The Whiskey Foundation @ Theatron Musiksommer, München, 2016-08-21

Man soll immer aufhören, wenn’s am schönsten ist, das haben sich wohl auch die Programmmacher des diesjährigen Münchner Theatron-Musiksommers am Olympiagelände gedacht, im Rahmen der „Sun King Music Labelnight“ präsentierten sie mit der Whiskey Foundation als letzte Band am finalen Tag der Konzertreihe eine gestandene ortsansässige Combo, die für eine gute Stunde dem vollgefüllten, dem antik-griechischen Theater nachempfundenen Halbrund neben der Schwimmhalle bestens einzuheizen wusste.
Das Quintett begeisterte mit einer gelungenen, 70er-Jahre-orientierten Mixtur aus schwerem Blues-, Southern- und Boogie-Rock, die Band arbeitete grundsolide an Gitarre/Bass/Drums, für die besondere Würze in der wuchtigen Vollbedienung sorgen Sänger und Rampen-Entertainer Murat Kaydirma mit seinem kraftvollen, schwer Heavy-Soul-lastigem Gesang und Pianist Julian Frohwein, der sich die beschwingten Boogie-Phrasierungen ebenso gekonnt-lässig aus dem Ärmel schüttelte wie das Doors-artige, wuchtige Blues-Georgel, spätestens bei dem an Mr. Mojo Risin & Co. angelehnten Stück, in dem man sich auf der dunklen Seite des Mondes trifft, kam der Verdacht auf, dass die Zeitmaschine in dem Moment Richtung L.A. 1967 katapultierte.
Irgendwie sitzt der Schmerz über das endgültige Dahinscheiden der Allman Brothers anno 2014 in der Metropole am bayerischen Mississippi nicht ganz so tief, unsereins hat ja die Whiskey Foundation als würdigen Ersatz…
(**** ½)

Reingehört (204): Brendan Canning

DSCF6358

Brendan Canning – Home Wrecking Years (2016, Arts & Crafts)
Eigentlich schön, mal wieder was aus der Broken-Social-Scene-Ecke zu hören, vom kanadischen Indie-Rock-Kollektiv aus Toronto gibt es seit der passablen, von John McEntire produzierten „Forgiveness Rock Record“ (2010, Arts & Crafts) seit etlichen Jahren nichts aktuelles an Tonträgern, die Band verkündete 2011 eine Auszeit auf unbestimmte Zeit.
Band-Mitbegründer Brendan Canning werkelt seitdem mit seinem neuen Projekt Cookie Duster, dieser Tage erscheint unter eigenem Namen seine dritte Solo-Arbeit „Home Wrecking Years“. Das Stimmungsbarometer schlägt hier leider nur bei einigen, wenigen Nummern im oberen Bereich aus, „Nashville Late Pass“ und „Money Mark“ wissen durchaus mit griffigen Melodien und einem gewissen Gespür für Song-Dramatik zu gefallen, der Rest ist ein weitgehend laues Lüftchen, das zwischen tendenziell nichtssagendem, konturlosem, lockerem Indie-Pop und Bläser-unterstützen Easy-Listening-Geplätscher hin- und herweht, der Gehalt des immerhin gutgelaunten Singsangs wird schnell als zu leicht empfunden. Nett allein reicht halt oft nicht. Schade eigentlich.
(***)

Reingelesen (49): Manfred Mittermayer – Thomas Bernhard. Eine Biografie

thomas_bernhard

„Stundenlang saß ich auf irgendeiner Grabeinfassung und grübelte über Sein und sein Gegenteil nach. Naturgemäß kam ich schon damals zu keinem befriedigenden Schluss.“
(Thomas Bernhard)

„Naemlich um es frei auszusprechen: ich halte Sie fuer sehr begabt und zugleich fuer unertraeglich hochmuetig. Ich hoffe, der Hochmut schadet Ihnen nichts, ja ich glaube, dass er eine Art Selbstschutz-Mauer ist, die abbroeckeln, vielleicht mit einem Male stuerzen wird, wenn ein Erfolg Sie bestaetigen wuerde.“
(Alice Zuckmayer in einem Brief an Thomas Bernhard)

„Bernhard ist, ob er es will oder nicht, ein österreichischer Heimatdichter, den freilich weniger Liebe oder Innerlichkeit über das Leben in Tirol oder in den Tälern der Steiermark schreiben lassen als Wut und Ekel, wenn nicht gar Hass.“
(Marcel Reich-Ranicki in einer Besprechung zu „Verstörung“)

Manfred Mittermayer – Thomas Bernhard. Eine Biografie (2015, Residenz Verlag)

Wissenschaftlich auf dem allerneuesten Stand, „naturgemäß“, hätte das Subjekt der Betrachtung gesagt, da geschrieben von einem Experten der Thomas-Bernhard-Forschung.
Das Leben des österreichischen Autors, auf 450 Seiten hinsichtlich seiner wichtigsten Aspekte seziert. Seine Zerwürfnisse mit Literatur-Kritikern, Schriftsteller-Kollegen, Verlegern, Juroren, Politikern und anderen Zeitgenossen sind legendär und in der jüngeren Literaturgeschichte nahezu beispiellos.
Thomas Bernhard – an ihm haben sich die Geister geschieden, genialer Ungustl, begnadeter Misanthrop, wortgewaltiger Schreiber, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Roman- und Theaterautoren, bis heute: Manfred Mittermayer hat eine gründlich recherchierte, wissenschaftlich fundierte, klassisch strukturierte und überaus lesenswerte Biografie über ihn geschrieben.

