Reingehört (249): Dead Skeletons

KULTURFORUM Skull & Bones (8)

Dead Skeletons – Live In Berlin (2016, Fuzz Club)
Meditationshilfe der etwas anderen Art aus dem hohen Norden: Das isländische Trio Dead Skeletons um Sänger und Gitarrist Jón Sæmundur Auðarson aka Nonni Dead hat im Dezember 2013 ihren Auftritt im legendären Berliner Live-Club SO36 mitgeschnitten, via Konserve aus Kreuzberg darf sich die Hörerschaft in zehn ausladende Räusche hinsichtlich dunklem Shoegazer-Gitarren-Pop, Psychedelic-, Post- und Space-Rock stürzen, die Band aus Reykjavík eröffnete mit einem dunklen, Kraut- und Postpunk-infizierten Gitarren-Drone-Instrumental, um sich im weiteren Verlauf des Abends an ihren diversen Underground-Hits in gebührender Intensität abzuarbeiten. Das von mystisch-religiösen, buddhistischen Themen durchwirkte Songmaterial präsentiert die Combo extrem treibend, immer wieder in Darkwave- und Gitarren-Rave-Gefilde vorstoßend, stets den hypnotischen Psychedelic-Flow im Fokus.
Totenschädel- und Tibet-Rock’n’Roll, trotz allem Lärm im Kern von meditativem Charakter, der sich auch in Songtiteln von Werken wie „Om Mani Padme Hum“, „Kingdom Of God“ oder dem hier final präsentierten, ausladend-intensiven Konzert-Höhepunkt „Dead Mantra“ widerspiegelt, im Fall der Dead Skeletons ist das noch nicht mal aufgesetztes Totenkult-Gedöns, Jón Sæmundur Audarson lebt seit langer Zeit mit dem Immunschwäche-Virus HIV.
Ausleuchten von Licht und Schatten in einem Live-Beben, ein geistiges Führen mit den Mitteln des energetischen Indie-Rock, Rhythmus-getrieben, zwingend, mit schneidenden Gitarren, schweren Bässen und dunklem Gesang, der die stimmliche Nähe zu Michael Gira und Andrew Eldritch sucht.
„Dead Skeletons‘ philosophy is based around a psychedelic battle cry and series of mantras to inspire people to accept life and death in equal measure.“
(****)

Reingelesen (55): Karl Bruckmaier – The Story Of Pop

bruckmaier

„Und schon habe ich es wieder vergessen. Denn die Geschichte der Popmusik setzt sich nicht zusammen aus dem Wissen, wer 1972 bei Jethro Tull Bass gespielt und wer die erste House-Maxi veröffentlicht hat. Die Geschichte der Popmusik stellt für mich ein seit Jahrhunderten aufgeführtes Drama dar, das uns von einem bestimmten Typus Mensch erzählt, von seinen Lebensumständen, von seinen Träumen, von seinen politischen Ansichten und von seinen Unzulänglichkeiten. Ein Drama braucht einen Chor. Vielstimmig muss die Erzählung sein. Und im Rhythmus.“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Vorwort)

„Tür auf, Patti Smith kommt rein, und wir alle sind wie elektrisiert: Welche kosmischen Weisheiten wird sie wohl von sich geben? Und sie kommt her zu mir und fragt, wo man hier ganz schnell Stoff kriegt.“
(Geoff Travis)

Karl Bruckmaier – The Story Of Pop (2015, Heyne)

Er hätte es sich auch leicht machen können, der Karl Bruckmaier, mit seiner Geschichte des Pop. Am Anfang hat Gott Adam und Eva, die Schlange und die Weihnachtslieder in die Welt gesetzt, später brachten die schwarzen Sklaven den Gospel und den Blues auf Amerikas Baumwollfelder, hinzu kommen die üblichen Verdächtigen Elvis, Beatles et cetera und der Jagger/Richards-Ideen-Klau bei Chuck Berry und Muddy Waters, und heute haben wir Madonna, die den US-Wählern bei entsprechender Stimmabgabe für Frau Clinton orale Liebesdienste verspricht, die wir in der detaillierten Beschreibung von Frau Ciccone so genau eigentlich gar nicht wissen wollen.
So einfach hat es sich Bruckmaier Gottlob nicht gemacht. „No Elvis, Beatles or the Rolling Stones in 1977“  haben The Clash vor fast vierzig Jahren als Punk-Postulat herausgehauen, und so hält es der Autor auch weitestgehend in seinem anregenden Schmöker. Die Nummer mit dem Gospel, den Sklaven, mächtigen afrikanischen Gottheiten und dem Blues kommt selbstredend auch vor, ausführlichst, gebührend und in seiner ganzen historischen Grausamkeit, daneben aber eben auch weitaus weniger offensichtliche und unerwartete, abseitige Details zum Thema Popmusik, und diese lesen sich in der nonchalanten, lakonischen Bruckmaier-Diktion weitaus anregender und spannender als die im „Rolling Stone“ (oder in ähnlichen ewig rückwärts gewandten Postillen) zum hundertachtundzwanzigsten Mal aufgewärmten Geschichten vom Hüftschwung des King und den lachhaften Yoga-Übungen der Fab Four im fernen Indien.

„Funk kommt übrigens von lo-fuki, „starker Körpergeruch“, einem Wort aus einer Bantu-Sprache. Seine zweite Bedeutung: spirituelle Stärke. Die Sklaven, die noch in der Neuen Welt ankamen, waren notgedrungen alle ziemlich funky.“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Purgatorium)

Der Leser lernt frühzeitliche persische Popstars im Kalifat Cordoba kennen, erfährt vom Auftauchen der mahgrebinischen Trommel im europäischen Süden im 10. Jahrhundert, bereits auf den ersten Seiten der Essay-artigen Abhandlung wird klar, dass es dem Autor nicht nur um die angloamerikanische Pop-Historie geht, vielmehr werden Querverbindungen und sich gegenseitig befruchtende Einflüsse im Fortgang der Jahrhunderte Kontinent-übergreifend erkennbar.
In New Orleans gilt vor weit über 200 Jahren erstmals die Devise: Rock the City! – der Beat bahnt sich seinen Weg in die Kaschemmen und Straßen der Großstadt.
Auf Bruckmaiers Bühnen treten frühe Popstars wie Louis Moreau Gottschalk auf, der französisch-stämmige US-Komponist und -Pianist war bereits Mitte des 19. Jahrhunderts als Superstar auf Never-Ending-Tour und gab sich ähnlich gelangweilt von Konzertbetrieb und Publikum wie dieser Tage der Sinatra-/Literaturnobelpreisträger-Imitator Dylan.
Der Leser lernt unbekannte Ingredienzen und Einflüsse wie die „Sacred Harp“ kennen, Gottes-fürchtige Kirchengesänge, der frühe Pop im amerikanischen Süden. Bert Williams tritt auf, ein bekannter Künstler im Rahmen der Minstrel-Shows, dem Pop-Entertainment der Vaudeville-Ära. Jacques de Vaucanson, ein französischer Erfinder, sorgt im 18. Jahrhundert mit seinen mechanischen Maschinen für die Initialzündung hinsichtlich Grammophon, Volksempfänger, Soundsystems und iPod, die Gerätschaften werden den Pop demokratisieren und privatisieren durch Ausstrahlung in jede Behausung, quasi der endgültige Durchbruch als Massenprodukt.

