Alternative Rock

Reingehört (469): David Eugene Edwards & Alexander Hacke

David Eugene Edwards & Alexander Hacke – Risha (2018, Glitterhouse Records)

16-Horsepower- und Wovenhand-Schamanismus, mit anderen Mitteln umgesetzt, oder: indianische Geisterbeschwörungen treffen auf Berliner Avantgarde-Kunst. Man kennt und schätzt sich seit gemeinsamen Beiträgen zur Musik des Stummfilms „The Glasshouse“ von Danielle de Picciotto, zur bis dato letzten Reinkarnation der australischen Düster-Neoblues-Combo Crime And The City Solution und den Arbeiten zum Abmischen des 2012er Wovenhand-Albums „The Laughing Stalk“, jetzt hat sich erstmals die Gelegenheit zu einer gemeinsamen Kooperation/Duo-Arbeit für David Eugene Edwards und Alexander Hacke ergeben.
Der Wovenhand/ex-16HP-Wanderprediger und der Einstürzende-Neubauten-Noise-Experimentator lassen auf „Risha“ (arabisch für „Feder“) organische und digitale Klangwelten aufeinander einwirken und in einem erstaunlich harmonischen, über die Maßen gelungenen, gegenseitigen Befruchten gedeihen. Der von welchen Geistern auch immer getriebene Southern-Gothic-Preacher Edwards entführt wie bereits so oft in der Vergangenheit geschehen in karge, Wind-durchwehte, alttestamentarische Wüstenlandschaften, in denen seine gespenstischen, manisch schwadronierten Beschwörungsformeln um so nachhaltiger ihre hypnotische, intensiv einwirkende Kraft entfalten, im Prinzip treibt er hier nichts anderes als auf den meisten Tonträgern und jüngsten Konzerten seiner Stammcombo auch, deren Nummern sich mit den Jahren mehr und mehr in einer betörenden Wucht steigerten und auf der aktuellen Duett-Arbeit das Level auf dem Niveau des letzten Wovenhand-Tonträgers „Star Treatment“ konservieren, hier eben alternativ zu schneidenden Gitarrenriffs und donnernden Trommeln durch massives Electronica-/Post-Industrial-Sampling, atmosphärische Ambient-Downtempo-Bässe, Synthie-Drones und treibende, artifizielle Rhythmik aus der programmierten Beatbox von Alexander Hacke angereichert. Der Neubauten-Berserker, Zerstörer gängiger Sound-Entwürfe und Angreifer tradierter Hörgewohnheiten zeigt sich auf der Duett-Premiere erstaunlich wenig im lärmenden Chaos verhaftet, gibt vielmehr einen schöpfenden, erschaffenden Gott an den Reglern und Geräte-Schraubknöpfen und fügt sich so durch seine abstrakten Klangmalereien mit kaum wahrnehmbaren tonalen Reibungsverlusten wunderbar passend in das Edwards’sche Crossover aus Desert Blues, Alternative Country, Native American Geistertanz-Folk und düster-religiöser Gospel-Psychedelic, die der gerne mit indianischer Mystik und biblischer Symbolik hantierende Songwriter aus Denver/Colorado auf „Risha“ dem Titel entsprechend um arabische Sound-Elemente, Klampfen auf der persischen Langhals-Laute Saz und der Bouzouki, nahöstliche Folk-Zitate und orientalische Taktgebung erweitert, schwergewichtige Klangdramatik fernab jeglicher Folk-Pop-Beschwingtheit bleibt selbstredend obligatorisch.
Der Soundtrack für die heftigen Sommergewitter. Thunder and Lightning, und Sintflut sowieso…
(*****)

Die große Kraft des Manitou meets the Spirit of Electronica, konzertant im Spätherbst zu folgenden Gelegenheiten:

20.10.Berlin – Lido
26.10.Amsterdam – Paradiso
29.10.Brussels – Orangerie
30.10.Paris – La Maroquinerie
27.10.Köln – Stadtgarten
28.10.Nijmegen – Doornroosje
01.11. – München – Strom
02.11.Zürich – Bogen F
08.11. – Wien – Flex

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Reingehört (456): Mia Vita Violenta, Enob

„Am I As Different As I Wish?“
(Mia Vita Violenta, Grey Seas)

Mia Vita Violenta – Grey Seas EP (2018, Atypeek Music)

Tour de France, erste Etappe: Das Quartett Mia Vita Violenta mit ihrer bereits Ende 2017 in Frankreich erschienenen EP „Grey Seas“, seit vergangenen Donnerstag darf ganz Europa via Atypeek Music an der lärmenden Indie-Pracht teilhaben.
Die Band aus Paris erfindet das Rad in Sachen Post-, Noise-, Indie-Rock, Postcore/punk und Emo nicht neu, macht aber mit ihren scheppernden Bässen, Gitarren, Drums alles richtig im Zusammenkochen der einzelnen Einflüsse zu einem dräuenden, düster-verzweifelten Gebräu. Aus einem eingangs diffus lichternden Sphären-Drone schält sich langsam nüchterner, von emotionalem Gesang begleiteter Postrock, der unvermittelt an Heftigkeit gewinnt und neben dem typischen Gitarre-nach-vorne-drängen zahlreiche andere Einflüsse aus den Krachmusik-Spielarten der vergangenen Dekaden erkennen lässt, eigene Geschichten erzählt und im melodischen Fluss in individuelle Fahrwasser driftet. Schönes Franzosen-Akzent-Englisch auch, in der Sangeskunst.
Bandmitglieder von Mia Vita Violenta sind auch bei den Combos Enob und Saar involviert, mehr dazu gleich hier unten, guckst Du →
(**** ½ – *****)