Thomas Bernhard wird am 9. Februar 1931 als nichteheliches Kind in Heerlen von Herta Bernhard zur Welt gebracht, die Mutter arbeitet zu der Zeit als Haushaltshilfe in den Niederlanden. Leiblicher Vater ist der österreichische Schreiner Alois Zuckerstätter, seine Beziehung zu Bernhards Mutter bleibt unklar, die Biografie deutet die Möglichkeit einer Vergewaltigung an. Thomas Bernhard selbst lernt seinen Vater nie kennen, Zuckerstätter kommt im November 1940 in Berlin ums Leben, man vermutet durch eigene Hand.
Prägend für die Kindheit und Jugend des jungen Thomas ist vor allem der Großvater mütterlicherseits, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, der mit Carl Zuckmayer bekannt war und in den dreißiger Jahren in Österreich als Heimatschriftsteller geschätzt wurde.

Ab 1935 zieht die Familie mehrmals wegen finanzieller Schwierigkeiten um, nach Seekirchen am Wallersee und später in das oberbayerische Traunstein.
1943 wird Bernhard in einem NS-Erziehungsheim im thüringischen Saalfeld untergebracht, 1944 landet er im von den Nationalsozialisten übernommenen „Johanneum“ in Salzburg, wo er auch Violinunterricht erhält. Die traumatischen Erlebnisse in den Internaten und die schweren Bombenangriffe auf Salzburg während des zweiten Weltkriegs verarbeitet er später in seinen autobiographischen Schriften. 1945 vermerkt Johannes Freumbichler zwei Selbstmordversuche des Enkels in seinem Tagebuch.

1946 siedelt die Familie nach Salzburg über, Großvater Freumbichler fördert die künstlerische Ausbildung des Enkels, ein Jahr später bricht Thomas Bernhard den Schulbesuch am Humanistischen Gymnasium ab und beginnt eine Kaufmannslehre, die Schule bezeichnet Bernhard in späteren Schriften als „Geistesvernichtungsanstalt“.
1949 erkrankt Bernhard schwer an Lungentuberkulose, längere Aufenthalte in Sanatorien, Krankenhäusern und Heilanstalten folgen, im Nachgang zu seiner intensiven „Zauberberg“-Erfahrung wird der Geistesmensch Bernhard Zeit seines Lebens an einer chronischen Morbus-Boeck-Erkrankung leiden. Während eines Krankenhausaufenthalts in Salzburg stirbt Bernhards Großvater Johannes Freumbichler in der selben Klinik.

„Wir reden viel von Krankheit, von Tod und Konzentration des Menschen auf Krankheit und Tod, weil wir sie, Krankheit und Tod und Konzentration auf Krankheit und Tod, uns nicht klarmachen können.“
(Thomas Bernhard, Verstörung)

Kindheit und Jugend verarbeitet er in der fünfbändigen Autobiographie-Reihe, die ab 1975 im Salzburger Residenz-Verlag erscheint und um deren Veröffentlichung es viel Streit mit Bernhards Stamm-Verleger Siegfried Unseld geben wird.
1950 erliegt seine Mutter ihrem Krebsleiden, zur gleichen Zeit veröffentlicht er seine erste Erzählung „Das rote Licht“ im Salzburger Volksblatt unter dem Pseudonym Thomas Fabian. Der Tod und die Relativierung der Werte durch die ständige Bedrohung durch den Exitus bleiben eines von Bernhards zentralen Themen in seinen literarischen Arbeiten.
Im selben Jahr begegnet er erstmals Hedwig Stavianicek, die um 36 Jahre ältere Frau, die Bernhard wiederholt als seinen „Lebensmenschen“ bezeichnet, fördert zuerst seine Gesangsausbildung, später unterstützt sie den angehenden Schriftsteller finanziell und unternimmt zahlreiche Auslandsreisen mit ihm. Bernhard bleibt ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1984 verbunden und pflegt sie im hohen Alter trotz eigener Krankheit.
In den fünfziger Jahren arbeitet er als freier Journalist in den Bereichen Feuilleton und Gerichts-Nachrichten für diverse Salzburger und Wiener Tageszeitungen. Bernhard veröffentlicht in der Zeit etliche Lyrik-Arbeiten und nimmt am Salzburger „Mozarteum“ Musik-, Schauspiel- und Regie-Unterricht.

1957 lernt er den Komponisten und Kultur-Mäzen Gerd Lampersberg und seine Frau Maja kennen, er ist wiederholte Male auf dem Kärntner „Tonhof“ des Ehepaars zu Gast, hier lernt er weitere Vertreter des österreichischen Kulturbetriebs wie H. C. Artmann, Peter Handke und Wolfgang Bauer kennen. Mit der Veröffentlichung des Romans „Holzfällen. Eine Erregung“ kommt es 1984 zum Zerwürfnis mit Lamperberg, der sich in der Romanfigur des Komponisten Auersberger zu erkennen glaubte und zeitweilig eine gerichtliche Beschlagnahmung des Romans erwirkte.
Im Jahr 1963 gelingt Thomas Bernhard der literarische Durchbruch mit seinem Monolog- und Tagebuch-Roman „Frost“ über einen malenden „Geistesmenschen“ inmitten unter „völlig verblödeten und kriminellen Landbewohnern“, seiner gnadenlosen Abrechnung mit dem „Pensionistenkatholizismus“, der bei Kritikern und Kollegen auf viel Lob (Ingeborg Bachmann: „In all den Jahren hat man sich gefragt, wie wird es wohl aussehen das Neue. Hier ist es, das Neue„) und in der österreichischen Politik und Gesellschaft auf viel Ablehnung stößt, der spätere Bundeskanzler Kreisky merkte etwa an, er habe gehört, Bernhards Schimpfreden dienten selbsttherapeutischen Zwecken.