„… während JFK trotz Schweinebucht und Vietnam von Bob Dylan „a friend of mine“ genannt wird, von demselben Bob, der sich von Barack „Lauschangriff“ Obama einen Orden wird umhängen lassen und der sich auch nicht zu blöd ist, wie der Apotheker Homais aus Madame Bovary und andere Hanswurste das Kreuz der Ehrenlegion entgegenzunehmen. Bob, voice of a generation. Wonder Bob. Mein Bob! Dass Pop aber auch immer so kompliziert sein muss, Herrschaftzeiten!“
(Karl Bruckmaier, The Story Of Pop, Protest)

Je drückender die gesellschaftlichen Verhältnisse und der Drang zur Veränderung, umso zwingender der Wille zum individuellen Ausdruck via Musik, in der „Story Of Pop“ im Prager Frühling bei den Velvet-Underground-beeinflussten Plastic People Of The Universe genauso zu finden wie unter der brasilianischen Militärdiktatur im Tropicalia/Afrosamba von Gilberto Gil und Caetano Veloso oder den APO-durchwirkten Essener Songtagen anno 1968 mit Auftritten der Mothers Of Invention, der Fugs oder deutscher Kraut-Koryphäen wie Tangerine Dream und Amon Düül, da tut kein totgerittenes Zitieren des Woodstock-Mythos Not, der Geist wehte auch woanders frei und Popular-musikalisch brisant. Nicht unerwähnt bleibt, dass Protagonisten wie Václav Havel und Gilberto Gil in ihren Ländern später höchstselbst staatstragend wirken werden.
Das alles und noch viel mehr erzählt uns Karl Bruckmaier, ohne König von Deutschland zu sein, aber dafür kennt er sich aus, beim Punk, beim Jazz, im Country, bei der Britischen Invasion und ihrem überflüssigen Spät-Achtziger-Abklatsch, allem Art-verwandten Pop-Zeugs, das in dem Zusammenhang selbstredend zur Sprache kommen muss.

Und wir treffen die Randfiguren des Pop, an denen der große Reibach und auch das Publikum mehrheitlich vorbeiging, die aber in dem Kontext das sprichwörtliche Salz in der Suppe ausmachen, John Fahey etwa, den Pionier der American Primitve Guitar, der das alte, versteckte Amerika der Aussenseiter in seiner Musik an die Oberfläche holt, wie kein anderer kaum vereinbare Stile wie Folk, Country, Gamelan und Neu-Klassik verwebt und zeitlebens zerrissen wird vom Anspruch, Kunst und Dasein in Einklang zu bringen, prägend für Musiker wie Jim O’Rourke, Sonic Youth, Henry Kaiser, bis heute. Die Kurzgeschichten-Sammlung „Blaugrassmusik“ (2005, Suhrkamp) des begnadeten Vertreters der amerikanischen Outsider-/Experimental-Folk-Musik hat Bruckmaier im Übrigen seinerzeit ins Deutsche übersetzt.
Und einer wie der Kult-Trash-Blues-Barde Alex Chilton hat als 17-jähriger Box-Tops-Sänger via „The Letter“-Nummer-Eins-Hit tatsächlich seine berühmten Warhol’schen 15 Minuten in der Pophistorie abbekommen, auch wenn er vom großen Geldtopf kaum was gesehen hat und später wie von Bruckmaier geschildert im Erdinger Hirschwirt den weitaus spannenderen Stoff vor überschaubarem Publikum ablieferte.

Gut 300 Seiten prall gefüllt mit imaginären Merkzetteln, Randnotizen, Anekdoten und Querverbindungen im opulent wuchernden, tausende Jahre alten Pop-Dschungel, auf den Punkt gebracht, originell und vor allem subjektiv und süddeutsch-barock den Glückshormone-ausschüttenden Momenten Raum gebend. Bruckmaier versteht es glänzend, dem Leser Theoretisches en passant unterzujubeln, dass er sich in wissenschaftlich angelehntem Soziologen-Gewäsch ergeht, welches die Lektüre geistiger Ejakulationen aus der Feder etwa eines Diederich Diederichsen zu einer lustlosen Anstrengung verkommen lässt, ist sein Ding Gottlob nicht.
Herrlich ehrlich auch die Episode, in der er als junger Journalist die große Pop-Ikone Marianne Faithfull in einem Münchner Hotel interviewen durfte, seine Fragen waren unverschämt offensiv und auch nicht grundlegend völlig abseitig, aber eben auch wenig feinfühlig und kaum sensibel, der Stachel über die verkorkste Nummer scheint bis heute tief zu sitzen beim Autor. Shit happens, was soll’s, letztendlich egal, the Beat goes on

„Vielleicht ist Rockmusik das beste Medium, um künstlerischen Unfug Gestalt annehmen zu lassen, die einfachste Art, sich zu verbergen hinter einer Maske des Aufruhrs, die einzig wahre Methode, um mit narrativem Extremismus durchzukommen und einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.“
(David Thomas, Pere Ubu)

Karl Bruckmaier wurde 1956 in Niederbayern geboren, seit 1978 ist er regelmäßig in den Radiosendungen „Zündfunk“ und „Nachtmix“ des Bayerischen Rundfunk zu hören, seit 1981 schreibt er für die Süddeutsche Zeitung Platten- und Konzert-Kritiken und Anmerkungen zur Pop-Kultur.
Bruckmaier ist Verfasser, Bearbeiter und Regisseur mehrerer, zum Teil mit Preisen ausgezeichneter Hörspiele, die neben seinen eigenen auch Texte von anderen Autoren wie Elfriede Jelinek, Amiri Baraka, Mayo Thompson, Carl-Ludwig Reichert und Alexander Kluge enthalten.
1999 erschien von ihm „Soundcheck: Die 101 wichtigsten Platten der Popgeschichte“ (C.H. Beck Verlag), eine subjektive, amüsant geschriebene und höchst anregende Best-Of-Lieblingsplatten-Auflistung und -Kommentierung des Autors, ein Schmöker, der ergänzend bestens passend neben „The Story Of Pop“ im Bücherregal steht.
Zeitweise betrieb Karl Bruckmaier die Web-Seite „Le Musterkoffer“, die leider schon seit längerem kein Update mehr erfuhr, aber immer noch online im Netz verfügbar ist.

Reingelesen (54): Stephen King – Revival

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„Es gibt keinerlei Beweise für diese zwei Orte, die uns nach unserem Tod bestimmt sind, keine wissenschaftliche Basis, nur das dürftige Versprechen, dass alles Sinn ergibt. Gekoppelt ist es an unser starkes Bedürfnis zu glauben. Als ich jedoch in Peabodys Hinterzimmer stand und auf die entstellten Überreste meines kleinen Sohnes blickte, der viel lieber nach Disneyland als in den Himmel wollte, da hatte ich eine Offenbarung. Die Religion ist das theologische Gegenstück zu einer Versicherungspolice, deren Prämie wir Jahr für Jahr bezahlen, und wenn wir dann schließlich die Leistung in an Anspruch nehmen müssen, für die wir so – verzeiht mir die Anspielung -, so lammfromm gelöhnt haben, entdecken wir, dass die Firma, die unser Geld genommen hat, in Wahrheit gar nicht existiert.“
(Stephen King, Revival, III)

Stephen King – Revival (2015, Heyne)

Vom Ende her stimmig gedachter, schlussendlich passabel durchexerzierter Horror-Stoff, der sich zur vollen Blüte erst in den letzten 20 der 500 Seiten entfaltet, in denen Stephen King immerhin in diesem kurzen Abgesang einmal mehr mit seiner Literatur unter Beweis stellt, dass ein guter Schluss wie etwa auch im Kino oder im Fußball-Stadion so manche durchwachsene Partie retten kann. In einem originellen und vor allem hinsichtlich seiner Vision beängstigenden Plot stellt der Vielschreiber aus Maine wie so oft unter Beweis, dass er nach wie vor zur Speerspitze der Mystery- und Horror-Entertainer zu zählen ist.
Bis zum großen Finale dürfen (wiederholt auch: müssen) sich die King-Konsumenten durch ein Konglomerat lesen aus Dramen-durchzogenem Familien-Saga-Kitsch, Entwicklungs-/Coming-of-Ages-Roman des Ich-Erzählers, einer Klischee-behafteten Rock’n’Roller-Geschichte inklusive der obligatorischen Drogen-Abgründe, fundamentaler Religionskritik und einer launigen Mary-Shelley-/Frankenstein-Adaption, es darf selbstredend die Frage erlaubt sein, lohnt das den Lese-Aufwand für ein solides Finale auf den letzten Metern?

