Alternative Country

Baby Kreuzberg @ KAP37, München, 2019-02-22

Stadien-Schnulzer Springsteen gibt in seiner bei Netflix ausgestrahlten, unsäglich langweiligen und vor allem unsäglich affektierten „On Broadway“-Show eingangs unumwunden zu, dass er in seinem Leben unterm Strich noch nie was Vorzeigbares an Knochenjobs in den Mühlen der Lohnsklaverei gearbeitet hat und damit in seinen zahlreichen Working-Class-Songs von selbst nie Erlebtem, allenfalls von Erfahrungen aus zweiter Hand erzählt – hinsichtlich Authentizität eine ganz arme Nummer (Böse Zungen werden an der Stelle einwerfen, beim Mainstream-Bruce größtenteils nicht nur dahingehend).
Was die Geschichten und Hintergründe seiner Texte betrifft, geht es beim Berliner Songwriter Marceese Trabus aka Baby Kreuzberg gern thematisch mindestens eine Nummer kleiner als beim fragwürdigen „Boss“, dafür liegt er in puncto Glaubwürdigkeit ganz weit vorne – wenn er sich in Songs wie „Monkey Bussiness“ oder „Ain’t No Texas Ranger“ über Konzert-Veranstalter auslässt, die den gebuchten Künstler um ihre Gage prellen, oder über angesagte Live-Clubs in Neukölln, die grundsätzlich nur Musiker aus New York oder Chicago buchen, keinesfalls einen aus dem örtlichen Kiez, dann weiß Marceese aus seiner eigenen Vita, wovon er spricht.
Im Rahmen seiner laufenden „Speak Of The Devil“-Solo-Tour machte der Berliner Barde am vergangenen Freitag im Münchner KAP37 Halt, die heimelige Bühne der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach ist wie geschaffen für einen Entertainer seines Schlages, der Saal war gut gefüllt, und so konnte einem erbauenden, das Gemüt nach harten Arbeitstagen wieder aufrichtenden Songwriter-Abend zum Wochenausklang nichts mehr im Wege stehen. Tat’s auch nicht. Dem Musiker eilte aufgrund jahrzehntelangem, fleißig bespieltem Tour-Betrieb und zahlreichen Band- wie Solo-Projekten ein exzellenter Ruf voraus, diesen unterstrich er an dem Abend auf das Angenehmste. Charmant, unaufgeregt und mit dem Humor seiner Berliner Herkunft moderierte Baby Kreuzberg sein umfangreiches Repertoire, das trotz vielseitiger stilistischer Ausprägungen als homogenes Gesamtwerk zu überzeugen wusste. Das geerdete, wahrhaftige, in Americana-Tradition verwurzelte Songwriting bildete den Hauptstamm eines reichhaltig blühenden Baums, ob als Herz-anrührende Alternative-Country-Ballade, als trockener Acoustic-Blues, schmissiger Rock’n’Roll-Twang oder als schlichte, elegante Liedermacher-Melodie zum deutsch vorgetragenen Liebesgedicht an die Herzallerliebste daheim, der Berliner kennt die Vorbilder und hat viel Eigenes anzumerken.
Instrumental ein bewanderter Virtuose auf seinen sechs Saiten, gab der Solist Einblick in sein breitgefächertes Können, ob mit ruppigerem Garagen-Blues auf der Halbakustischen, den selbst eine Indie-Legende wie Alex Chilton nicht kaputt-trashiger aus dem Übungskeller gezogen hätte, oder mit dem 10-minütigen Akustik-Instrumental „Eclipse“ seines Seitenprojekts „Yer International Humbug“, das mit Herrlichkeiten wie Flamenco-Zitaten und Trance-artiger Desert-Psychedelic in den Bann zog, ob mit ausgedehnten, nachhallend lärmenden Feedback-Orgien im Zusammenspiel von Gitarre, Pedalen und der Lautsprecher-Box zum kontrastreichen Durchbrechen und Konterkarieren der entspannten, ruhigen Grundstimmung des Abends, selbst der seinerzeit ab Ende der Siebziger von den Sendern totgespielten Pink-Floyd-Hitnummer „Another Brick In The Wall“ hauchte Marceese in Form einer dringlichen Folk-Blues-Version neues Leben ein. In dem Rahmen nicht vermutete Geistesverwandtschaft zum brachialen Geknüppel der vom Künstler in der Vergangenheit gerne gehörten Slayer, inhaltlich in Form zweier Serienkiller-Balladen mit morbiden Schilderungen durch die Brille der Delinquenten, Baby Kreuzberg zollte damit wohl thematisch auch seiner eigenen musikalischen Vergangenheit mit der Berliner Trash-Metal-Combo „gate“ Tribut. Der im Rock der harten Gangart prominent vertretene wie im Tour-Titel erwähnte Teufel himself durfte in dem Zusammenhang auch nicht fehlen, wo er andernorts seinen Auftritt als Pudel oder irgendwo im Detail steckend hat, inkarnierte er beim Berliner Songwriter als verflossene Liebschaft in einer bitter-süßen Tirade auf Abhängigkeiten und die Tyrannei böser Weiber.
Damit’s nicht allzu bierernst und trübsinnig wurde, schoss Baby Kreuzberg satirische Spitzen gegen das Berliner Hipster-Volk, das sich in seinen Unarten von den Münchner Exemplaren im Wesentlichen kaum unterscheidet, gegen Social-Media- und Smartphone-Junkies, und gab selbstironische Einblicke ins eigene Familienleben. Ob die beiden Songs aus seinem Kinderlieder-Projekt „Raketen Erna“ an diesem Abend unbedingt in die Setlist gehörten, man könnte lange darüber diskutieren, immerhin werden Tagsüber in der Nachbarschaftshilfe am Westermühlbach auch Kinder betreut, damit lag’s dann hinsichtlich Lokalität schon mal nicht ganz falsch. Kurzer Werbe-Block für das eigene Schaffen ist auch nicht verboten, zumal sich viel potentielle Kundschaft im Auditorium tummelte, und mehr Schmiss und Pfiff als „Hänschen-Klein“ hatten die deutschen Texte aus Sicht einer Rotzgöre mit Berliner Schnauze allemal.
Von der tiefen Entspannung der Country-Folk-Holzveranda über die Trash-Garage in die Blues-Kaschemme, mit Abstechern auf den lärmenden Pausenhof des Kindergartens, in die staubtrockene Hitze der Wüste und in die seelischen Abgründe von Massenmördern, dagegen nimmt sich die „Reise um die Erde in 80 Tagen“ aus wie ein urfader Pauschal-Trip, von der orchestralen Beschallung auf der Schiffs-Passage um den Globus ganz zu schweigen.
Baby Kreuzberg und das KAP37, das hat gepasst: Eine der schönsten Münchner Bühnen für das Songwriter-Genre, und einer der versiertesten Vertreter der Zunft hierzulande, die hätten die Tauben nicht schöner zusammentragen können, wie die Alten in so einem Fall treffend anmerken.

