Konzertbericht

Frana + Trigger Cut + Brettern @ Kafe Marat, München, 2019-01-11

Stunden nach der anberaumten Zeit, dafür umso heftiger kam das angekündigte Dreierpack an Noise-Bands am vergangenen Freitagabend im Kafe Marat mit lärmender Wucht in die Gänge. Nach verspätetem und sich schier endlos hinziehendem Equipment-Aufbau im selbstverwalteten linken Münchner Kulturzentrum an der Thalkirchener Straße eröffnete das Münchner Trio Brettern den lauten Abend auf abgedunkelter Bühne mit ihrer Verzweiflung artikulierenden Spielart des Postpunk, der eingangs an die großen Momente des wütend-entfesselten deutschen Do-it-yourself-Gescheppers der frühen Jahre erinnerte, jene gefühlt fünf Minuten andauernde Phase des bundesrepublikanischen Undergrounds in den späten Siebzigern, bevor die Nummer zur unsäglich Kommerz- und Mainstream-verseuchten Neuen Deutschen Welle entartete. Die Gitarre mit ruppigen Riffs und ein wenig Verzerrung und Nachhall beackert, einen treibenden Rhythmus dazu geklopft und den Defätismus und die Verachtung ohne selbstauferlegte Zurückhaltung heraus geschrieen und gekreischt, fertig war das eindringliche Beben, zu dem die Erinnerung an die radikale Beschallung der Übungskeller und Jugendzentren aus der RAF-/Anti-Atom-/Kalter-Krieg-Ära mitschwang.
Wo der deutsche Punk spätestens wie eingangs erwähnt circa zur Dekadenwende 79/80 die völlig falsche Abzweigung nahm, entwickelten die Briten seinerzeit bekanntlich vorwiegend in der Manchester-Gegend die musikalische Ausdrucksform zu Skizzierung von Großstadt-Kälte und anonymer Isolierung, und in die Richtung ging auch bei Brettern mit weiterem Verlauf ihrer kurzen Aufführung die intensive Reise, optisch untermalt durch das erratische, nervöse Aufblitzen der Neonröhre zum Schlaglicht-artigen Durchzucken der Finsternis erging sich das gemischte Trio in dissonanten und Feedback-entfremdeten Endzeit-Visionen, die als Soundtrack zum Abgesang einer untergehenden Zivilisation angesichts von Klimakatastrophe, Artensterben und gesellschaftlichen Verwerfungen nichts an Aktualität eingebüßt haben. Postpunk im Jahr 2019, dank Bands wie Brettern sehens- und hörenswert wie zu Urzeiten, mit entsprechendem Zorn lautstark der Welt ins Gesicht geschleudert, da kann man den Herrschaften an den Gitarren-Gerätschaften und der Trommlerin nur Durchhaltevermögen wünschen, denn: bei Gelegenheit gern wieder und mehr davon.