„Klar“, sagte ich ohne große Begeisterung. Ich dachte, er hätte weitere Gebete im Sinn. Ich wusste zwar, dass das nichts schaden konnte, aber man hatte schon reichlich für Con gebetet, und geholfen hatte es auch nichts.“
(Stephen King, Revival, I)

In den frühen sechziger Jahren spielt der sechsjährige Jamie Morton vor dem elterlichen Anwesen in Harlow/Maine mit seinen Zinnsoldaten, plötzlich fällt ein Schatten über ihn, geworfen vom neuen Geistlichen der ländlichen Glaubensgemeinde, dem jungen Pastor Charles Jacobs. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die jäh endet, als die junge Familie des Pfarrers durch einen grauenvollen Unfall ums Leben kommt und der Geistliche daraufhin vom Glauben abfällt.
Pastor Jacobs muss nach einer ketzerischen Rede vor versammelter Gemeinde zum Bedauern der Familie Morton den Ort verlassen, in glücklicheren Tagen hat der von technischen Geräten und den Gesetzen der Elektronik faszinierte Geistliche den jungen Con Morton von einem Stimmbänder-Leiden per Elektroschock-Behandlung geheilt.
Viele Jahre später trifft der mittlerweile schwer drogensüchtige, abgewrackte, sich als Rockmusiker mehr schlecht als recht verdingende Jamie Norton den ehemaligen Prediger wieder, als Jahrmarkts-Attraktion heilt und behandelt er Gebrechliche wie auch Todkranke mit geheuchelten, gottgefälligen Erweckungspredigten und allerlei elektronischem Schabernack. Norton befreit er von seiner Sucht und verschafft ihm einen dauerhaften, einträglichen Job in einem renommierten Tonstudio, der genesene Jamie leidet im Nachgang an mysteriösen Albträumen, Nebenwirkungen der Behandlung durch den Prediger. Im Lauf der Zeit erfährt er unter Mithilfe seiner jungen Geliebten durch Internet-Recherchen von anderen Geheilten, die zum Teil wesentlich extremere Auswirkungen bis hin zu unheilbarer Geisteskrankheit als Folge der pastoralen Elektro-Therapie erleiden mussten.
Der ehemalige Pastor steigert sich wahnhaft in Frankenstein-artige Schöpfungs- und Wiedererweckungs-Visionen, die maßgeblich befeuert werden vom fiktiven Okkultismus-Werk „De Vermis Mysteriis“, das Eingang fand in die Literatur H.P. Lovecrafts und seines Jüngers Robert Bloch. Mit Hilfe und durch Heilung der schwerkranken Astrid, einer Jugendliebe Jamies, erpresst er Morton zur Assistenz bei der Wiederbelebung eines Leichnams, dabei offenbaren sich dem ehemaligen Musiker grauenvolle, verstörende Erkenntnisse über das Jenseits.

„Musik hat echte Bedeutung“, sagte er mir einmal. „Unterhaltungsliteratur vergeht, Fernsehshows vergehen, und ich glaube nicht, dass du noch weißt, was du vor zwei Jahren im Kino gesehen hast. Aber Musik bleibt bestehen, selbst Popmusik. Vor allem Popmusik. Über Sachen wie ‚Raindrops Keep Fallin‘ On My Head‘ mag man zwar die Nase rümpfen, aber diesen dämlichen Quatsch wird man noch in fünfzig Jahren hören.“
(Stephen King, Revival, VII)

Selten kommt der Horror-König ohne Referenzen auf das eigene Werk aus, neben diverser Erwähnungen des fiktiven Orts Castle Rock die augenscheinlichste hier: Charles Jacobs trat bereits als Vergnügungspark-Attraktion Mr. Electrico im Roman „Joyland“ auf. Der Blick in das dunkle Leben nach dem Tod referenziert zu unwirtlichen Parallelwelten, wie sie vor allem in „Dark Tower“, dem monumentalen Fantasy-Zyklus um den Revolvermann Roland Deschain, wiederholt zu finden sind.

Literarisches Popcorn-Kino, grundsolides King-Entertainment, bei dem sich wie nach dem Verzehr einer üppigen Knallmais-Tüte das sofort wieder unterdrückte, latent schlechte Gewissen im mentalen Hinterzimmer dahingehend meldet, dass man alternativ auch vitaminreichere, nahrhaftere und gesündere Kost hätte konsumieren können…

Reingehört (248): Medicine Boy

KULTURFORUM MÜNCHEN Frühling 13 gerhardemmerkunst.worpress.com

Medicine Boy – Kinda Like Electricity (2016, Medicine Boy / Roastin‘ Records / Permanent Record)
Das Duo Lucy Kruger und Andre Leo aus Kapstadt/Südafrika nimmt schwer für sich ein mit ihrem ersten Longplayer, bereits im Sommer zum Maria-Himmelfahrt-Fest erschienen ist uns diese wundersame Indie-Mixtur: Reduzierter, im Gesang verhuscht-verhallter Psychedelic-Pop-Wohlklang löst sich ab mit schneidenden, übersteuerten Gitarren, eine entspannte, schwer zu Herzen gehende Grundstimmung trägt die zehn Songs von „Kinda Like Electricity“ im Geiste des Shoegazer-Pop, den immer wieder aufflammende Ausbrüche vor zuviel Gesäusel bewahren. Galaxie 500, mit einer Extraportion Valium intus und dunkler Klang-Mystik versehen, trifft auf begnadete Psycho-Balladen wie „Lucy“, großen Sixties-Pop und sporadische, lärmende Exzesse, die Combo klebt auf ihr eigenes Musizieren das Label „Dream Noise“, eine stimmige akustische Verflechtung, die unaufhaltsam ihren hypnotischen Sog entfaltet.
(**** ½ – *****)

The Dad Horse Experience @ KAP37, München, 2016-11-24

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„If one third of music was half this good what a world we’d have!“ gab Jad Fair einst sein Statement zum Kellergospel of the Walking Dad ab, das Wort des Half-Japanese-LoFi-Experten hat dahingehend Gewicht, der Mann ist viel rumgekommen in der Musikwelt und weiß, wovon er spricht. Am vergangenen Donnerstagabend ist er uns wieder erschienen, unser liebster Wanderprediger aus dem Norden der Republik, nie war das Wirken des Bremers Dirk Otten aka The Dad Horse Experience wertvoller als in dieser von Flitter und Tand, Glühwein-berauschter Saumseeligkeit und geheuchelter Sentimentalität verseuchten Vorweihnachtszeit.
Dankbar und aufmerksam nahmen die zahlreich erschienenen Pilger im vollbesetzten KAP37 die wahre Botschaft der Erweckungspredigten auf, die Otten uns kündete, fernab der lichtdurchfluteten Kathedralen, in denen den Kardinälen die Sonne aus dem Allerwertesten scheint, Zeugnis ablegend von den Unbilden des Lebens, von den dunklen und bodenlosen Abgründen der Seelenpein, den verheerenden Wirkungen der verbotenen Substanzen, schwerwiegenden Sünden wie eingeschmissenen Spirituosenladen-Fenstern und dem vor allem in der amerikanischen Gospel-Tradition häufig geäußerten Wunsch, bei Muttern im Himmel weilen zu dürfen, dieses Begehr wurde eindrucksvoll unterlegt mit der DHE-Version der unkaputtbaren Country-Hymne „Will The Circle Be Unbroken“ aus der Feder von A. P. „Ödipus“ Carter.
Die Gemeinde war empfänglich für das Wort der Erweckung, lieh dem Choral zur Bekenntnis der Sünden mit dem schönen Refrain „Lord Must Fix My Soul, Turn The Shit Into Gold“ entsprechend lautstark und enthusiastisch die Stimme und lauschte mit der gebührenden Ehrfurcht der bestechenden Mixtur aus alten Dad-Horse-Klassikern wie der Nummer vom toten Hund am Straßenrand, den italienischen Eskapaden im „Merchandise Song“, neuen Perlen vom aktuellen Tonträger „Eating Meatballs On A Blood-Stained Mattress In A Huggy Bear Motel“ (2016, Sacred Flu) und ausgewählten Fremdkompositionen wie etwa Werken aus dem Fundus des Country-Oberheiligen Hank Williams, entsprechend langanhaltend und herzlich gestaltete sich der Applaus, nach annähernd zwei beseelten Stunden war die Messe gelesen und das Volk bekehrt oder mindestens wieder halbwegs auf den rechten Pfad der Tugend gelenkt.
Dirk Otten hat sich hervorragend als erster überregionaler Künstler nach zahlreichen Konzerten von Münchner Musikern im KAP37 bewährt, herzlichen Dank an Angelique und Christian von der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach für diese (wie immer) sehr feine SchaufensterKonzert-Veranstaltung, die im vergangenen Sommer ihre Initialzündung im fernen Belgien erfuhr, herzlichen Dank auch an Heiko vom Zeitklang-Blog, dass er seinen München-Aufenthalt für einen KAP37-Besuch nutzte – wie würde die Dad Horse Experience so salbungsvoll anmerken: „Gott segne Euch!“ ;-)))
(***** – ***** ½)

Nächstes KAP37-SchaufensterKonzert am 15.12.2016: Schöner Songwriter-Folk mit Rob Schröder.

