München

Santamuerte + Haikkonen @ Maj Musical Monday #85, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-02-19

Die monatliche Reihe Maj Musical Monday für Postrock, Independent, Underground-Experiment und Multimedia-Präsentationen ging am Montagabend im Münchner Stadtteiltreff Glockenbachwerkstatt in die mittlerweile 11. Saison, allein dafür ein Hoch auf die Organisatoren Josip Pavlov, Chaspa Chaspo/Asmir Šabić und Co, für ihren ungebremsten Elan in Sachen Do-It-Yourself-Plattform für tonale und manchmal auch atonale Beschallung jenseits der ausgetretenen Mainstream-Pfade.

Für den Auftakt zur jüngsten Ausgabe der stets hochspannenden MMM-Serie engagierten die Veranstalter den ortsansässigen Musiker Sascha Saygin aka Haikkonen: Alleinunterhalter flutet den Raum via PC/Sequencer mit digitalen Samples und Loops und spielt dazu analoges Schlagzeug, das ist im Wesentlichen das Konzept des Münchners, und sowas kann im schlimmsten Fall schwer daneben gehen wie das Publikum in den Tiefschlaf langweilen, bei Haikkonen lösen sich derartige Bedenken noch nicht mal in Luft auf, weil sie erst gar nicht aufkommen wollen – der Musiker präsentierte einen explosiven Mix aus minimalistischen Elektro-Drones, Trance-artigen, repetitiven Schleifen und wummernden Synthetik-Beats aus der Dose, über den er im Live-Vortrag seinen wuchtigen Drum-Anschlag legte, ein treibender und druckvoller, beherzter wie technisch versierter Drive aus der Welt des Post-Hardcore, der das einnehmende Gesamtwerk zu einer eigenen musikalischen Sprache formte und damit den analog-digitalen Hybrid-Sound einer eindeutigen Kategorisierung entzog. Elemente des Industrial, des Techno und der EBM aus der Frühphase der Deutsch Amerikanischen Freundschaft fanden sich ebenso wie strammer Postpunk und Ausflüge hin zu progressiver Kraut- und Space-Electronica in der Rhythmus-dominierten Aufführung, die beim Publikum auf viel Gegenliebe und Mitzappeln stieß und dementsprechend vehementes Einfordern von Nachschlag zur Folge hatte. Keine Frage: Beim Sampeln und Trommeln alles richtig gemacht und das Publikum komfortabel mit auf die Reise genommen, die hiesige One-Man-Band mit dem finnischen Pseudonym.
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Aus den angenehmen mediterranen Temperaturen der apulischen Garage direkt hinein in den Frost des verschneiten bayerischen Winters, das zeugte von unerschütterlichem Idealismus und Brennen für die eigene Kunst, und verdiente damit höchsten Respekt: Das Trio Santamuerte aus dem süditalienischen Bari feierte als zweiter Act des launigen Abends neben der Wiedergeburt des voluminösen Zappa-Moustache die zahlreichen Spielarten des Trash-Rock’n’Roll, in klassischer Besetzung nahmen die Herren Panzo, Vido Pura Vida und J.J. Springfield vom Start weg keine Gefangenen, garnierten ihre selbstbetitelte Spielart der „Hawaiian Garage“ im oberen Tempo-Bereich mit schmissiger Direktheit, polternd-dröhnendem Bass, treibenden Drums, scheppernden Gitarren, leidenschaftlichen Gesängen und zitierten sich in einem wilden Ritt in psychedelischer Grundierung durch den Sixties-Surf-Sound, rumorenden Garagen-Rock, ungestümen Rhythm and Blues, Anlehnungen an das Frühwerk der britischen Heroen von den Pretty Things und den Who wie an das verzerrte Saiten-Anschlagen eines Link Wray oder den melodischen Jangle-Pop-Punk der Barracudas – ein unverstelltes Vergnügen für alle Freund_Innen des forsch zupackenden Rock-and-Roll-Undergrounds, dass den Spaß und das gefällige Mitwippen massiv förderte und das Verkopfte in der Musik ganz weit hinten anstellte. „Power-trio that combines the warm sounds of South America and the discomfort of noise rock“ kündigte sich das Gewerk der Italiener vollmundig an und hat ohne Abstriche Wort gehalten, in dieser Qualität darf das Jahr hinsichtlich dritter Montag im Monat in der „Glocke“ gerne so weitergehen.
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Die 86. Ausgabe des Maj Musical Monday widmet sich am 19. März in einem Special dem Augsburger Non-Profit-Experimental-Label Attenuation Circuit, und am 16. April wird John Dorr mit seiner Postrock-Band Stems im Rahmen der Veranstaltungsreihe in der Münchner Glockenbachwerkstatt zu Gast sein, man darf gespannt sein, Stems sind der britische Teil der französisch-englischen Kooperation The Chapel Of Exquises Ardents Pears, die hier bereits mit ihrer exzellenten Debüt-EP „TorqueMadra“ und ihrem letztjährigen Auftritt beim belgischen dunk!Festival zu Lobeshymnen hinrissen.