Der eigentliche Anlass des Einfindens in der autonomen Zelle dann zu fortgeschrittener Stunde mit der neu formierten Stuttgart-München-Connection Trigger Cut und ihrem Premiere-Live-Gig in der noch jungen Bandhistorie – dabei sind die Musiker alles andere als unbeschriebene Blätter in der – nicht nur – süddeutschen Indie-Rock-Szene: Gitarrist und Sänger Ralph Schaarschmidt war für einige Jahre die treibende Kraft hinter dem Art-Punk/Noise-Trio Buzz Rodeo, das vielerorts auf internationaler Bühne für Aufsehen wie Lob in höchsten Tönen für ihre veröffentlichten Tonträger sorgte und bedauerlicherweise im vergangenen Jahr wegen persönlicher Differenzen während des laufenden Tour-Betriebs die Segel strich. Jede Krise eine Chance, und so gingen bei nicht wenigen aus der geneigten Hörerschaft die Daumen hoch, als vor einigen Monaten die Nachricht die Runde machte, dass Schaarschmidt mit Unterstützung des Münchner Drummers Sascha Saygin den Spirit von Buzz Rodeo mit dem neuen, gemeinsamen Trio Trigger Cut weiterzutragen gedenkt. Saygin selbst tritt neben seinem Band-Engagement mit dem eigenen Ein-Mann-Projekt Haikkonen durch vertrackte Schlagzeug-Rhythmik, komplexe Electronica-Untermalungen und Trance-Samples in kaum einzuordnender Vielfalt wie ureigener Klangsprache beeindruckend in Erscheinung, mit seinem ausdifferenzierten, die ungeraden Takte favorisierenden, ungekünstelten und druckvollen Trommel-Anschlag hebt er den knochentrockenen, beinharten Hybrid-Sound aus No Wave, Noise Rock und Hardcore der neuen Trio-Formation auf ein weiteres Level und gibt Rahmen wie Form für die stoischen, kompromisslosen Gitarren- und Bass-Attacken und die Stakkato-artigen, drängenden Lautsprechereien des Combo-Vorstands mit dem rauschenden Bart.
Trigger Cut sind die Band, die die mittlerweile seit über fünfzehn Jahren währende Auszeit der Washingtoner Straight-Edge-Legende Fugazi und die permanente Abwesenheit der hochgeschätzten US-Lärmer The Jesus Lizard von europäischen Bühnen erträglicher gestaltet. Nach der ersten, über die Maßen gelungenen, wenn auch sehr kurzen Show der Band steigert sich die Vorfreude auf den im Frühjahr anstehenden Debüt-Tonträger „Buster“ noch einmal um ein Vielfaches. Watch out for some exciting noise entertainment, coming soon...

Den Abend für die Freunde (m/w/d) der lauten, unverstellten und hart zupackenden Rockmusik beschlossen gegen Mitternacht die vier Italiener von Frana aus Mailand mit ihrer ungebremsten Mixtur aus Post-Hardcore, strammem Punk und Indie-/Alternative-Rock der kräftigeren Sorte, der Sound des Quartetts reihte sich qualitativ wie energetisch stramm in die bereits dargebotenen Aufführungen ein und ließ das junge Volk den gepflegten Pogo-Ausdruckstanz mitspringen, das nervöse Zucken zu den fieberhaften, scheppernden, rohen Gitarren der Lombarden, getrieben von kantigem Rhythmus, besungen von wütendem, sich in nichts zurücknehmenden Geplärre und unterminiert von einer diffusen, nachklingenden Dissonanz. Die Band ist seit 2012 auf Sendung, hat mittlerweile diverse Tonträger veröffentlicht, unter anderem im vergangenen Jahr den Longplayer „Awkwardwards“ beim polnischen Indie-Label Antena Krzyku. Trigger-Cut-Drummer Sascha Saygin schwang zwischenzeitlich auch seine Trommelstöcke für die Nord-Italiener. 2016 waren Frana auf „These Important Years, Hüsker Dü Revisited“ beim Tribute des brasilianischen Coverversionen-Labels The Blog That Celebrates Itself Records für die größte aller großen US-Post-Hardcore-Bands mit von der Partie, Ehre einerseits wie Bezugsgröße für die musikalische Heimat und Ausrichtung des eigenen Schaffens der Band aus Norditalien. Mit dem Auftritt von Frana wurde einmal mehr deutlich, dass der europäische Gedanke und Austausch mit den Nachbarländern im selbst organisierten musikalischen DIY-Underground weitaus gedeihlicher und bereichernder funktioniert als anderweitig per EU-Dekret, Verordnung oder fragwürdiger Handelsabkommen und Knebel-Kredite. Noch ist für das alte Europa nicht aller Tage Abend, wenigstens nicht in subkultureller Hinsicht, wie am Freitag im Marat bis in die tiefe Nacht hinein in lärmender Pracht festzustellen war…

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1328 Beercore @ Neujahrsempfang der „Löwenfans gegen Rechts“, Gewerkschaftshaus, München, 2019-01-05

Laut und trinkfreudig gestaltete sich am vergangenen Samstagabend im Münchner Gewerkschaftshaus der Auftakt zum Konzertjahr 2019, wie so oft in den vergangenen Jahren wurde der Anstoß angepfiffen beim traditionellen Neujahrsempfang der 1860-Supporter-Initiative „Löwenfans gegen Rechts“. Die politisch gegen Rassismus und Diskriminierung engagierte, mittlerweile mehrfach für ihre Arbeit an der Fan-Basis und im Stadion ausgezeichnete Gruppierung lud wie stets vor dem Dreikönigsfest zu Party, Umtrunk und konzertanter Erbauung durch ortsansässige Musikkapellen, heuer erstmalig in die Räumlichkeiten der Gewerkschaften in der Schwanthalerstraße.