The Dad Horse Experience predigt in nächster Zeit zu folgenden Gelegenheiten:

02.12.2016Meppel / Niederlande – Muziekcafe
03.12.2016Wuppertal – Hauskonzert
04.12.2016Helmond / Niederlande – Lokaal 42
10.12.2016Bielefeld – Extra Blues Bar
16.12.2016Bremen – Rock & Wurst
13.01.2017Hannover – Galeria Lunar Goes Underground
14.01.2017Ottersberg – Kukuc
01.02.2017Fürth – Kunstkeller 027
02.02.2017Sigmaringen – Alter Schlachthof

Reingehört (247): The Men

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The Men – Devil Music (2016, We Are The Men Records)
Begeistern seit ihrem „Leave Home“-Debüt bei Sacred Bones Records aus dem Jahr 2011 das Punk-Volk, und daran wird sich wohl auch mit dem neuesten Album von The Men aus Brooklyn/NY nichts ändern. Trashiger, entfesselter Rock’n’Roll-Garagen-Stoff, schöne Fuzz-Gitarren, die im Moll-Anschlag auch gerne mal die Surfrock- und (wenn auch sehr dezenten) Alternative-Country-Einflüsse würdigen. Alte Wipers- und Dead-Moon-Schule, an einem Wochenende im Übungsraum im vergangenen Januar in wütender Punkrock-Manier rausgehauen und mit verzerrten, zum Teil unverständlichen Stimmen der Gitarristen Mark Perro und Nick Chiericozzi besungen, mitunter mehr wütendes Schnauben als klare Artikulation. Zur Auflockerung rockt die Psychedelic und der Noise, jammert eine verzerrte Blues-Gitarre oder trötet ein atonales Saxophon und sorgt für kreischendes Chaos, das nimmt man in dem Kontext auch gerne mit.
„Ain’t looking for salvation, I ain’t that kind of man“, und ansonsten scheint den vier Männern auch alles wurscht zu sein, mit dem aktuellen Tonträger kauft man ihnen die fatalistische Grundhaltung allemal bedenkenlos ab.
(**** ½)

Reingehört (246): Donkeyhonk Company

Donkeyhonk Company @ Stilwirt Wolnzach 2016-03-22 --- DSC01134

Donkeyhonk Company – Honkrock EP (2016, Eigenvertrieb)
Neues Lebenszeichen aus dem oberbayerischen Swampland von den Bluesbrüdern Lametto, Wig und Pedl, beim Stilwirt zu Wolnzach und im weiteren Umland seit 2010 als Donkeyhonk Company bekannt und hochgeschätzt. Das Trio ist eine der ganz wenigen Bands, die Tom Waits als musikalisches Vorbild nennen und seiner Musik und seinem Gedankengut in ihren Songs nachspüren, ohne dabei auch nur im entferntesten peinlich zu klingen, das mache ihnen im Fall des morbiden kalifornischen Songpoeten erst mal so formvollendet jemand nach.
Sieben neue oder neu eingespielte Nummern der Band finden sich auf dem aktuell erschienenen Tonträger, wo das Debüt der Band „Long Way Home“ (2012, Reverbnation) noch von englischen Songversen dominiert war, würdigen die drei Musiker in den Texten der neuen EP überwiegend ihre bayerischen Wurzeln und stellen unter Beweis, dass in Mundart vorgetragene Songs nicht zwingend in Grenz-Debilität und Peinlichkeiten ausarten müssen, wie man sie von vielen Vertretern der New Wave of bayerische Volksmusik kennt und eben nicht schätzt, herausragendes Positiv-Beispiel für Dialekt-Singen auf „Honkrock“ ist der auch konzertant bewährte, ohne jeglichen Kitsch, dennoch schwerst ergreifend vorgetragene „Kreizweg“, das Blues-historische amerikanische „Crossroads“ taugt hier als Referenz ebenso wie die im katholisch geprägten Oberbayern in der Karwoche zelebrierte Andachtsübung.
Der Sound der Donkeyhonk Company bleibt bewährt im Bluegrass, im authentisch-schmutzigen Country-Blues und der Muddy-Roots-geprägten Spielart des Underground-Folk verhaftet, Frontmann Lametto glänzt mit seinem rauhen, charakterisitischen Gesang und flinkem Banjo- und Gitarrenanschlag, dem die Rhythmus-Treiber Wig und Pedl in Sachen Intensität in nichts nachstehen. Die von amerikanischen Vorbildern geprägte rohe Volks-Musik wird handwerklich gekonnt und beseelt vorgetragen, auf Augenhöhe mit Vertretern des Genres wie dem Agnostic Mountain Gospel Choir, Carrie Nation & The Speakeasy, Reverend Deadeye oder eben dem großen Tom Waits, dem mit der Donkeyhonk-Version von „Starving In The Belly Of A Whale“ vom „Blood Money“-Album (2002, Anti-) auch das Schlusswort dieser äußerst gelungenen Songsammlung gehört.
(*****)

Die Donkeyhonk Company spielt demnächst Honkrock zu folgenden Terminen:

25.11.2016 – Augsburg  – Bob’s am Oberhauser Bahnhof – Late Night (23 Uhr)
03.12.2016 – Augsburg  – Kresslesmühle (mit Revelling Crooks)
10.12.2016 – Immeldorf  – Weisses Ross

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Donkeyhonk Company / Homepage

Konzert-Vormerker: Thisell @ gUT

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„Peter Thisell ist ein Schreiber von Songs und ein Held des Schweifens durch die Prärie – selbst wenn sie eigentlich in Schweden liegt. Ein Aufmerksamer durch Strophe, Refrain und alles was sonst noch verklingt. Mit Gitarre, Tasteninstrumenten und Violine, mit Ideen aus Amerikas Westen. Und der Melancholie, die sprießt, wenn im Norden ein Sommer vergeht. Klingt wie: Am Fluss sitzen und der Zeit beim Vergehen zuhören. Ein Funkeln Musik, das ihr euch anhören solltet.“

Dass in den Weiten Skandinaviens erstklassiger Folk und feiner Americana-Sound gedeiht, ist seit vielen Jahren bekannt, Bands und Künstler wie Midnight Choir, St. Thomas, Easy October oder Kristofer Åström haben davon vielfach Zeugnis abgelegt. Einer, der in diesem Zusammenhang auch unbedingt genannt werden muss, ist der schwedische Songwriter Peter Thisell, der bereits im vergangenen Jahr beim Klienicum-Hauskonzert und an der Isar mit seinen ergreifenden Songs, seiner erstaunlichen Melodien-Vielfalt und seiner erstklassigen, beseelten Sangeskunst schwer zu überzeugen wusste.

Kommen Sie rüber, kommen Sie ran: Auf der Durchreise in Richtung Süden zur anstehenden Italien-Tour macht Peter Thisell zusammen mit David Odlöw und Tomas Larsson demnächst Halt in Sendling, stellt dabei sein im September erschienenes Album „Thisell II“ (2016, JellyFant / popup-records) vor und wärmt in dieser winterlichen Zeit die Herzen der Hörer mit seinen empathischen, wunderbar melancholischen Songs. Wird gUT! Versprochen.

Thisell Live!