Enob – La Fosse Aux Débiles (2018, Atypeek Music)

Tour de France, zweite Etappe: Enob, ein sich personell mit Mia Vita Violenta austauschendes Pariser Quartett, wie oben erwähnt, ← guckst Du. Drängen und brüllen neben englischem Idiom auch vermehrt in Muttersprache und krachen noch eine gehörige Portion mehr als MVV, die hierzu vergleichsweise introvertiert in dunklen Klangwelten versinken. Schätzungsweise daheim das Plattenregal mit Fugazi- über Jesus-Lizard- bis Mission-Of-Burma-Gesamtwerk löblich gefüllt, damit nicht mit den schlechtesten Einflüssen musikalisch sozialisiert worden und die vermuteten Vorbilder in gebührender Verehrung und Qualität zwar einerseits zitierend, treiben Enob die energetische Postpunk-/Postcore-/Indierock-Nummer auf dem dritten Longplayer „La Fosse Aux Débiles“ weit mehr in eine von eigenem Charakter geprägte Richtung/Mixtur, die vor allem den verzweifelten Ansagen und der unbändigen Wut Luft verschafft und den klirrenden, schneidenden, selten Lead und oft eine abgehackte Rhythmik spielenden Gitarren Raum gibt, semi-experimentell Spannungs-befeuert durch dissonantes Feedback-Überdrehen und lärmende Noise-Passagen, exzellent zusammengehalten durch dröhnende Bässe und straight forward trommelnde Taktgebung. Deutet man das Enob-Klangbild richtig, ist die Endzeit wohl schon angebrochen, die Band schreit der Welt vor dem großen Abwracken final die Verachtung mit gebührender tonaler Wucht begleitet unverstellt ins Gesicht, ab und an in klassischer Postpunk-Gangart, weit mehr in Genre-Barrieren-ignorierendem Radikal-Ausbruch.
Auf der Bandcamp-Seite von Enob steht ganz unten bei den charakterisierenden Schlagwörtern das treffende Wort „Schräg Rock“, die jungen Männer wurden in ihrem schulischen Werdegang scheints mit dem Erlernen der deutschen Sprache Völker-verbindend genauso gequält wie Legionen von Absolventen weiterführender Bildungsanstalten hierzulande mit der langue française…
(*****)

Reingehört (445): Gulfer

Gulfer – Dog Bless (2018, Big Scary Monsters)

Vier aufgeweckte junge Burschen aus Montreal/Quebec, die wissen, wo der Indie-Hammer hängt. Großmauliges Auftreten im Sangesvortrag, wie er im Rock ’n‘ Roll seit vielen Dekaden bestens funktioniert mittels Herauskehren der jugendlichen Unbeschwertheit und Hinausposaunen der unverstellten Gedankengänge, orchestriert mit einer simplen, unkomplizierten wie effektiven und griffigen Melodik aus dem Alternative Rock, die heutzutage in der Sparte weitestgehend mit der Lupe zu suchen ist, und einer Präsenz an flotten, sprunghaften, die Rhythmik bestimmenden Tempi-Wechsel in allen möglichen nervösen Math-Rock-, Prog- und Emo-Spielarten, die die technischen Fingerübungen dankenswerter Weise nicht als sterile Demonstration der individuellen Fertigkeiten über Gebühr strapazieren, Tappings und Riffs führen eine gleichberechtigte Beziehung, sozusagen die friedliche Koexistenz der Math-Nummer neben den Emotionen, Herz und Hirn werden gleichermaßen stimuliert, die Hörerschaft darf sich neben intellektuellem Nachspüren des erratischen Sounds auch den großen Gefühlen hingeben, nicht wenig, was der zweite Longplayer „Dog Bless“ des kanadischen, seit 2011 aktiven Quartetts Gulfer in einer guten halben Stunde alles an Eindrücken parat hält.
Auf das erste Hören wie es scheint ein Album aus einem Guss, und doch stehen die Songtexte, die mit einer dem Punk der frühen Jahre entlehnten, quasi-euphorisierten Frische und Energie präsentiert werden, im krassen Gegensatz zur nicht minder druckvollen Beschallung, Sänger Vincent Ford lässt sich ergiebig über die Langeweile beim Abhängen in den eigenen vier Wänden und die Aspekte des Älterwerdens aus, wie über den bedauerlichen Umstand, dass Song-schreiben über Langweile und Älterwerden die Menschheit auch nicht groß vorwärts schmeißt.
Die Nummer hat seine große Zeit letztendlich auch schon wieder etliche Monde hinter sich und wird insofern in der Form heutzutage viel zu selten zum Vortrag gebracht, dabei hat es nichts Verwerfliches, wenn eine Band wie Gulfer mit diesem angereicherten Emo-Ansatz in einer Mischung aus Unverfrorenheit, Trotz und unbeugsamem Glauben an die eigene Sache munter vor sich hinschwadronieren und damit zwangsläufig selbst in die Jahre kommen, es ist schon so mancher Musikant aus der Steinzeit der Rockmusik mit weitaus schwindligerem Zeug Saison für Saison über die Runden gekommen, hat Literaturnobelpreise eingesackt oder Stadien mit dem immer gleichen Gedöns gefüllt…
(**** ½ – *****)