„Er war im Mozarteum. Statt Singen hat er Keifen gelernt. (…) Aus der erbärmlichsten Wehleidigkeit hat sich in hundert Wiederholungen ein ganzes Werk ergeben. Für jede Kränkung lässt er 10.000 Leser erschießen.“
(Elias Canetti)

Zahlreiche Veröffentlichungen und Kulturpreise folgen, bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises kommt es 1967 zum Eklat, nachdem Bernhard Staat, Volk, Apathie und Größenwahn seiner Landsleute schmäht.
Mit den Preisgeldern und Tantiemen erwirbt er neben weiteren Liegenschaften einen Vierkanthof in Ohlsdorf/Oberösterreich, unter Mithilfe des „Realitätenvermittlers“ Karl Ignaz Hennetmair, mit dem er in den folgenden Jahren eine Freundschaft pflegt, die aber, wie so oft bei Bernhard, im Streit endet. Sein Verhältnis zu Bernhard hat der Linzer Immobilienhändler in „Ein Jahr mit Thomas Bernhard. Das versiegelte Tagebuch 1972“ (2000, Residenz Verlag) dokumentiert.

„Alles kommt auf die Perspektive an. Jeder hat eine andere, Gott sei Dank. Und selbst hat man immer die richtige, auch wenn die anderen immer das Gegenteil behaupten, für einen selbst ist die eigene Perspektive immer die richtige.“
(Thomas Bernhard, Journalistisches, Reden, Interviews)

1970 erscheint mit dem Roman „Das Kalkwerk“ ein weiteres Bernhard-Hauptwerk bei Suhrkamp, Verleger Siegfried Unseld bleibt bis zum Tod Bernhards durch ein schwieriges, von Streitigkeiten über Tantiemen-Vorschüsse und Eitelkeiten Bernhards geprägtes Verhältnis mit seinem Autor verbunden, die wechselhafte Freundschaft ist in dem lesenswerten „Briefwechsel“ (2009, Suhrkamp) ausführlich dokumentiert. Im selben Jahr wird am Deutschen Schauspielhaus Hamburg unter der Regie von Claus Peymann das Drama „Ein Fest für Boris“ inszeniert, Peymann wird in den folgenden Jahren die meisten Theaterstücke Bernhards uraufführen, unter anderem wiederholt ab 1974 mit dem damals fast siebzigjährigen, großartigen Kieler Charakterdarsteller Bernhard Minetti, für den Bernhard ein eigenes Theaterstück schreiben wird.
In den achtziger Jahren läuft Thomas Bernhard zu Hochform auf, es entstehen unter anderem der vom musikalischen Genie Glenn Goulds inspirierte Roman „Der Untergeher“ (1983), „Alte Meister“, der Roman, in dem sich Bernhard mit der Kunst, dem Scheitern an Vollkommenheitsansprüchen, den modernen Lebensumständen als absolute Bedrohung und – in vernichtender Kritik – mit der Kunst Bruckners, Stifters und Heideggers auseinandersetzt, sowie „Auslöschung. Ein Zerfall“ (1986, alle Suhrkamp), seiner Abrechnung mit dem österreichischen Nationalsozialismus („Jedes Wort ein Treffer. Jedes Kapitel eine Weltanklage. Und alles zusammen eine totale Weltrevolution bis zur totalen Auslöschung„).

Im Herbst 1988 inszeniert Peymann das Bernhard-Drama „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater und sorgt so für einen der größten österreichischen Theater-Skandale, die Stimmung im Land ist bereits aufgeheizt durch die Diskussionen über die NS-Vergangenheit des österreichischen Bundespräsidenten und früheren UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim, der populistische Rechtsaußen Jörg Haider ist inzwischen Obmann der FPÖ, mit „Heldenplatz“ streut Bernhard Salz in die Wunden der verdrängten Geschichte über arisierte Geschäfte und emigrierte jüdische Wiener Bürger zu Zeiten des österreichischen „Anschlusses“.
Gleichzeitig kommt es zum Zerwürfnis mit dem Verleger Siegfried Unseld, Bernhard veröffentlicht erneut entgegen den getroffenen Absprachen einen Band seiner Autobiografie beim konkurrierenden Residenz Verlag, zudem äußert er sich despektierlich in einem Interview über Unseld.

Im selben Jahr erkrankt Thomas Bernhard an einer Lungeninfektion, am 12. Februar 1989 stirbt er im oberösterreichischen Gmunden an Herzversagen, 3 Tage nach seinem 58. Geburtstag. Er wurde im Grab von Hedwig Stavianicek auf dem Grinzinger Friedhof in Wien beigesetzt.

„lieber herr bernhard / ich habe gestern Ihren brief vom 20. november erhalten. fuer mich ist eine schmerzgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten. nach all dem, was in jahrzehnten und insbesondere in den letzten beiden jahren an gemeinsamem war, desavouieren Sie mich, die ihnen gewogenen und fuer Sie wirkenden mitarbeiter und sie desavouieren den verlag. ich kann nicht mehr./ ihr siegfried unseld“

„Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, ’nicht mehr können‘, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. / Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben. / Ihr Sie sehr respektierender Thomas Bernhard“
(Thomas Bernhard / Siegfried Unseld, Der Briefwechsel)

Zentrales stilistisches Element in vielen Bernhard-Schriften ist der monologisierende, als Charakter selten differenziert gezeichnete Ich-Erzähler, der in oft absurd anmutenden Situationen in sich wiederholenden Schleifen mitunter völlig überzogen polemisiert, die Behauptungen sind in der Regel absolutistisch-endgültig, „naturgemäß, immer, ohne jeden Zweifel„.
Bernhard war nichts heilig, seine Angriffe gegen den „Stumpfsinn der Masse“, den Kulturbetrieb und die Repräsentanten und Institutionen des „katholisch-nationalsozialistischen“ österreichischen Staates als „Vernichter der Individualität des Einzelnen“ ziehen sich wie ein roter Faden durch Gesamtwerk, Reden und Interviews.
Thomas Bernhard lesen ist wie The Fall hören: In der Rockmusik hat Texter/Sänger/Band-Despot Mark E. Smith von der englischen Postpunk-Kultband diesen repetitiven, Dauerschleifen-artigen Textvortrag zur Perfektion getrieben, auch in ihrer kritischen, ins Misanthropische neigenden Grundeinstellung hätten die beiden Kulturschaffenden im Gegenüber einen entsprechenden Geistesverwandten gefunden.
Auch in der modernen Klassik, speziell im Bereich der Minimal Music von Tondichtern wie Philip Glass, Steve Reich oder John Adams finden sich im ständigen Wiederholen von Kompositionselementen Anlehnungen an das mechanisch-künstliche,stilistische Grundprinzip Bernhards.