Der All-Americana-Gitarrist mit der wohl tönenden, ab und an latent ins Brüchige kippenden Stimme und dem umfangreichen, nicht in Schubladen zu pressenden, gleichsam stets stimmigen Gewerk tritt in München wieder am 27. März in der Shotgun Sister Coffeebar auf, Deisenhofener Straße 40, 20.00 Uhr. Weitere, zahlreich stattfindende Konzerttermine von Baby Kreuzberg finden sich auf seiner Homepage, guckst Du hier. Highly recommended!

Das nächste SchaufensterKonzert im KAP37 findet am 21. März statt, der Hong Kong Jockey Club wird bekanntes Liedgut in unbekannten Versionen spielen, damit sind freudige Überraschungen garantiert – Derartiges beherrschte die Combo bereits unter dem alten Band-Namen Fly In The Ointment auf das Unterhaltsamste. Und wer hören will, wie Howlin‘ Wolf nach Sex-Pistols-Punk klingt (oder andersrum?), die Doors wie eine Ska-Band, oder warum olle Schmonzetten wie „Rebel Yell“ oder „Personal Jesus“ im richtigen Gewand dann doch mehr als nur passable Nummern sind, die- oder derjenige sollte sich den Termin schon mal vormerken. Fasching ist zwar dann schon vorbei, aber getanzt werden darf trotzdem. München, Kapuzinerstraße 37. 20.00 Uhr. Auch highly recommended, eh klar.