09. Dezember 2016
Doors 19.30 / Show 20.30
gUT Atelier, München-Sendling, Pfeuferstraße 38
Eintritt frei, Spenden willkommen.

gUT-Art / Homepage

dasklienicum.blogspot.com

Franz Dobler @ Bayern 2-Diwan, Gasteig, München, 2016-11-18

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Der Schriftsteller, Journalist, Blogger und DJ Franz Dobler war im Rahmen des aktuell stattfindenden Münchner Literarturfests im Gasteig am vergangenen Freitag auf der B2-Couch Interview-Gast bei Kulturradio-Redakteur Knut Cordsen.
Thematischer Schwerpunkt war der kürzlich erschienene, zweite Dobler-Krimi „Ein Schlag ins Gesicht“ (2016, Tropen), sein erstes Werk mit dem Polizisten Robert Fallner, „Ein Bulle im Zug“, ist 2015 mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet worden.
Im neuen Roman bekommt es der mittlerweile Ex-Polizist Fallner als Security-Mann mit einem Stalker zu tun, belästigt wird die ehemalige 70er-Jahre-Sex-Film-Schauspielerin Simone Thomas, das Thema Stalking war für Dobler aufgrund der Medienpräsenz und neuer Gesetzgebung von literarischem Interesse.
Der Krimi hat einen starken München-Bezug, in der Stadt, die Dobler in der Tradition des großen Städte-Beschimpfers Thomas Bernhard im Vorgänger-Roman als „etwas zu groß geratenes Dirndl“ bezeichnete, hallte für den jungen Schongauer Autor 1979, als er in die Isar-Metropole übersiedelte, immer noch das Echo der frühen 70er Jahre und die Atmosphäre der 68er nach, diese Reminiszenzen verarbeitete er im aktuellen Roman, die fiktive Schauspielerin Thomas tummelte sich im Fassbinder-Umkreis, war Statistin bei Werner Herzog und – hier kommt der Musikkenner Dobler ins Spiel – großer Blondie-Fan, in einer Szene, in der alles „up to date“ zu sein hatte, war klar, dass die Protagonistin Fan der ersten Stunde der New Yorker New-Wave-Ikone war. Simone Thomas ist im Roman wie die reale Debbie Harry ein adoptiertes Kind, die Eltern-Kind-Beziehung zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch.
Knut Cordsen sprach die vielen Zitate im Roman an, Kenneth Anger oder auch der vom Autor sehr geschätzte Jörg Fauser kommen unter anderem zu Wort, Franz Dobler selbst erfreut sich süffisant an dem Umstand, dass der Kneipier im Cafe Lessing eben diesen zu zitieren weiß und er den Aphorismus „Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen, aber selten etwas Besseres“ von der Leserschaft gutgeschrieben bekommt, ein für Kriminalromane unübliches Quellenverzeichnis im Anhang sorgt indes für Aufklärung und Richtigstellung.
Franz Dobler selbst lebt seit vielen Jahren in Augsburg, „Augsburg ist ja ähnlich wie München, nur dass es etwas kleiner ist.“
Zum Thema Johnny Cash, über den Dobler nebenher erwähnt 2002 eine sehr lesenswerte Biografie verfasst hat, merkte Moderator Cordsen an, dass der Autor in Analogie zum Folsom-Prison-Konzert der Country-Legende viele Jahre kostenlose Lesungen im Jugendgefängnis Augsburg abhielt, die Anstalt gibt es inzwischen nicht mehr, Dobler bedauert dies sehr, zumal die Delinquenten inzwischen zur Verbüßung ihrer Strafen wesentlich weiter reisen müssten und er selbst bei diesen Veranstaltungen am allermeisten gelernt habe.
„Ist Trump der letzte Ausbruch von Pulp Fiction?“ fragte Cordsen Dobler als ausgewiesenen Experten der amerikanischen Sub- und Pop-Kultur, der Schriftsteller meinte, die Wählerklientel Trumps wäre ihm nicht unbekannt, da er den Süden der USA gut kenne, es trifft nicht zu, dass das nur Nazis amerikanischer Prägung wären, letztendlich fehlen ihm zum Wahlergebnis aber die Worte, er könne nur den von ihm sehr verehrten amerikanischen Autor James Lee Burke zitieren, der in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ zum Trump-Wahlsieg anmerkte: „Es ist, als würde man einen Betrunkenen mit einer Kettensäge zum Geburtstag der eigenen Tochter einladen.“

Das gesamte Interview sendet der Bayerische Rundfunk zu einem späteren Zeitpunkt, im Rahmen des Bayern2-Kulturprogramms „Diwan – Das Büchermagazin“, Termine immer samstags um 14.05 Uhr.

Franz Dobler liest in nächster Zeit aus seinen Werken zu folgenden Gelegenheiten:

26.11. – Erdweg – Wirtshaus am Erdweg
30.11. – München – Theater im Fraunhofer / mit Live-Musik von Philip Bradatsch
06.12. – Augsburg – Golden Glimmer Bar
10.12. – München – Optimal Records / mit Karl Bruckmaier
15.12. – Augsburg – City Club / DJ-Set / mit Live-Musik von Doctorella
16.12. – Augsburg – Grand Hotel Cosmopolis / Rusty Roots Roadshow

Buzz Rodeo @ Sunny Red, München, 2016-11-19

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Manchmal hat das Leben was anderes mit einem geplant, da machste nix. Das Stuttgarter Noiserock-Trio Buzz Rodeo steht seit der Veröffentlichung ihres 2016-Bretts „Sports“ (2016, Fidel Bastro / Broken Silence) weit oben auf der Wunschkonzert-Liste, am vergangenen Samstag sind sie im Rahmen der sporadisch im Feierwerk stattfindenden Zombie Sessions für schlappe 2 Euro inklusive dreier zusätzlicher Lärm-Combos aus dem näheren Umkreis in München aufgeschlagen – und wer war wegen anderweitiger privater Termine verhindert? Genau. Sehr ärgerlich.
Immerhin war der Nachwuchs aufgrund allgemeiner Begeisterung über den Buzz-Rodeo-Sound vor Ort, hat ein paar Fotos geschossen und seine Eindrücke kurz und prägnant zum Besten gegeben:
F: „Wie war der Publikumsandrang?“
A: „War gut, ziemlich volles Sunny Red.“
F: „Und wie sind Buzz Rodeo vom Publikum aufgenommen worden?“
A: „Sind super angekommen, es waren einige Leute auch am abdancen.“
F: „Wie hat’s Dir selber gefallen?“
A: „Ich fand’s echt richtig gut, würde ich mir sofort wieder geben, meine Freunde und ich haben uns am Merch auch alle die rote Vinylpressung eingefangen von der „Sports“-Scheibe, für zehn Öre total fairer Preis übrigens, Musik war hart, zupackend, intensiv, nie langweilig. Die Band ist total sympatisch rübergekommen. Der Bassist und der Bartmann haben eine gute Show abgezogen, sehr schade, dass Buzz Rodeo wegen dem festen Programmablauf keine Zugaben gespielt haben.“
F: Wieviele Sterne würdest Du vergeben, kennst ja die Wertungen z.B. von Mono, Modern Day Babylon, etc.?
A: „Schon (*****), doch, unbedingt.“

Fotos © Xaver Emmer

Buzz Rodeo / Bandcamp

frameless10: goat(JP), Ian Hawgood, Boris Labbé @ Einstein Kultur, München, 2016-11-16

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Die von Karin Zwack und Dr. Daniel Bürkner kuratierte und vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München geförderte frameless-Reihe zur experimentellen Musik im digitalen Zeitalter ging am vergangenen Mittwoch in die zehnte und für das sich langsam verabschiedende Jahr 2016 letzte Runde, die Veranstalter hatten bei der Auswahl der Künstler zum Jahresfinale einmal mehr außerordentliches Gespür bewiesen.