„Aus Hamburg habe ich den Preis bekommen, aus Hamburg, aus Hamburg, dachte ich immer wieder und ich verachte die Österreicher insgeheim, die mir bis dahin noch niemals auch nur die Spur einer Anerkennung gezeigt haben.“
(Thomas Bernhard über den Julius-Campe-Preis 1963)

Manfred Mittermayer beschreibt in der Biografie ausführlich und chronologisch Leben und Werk des österreichischen Ausnahmeliteraten, ausgewogen geht er auf die öffentliche Wirkung Bernhards ein, wichtige private Lebensumstände werden gewürdigt und dokumentiert, ausnehmend gut gelingt ihm die Besprechung der wichtigsten Prosa- und Theaterstücke Bernhards und die Bezugnahme der jeweiligen Texte zur persönlichen Lebenswelt des Autors. Dabei verzichtet er völlig auf eigene Interpretationsansätze und Urteile.
Die Arbeit am Werk dürfte sich schwierig gestaltet haben, viele Quellen aus erster Hand wie etwa der bisher unveröffentlichte Briefverkehr Bernhards sind nicht freigegeben und damit für die Forschung unzugänglich.

Der Autor Manfred Mittermayer, geboren 1959, lebt in Oberndorf bei Salzburg. Er ist u.a. Verfasser mehrerer Bücher und zahlreicher Aufsätze sowie Gestalter von Ausstellungen über Thomas Bernhard, zudem ist er Mitherausgeber der 22-bändigen Bernhard-Werkausgabe im Suhrkamp-Verlag. Er lehrt an der Universität Salzburg und arbeitet am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie. Die besprochene Abhandlung entstand dort im Rahmen eines mehrjährigen Projekts zur Biographie Thomas Bernhards.
Seit 2012 leitet er das Literaturarchiv Salzburg und gemeinsam mit Ines Schütz die Rauriser Literaturtage.

Soundtrack des Tages (144)

The Whiskey Foundation: strammer Blues-Rock aus München. Heute Abend für umme beim Theatron Musiksommer auf dem Olympiagelände, direkt neben der Schwimmhalle. Ab 21.00 Uhr.

Yotam, Joe McMahon, Mike Neograf @ Südstadt, München, 2016-08-17

acoustic_punk_night

Als „Acoustic Punk Night“ wurde das Bardentreffen im Südstadt am vergangenen Mittwoch angekündigt, drei junge Männer stellten zumindest in ihrer Haltung und in entsprechenden Songtexten den Bezug zum Geist der 70er-Jahre-Subkultur her, im musikalischen Vortrag waren die Darbietungen durch das begleitende Akustik-Gitarren-Geschrammel weit mehr an den Folk und Protestsongs der Sechziger angelehnt.

Den Sangesreigen eröffnete der junge Franzose Mike Neograf aus Lyon, der in seinen ausgewogenen, kurzen Vortrag vor allem auch die leisen und nachdenklichen Töne einfließen ließ.
Ein klassisches, Straßensänger- und Lagerfeuer-taugliches Folk-Repertoire inklusive filigranem Saitenanschlag, das zu gefallen wusste, hinsichtlich Punk aber auch bei größter Fantasie kaum eine Idee aufkommen ließ.

Mit deutlich mehr Drive bestritt Joe McMahon, Sänger und Gitarrist der US-Hardcore/Punk-Band Smoke Or Fire, im Mittelteil des Abends seinen Solovortrag, der seit einiger Zeit im westfälischen Münster ansässige Mann aus Boston packte eine gehörige Portion Wut und Empathie in seine Protestsongs und Geschichten über verstorbene Freunde, das amerikanische Gesundheitssystem („They gave us a toothbrush„) und die Stimmung vergällende Politiker wie diesem Vollidioten, der sich dieser Tage anschickt, 45. Präsident der US of A zu werden. Ungefähr so Folk Punk, wie Frank Turner Folk Punk macht. Neue Platte kommt im September beim Bremer Gunner-Records-Label.

Große Entertainer-Qualitäten legte der Israeli Yotam Ben Horin an den Tag, in einem beherzten, euphorischen Auftritt, mit entsprechenden Uptempo-Songs, den Geschichten über das Leben „on the road“ inklusive Übernachten im eigenen Auto sowie den daraus resultierenden Rückenschmerzen (wir erinnern uns: UK Subs, „I live in a car“) und Verneigungen vor den großen Vorbildern in Form von flotten Akustik-Versionen der Ramones-Klassiker „Pet Semetary“ und „We Want The Airwaves“ kam der Musiker der Haifa-Punk-Combo Useless ID dem Motto des Abends mit am nächsten. Schade eigentlich, dass man zur Wandergitarre nicht pogen kann, aber mitsingen war auch schön… ;-)))
Mit der von allen drei Sangeskünstlern gemeinsam vorgetragenen Pixies-Nummer „Where Is My Mind?“ als abschließendem Mitmach-Budenzauber nahm der launige Konzertabend in der vollgepackten Südstadt stimmungsvoll sein Ende. Schönes Gesamtpaket mit entsprechendem Unterhaltungswert.
(**** – **** ½)