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Charlie Parr @ Vintage Pub, München, 2018-02-12

Der großartige Charlie Parr stand in der Planungsphase vor einigen Monaten auf der Wunschliste der angedachten Musikanten von Impresario Christian Steidl für das kommende Raut Oak Fest im Juni am schönen Riegsee, die Nummer hat sich dann leider wegen überschneidenden Terminen in den heimatlichen Staaten des begnadeten Country-Blues-Gitarristen schnell zerschlagen, dieser Tage dann die zuerst freudige und sogleich schwerst verwirrende Nachricht, dass Charlie Parr im Rahmen der aktuell laufenden Europa-Tournee seine München-Premiere in einer ominösen Lokalität namens Vintage Pub spielen würde, welche das geneigte Konzertgänger-Volk partout nicht zu verorten wusste.
Da selbst in einer in letzter Zeit kaum für positive Schlagzeilen sorgenden Stadt wie dem Isar-Millionendorf ab und an noch Zeichen und Wunder geschehen, die fraglichen Booker kontaktiert wurden, Steidl & Icedigger ein paar Hebel in Bewegung setzten und Käsealm-Betreiber, Autor und DJ Christian Ertl bereits des Öfteren Erhellendes zum Thema andeutete, sind am Ende doch noch alle Interessierten auf der Gästeliste und am Montag-Abend dann am geheimen Ort des Geschehens gelandet, somewhere in Munich, in einem ehemaligen Ladenlokal, dass mit viel Liebe zum Detail und entsprechender Sammlerleidenschaft von Privat-Veranstalter M. zum stilechten, mit diversesten Raritäten aus der Insel-Gastronomie gespickten Irish Pub ausgestaltet wurde, und um das Glück vollumfänglich zu machen, waren ausgewählte Bier-Spezialitäten und das Nippen an der Whiskey-Hausmarke auch noch im zu entrichtenden Obolus enthalten.
Der perfekte Rahmen für einen wunderbaren Abend mit Charlie Parr, der solistisch in drei ausgedehnten Sets in insgesamt gut 2 Stunden die Bandbreite seiner schwerst beeindruckenden, aus der Zeit gefallenen wie zeitlosen Kunst des Bluegrass, des Country Folk, des Akustik-Blues und der ergreifenden Balladen-Tondichtungen präsentierte, eigenkomponierte Song-Perlen wie „HoBo“ oder das Titelstück „Dog“ seines letztjährigen Albums, „Rocky Racoon“ in einer auch für Beatles-Skeptiker verträglichen Version, Zitate, deren Quellen bis in die Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückdatieren zu den aufgezeichneten Feldforschungen von Alan Lomax, Verneigungen vor dem großen Huddie „Leadbelly“ Ledbetter und den Piedmont-Blues-Legenden Elizabeth Cotten und Mississippi John Hurt, nicht zu vergessen „Bob Dylan’s Blues“ vom – genau – 2016er-Literaturnobelpreisträger, die Verbindung zum alten Zimmerman-Nöler drängt sich förmlich auf, wenn man wie Parr aus Duluth/Minnesota stammt.
Die stimmige Songauswahl ist ein Teil der Medaille bei einem wie Charlie Parr, darüber hinaus und noch weitaus mehr beeindruckend ist die Perfektion, die der Musiker auf der 12-saitigen Akustik-Gitarre im Picking, im Bottleneck-Slide, im flinken Greifen und filigranen Anschlag demonstrierte, eine Perfektion, die bei so manchem Künstler zu steriler Akrobatik und Angeberei verkommt, bei dem stets latent kauzig und introvertiert wirkenden, bescheidenen wie hochsympathischen Parr in seiner beseelten Ausgestaltung indes nicht einmal den Anflug einer Andeutung in diese Richtung aufkommen lässt.
Man konnte die Uhr danach stellen: immer, wenn man dachte, das hat man so ähnlich schon mal irgendwo im Blues oder Folk gehört, war er da, der besondere Slide-Twang hintenraus, die besondere Finesse, das gewisse Extra, das dem Songmaterial den Edelschliff angedeihen ließ und den versierten und durch unzählige Live-Auftritte erprobten Musiker mit den lebenden Legenden der Slide-Gitarren-Kunst wie etwa Ry Cooder oder David Lindley auf eine Stufe stellt.
Allerspätestens beim Herz-anrührenden, Konzert-beschließenden, unbegleiteten Vokal-Vortrag des Gospel-Traditionals „Ain’t No Grave“ und dem folgenden, lang anhaltenden und dankbaren Applaus im vollbesetzten Geheim-Pub stand ohne Zweifel fest, dass Charlie Parr im Raut-Oak-Lineup 2018 schmerzlich vermisst werden wird – wird anderweitig trotzdem super, versprochen – und die Visionen vom Aufspringen auf fahrende Züge und das Sitzen am Lagerfeuer mit den Hobos, die Geschichten von der Great Depression und dem sich in der eigenen Existenz Verlieren, die Mörder-Balladen und das klagende Blues-Lamentieren woanders herkommen müssen.
Ein Konzertabend, der dank seiner denkwürdigen Americana-Intensität und dargebotenen musikalischen Brillanz noch lange in Erinnerung bleiben wird und der die Vorfreude auf hoffentlich noch viele ähnliche Abende im Hidden-Gig-Modus an geheimem Ort befeuerte.
Gibt so Tage, da bleibt einem einfach nur, der Schöpfung wie selbstredend dem Pfundskerl von einem Veranstalter und nicht zuletzt dem großartigen Musikanten zu danken, dass man dabei sein durfte. Right Time, Right Place, oder wie Martina Schwarzmann immer so schön sagt: Wer Glück hat, kommt…
(***** ½ – ******)