Der über die Maßen gelungene Abend wurde im Kellergewölbe des Einstein Kultur von Ian Hawgood eröffnet, der gebürtige Engländer lebt und arbeitet derzeit in Warschau und ist Betreiber des Ambient-, Experimental- und Electronica-Labels Home Normal, bei seinem frameless10-Auftritt beeindruckte der Brite im abgedunkelten Gewölbe mit einer digitalen Elektronik-Arbeit, die zwischen pochend-monotonem Industrial-Beat, feinem, sphärischem Ambient, sich in die Gehörgänge fräsenden Electronica-Drones und erhabenen, nahezu sakralen, kontemplativen Momenten im Geiste der deutschen Kraut-/Ambient-Pioniere Popol Vuh alles bot, was das Herz der Experimental-Freunde begehrte. Selbst in den abstraktesten Passagen wohnte der individuell entworfenen Soundlandschaft ein latent vertrauter Grundton im Sinne des Wohlklangs inne, Verstörung über die komplexe Arbeit wäre fehl am Platze gewesen, was auch der herzliche und lang anhaltende Applaus des aufmerksamen Publikums unterstrich.
(*****)

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Foto © Ian Hawgood / Courtesy Of The Artist / Vielen Dank an Karin Zwack

Das Quartett goat(JP) aus Osaka spielte instrumentalen Minimal Techno ohne Elektronik, mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Saxophon-Gebläse, dass weit mehr an harten Rhythmus-Gitarren-Anschlag als an Jazz angelehnt war. Die vier jungen Japaner zelebrierten präzise auf den Punkt gespielt eine treibende, harte, ineinander greifende Rhythmik, die sofort ihre hypnotische Kraft entfaltete. Der disziplinierte, nichtsdestotrotz im Klang ekstatische Vortrag rief in seinen wuchtigsten Momenten Erinnerungen an intensive, Gitarren-getriebene Stakkato-Attacken der Washingtoner Straight-Edge-Hardcore-Institution Fugazi wach und wurde in einem Intermezzo von digitaler Drone-/Doom-Elektronik unterbrochen und bereichert, die die Musiker zum Innehalten und Sammeln nutzten, um im finalen, euphorisierenden Werk punktuelle Gitarrenausbrüche zu wagen, die sich in ihrem explodierenden Anschlag in bester Postrock-Manier präsentierten. Ein mehr als würdiger Schlusspunkt für ein hervorragendes frameless/frameworks-Jahr, leider ließen sich die Musiker trotz frenetisch-gebührendem Applaus nicht mehr zu einer in dem Fall hochwillkommenen Zugabe bewegen. 45 Minuten Intensivst-Bedienung für zappelnden Körper und tanzenden Geist auf einem Niveau, dass Experimental- und Post-/Prog-Rockfreunde gleichermaßen zu beglücken wusste.
(***** ½)

Die Videoinstallation des Abends lieferte der 1987 in den Pyrenäen geborene Franzose Boris Labbé mit seiner Arbeit „Kyrielle“, für die er Aquarelle in Handarbeit fertigte und diese digitalisierte. In einem sich zusehends anschwellenden Gewirr gehen Menschen, stolpern übereinander und richten sich wieder auf. Der tägliche Kampf des Lebens, visualisiert in digitaler Verdichtung, ein Abbild der Beeinflussung des Organischen durch die Technik.
Der Künstler selbst beschreibt die Arbeit auf seiner Homepage wie folgt:
„The word Kyrielle in french means „long series of various things“, besides, le jeu des Kyrielles “the game of Kyrielles” is a word game that is presented as a child´s song, taking as the first syllable the last syllable of the previous expression as in the famous french nursery rhyme : Marabout, Bout de ficelle, Selle de Cheval, etc… The repeating rhythms and cycles have a hypnotic quality, and encourage the viewer’s eye to wonder playfully and explore different figures. The piece was built with 285 watercolors, letting the drawing deforms himself gradually from improvisation movements. The animated figures are developing a complex symmetric abstraction, and then returning to the minimalist aesthetic of the initial white. The final piece, on a palindromic form, was then digitally designed. Kyrielle was inspired, among others, from works like Tango of the filmmaker Zbigniew Rybczynski or the paint Children’s Games by Pieter Bruegel the Elder.“
Boris Labbé wurde für seine Arbeiten mit Preisen bei diversen Festivals ausgezeichnet, unter anderem bei der Ars Electronica, beim Annecy Festival, dem roBot Festival in Bologna und beim Multivision Festival in St. Petersburg.

The Walking Dad On Tour: Preaching The Gospel Over Bavaria

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Gospel Tunes from the Basement of Heaven: The beloved Wanderprediger Dad Horse Ottn kündet uns in den kommenden Tagen in seiner Inkarnation als The Dad Horse Experience die Heilslehre in the Down South of Bavaria. Brothers and Sisters, hört das Wort und sündigt fürderhin nicht mehr!

22. NovemberWolnzach – Stilwirt
23. NovemberTunzenberg – Schloss-Schenke
24. NovemberMünchen – KAP37
25. NovemberRosenheim – Asta-Kneipe

Reingehört (245): Yo La Tengo, Communist Daughter

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Yo La Tengo – Murder In The Second Degree (2016, Egon Records)
Die Indie-Noise-Pop-LoFi-Institution aus Hoboken/New Jersey mit einer Fortsetzung ihres „Yo La Tengo Is Murdering the Classics“-Albums (2006, Egon Records), 28 Coverversionen, wie bei der Erstauflage auf Zuruf und gegen Spende der Hörer live im Studio des Independent-Radiosenders WFMU eingespielt, dem der finanzielle Reinerlös dieser Fundraising-Aktion zugedacht war.
Heimliche und vielleicht auch ab und an peinliche Lieblingslieder (wer hat die nicht?) wie der relaxt-nonchalant hingeschrammelte Russ-Ballard-Kracher „Back In The New York Groove“, „Bertha“ in weitestgehend gelungener Anlehnung an das Grateful-Dead-Original, „Heart Of Darkness“ in der gebührenden, explodierenden Pere-Ubu-Experimental-Proto-Punk-Weirdness, der instrumentale Synthie-Pop-Klassiker „Popcorn“ von Gershon Kingsley als LoFi-Schwurbel-Melodica-Derivat, die von Georgia Hubley intonierte, in der YLT-Bearbeitung abgestrippte Bee-Gees-Schmachtnummer „To Love Somebody“ und ein psychedelisch vor sich hin halluzinierender Mix aus der Traffic-Nummer „Low Spark Of High-Heeled Boys“ und Neil Young’s „Mr. Soul“ sind die Highlights dieser unterhaltsamen Schepper-Gitarren-Pop-Sammlung an Neubearbeitungen alter Klassiker, dazwischen werden die üblichen Verdächtigen an Songautoren wie Dylan, Jagger/Richards, Lennon, Bowie, Ray Davies, Lee Hazlewood, Willie Nelson, Brian Wilson oder Phil Spector gewürdigt, auch ein paar ausgefallenere Fremdwerke vom Folk-Kauz Michael Hurley und den unvergleichlichen Washingtoner Hardcore-Rastas Bad Brains wurden von der Hörerschaft gewünscht.
Völlig bei sich sind Ira Kaplan, Georgia Hurley und Co. in der Interpretation des Violent-Femmes-Klassikers „Add It Up“, für den artverwandten, schmissigen Folk-Punk der Kollegen mussten sich Yo La Tengo kaum vom ureigenen Klangbild loslösen.
Für Fans als Sammlerstück unerlässlich, für die restliche Indie-Kundschaft ein Laune machendes Gimmick.
(*** – *****)

Communist Daughter – The Cracks That Built The Wall (2016, Communist Daughter)
Sextett aus Saint Paul/Minnesota, haben sich nach einem Song der amerikanischen Psychedelic-Folk-Band Neutral Milk Hotel benannt. Zweiter Longplayer, zwischen melancholischem Folk-Rock-Grundgerüst und verhallten, stimmigen Indie-Gitarren, ergreifend schön ausgestaltet und bereichert von den Eheleuten Molly Moore und Johnny Solomon durch ihren atmosphärisch-getragenen Duettgesang, der in jeder Strophe großen Pop atmet. Das Debütalbum der Band datiert weit zurück ins Jahr 2010, es folgten zwei EPs bis 2012, in der Zwischenzeit musste Bandleader Solomon Dämonen wie Sucht und psychische Erkrankungen bekämpfen, ehe an Aufnahmen mit neuem Material zu denken war.
Communist Daughter drehen den Indie-Rock nicht auf links und erfinden auch dahingehend das Rad nicht neu, aber das hier Erreichte kann man ohne großes Genöle getrost so stehen lassen, zumal’s auch ganz wunderbar als Beschallung zur herbstlichen Stimmung taugt.
(**** – **** ½)

Ausstellung „Sorgen (International) Vol. 2“ @ Galerie Huren & Soehne

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„Sorgen“, das ist nicht zielgerichtetes, produktives Denken um die Lösung eines Problems, sondern diffuses Grübeln; ein Rühren im eigenen negativen Gefühlspool. Tippt man den Begriff „Sorgen“ in die Searchengine ein, so tauchen dementsprechend schnell semiprofessionelle, psychologische Hilfsratgeber auf: mit Hilfe des „kleinen Sorgen Tests“ wird Auskunft darüber gegeben, ob man sich noch im normalen Rahmen sorgt oder es schon pathologische Ausmaße annimmt, die dann doch bitte zu behandeln seien.