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Reingehört (512): William Tyler

William Tyler – Goes West (2019, Merge Records)

Nächster Schritt in Richtung solistische Etablierung: Der amerikanische Ausnahmegitarrist William Tyler wird im Line-Up seiner langjährigen Stammformation Lambchop mittlerweile als „Ex“ gelistet, bereits 2016 arbeitete er vorzugsweise am eigenen, grandiosen Instrumental-Werk „Modern Country“ und tauchte im selben Jahr weder in der Besetzungsliste zum gleichfalls nicht zu verachtenden Alternative-Country-/Electronica-Hybrid „FLOTUS“ noch im Reise-Tross zur konzertanten Promotion des Albums seiner ehemaligen Weggefährten um Wagner-Kurtl und Co auf, irgendwann in jenen Tagen müssen sich die Wege von Tyler und Lambchop getrennt haben.
Auf seinem Wurf vor zweieinhalb Jahren glänzte der Musiker aus Nashville/Tennessee mit einem Mix aus Ambient, Akustik-Folk und Country-Experimenten, der neben brillanten Gitarren-Meditationen vor allem durch seine glasklare Reinheit bestach, an diesem Ansatz knüpft er jetzt mit seiner jüngsten Veröffentlichung in voller Band-Montur nahtlos an und gibt ihm eine dezent neue Richtung.
Auf „Goes West“ präsentiert sich Tyler als versierter Vertreter einer zeitgemäßen Spielart der American Primitive Guitar, in der er mit ruhiger Hand, quasi mit links, eine Vielzahl an folkloristischen Elementen aus unterschiedlichsten Ecken dieser Erde einfängt und mit seiner Interpretation von instrumentaler Country-Musik und tiefenentspannter Americana in Verbindung bringt. Tyler ist ein Meister der filigranen, einfachen und unaufgeregten Strukturen, einer, der mit seinem exorbitanten Können nicht hausieren gehen muss, weil es für jeden Menschen mit halbwegs funktionierenden Gehörgängen in jedem Ton evident ist. Die technische Finesse ist das eine, ohne Seele bleibt das letztendlich immer nur antrainierter Sport, William Tyler musste sich über derart Eindimensionales hingegen noch nie den Kopf zerbrechen, heute nicht anders als in vergangenen Zeiten kommt in den aktuellen Arbeiten einmal mehr sein Talent für griffige, anrührende Melodien zum Tragen. Trotz sparsamer Tempi-Wechsel und unkomplizierter Kompositionen trägt das Konzept über die volle Distanz.
Bill Frisell, ein weiterer hochverehrter Großmeister der sechs Saiten, steuert seine elektrischen Gitarren-Tunes auf der finalen Nummer „Our Lady Of The Desert“ bei, hier haben sich wahrlich zwei herausragende Vertreter ihrer Zunft in segensreicher Mission zusammengetan.
Vielleicht ist diese Welt nicht mehr zu retten, immerhin wird sie durch Ohrenschmeichler und Seelenmassagen, wie sie auf „Goes West“ zuhauf zu finden sind, etwas erträglicher. Seit Ende Januar als Naturheil-Präparat in analogen und digitalen Formaten beim Sound-Pharmazeuten Ihres Vertrauens vorrätig.
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Hochzeitskapelle @ Katrin’s Geburtstagsfeier, München, 2019-01-19