Reingehört (203): Sarah Mary Chadwick

sarah_mary_chadwick
Sarah Mary Chadwick – Roses Always Die (2016, Rice Is Nice)
Die künstlerische Gestaltung ihrer Plattencover geht gern mal in Richtung expressionistischer Schweinkram, stilistisch angelehnt an Otto Dix oder George Grosz, auch ihr Sound dürfte im Zweifel nicht überall auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen, aber Spreu vom Weizen trennen hat hinsichtlich der hier dargebotenen Songs manchmal auch was für sich. Sarah Mary Chadwick aus Melbourne treibt ihren musikalischen Ansatz auf dem aktuellen Werk eindeutig in Richtung karger Minimalismus, in völlig entschleunigter, spartanischer Manier, im brüchigen Gesang pendelnd zwischen An- und Wehklage, Kontemplation und emotionaler Kälte, die eindringlichen Texte getragen von Keyboard-Loops und schwerfälligem, fast depressiv anmutendem Orgel-Spiel. Wem sich jetzt der Name der Velvet-Underground-Chanteuse Nico/Christa Paeffgen gedanklich-assoziativ aufdrängt, liegt mindestens punktuell nicht völlig falsch.
Kraftvolle Kargheit und der Hang zur Monotonie als Konzept ist das Ding der Australierin, gelegentlich aufgehellt durch eingestreute LoFi-Beats, äußerst konsequent umgesetzt – “I’m moving towards a type of finish line”.
Henry Rollins ist Fan, nicht nur er.
(**** ½ – *****)

Reingehört (202): King Creosote + Michael Johnston

red_deer

King Creosote + Michael Johnston – The Bound Of The Red Deer (2016, Imports)
Der unter dem Künstlernamen King Creosote musizierende Songwriter Kenny Anderson aus dem schottischen Fife (wo unter anderem auch der mit ihm befreundete Krimi-Großmeister Ian Rankin und das vor fünf Jahren leider viel zu früh verstorbene Folk-Original Jackie Leven herkommen) und Michael Johnston von der kanadischen Roots-Rock-Combo Skydiggers haben sich in den Nuller-Jahren bei einem Bardentreffen angefreundet, zehn Jahre später sind sie erstmals für eine gedeihliche Duo-Produktion in einem Studio in Toronto zusammengekommen, unter Mithilfe der Burns-Unit-Ladies Karine Polwart und Emma Pollock und des hochverehrten texanischen Alternative-Country-Experten Gurf Morlix produzierten die Herrschaften eine bezaubernde Songsammlung, die in den ersten acht Nummern mit klassischem, Piano-getragenem Songwriting glänzt, das zwischen alter Nick-Drake-Schule, empathischer Melancholie und mitunter etwas zu dick aufgetragenem Schmalz und Vor-sich-hin-Kitschen schwankt, in Balladen wie etwa dem wunderbaren „Round And Round“ aber uneingeschränkt von erhabener Eleganz zeugt.
Warum Anderson und Johnston das im Wesentlichen ansprechende, entrückte Werk mit zwei völlig aus dem Rahmen fallenden Kneipen-Schunklern beschließen, wird wohl irgendeiner Laune geschuldet sein, die der Hörer nicht verstehen muss – oder dem Konsum von zuviel Single Malt im Laufe des Aufnahmeprozesses, wer weiß, der schönste Platz ist ja bekanntlich immer an der Theke…
(****)

Album-Stream: hier.

Reingehört (201): Zhongyu

KULTURFORUM Suzhou www.gerhardemmerkunst.wordpress.com 24

Zhongyu – “Zhongyu” Is Chinese For “Finally” (2016, Moonjune / Cargo)
Der Experimentalmusiker und Multiinstrumentalist Jon Davis hat zusammen mit dem Gitarristen Dennis Rea einige Jahre in Peking verbracht, dort liegen die wesentlichen Wurzeln/Einflüsse dieser vor kurzem erschienenen Veröffentlichung. Zusammen mit Rea und weiteren Bandmitgliedern der Seattle-Prog-Band Moraine und dem experimentellen Jazz-Drummer Randy Doak hat Davis das Projekt Zhongyu ins Leben gerufen, die Formation besticht durch ein gelungenes Konglomerat aus chinesischer Volksmusik und ausgiebigsten Reminiszenzen an den Jazz- und Progressive Rock, letztere Einflüsse reichen vom gekonnten Einsatz des Chapman-Stick, wie man ihn aus besten King-Crimson-Tagen kennt, bis zu ausgedehntem, exzessivem Ian-Anderson-/Jethro-Tull-Geflöte.
Das rein instrumentale Werk ist ein gelungener akustischer ost-westlicher Brückenschlag, der hinsichtlich Stilmix viel wagt und alles gewinnt. Psychedelic, Ambient/Drone/Noise, meditative, ruhig fließende Melodien und fernöstliche Klanglandschaften, begleitet von experimentell-jazziger Rhythmik, bieten ein ausgewogen-stimmiges Gesamtbild, das die Frage aufwirft, warum die westlich geprägte Rockmusik sich in der Form nicht vermehrt Richtung Osten öffnet.
„Komposition und Improvisation, Ruhe und Chaos, Harmonie und Dissonanz, Komplexität und Einfachheit, akustische und elektrische Klänge“, hier klappt das mit dem Miles-Davis-Postulat, welches die alte Tröten-Nervensäge selber eigentlich seltenst so erfrischend umgesetzt bekam…;-))
(**** – **** ½)