Neun Künstler finden sich hier zusammen und sorgen sich erstmal um ihre eigene Reputation.

Sorgen (International) tritt erstmal auf wie eine Behauptung: Dass nämlich die kleinen befindlichkeitsfixierten Sorgen des Großstadtmenschen auch nur ansatzweise heranreichen an globale Krisenherde; der Missachtung von Menschenrechten und realer, existentieller Not. Die Sorgen des Einzelnen in Relation zu global umfassenden Konjunkturen in allen wirtschaftlichen Branchen, in politischen Stimmungsbildern, in wissenschaftlichen Neuerungen, in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, seien sie nun durch die Auswirkung von Naturgewalten oder unseren Vorstellungen von Identität bestimmt. Das ewige Auf und Ab, die ständige Frage nach Verbesserung.

In dieser Ausstellung wird kein rodinesque Denker zu finden sein, keine politisch plakativen Manifeste werden verlesen, es werden keine Zeigefinger auf die banalen 1st world problems des Ausstellungspublikums gerichtet. Wir sitzen alle auf dem gleichen Ast, den wir absägen. Die einzelnen Beiträge der Künstler sind geprägt von der Auseinandersetzung mit der Frage des Mediums. Wir sind nicht da, um ein Problem zu lösen, stattdessen grübeln wir über die Ausweitung konventioneller künstlerischer Rahmenbedingungen.

Von Leitkultur gehirngewaschen. Die Obrigkeit entscheidet: Sorgen (International). Sorgen (International) Vol. 2. Eine Ausstellung von neun Künstlern aus und um Berlin.
Kuration Julie Legouez und Marc Aurel. Text von Marta Vovk und Neels Voqt.

Sorgen (International) Vol. 2

Franck Rausch | Götz Schramm | Julie Legouez | Marta Vovk
Neels Voqt | Paris Giachoustidis | Pascal Reinhard
Robin Wagemann | Werner Liebmann

19. – 20. November 2016 / 14-19 Uhr
Eröffnung 18. November 2016 / 19 Uhr

Galerie Huren & Soehne
Kistlerhofstr. 70 / Gebäude 79
81379 München

Galerie Huren & Soehne / Homepage

Reingehört (244): The Brian Jonestown Massacre, The Lucid Dream

RAY MOORE @ Galerie Huren & Soehne München (7)

The Brian Jonestown Massacre – Third World Pyramid (2016, ‚a‘ Records)
Neun neue vom kalifornischen Musikanten-Kollektiv um den inzwischen in Berlin ansässigen Anton Newcombe, wie bereits im Sommer beim Münchner Strom-Auftritt konzertant eindrucksvoll unter Beweis gestellt, beherrscht die Combo auch hier die Psychedelic-Shoegazer-Indie-Rock-Nummer aus dem Effeff, vieles klingt für BJM-Verhältnisse vertraut, punktuell auch kaum neu, Midtempo-Psychedelic-Pop, wie man ihn von der Truppe in bester Tradition eben kennt und grundsätzlich auch schätzt. Die Single-Auskopplung „The Sun Ship“ nervt mit zuviel Beatles-Einschlag, sowas langweilt im Jahr 2016. „Don’t Get Lost“ glänzt mit schönen Bläser-Sätzen, „Assignment Song“ mit annähernd zehnminütigem Dröhnen und „Like Describing Colors To A Blind Man On Acid“ besticht bereits durch den passenden Songtitel. Das Herz-erweiterndste Stück ist die Titelnummer selbst, klassischer, griffiger, formvollendeter Newcombe-Indie-Pop-Stoff, der vermutlich irgendwann mal in der ultimativen Best-Off-Sammlung der Band landen wird.
(**** – **** ½)

The Lucid Dream – Compulsion Songs (2016, Holy Are You Recordings)
Dritter Longplayer des Quartetts aus Carlisle/UK. Der Mainstream-artige, Brit-Pop-verwandte, konventionelle Singsang zum Einstieg sorgt im ersten Eindruck für Ernüchterung und Befremden, im weiteren Verlauf steigert sich der Tonträger gehörig in Richtung seeligmachende, schwere, nachhallende Psychedelic-Orgien und hypnotische Space-Rock-Ergüsse inklusive ausgedehnter Instrumental-Passagen, die mit Elementen des Krautrock, Ambient und Dub gekonnt und äußerst gefällig zu spielen wissen. Sollen auf der Insel einen exzellenten Ruf als Live-Band genießen, was auf dem Festland noch zu beweisen wäre.
(****)

Swans + Anna von Hausswolff @ Hansa39, München, 2016-11-11

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Schöner (auch optisch) kann man kaum an die intensiven Klang-Rituale der Swans herangeführt werden: Am vergangenen Samstagabend eröffnete die zierliche Schwedin Anna von Hausswolff den Hörgewohnheiten-herausfordernden Abend mit ihren Begleitern, zu denen sich im weiteren Verlauf der Aufführung auch der Swans-Slide-Gitarrist Christoph Hahn auf die Bühne gesellte. Nach dezentem, Folk- und Wohlklang-affinen Intro schwenkte von Hausswolff nicht nur ihr wallendes Blondhaar, sondern auch zügig in das dominierende Klangspektrum der Veranstaltung, mit intensivster Keyboard-Bearbeitung in den Gefilden des Prog- und Doom-Rock und der experimentellen Neo-Klassik, unterfüttert von einer treibenden, düsteren Grund-Rhythmik und begleitet von ihrem exzessiven Sirenen-Gesang entwarf die Skandinavierin ihre eigene Sprache hinsichtlich Grenzgang in den Bereichen halluzinierender Avantgarde-Mystik und wuchtiger, pochender, nahezu schwermütiger, im klassisch-repetitiven Minimalismus verhafteter Orgel-Drones. Ein hypnotischer Ausbruch, dem man in der Form gerne auch über die gängige, volle Konzert-Distanz beigewohnt hätte.
(*****)

