigerung bei der Preisgabe von Informationen zur eigenen Vita ist der Ansatz der Band aus Brighton dem der berühmten kalifornischen Avantgarde-Kollegen von den Residents nicht unähnlich, hier wie dort ist die Nummer der Mythenbildung in keinem Fall abträglich.
Die Präsentation des aktuellen Albums „Amplify Human Vibration“ im cineastischen Multimedia-Konzept stand mit ihrem futuristischen Ansatz im krassen Gegensatz zum dem an Urwald-Stämme erinnernden Bühnen-Outfit der beiden Musiker. Der Kern eines Nordic-Giants-Konzerts ist die musikalisch untermalte, visuelle Präsentation in Form von höchst sehenswerten Video-Arbeiten, die die thematischen Inhalte der Instrumental-Epen in bewegten Bildern unterstützen und transportieren. Die oft beklemmenden Sequenzen der Filmarbeiten über Endzeit-/Science-Fiction-Phantasien, dokumentierten Protest gegen die Ausbeutung des Planeten und die Verwerfungen der Globalisierung, apokalyptische Orwell-Utopien, in denen Roboter die Kontrolle über die Bürger übernehmen, brachiale Gewalt-Phantasien und Comic-artige Meditationen über die letzen Dinge konterkarieren den wunderschönen, üppigen Sound, den das Duo begleitend zum Bilder-Rausch vorträgt, vom neoklassischen E-Piano-Flow getragener Instrumental-Postrock, getrieben von wuchtigen Drums, bereichert durch einen bunten Strauß aus gesampelten Beats und Melodien, erweitert durch empathische Reden von unter anderem Charlie Chaplin, dem Native-American-Aktivisten John Trudell und – wie im Band-Klassiker „Together“ – Bürgerrechtler Martin Luther King oder den Gesang der Vokalkünstlerin Freyja.
Nordic Giants führten alle Sinne berauschend, kunstvoll, fesselnd wie eindringlich einmal mehr vor Augen, dass unser Planet in einer vielschichtigen wie faszinierenden Schönheit funkelt, es hinsichtlich Erhalt und Reise in die falsche Richtung aber kurz vor Zwölf anzeigt – ein würdevoller, erhabener Tanz der Urvölker auf den fragwürdigen Errungenschaften der Zivilisation, der die für ein Ausnahme-Konzert dieser Güte viel zu spärlich erschienene Besucher-Schar in der Kranhalle am vergangenen Sonntagabend berückt wie nachdenklich in die kalte Winternacht entließ…
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Reverend Beat-Man + Meister Eckharts Kuriositätenkabinett @ Import/Export, München, 2017-12-07

Eindringlicher Prediger-Auftritt am vergangenen Donnerstag im brechendvoll-ausverkauften Münchner Import/Export, präsentiert von den jungen, seit kurzem die Münchner Szene bereichernden Konzert-Veranstaltern der „Holy Fingers“: Beat Zeller, Chef des Schweizer Underground-Plattenlabels Voodoo Rhythm Records, Co-Star der exzellenten M.A.-Littler-Filmdokumentation „Hard Soil“, ex-Musiker der Band The Monsters und Wanderprediger vor dem Herrn, gab sich als sein Alter Ego Reverend Beat-Man ein heftiges Stelldichein, der „King of Primitive Rock’n’Roll and Gospel Blues Trash“ benötigte nicht viel, um seine Kirche zu errichten, ein paar Teile vom Schlagzeug, eine billige Danelectro-Gitarre, ein Loop-Gerät, Verstärker und Mikro, fertig war die Laube, oder vielmehr Kapelle, in der der Reverend seinen Schäfchen in der Adventszeit im rauen Garagen-Blues-Anschlag kündete von Erlösung, den Verlockungen des Satans und allerlei anderen verstörender Begebenheiten.
Da ist viel Platz im Vortrag des Beat-Man für wahre Andacht wie auch für Morbides, Obskures, Abseitiges, von dem nicht zuletzt auch die alttestamentarischen Bücher Zeugnis ablegen, nichts Profanes ist dem Pfarrer fremd, von seiner Bitte an unseren Herrn, ihn doch in Gottesnamen dereinst nicht mutterseelenallein aus diesem irdischen Jammertal dahinscheiden zu lassen, bis hin zur eigenen irrwitzigen Ahnengalerie, die der Berner Trash-Papst als Highlight seiner Shows herunterbetet, Ende vom Lied ist, dass der Reverend aufgrund von Generationen-übergreifendem, absurd-befremdlichem Inzest im Schweizer Kanton Bern der Sohn seiner eigenen Kinder ist, oder irgendeiner ähnlichen Abkunft in diese Richtung, wer den Stammbaum fehlerfrei hingepinselt bekommt, kriegt zur Belohnung ein Heiligenbild als Fleiß-Billett.
Es war ein beschwingtes Abhotten, Mitbeten und andächtiges Aufnehmen der Botschaft vor und neben der Bühne im proppenvoll gefüllten Import/Export-Kantinen-Saal zum stoischen Getrommel, zu den hart-unkomplizierten Garagen-Blues-Akkorden und zum vehementen Psalmodieren im partiellen Metaller-Kehlkopf-Grollen der Schweizer One-Man-Band-Ikone, die die Gläubigen soweit in den Bann zog, dass Köpfe blutig klopfendes Gepoge wie beim letzten denkwürdigen Muddy-Roots-Europe-Auftritt des Reverend Beat-Man unterblieb, aber in München waren ja auch keine Horden an schwerst alkoholisierten belgischen Psychobillies im Publikum zugange…
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Unbedingt erwähnenswert war auch das Eröffnungsprogramm des Abends, die Veranstalter boten anstelle der üblichen musikalischen Ouvertüre mittels Vorband einen aus der Zeit gefallenen Jahrmarkts-Artisten namens Meister Eckhart auf, der ausgesprochen kurzweilige wie unterhaltsame Auftritt des Entertainers mit seinem Kuriositätenkabinett gestaltete sich als One-Man-Wanderzirkus unter Mithilfe ausgewählter Ladies aus dem Publikum zu gleichen Teilen aus Leierkasten-Spiel, Zauberkunst, beeindruckender Wahrsagerei, Telekinese wie Thrill-förderndem Zerbeißen und Vertilgen von Glas-Splittern, Versenken von langen, spitzen Nadeln in den Nasenhöhlen sowie der sogenannten indischen Feuerfolter als abschließendes wie in den Bann ziehendes Highlight der von Meister Eckhart im Stile Jahrhunderte alter Gauklerkunst moderierten Sensationen-Aufführung.
Mal was anderes: Da war man mit vielen Combos zur Eröffnung von Konzert-Abenden in vergangenen Zeiten oft weitaus weniger gut unterhalten. Der Meister wurde seinem Namen völlig gerecht, mit obskur-angeschrägtem Humor und einer außergewöhnlichen Vielfalt an Magie und Fakir-Kunst.