D’Aqui Dub @ Great Bavaria Reef / Stadtstrand, München, 2016-08-11

D'Aqui Dub @ Great Bavaria Reef Stadtstrand München 2016-08-11 ---DSC07468

Nachdem es in den letzten Monaten zu etlichen Verwerfungen in der Münchner Kulturpolitik hinsichtlich des sommerlichen, mittlerweile traditionellen Kulturstrands am Vater-Rhein-Brunnen in Form einer einstweiligen gerichtlichen Verfügung und konzeptioneller/juristischer Streitigkeiten bezüglich des Vergabe- und Förderverfahrens gekommen ist, hat das jährliche Kultur- und Freizeit-Programm an der Isar in der Nähe des Deutschen Museums seit ein paar Wochen unter dem neuen Logo „Great Bavaria Reef – Stadtstrand“ doch noch ordentlich Fahrt aufgenommen.
Am vergangenen Donnerstag warteten die neuen Veranstalter mit einem besonderen musikalischen Leckerbissen auf der Musikbühne auf: Der von den geneigten Münchner Konzertgängern vor allem als Gitarrist der wunderbaren Postrock-/Prog-/Experimental-Band Majmoon geschätzte Musiker Asmir Šabić hatte seine Freunde Arnaud Fromont, Sylvain Bulher und Manuel Castel aus Marseille bzw. Paris zu Gast, mit denen er seit einigen Jahren die Trance-/World-Formation D’Aqui Dub betreibt.
Mit elektrisch verstärkter Bouzouki, Klarinette, E-Gitarre, Gesang und rhythmischen Elektro-/Trance-/Dub-/Ambient-Loops/Beats begeisterte das Quartett die Besucher am gottlob regenfreien frühen Abend von der ersten Minute an.
Die Band versteht es meisterhaft, ihre Geschichten über Wanderschaft, Flucht und Gefangenschaft in einen stimmigen, einnehmenden Mix aus orientalischer Volksmusik, Balkan-Folk, schweren, westlich geprägten Rockriffs, hypnotischer, experimenteller Electronica, melancholischen Klarinetten-Klängen und den Postrock-artigen Flow der griechischen Laute einzubetten. Würde die friedliche, sich gegenseitig befruchtende Koexistenz der Kulturen öfter so gut funktionieren wie im mediterranen Konglomerat dieser Frankreich-/München-Connection, die Welt wäre eine bessere.
Der perfekte Soundtrack für die Fabio-Montale-/Marseille-Krimi-Trilogie von Jean-Claude Izzo oder einfach nur supergute, zum Mitgrooven einladende Musik für einen etwas zu kühlen Sommerabend am schönsten Fluss der Welt…
(**** ½ – *****)

D’Aqui Dub / Bandcamp

Reingehört (200): Gov’t Mule

DSCF0651

Gov’t Mule – The Tel-Star Sessions (2016, Evil Teen / Mascot / Rough Trade)
Demos von 1994, aus dem Gründungsjahr der Combo, eingespielt in der Ur-Besetzung Haynes, Woody, Abts.
Gitarristen-Schwergewicht Warren Haynes und der im Jahr 2000 früh verstorbene Bassist Allen Woody arbeiteten seit der 1989er-Allman-Brothers-Reunion zusammen, befeuert durch ihre gemeinsame Verehrung für stramme Bluesrock-Trios wie die Jimi Hendrix Experience, Taste oder Cream gründeten sie zusammen mit Drummer Matt Abts von der Dickey Betts Band – der nächste Allman-Bruder, sozusagen eine einzige Inzucht ;-)) – Mitte der Neunziger Gov’t Mule, die spätere Full-Time-Beschäftigung war zuerst als Nebenprojekt angedacht. Die Archiv-Aufnahmen sollen die ersten Demos der Band überhaupt sein, eingespielt im Tel-Star Studio in Bradenton/Florida, der Stoff ist klangtechnisch optimal aufbereitet und bis auf das Anzählen der Nummern von einer regulären Studio-Veröffentlichung nicht zu unterscheiden.
Die schlechte Nachricht ist in dem Fall auch die gute: es gibt keine Überraschungen im ersten Wurf der Combo, der langjährige Mule-Hörer weiß genau, was ihn erwartet. Harter Southern Rock, die wuchtige Blues-Gitarre von Warren Haynes in ihrer ganzen süffigen, technisch exzellent vorgetragenen Pracht und die schweren, Hard-Soul-lastigen Grooves des Rhythmus-Duos Woody/Abts, die in ihrer unvermittelten Schwere auch nach über zwanzig Jahren keine Patina angesetzt haben.
Bassist Woody glänzt mit feinster Jack-Bruce-Schule, mit diesem Ansatz und seinem Gespür für Melodie, Phrasierung und Rhythmik vereinigte der Mann in seinem Spiel die Essenz aus Blues, Rock, Jazz und Soul wie kaum ein anderer.
Mit „Just Got Paid“ covert das Trio eine ZZ-Top-Nummer aus der Frühphase der Mainstream-Boogie-Rock-Nikoläuse, die alten Blues-Heroen Memphis Slim und Willie Dixon kommen mit „Mother Earth“ bzw. „The Same Thing“ zu Ehren, und mit „Mr. Big“ von Free orientiert man sich an einem weiteren Früh-Siebziger-Bluesrock-Kracher. Der Großteil der Songs findet sich in alternativen Versionen auf den ersten Gov’t-Mule-Alben wieder. Auf den „Tel-Star Sessions“ präsentiert sich die Band in bestechender Frühform, da können so manche Kicker dieser Tage zum Saisonauftakt nur von träumen…
(**** – **** ½)

Gov’t Mule / Warren Haynes legal konzertant mitgeschnitten @ nyctaper.com

Reingehört (199): David Grubbs

sqirrel_bait_genealogy

When I heard the learn’d astronomer,
When the proofs, the figures, were ranged in columns before me,
When I was shown the charts and diagrams, to add, divide, and measure them,
When I sitting heard the astronomer where he lectured with much applause in the lecture-room,
How soon unaccountable I became tired and sick,
Till rising and gliding out I wander’d off by myself,
In the mystical moist night-air, and from time to time,
Look’d up in perfect silence at the stars.
(Walt Whitman, When I Heard the Learn’d Astronomer, 1865, Leaves Of Grass)