Weitere ausgewählte Konzert-Termine der Solo-Auftritte von Charlie Parr in unseren Breitengraden (Gesamter Tour-Plan: hier):

19.02.Zürich – El Lokal
20.02.Fürth – Kofferfabrik
21.02.Berlin – Betlehemskirche
22.02.Norderstedt – Music Star

Wackelkontakt @ Köşk, München, 2018-02-09

„Fremde Töne. Sprech-Murmeln. Städtische Paranoia. Entfremdung. Vision. Atmosphäre. Spannung. Und bevor uns der tiefe Schlaf befällt, will ich das Licht sehen.“
(Harald inHülsen, Von Emotionen/Von Ideen, in: Rock Session 4. Magazin der populären Musik)

Die Gallerie Kullukcu & Gregorian präsentierte am vergangenen Freitag im Rahmen der Reihe Pension Noise in der 10. Ausgabe ein Gustostückerl für alle Freund_Innen des experimentellen Grenzgangs, vermittelt durch Anton Kaun aka Rumpeln war das israelische Drone-Trio Wackelkontakt in der Zwischennutzung der ehemaligen Stadtbibliothek in der Schrenkstraße im Münchner Westend zu Gast, die Formation wurde dem Motto des Köşk – „1000 Tage Raum für viele Ideen“ – an diesem einen speziellen und irgendwo auch denkwürdigen Tag ohne Abstriche gerecht.
„Post-Orientalist Tunes With Epileptic Imagery, Stolen From Exoticist Culture And Inspired By The Stress Of Living“ beschreibt die Formation aus Jerusalem ihre eigene Multimedia-Kunst, eine schwerst intensiv von allen Sinnen Aufmerksamkeit fordernde Präsentation aus mitunter verstörenden Noise-Drones, sich aus dem weißen Rauschen herausschälenden Industrial-Beats, schweres Pochen in Reminiszenz an Throbbing Gristle und andere 80er-Lärm-Pioniere, gepaart mit einem Hauch – weitaus mehr Ahnung als Ausformulierung – von Electronica-Dropout-Space und Kraut-Prog, minimalisitischem Psychotrap, in minutenlanger, völliger Dekonstruktion an die Grenzen der Musik gehend, im folgenden Trance-artigen Fluss die Hoffnung aber immer am Leben erhaltend.
Das Sampling und die dominant digitalen, synthetischen, artifiziellen Sound-Wüsten und zerrütteten tonalen/atonalen Innenansichten/Visionen wurden begleitet von analogen Drums, bereichert durch blitzartige Lichteffekte, abstrakte Video-Installationen und massives Trockeneis-Wabern, das Konstrukt zuforderst zusammengehalten durch den Vokal-Vortrag von Tomer Tea Damsky. Auch mit ihrer Sangeskunst lotete die junge Frau die Grenzen des Möglichen der eigenen Stimme aus, flüsternd, fordernd, mit durch den Verzerrer gejagtem Schreien krönte sie im Durchwandern der Nebelschwaden, zu Teilen sitzend oder sich unter das Publikum mischend das vehemente Klang-/Visual-Gesamtkunstwerk.
Eine Wackelkontakt-Performance sprengt nicht nur die Grenzen der Hörgewohnheiten und konzertanten Erfahrungen, darüber hinaus wohl letztendlich auch die Möglichkeiten der berichtenden Beschreibung. Wackelkontakt muss man live erfahren, mit vollem Körpereinsatz und aufnahmebereitem Bewusstsein – insofern, falls sich beizeiten die Gelegenheit bietet: Do yourself a favour.
(***** – ***** ½)