Mit der Münchener Punk-Combo 1328 und ihrem strammen „Beercore“, der sich thematisch nahe liegend vorwiegend mit der Liebe zum Brauerei-Produkt auseinandersetzt, ging die Sause nach kurzer einleitender Ansprache unkompliziert in die Vollen – das nach dem Gründungsjahr des ältesten Münchner Brauhauses Augustiner benannte Quartett erwies sich mit nahezu zwei Jahrzehnten Erfahrung im Übungskeller, aus unzähligen Live-Gigs, diversen Plattenaufnahmen und Poltern im Geiste der Siebziger-Ursuppe als versierte Feten-Anheizer.
Bierzelt-Schunkeln war da eher weniger angezeigt, weitaus mehr der flott eingesprungene Pogo inklusive Bier-Dusche und zeitweiligem Gerempel zu den unverstellten Drei-Minuten-Gassenhauern. Ein Humpen aus dem Ramones-Sudkessel, etwas Buzzcocks-Stammwürze, angereichert mit ordentlichem Hardcore-Drive und kräftigem Geplärr, fertig war das Gebräu aus der Punkrock-Mälzerei der Weltstadt des Gerstensafts, und wo würde eine Band mit derartig unmissverständlichem philosophischem Unterbau auch mehr Sinn machen als in der Metropole des alljährlich im Frühherbst für zwei Wochen zelebrierten weltgrößten Massen-Besäufnisses?
Es muss weiß Gott kein Green-Day-Musical oder der ganze Fiedel- und Dudelsack-Firlefanz der Dropkick Murphys sein, drei stramme Akkorde, griffige, hymnische, Ohrwurm-taugliche Refrains fernab der intellektuellen Herausforderung und ein frisches Helles auf die Hand erfüllen da ihren Zweck weit mehr, und in jedem Fall authentischer, ehrlicher und näher an der street credibility der guten alten Uptempo-Rock-and-Roll-Beschallung.
Mag auch inhaltlich weitgehend der Bezug zum Fußball und speziell zu den Münchner „Löwen“ gefehlt haben – gut, vor und im Stadion wie anschließend in der dritten Halbzeit wird mitunter auch ordentlich weggepichelt, keine Frage – mit 1328 Beercore trafen die Gastgeber bei weitem nicht die schlechteste Wahl zur lautstarken Untermalung der LFgR-Feierlichkeiten, zumal so mancher Grottenkick in jüngster Zeit im Stadion an der Grünwalder Straße und das ewige Gezipfel mit dem jordanischen Investor tatsächlich oft nur noch mit erhöhten Promille-Werten zu ertragen waren. Gegen den Neonazi in der Kurve brauchts dann allerdings schon stärkeres Gift und gewichtigere Argumente, aber da kommt dann die Fan-Initiative selbst wieder ins Spiel.
In diesem Sinne: Fight Fascism, Reclaim The Game & Still Not Loving Ismaik, die linke hält die Faust hoch, die rechte hält das Bier fest, es muss ja nicht zwingend das Schädelspalter-Gustl sein… ;-))

Party-Sound zum Abskanken gab’s dann zu vorgerückter Stunde von der ortsansässigen Formation Sentilo Sono, im Ska-Rhythmus, mit knackigen Bläsersätzen, inklusive scharf gestochener Tattoos als optischer Hingucker. „Not my cup of tea“, wie der Brite sich zu solchen Gelegenheiten aus der Affäre zieht. Da mögen andere ihre Meinung zu abgeben, das Tanzvolk war zweifelsohne sehr animiert.