David Grubbs – Prismrose (2016, Drag City)
Taucht seit den Achtzigern gern dort auf, wo eine gepflegte Experimental-Gitarre gefragt ist: David Grubbs, Mitbegründer der US-Postcore-Bands Squirell Bait und Bastro, ab den frühen Neunzigern zusammen mit dem späteren Sonic-Youth-Musiker Jim O’Rourke und dem Tortoise-Multinstrumentalisten John McEntire für etliche Jahre mit der Postrock-/Experimental-/Drone-Combo Gastr Del Sol zugange, darüberhinaus stehen unzählige Gastbeiträge auf Tonträgern von unter anderem Codeine, Bitch Magnet, Palace/Will Oldham, Richard Buckner, Dirty Three, Royal Trux und The Red Krayola zu Buche.
Auf „Prismrose“ deckt er einen komplexen Klangkosmos ab zwischen freien Gitarren- und Percussion-Improvisationen und LoFi-verwandtem Songwriting im einzigen Vokal-begleiteten Stück “When I Heard the Learn’d Astronomer”, der Adaption eines Walt-Whitman-Gedichts, das hier in seiner Umsetzung grob in die Preisklasse Yo La Tengo/Daniel Johnston fällt. Angelegt in einer guten halben Stunde in sechs Stücken, die sich in einem zeitlichen Rahmen von 1:15 bis 11 Minuten bewegen.
Im Großteil der Arbeiten lässt sich Grubbs mit seinem Gitarrenspiel dort hintreiben, wo die Muse und/oder der Freigeist ihn hintragen. In drei Nummern wird er vom Perkussionisten Eli Keszler begleitet, speziell diese Werke entfalten in ihrem experimentellen Fluss eine tiefgreifende, meditativ-asiatische Grundstimmung. Der in freie Rhythmen eingebettete Saitenanschlag der elektrischen Gitarre in ihren sparsam-minimalistischen Klang-Entwürfen deutet wiederholte Male das Potential für gewichtige Song-Kompositionen an, weiß aber auch in der skizzierten, unvollendet wirkenden Form zu überzeugen.
(****)

Reingehört (198): Descendents

descendents_1

Descendents – Hypercaffium Spazzinate (2016, Epitaph)
Die US-Westküsten-Punkrock-Institution Descendents ist seit 1977 mit Ausnahme von einigen zum Teil längeren Auszeiten auf Sendung, von der Urbesetzung ist Trommler Bill Stevenson nach wie vor an Bord und die restliche Mannschaft auch bereits seit den Achtzigern mit von der Partie, das aktuelle Album ist das erst siebte Studio-Werk in der fast vierzigjährigen Band-Geschichte und das erste aktuelle Material seit zwölf Jahren, der Veröffentlichungs-Weltmeister-Titel liegt in weiter Ferne für das Quartett aus Manhattan Beach/California.
Die sechzehn in einer halben Stunde runtergeschrubbten Melodie-Hardcore-Nummern, die selten die Drei-Minuten-Marke reißen, bieten die gewohnte Descendents-Kost, ohne große Überraschungen, die Combo klingt wie vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren oder wahlweise im Wesentlichen genauso wie die Kollegen von Bad Religion, die sich ihrerseits seit gefühlten hundert Jahren im Klangbild kaum verändert haben.
Das ist das Schöne an diesen alten Punkrock-Haudegen: Man kriegt in der Regel immer genau die musikalische Kost vorgesetzt, die man sich in dem Fall erwartet. Selbst hinsichtlich Plattenhüllen-Gestaltung bleibt bei den Descendents alles beim Alten.
Lediglich die Song-Themen zeugen von einem fortgeschrittenen Reifegrad: Beziehungsstress durchstehen, Krankheiten auskurieren und die Notwendigkeit zum Diät halten und zur gesunden Ernährung („No Fat Burger“), wir werden ja alle nicht jünger.
„Punk isn’t dead, it just goes to bed at a more reasonable hour“, eh klar…
(****)

Reingehört (196): Al Rose

al_rose

Al Rose – Spin Spin Dizzy (2016, Monkey Holding Peach Records)
Wenn der englische Psychedelic-Pop-/Gothic-Folk-Barde und Okkultismus-Forscher Paul Roland („The Male Kate Bush“) irgendwann mal das Thema Americana/Alternative Country Folk angegangen wäre, sowas in der Form hätte eventuell dabei rauskommen können: Auf dem siebten Album von Al Rose und seiner Begleitband The Transcendos aus Chicago erwartet den Hörer ein opulent mit zusätzlich Violine, Cello und Posaune ausgestattetes, leicht angejazztes Songwriter-Kleinod, dessen zehn Stücke mit Enthusiasmus vorgetragen werden, ab und an des Guten zuviel an Instrumentierung, überbordender Dichtkunst in den Liedtexten und Inbrunst im Sangesvortrtag bieten, zumindest in den getrageneren Balladen aber vollumfänglich zu überzeugen wissen.
Al Rose ist seit 1994 im Geschäft und war zwischenzeitlich mit der Chicago-Band Buffalo Trout zugange, die hierzulande wahrscheinlich genau so wenig ein Begriff sein dürfte wie bisher der gute Mann selbst.
(****)