Gibt so Nummern, denen kommst Du nicht aus, wenn Du Dein Dasein in der Isarmetropole fristest. Schlimmste Horror-Ausprägung: Von jeder gefühlt zweiten Werbefläche und aus jedem Zeitungskasten grinst Dich irgendein Söldner vom rot-weißen Zuchthäusler-Verein an, vorzugsweise das feixende Watschengesicht vom grenzdebilen Dorfdeppen aus der Pähler Schlucht, unausweichlich wie einst die Hundstrümmerln auf dem Gehsteig vor Einführung dieser Einsammeltüten. Omnipräsenz Hilfsausdruck, Wolf Haas und so, Ihr wisst schon. Dass der Begriff der Allgegenwart auch positiv besetzt sein kann, untermauert seit einiger Zeit ein anderes Phänomen: Egal, ob Du ins Kino gehst – Wackersdorf-Film, sehenswert, nebenbei bemerkt – in die Kammerspiele zum neuesten Live-Hörspiel von Andreas Ammer, ob zu den Experimental-Experten der frameless/frameworks-Veranstaltungen, zum Wochenmarkt an den Käse-Stand Deines Vertrauens, aufs Oktoberfest, auf einen Ausflug an die Isar oder auf eine private Feierlichkeit, an der Hochzeitskapelle kommst Du derzeit nicht vorbei, „Ja, was glaubst Du denn?“ hätte der Haas jetzt hinterhergeschoben.
Jüngstes Beispiel am vergangenen Samstag, da hat die Katrin zwar nicht geheiratet, dafür einen „Runden“ gefeiert, irgendwas mit einer Drei oder Vier davor, egal, jedenfalls hat sie sich zu der Gelegenheit nicht lumpen lassen und nebst Vorsetzen ausgesucht exzellenter Verköstigung die Hochzeitskapelle „über’s Mahl pfeifen lassen“, wie das die Alten von den zahl- und namenlosen Hochzeitskapellen vergangener Jahrhunderte auf traditionellen Vermählungs-Festivitäten einst beschrieben.
In dem Fall zwar „nur“ mit 3/5 vom angestammten Personal der großartigen Sound-Kosmopoliten vom Weilheim/München-Kollektiv, die Reduzierung der Besetzung tat der Begeisterung über die Beschallung des Festakts jedoch keinen Abbruch. Statt handelsüblichem Konserven-Sound zu solchen Veranstaltungen, auf den sich im Zweifel sowieso nicht alle einigen können, also großes Live-Entertainment im Crossover von Cafehaus-Swing über gängige Polka- und Walzer-Taktung bis hin zum angeschrägten Country und polterndem New-Orleans-Blues nebst seiner Jazz-Verwandtschaft. Für den Die-Hard-Fan der Combo mochte der unnachahmlich beseelte, gedehnte, geschmeidige Groove von Posaunist Götz wie der für den Hochzeitskapellen-Sound typische, scheppernde Rhythmus von Schlagwerker Markus Acher an der ein oder anderen Stelle fehlen, alternativ dazu glänzte das Trio mit anderer Akzentuierung in ihrer Auswahl aus Werken vom 2016er-Debüt „The World Is Full Of Songs“, aus der letztjährigen Kollaboration „Wayfaring Suite“ mit dem japanischen Komponisten und Musiker Kama Aina und einer weiteren umfangreichen Selektion an beschwingten Nummern aus dem reichhaltigen Kapellen-Fundus.
Das Banjo von Haas-Namensvetter Alex durfte sich im Sinne des „Rumpeljazz“ mit stoischem, dezent antreibendem Saiten-Gerappel der Drummer-Konkurrenz entledigt in den Vordergrund spielen, Evi Kegelmaier ließ die Bratsche kammermusikalisch meisterlich im Stile alter Kaffeehaus-Orchester swingen, und Micha Acher gab mit ihr im Wechsel an der Sousaphon-Tuba die brummende Bass-Begleitung nebst etlichen entspannten, beglückenden Trompeten-Einlagen. Hochzeitskapelle quasi stripped to the bone, mal was anderes und gewiss kaum weniger erhebend als im vollen Ornat. Und „When It Rains In Texas (It Snows On The Rhine)“ in der minimalistischen Hochzeitskapellen-Fassung ist sowieso eine der herzergreifendsten Coverversionen ever, egal ob zu dritt oder fünft bespielt.
Dass bei einer großen Anzahl an kommunikativen Gästen nicht permanent über mehrere Stunden nur aufmerksam dem wunderbaren Sound gelauscht wird, selbst bei Ausnahmekönnern wie den Hochzeitskapellen-Musikanten nicht, liegt auf der Hand, insofern war das Gewerk der Drei mitunter als Begleitmusik zum feierlichen Beisammensein fast unter Wert verkauft oder eben verschenkt, aber andererseits war’s ja auch als außergewöhnliches Präsent gedacht, was sich die Katrin damit selber und ihren Gästen bescherte – dafür gilt es herzlichen Dank zu sagen, einmal, dass man dabei sein durfte, und nicht zuletzt selbstredend an die Hochzeitskapelle selbst für dieses wunderbare musikalische Geschenk.
Liebe Katrin, nochmal alles Gute zum Geburtstag, gesund bleiben, auf Sendung bleiben, und beim nächsten Anlass für größere Feierlichkeiten wieder die Hochzeitskapelle zur musikalischen Umrahmung einladen, als wohlklingendes Statement gegen schlechte Party-Beschallung :-)