Reingehört (523): Oozing Wound

Oozing Wound – High Anxiety (2019, Thrill Jockey Records)

Schorf, vor sich hin nasselnd, wie man in bajuwarischen Auen und Fluren zu sagen pflegt – eine sickernde Wunde als Bandname, Hauptsache lecker: Oozing Wound aus Chicago/Illinois. Mit dem Opener des neuen Albums „High Anxiety“ geht es sogleich weiter mit den ungeschönten Begebenheiten: „Surrounded By Fucking Idiots“, quasi direktemang mit der Tür ins Haus, hinein ins finstere Kämmerlein der misanthropischen Gemütslage, die in dem Fall bei genauerem Hinsehen nichts anderes ausdrückt als die realistische Einschätzung zum grenzdebilen Geisteszustand großer Teile des weitläufigen sozialen Umfelds.
Das Trio formierte sich vor sechs Jahren aus einer Bande gestandener Rabauken der Chicagoer DIY-Underground-, Noise- und Experimental-Szene, Gitarrist Zack Weil, Basser Kevin Cribbin und Trommler Kyle Reynolds verband ihr gemeinsame Liebe für die lärmende Heavy-Spielart der Krachmusik, die sie seither mit Oozing Wound in einem vollmundigen Crossover aus Hardcore, Grunge, einem gewissen Faible für die britischen Hardrocker der frühen Achtziger und der dominierenden Kompromisslosigkeit des Trash- und Sludge-Metal auf die Menschheit loslassen.
Dissonante, Feedback-verformte Gitarren-Attacken als hereinbrechende Schneisen der Verwüstung, Brachial-Riffs im Hochgeschwindigkeits-Überschlag und das Stakkato-Gerumpel der beiden Rhythmus-Berserker liefern den tonalen Kriseninterventions-Raum für das verbale Toben und Kreischen von Gitarrist Weil, der in diesen wuchtigen Wall-Of-Sound-Gemäuern und finsteren Kellergewölben seinen Irrsinn und die quälende Pein als Urschrei-Therapie auslebt.
Unvermittelte Tempi-Wechsel, dichte, dräuende Hard-Progressive- und Psychedelic-Endzeitstimmungen im Midtempo, die zuweilen sogar vertraute Melodik mit ins Spiel bringen, und variantenreiche Highspeed-Trash-Soli halten den Spannungsbogen während der gut halbstündigen Tour de Force gestrafft, der ausgelebte Nihilismus der Combo ist mindestens in der instrumentalen Konfrontation alles andere als eindimensionales Metal-Gepolter. Der „Sänger“ schont weder das Publikum noch den eigenen Kehlkopf und erhebt seine Stimme schrill wie schwarzhumorig gegen die Musik-Industrie, die Leugner des Klimawandels und andere, eingangs erwähnte Deppen um uns rum, wie jeder wilde Hund des Underground mit einem gerüttelt Maß an Aggression und Wut im Bauch. Mit energischem Headbanging und einem irrsinnigen Grinsen auf den Lippen dem Abgrund entgegen, das ist die Botschaft dieser grimmigen Oper in sieben Akten.
Eingespielt in vier Tagen in Steve Albinis Electrical Audio Studio. Irgendwo sollen Saxophon-, Flöten- und Synthie-Loops durch die Aufnahmen geistern, sie stören in dem rabiaten Kontext nicht weiter, weil Toningenieur Gregoire Yeche (→ Pelican, Shellac, David Bazan) das beigemischte Gefummel bis zur Unkenntlichkeit mit dem Metal-Hammer verstümmelte.
„High Anxiety“ ist am 15. März beim amerikanischen Indie-Label Thrill Jockey Records erschienen.
(*****)

Oozing Wound werden im März und April auf der Brexit-Insel wie auf dem europäischen Festland zur Album-Promotion unterwegs sein, zusammen mit dem Londoner Psychedelic-Sludge/Doom-Trio Ghold, am 13. April spielen sie die letzte Show der Tour im Kafe Kult München, Oberföhringer Straße 156, 20.30 Uhr. Weitere Termine:

28.03.Manchester – Peer Hat
29.03.Glasgow – Nice ’n‘ Sleazy
30.03.Leeds – Brudenell Social Club
31.03.Bristol – Rough Trade
01.04.London – The Black Heart
03.04.Lyon – Grnd Zero
04.04.Clermont-Ferrand – Raymond Bar
05.04.Liege – La Zone
06.04.Eindhoven – Faster & Louder Festival
07.04.Brussels – Mag 4
08.04.Köln – MTC
09.04.Berlin – Zukunft
10.04.Leipzig – Zoro
12.04.Winterthur – Gaswerk

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Jim Dine: I Never Look Away @ Versicherungskammer Kulturstiftung

Die Kulturstiftung der Versicherungskammer Bayern zeigt bis Mitte Mai im Kunstfoyer an der Münchner Maximilianstraße die Ausstellung „I Never Look Away“ mit Werken des amerikanischen Allrounders Jim Dine.
Die Präsentation bringt eine Auswahl an 60 Selbstporträts aus einer umfangreichen Schenkung des Künstlers an die Wiener Albertina, in einer stilistischen Vielfalt von gegenständlicher bis abstrakter Malerei, in Zeichnungen, Fotografien, Kollagen und Bildhauerei, umgesetzt mit unterschiedlichsten Techniken und Materialien. Bereits im Freien vor dem Kunstfoyer findet sich die überlebensgroße Bronze-Acryl-Plastik „Head With Branches“.
Dine setzt sich in seinen Werken in Selbstreflexion mit dem Fortgang der Zeit, mit dem Prozess des Alterns, mit eigenen eingefangenen Stimmungen und Gemütszuständen zum Zeitpunkt der entstandenen Porträts auseinander, mit dem „Vokabular seiner Gefühle“, wie er es selbst beschreibt. Dem Betrachter bleibt es überlassen, die Arbeiten als Dokumentation eines exzessiven Narzissmus oder als ernsthafte Beschäftigung des Künstlers mit seinem innersten Ich zu sehen.

Jim Dine wurde 1935 in Cincinnati/Ohio geboren, nach einer akademischen Ausbildung mit dem Abschluss des Bachelor Of Fine Arts ging er 1958 nach New York. In der von ihm mitbegründeten Judson Gallery stellte er erste Arbeiten aus und veranstaltete mit befreundeten Künstlern Aktions-Happenings, begleitet von Musik-Experimenten des Avantgarde-Komponisten John Cage. 1962 sind seine Arbeiten Teil der bahnbrechenden Ausstellung „New Painting Of Common Objects“ in Pasadena/Kalifornien, die unter anderem auch Artefakte von Künstlern wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein zeigte. Jime Dines Werk wird daraufhin der Pop Art zugerechnet, andere Kunsthistoriker sehen ihn als Neo-Dadaisten. Seine Ausdrucksformen sind in jedem Fall Genre-übergreifend, neben der Malerei verfasste Jim Dine in späteren Jahren Gedichte, widmete sich der Fotografie und entwarf Kostüme und Bühnenbilder für das Theater. Sich selbst als „zeichnenden Maler“ beschreibend, fühlt sich Dine keiner Kunstrichtung zugehörig. Sein Werk ist nach eigener Aussage vor allem von der Psychoanalyse und den Schriften C.G. Jungs geprägt.
Jim Dine lebt und arbeitet heute abwechselnd in Paris und Walla Walla/Washington.

Jim Dine: I Never Look Away

Kunstfoyer
Versicherungskammer Kulturstiftung
Maximilianstraße 53, 80530 München
Bis 12. Mai 2019.
Öffnungszeiten:
Täglich 09–19 Uhr
Eintritt Frei.

Reingehört (522): Efrim Manuel Menuck & Kevin Doria

„WE LANDED IN MEXICO CITY LAST FALL, WROTE THIS RECORD QUICKLY WHILE THE POLICE DROVE ROUND AND ROUND. FIRST SONG IS SELF-EXPLANATORY. 2ND SONG A STATEMENT OF INTENT. THIRD SONG IS AN EMPTY SPACE BETWEEN TWO HIGHWAYS. FOURTH SONG IS ABOUT A MURDERED FOREST. FIFTH SONG INSISTS THAT WE WILL WIN. HOLD ON. THO THESE TIMES ARE DARK TIMES. HOLD ON. – E.M.M./K.G.D (SING, SINCK SING)“

Efrim Manuel Menuck & Kevin Doria – are SING SINCK, SING (2019, Constellation Records)