„I frequently hear music in the heart of the noise“ soll George Gershwin laut Karl Bruckmaiers Doku „The Story Of Pop“ einst zum Besten gegeben haben, ein Umstand, den man den Jüngern der New Yorker No-Wave-Institution Swans nicht weiter erläutern muss, sie wissen seit Jahrzehnten, dass die Schönheit im Auge des Orkans liegt.
Zeremonienmeister Michael Gira zelebrierte mit verändertem Line-Up seine ureigen-charakteristische, nach wie vor bis ins Mark erschütternde Spielart des seit 1982 begeisternden und gleichzeitig fordernden Noise-Rock-/No-Wave-/Experimental-Ansatzes im restlos ausverkauften Hansa39.
Brachial-Perkussionist Thor Harris (Shearwater, Angels Of Light, Bill Callahan u.a.) war in diesem Jahr nicht mit von der Partie, die Konzertreise begleitet derzeit als Gastmusiker Paul Wallfisch, seit Jahrzehnten in der amerikanischen Independent-Musik beheimatet und aktuell Musikalischer Leiter am Schauspiel Dortmund, bereicherte der in Basel geborene Musiker den Sound der Swans mit seinem Spiel am Korg-Keyboard um Psychedelic- und Krautrock-Elemente und reduzierte somit den wuchtigen Brachial-Anteil des Gesamt-Klangbilds nicht unwesentlich. Wo sich die Konzertbesucher früher bei den Swans meditativ im überlauten Noise-Rausch verloren, ist aktuell ein Orientieren an ausgefeilteren Prog-Rock-Klängen möglich.
Freunde des begnadeten, genialen Krachs kommen nach wie vor nicht zu kurz beim New Yorker Experimental-Kollektiv, dafür sorgt alleine schon Bandleader Michael Gira mit seinen in den Nerv bohrenden Gitarrenattacken, die oft viele Minuten lang vom dröhnenden Bass Christopher Pradvicas begleitet mit immer gleichem Akkordanschlag die psychische (Grenz-)Erfahrung noch zu steigern wissen. Wie auch in Aufführungen vergangener Jahre versank Schamane Gira in Trance-artige Zustände und versuchte zudem rein optisch mit seiner einladenden Gestik, die Zuhörer in den überwältigenden Klang-Orkan zu ziehen.
Zweieinhalb Stunden Glücks-Hormone produzierende Soundwände, fünf Ellen-lange Stücke, mehrheitlich gespeist aus dem aktuellen Album „The Glowing Man“ (2016, Young God/Mute), alleine die Eröffnungsnummer ausgedehnte 50 Minuten – ohne in der Spannung abzufallen, das können in der Form nur die Swans, bedauerlicher Weise werden wir es in der Intensität fürderhin leider nicht mehr erleben: Für München soll’s das am vergangenen Freitagabend endgültig gewesen sein mit den Lärm-Mantren und dieser einzigartigen Dekonstruktion aller gängigen Rockmusik-Muster, nach Presseberichten will Meister Michael Gira nach Ende der laufenden Welt-Tournee die Band umformieren und nur noch selten Swans-Konzerte spielen, diese dann auch in völlig anderer Form, Gründungsmitglied und Gitarrist Paul Westberg hat bereits vor der Tour angekündigt, dass es für ihn die Abschieds-Gala sein wird.
Eine Konzert-Ära geht zu Ende, die individuell begleitet wurde von abgebrochenen Konzerten in den Achtzigern in der Münchner Manege, als sich die verzweifelte, Lärm-belästigte Nachbarschaft nur noch durch angeforderten Polizei-Einsatz zu wehren wusste, tagelange, Tinitus-artige Gehörlosigkeit im Nachgang zu diesen exzessiven Klangexplosionen und beglückendem Lärm-/Kunst-Genuss, der jede Swans-Aufführung zu einem herausragenden Ereignis gestaltete. Tiefe Verneigung in immerwährender Dankbarkeit.
(***** ½ – ******)

Very special Thänx an Sabine für die schnelle Hilfe zur Rettung meines Gehörs… ;-))

Left Lane Cruiser @ Asta, Rosenheim, 2016-11-10

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Dank Andrea und Mark vom Musikhaus Humbach und Redneck Connecktion in auch für uns erreichbaren Gefilden: Durch das nicht genug zu lobende Engagement der rührigen Veranstalter spielte die hochverehrte Muddy-Roots-Blues-Combo Left Lane Cruiser neben ihrem Berlin-Auftritt ein weiteres Deutschlandkonzert im Rahmen der laufenden Europa-Tournee in der lauschigen Asta-Studentenkneipe im oberbayerischen Rosenheim, nach entsprechender Betankung mit lecker Flötzinger Bräu bei Künstlern und Gästen enterte Gitarrist und Sänger Fredrick „Joe“ Evans IV zusammen mit dem seit 2014 in der Band aktiven Drummer Pete Dio die kleine Bühne der Lokalität und nahm von der ersten Sekunde weg keine Gefangenen.
Das Duo aus Fort Wayne/Indiana lässt mit Rassiermesser-scharfem Slide-Gitarren-Blues und treibendem Beat den Spirit der Trailerparks und Whiskeyflaschen-umkreisten Lagerfeuer aufleben, und sie lassen vor allem hinsichtlich Intensität vergleichbare Zweier-Besetzungen aus dem Trash-/Hard-/Garagen-Blues-Bereich meilenweit hinter sich – was Evans und Dio an lauter Härte, roher Direktheit und getriebenem, geradezu Dämonen-besessenem Ausbruch mit Wucht in ihren Vortrag legen, zielt direkt in den Bauch, dort wo die Wut, die Verzweiflung über prekäre Lebensumstände und der Durst nach Hochprozentigem sitzen, vornehmlich in der Horde der Abgehängten, die Frau Clinton besser mal vor der verlorenen US-Wahl gefragt hätte, wo der Schuh drückt.
Über das afroamerikanische Postulat „White Men Can’t Sing The Blues“ lachen Left Lane Cruiser vermutlich noch nicht mal verächtlich, sie fegen es mit einer Auswahl ihrer ureigenen „High Voltage North Mississippi Hill Country Sound“-Kracher, Fremdwerken vom großen R. L. Burnside und dem unvermeidlichen „Black Betty“-Brüller eindrucksvoll vom Tisch, so manche Gitarrensaite überstand die brachiale Intensivst-Behandlung an diesem Abend nicht. Das vollbesetzte Asta dankte es mit beschwingtem Mitzappeln, anfeuernden Kommentaren und gebührendem Applaus.
Für 2017 ist mit „Claw Machine Wizard“ eine neue Left-Lane-Crusier-Scheibe angekündigt, in der Zwischenzeit behilft man sich mit der im vergangenen Sommer veröffentlichten Werkschau „Beck In Black“ (beide: Alive Records), die in einer Art Greatest-Hits-Sammlung die ersten 10 Jahre der Band mit dem 2014 ausgestiegenen Ur-Drummer Brenn Beck dokumentiert.
Die Reise über den Irschenberg out of Minga into Rosenheim treten wir gern mal wieder an, zu Left Lane Crusier allemal. „Transgressive, in-your-face, and unapologetic.“
(*****)

Soundtrack des Tages (154): Neil Young

“ My name is Nobody… My name is Exaybachay. He Who Talks Loud, Saying Nothing.“

Vor 20 Jahren: schweres Instrumentaldonnern, gewaltige Gitarren-Drones und Experimental-Fluss von Meister Young zum Jim-Jarmusch-Western „Dead Man“. Nach wie vor prächtig.

Eine Kerze für Leonard Cohen

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Einer der prägendsten Poeten der neueren Musikgeschichte ist tot. Leonard Cohen ist am 7. November in San Francisco im Alter von 82 Jahren gestorben. Vor drei Wochen erschien sein letztes Album „You Want It Darker“ (Columbia), ein Werk, das neben dem prophetischen Titel final noch einmal ergreifende Cohen-Momente und großes Songwriting im Überfluss bot, wie man es in seinen besten Momenten vom Kanadier seit nahezu 50 Jahren gewohnt war. Loblieder auf Alben wie „Songs Of Leonard Cohen“ (1967), „Songs From A Room“ (1969), „Songs Of Love And Hate“ (1971) oder „New Skin For The Old Ceremony“ (1974, alle Columbia) und dort enthaltene Song-Klassiker wie „So Long Marianne“, „Hey, That’s No Way to Say Goodbye“, „Bird On A Wire“, „The Partisan“ oder „Chelsea Hotel“ zu singen, hieße nicht nur für Folk-Fans Eulen nach Athen tragen.
Leonard Cohen war neben seiner Tondichtung auch als Autor des Romans „Das Lieblingsspiel“ und der Lyrik-Sammlung „Letzte Prüfung / Death Of A Lady’s Man“ bekannt. Der Nobelpreis für Literatur wurde vor kurzem erstmals an einen Musiker vergeben, leider nicht an ihn.
Seine melancholischen Songs beeinflussten spätere Musiker-Generationen maßgeblich, Nick Cave, Michael Stipe, Lloyd Cole, Robert Forster und Bill Callahan zählen neben vielen anderen Künstlern zu seinen Verehrern.
Der 1934 in Quebec geborene Jude Cohen hat sich seit den siebziger Jahren intensiv mit dem Zen-Buddhismus auseinandergesetzt, 1996 wurde er als Mönch ordiniert. Möge er seinen Frieden mit der Welt gefunden haben.