The Almost Boheme @ In The Attic Private Show, München, 2018-12-21

Like Calling Up Thunder: Der geschätzte Münchner Songwriter k.ill hat seinem Namen als Mörder alle Ehre gemacht und die für eine Weile begleitende Background-Sängerin, damit alle wie auch immer gearteten homöopathischen Soul-Einflüsse und in dem Zug einhergehend auch sogleich noch den Geist von Leonard Cohen über die Klinge springen lassen. In seinem neuen Outfit als One-Man-Band runderneuerte er den Sound seines Indie-LoFi-Projekts The Almost Boheme und lud zum Präsentieren und Antesten der neuen Klangwelten an zwei aufeinander folgenden Abenden in traute, handverlesene Runde.
Alles neu macht der Dezember (es ist Klimawandel, Baby, also vergiss den Mai): Neue Gitarre, neue Verzerrer, neue Fußtrommel inklusive Hi-Hat und Tamburin, komplett neuer Sound direktemang heraus aus der Schrammel-Garage, alles aus einer Hand und dazugehörigen Tretern, hört, hört. k.ill schrubbte die Saiten und bediente begleitend die Pedale in kurzen, vor allem kurzweiligen Gigs, zu einer Handvoll altbewährter Balladen und Indie-Pop-Sarkasmen im neuen LoFi-Noise-Gewand wie in der konzertanten Premiere zu einer Auswahl an aktuellen, mit intensiver Desert-Psychedelic durchdrungenen Entwürfen, es war ein höchst angenehm überraschendes Aha-Erlebnis des Umbruchs, was da an solistischem Musik-Entertainment in stilistischer Reformation auf dem konzertanten Laufsteg präsentiert wurde.
Wo in vergangenen Darbietungen der entschleunigte, nachdenkliche Crooner-Neofolk das Auditorium ergriff, glänzte k.ill/The Almost Boheme im neuen tonalen Ornat mit schroffem Saiten-Anschlagen inklusive unterschwellig verzerrt-dissonantem Nachhall – da schwebte in den intensivsten Momenten urplötzlich der Geist von Jeffrey Lee Pierce in den Dachbalken und der gute alte Fred Cole feierte Wiederauferstehung zum sich hochwürdig ins neue Klangbild einfügenden Dead-Moon-Cover „Out In The Blue“, inmitten der verwaschenen Lyrics aus dem Nebel der Lärm-Wallungen mit Reminiszenz an die frühen Jesus And Mary Chain, dem Fuzz-Dröhnen des Garagen-Punk und dem Nachschwingen des Wüsten-Uptempo-Blues vom Pierce-Schützenverein.
Ob das jetzt Säuberung im quasi-stalinistischen Kontext, revidierende Selbstkritik im Geiste der Kulturrevolution oder die Nummer mit der oft thematisch bemühten Neuerfindung war (gegen die ersten beiden Interpretationen spricht die exzellente kulinarische Versorgung vom Buffet wie das alkoholische Pendant aus der mittlerweile legendären Tiki Bar, approved through some great Raut-Oak- and Muddy-Roots-Celebrations), einerlei, das vehemente Aufbegehren gegen den Folk-Gleichklang verlangt in jedem Fall nach schleunigster Bannung auf Tonträger zur allseits gefälligen Verbreitung des „Fire Spirit“.
In dieser Form, mit derlei anregenden musikalischen Darbietungen wie kulinarisch/hochprozentiger Vollbedienung, darf eigentlich jedes Konzertjahr ausdampfen – das wird’s an Frontberichterstattung für heuer an der Stelle schwerstvermutlich gewesen sein, falls nicht noch unverhofft in der letzten Woche des Jahres was an beschallender Live-Erbauung reingegrätscht kommt – so wie die Cops zu fortgeschrittener Stunde in der Nacht von Freitag auf Samstag, angefordert aus der Nachbarschaft, der das nachfolgende, sehr feine, in erster Linie wohl etwas zu laute DJing die weihnachtliche Erholungsphase verhagelte. Dank auch dafür, endlich mal wieder so was wie ein Hauch von Subversion in diesem verschlafenen Millionendorf.

The man of many talents k.ill als The Almost Boheme bis dato auf zwei feinen Tonträgern, „Loss. man, woman, men & women“ (2013) und „Consecrations“ aus dem Jahr 2017, sowie als Radio-DJ beim Independent Subculture Radio Substanz.FM, jeden Montag um 19.00 Uhr mit der Sendung „Die gute Genesung. Eine Stunde, ein Motiv. Untergrund und Oberfläche“. Turn your Internetz-Radio on.