Zwischen dem Trash-Komödianten aus dem Weißen Haus und dem kanadischen Premier knirschten die Misstöne in jüngster Zeit im (wirtschafts)politischen Gebälk, im weiten Feld der experimentellen Musik ist es um den nachbarschaftlichen Austausch im nordamerikanischen Grenzverkehr um einiges besser bestellt, im mindesten auf der demnächst zur Veröffentlichung anstehenden Kollaboration von Efrim Menuck und Kevin Doria. Der in Montreal beheimatete Menuck, weithin bekannt als maßgebender Mitbegründer und Protagonist der hochverehrten kanadischen Postrock-Kollektive Godspeed You! Black Emperor und Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra, und der US-Amerikaner Kevin Doria von der in Brooklyn ansässigen Drone-Formation Growing gehen bereits seit geraumer Zeit gemeinsame Wege: Doria unterstützte den Kanadier bei den Live-Präsentationen seines 2018er-Albums „Pissing Stars“ und eröffnete die gemeinsamen Konzerte mit elektronisch-monotoner Electronica-Trance-Meditation unter seinem Pseudonym KGD, wie auch zu Gelegenheiten einige Auftritte von Efrim Menuck mit seiner GY!BE-Stammformation. Die gemeinschaftlichen Konzertreisen führten das Duo im vergangenen Herbst nach Mexico City, wo die Aufnahmen zu „SING SINCK, SING“ entstanden, der Titel des halbstündigen Debüts soll künftig auch als Band-Name für weitere Arbeiten der beiden profilierten Experimental-Musiker stehen.
Mit dem ersten Wurf aus fünf neuen, weitgehend formlosen Klanggebilden errichtet Kevin Doria eine tonale Klagemauer aus Ambient-Drones für das durch Hall und elektronische Filter verfremdete Lamentieren Menucks, mit dem er den empfundenen Schmerz und Missmut irgendwo zwischen resignierter Verzweiflung und hoffnungsvollem Aufruf zum Widerstand auslebt. Die fiebrig lichternden Trance-Drones, das aus Synthies, Oszillatoren und Amps entlockte Electronica-Zirpen mit gezielt dissonanter Sampling- und Loop-Behandlung an synthetisch erzeugten Abstrakt-Sounds liefert den freigeistigen Rahmen der Orchestrierung fern aller gängigen Song-Strukturen für den lyrischen, entrückten Vokal-Flow von Efrim Manuel Menuck – einem nahezu mystisch verbrämten, Kirchenlied-verwandten Sermon, von der anti-kapitalistischen Kritik im Widerstand zum industriell-militärischen Komplex und den pazifistisch-anarchistischen Anschauungen des Songschreibers geprägt.
In „Fight The Good Fight“ gewinnt der Sänger den Kampf gegen den permanent nach vorne drängenden und überlagernden Elektro-Smog, die Nummer schwingt sich zur nahezu ergreifenden Trance-Hymne auf und ragt als Leuchtturm der Hoffnung aus der Tempo-reduzierten, amorphen Ambient- und Drone-Masse, die einzige Nummer, in der Menuck eine an Euphorie angelehnte Stimmung aufkommen lässt in der diffusen Klang-Ambivalenz zwischen Licht und Schatten, selbst die schemenhaften Electronica-Wallungen der Maschinen erinnern zuweilen an synthetisch generiertes, erhebendes Dudelsack-Sturmgebläse und fügen sich damit einmalig in eine vertraute Form.
Die Single-Auskopplung „Fight The Good Fight“ wird am 23. April über die bekannten Streaming-Dienste veröffentlicht, das komplette Album „are SING SINCK, SING“ erscheint am 10. Mai beim kanadischen Indie-Label Constellation Records.
(**** ½ – *****)

Efrim Manuel Menuck und Kevin Doria werden am 31. Mai den zweiten Tag des dunk!Festivals im belgischen Zottegem als Headliner auf großer Zelt-Bühne beschließen, des Weitern sind sie im alten Europa zu folgenden Gelegenheiten zu sehen:

25.05.Biarritz – Festival Usopop
27.05.Limoges – Le Phare
01.06.Amsterdam – Best Kept Secret Festival
02.06.Barcelona – Primavera Festival
03.06.Poznan – LAS
04.06.Berlin – Arkaoda
06.06.Brussels – Botanique Rotonde
07.06.Diksmuiden – 4AD
09.06.Paris – Villette Sonique