Reingehört (195): Lori McKenna, Angel Olsen

0_AUGUST_reingehört___DSCF4151

Lori McKenna – The Bird & The Rifle (2016, CN Records)
Lori McKenna aus Stoughton/Massachusetts hat neben ihren fünf Kindern in den vergangenen eineinhalb Dekaden acht zum Teil hochgelobte Tonträger in die Welt gesetzt, auf ihrem aktuellen, neunten Werk „The Bird & The Rifle“ glänzt sie mit grundsolidem Songwriting und einem fundierten Gespür für unaufdringliche, entspannte Country-Folk-Melodien, die ihre profunde Pracht getragen und unaufgeregt zur Entfaltung bringen und so den perfekten musikalischen Rahmen für die Geschichten über alltägliche Dramen, verzweifelte Frauen, sterbende Städte und die Erinnerungen an die eigene Jugend bilden, in denen der „Teen Spirit“ auf Musikkassette gebannt und das Internet noch eine nicht für möglich gehaltene Zukunftsvision war.
“Duran Duran on the radio, those wild boys would never know we had a baby on the way the year our friends started school.”
Das dieser Tage erschienene Album zeigt erneut: die Frau hat wesentlich mehr auf dem Kasten als das Komponieren gefälliger Country-Hits für Mainstream-Stars wie Alison Krauss, Faith Hill oder die Combo Little Big Town.
(**** ½)

Angel Olsen – My Woman (2016, Jagjaguwar)
Ziemlich alles, was ihr auf dem hervorragenden 2014er-Album „Burn Your Fire For No Witness“ (Jagjaguwar) offensichtlich spielend von der Hand ging, geht hier schwerst in die Binsen: So sehr die junge Amerikanerin Angel Olsen mittels ihres Vorgänger-Werks mit schmissigem Indie-Folkrock und traumwandlerischem, spukhaft-verhuschtem Alternative Country glänzte und zu begeistern wusste, so sehr nervt sie über weite Strecken auf ihrem neuesten Output mit überwiegend Mainstream-artigem, belanglosem Liedgut, glattpolierter Produktion und einem Zuviel an Pathos, Überdrehtheit und Kitsch im Ausleben ihrer Sangeskünste.
Konzertant unter anderem am 26. Oktober im Münchner Ampere. Wer’s braucht…
(** ½ – ** ¾)

Kick-Off

„Sechsundsechzig, da war’n wir Deutscher Meister, seitdem ist alles Scheiße.“
(Fangesang der 1860-Amateure-Supporter)

„Bei den Traditionsvereinen gibt es oft eine Ambivalenz zwischen der Realität und dem Wunschdenken im Umfeld.“
(Heribert Bruchhagen, Als Charly Neumann tobte, 11FREUNDE #176, Juli 2016)

„Als sich im Mai Eintracht Frankfurt und der 1. FC Nürnberg in der Relegation duellierten, wurde humorig festgestellt, dass eine der beiden Mannschaften sich nach dem Duell fortan durch eine öde Spielklasse quälen und über die Dörfer tingeln müsse. Die andere hingegen dürfe in der zweiten Liga spielen. So ungefähr schaut’s aus.“
(Philipp Köster, Die Klasse von 2016, 11FREUNDE #177, August 2016)

Reingehört (194): Sarah Davachi, John Duncan, Cabaret Contemporain

0_reingehört_august_2016__ -- DSCF3621

Sarah Davachi – Dominions (2016, JAZ Records)
Monotoner Experimental-Ambient einer jungen Kanadierin aus Calgary. Die hypnotischen Drones, die Sarah Davachi auf antiquierten Synthesizern und Keyboards vor sich hin brummen lässt, entfalten beim Abhören auf der Heimanlage nur bedingt ihren Reiz. Begleitet von entsprechender visueller Ergänzung via Videoinstallation und/oder Illumination würde sich die Präsentation der fünf abstrakten Klangwerke gewiss um ein Vielfaches spannender gestalten. Sarah Davachi hat neben einem Master-Studium in Elektronischer Musik und Recording Media am Mills College in Oakland/Kalifornien als Bachelor in Philosophie an der Universität Calgary graduiert, was eine gewisse Verkopftheit in ihrem Klangbild erklären mag.
(*** ½ – ****)

John Duncan – Bitter Earth (2016, Ideal)
A man of many talents: Der 1953 in Wichita/Kansas geborene Installations-, Video- und Performance-Künstler John Duncan veröffentlicht seit 1978 zeitgenössische Avantgarde-Aufnahmen im Bereich Field Recordings/Kurzwellen-Sampling/Gesang, gelegentlich auch in Zusammenarbeit mit Ellioth Sharp oder dem spanischen Experimental-Spezialisten Francisco López.
Auf „Bitter Earth“ covert er sich mit Unterstützung von illusterem Begleitpersonal wie ex-Sonic-Youth Jim O’Rourke und dem australischen Noise-Multiinstrumentalisten Oren Ambarchi (Sunn O))), Merzbow) durch ausgewählte Perlen der amerikanischen Pop-Historie, die Bandbreite reicht vom Death-Party-Klassiker „The House On Highland Avenue“ des Gun Club bis zum Motown-Soul-Chartbreaker „Reach Out“ der Four Tops.
Sperriger Elektro-Wave, monoton-pochende, experimentelle Postpunk-Gerippe, reduzierte, rituell-hypnotische Gesänge, eingestreute Feldaufnahmen und spartanische Balladen prägen eine hörenswerte Song-Sammlung mit verfremdeten Coverversionen, die hinsichtlich der Originale neue Aspekte aufzeigen.
(**** ½)

Cabaret Contemporain – Moondog (2015, Sub Rosa)
Bereits Ende letzten Jahres erschienene Hommage der französischen Indie-, Krautrock- und Experimental-Combo Cabaret Contemporain an den „Viking of 6th Avenue“ – der als Moondog bekannt gewordene Minimal-Music-Pionier Louis Thomas Hardin wäre im Mai dieses Jahres hundert Jahre alt geworden.
Das Tribute-Werk des Quintetts konzentriert sich hier im speziellen auf ausgewählte Songs des Amerikaners, und es wäre in seiner Indie-Pop-artigen Instrumentierung mit E-Gitarre, Piano, Drums und 2 Bässen ein durchaus gelungenes geworden, würde einem der ätherische Singsang der beiden schwedischen Gast-Sirenen Linda Olah und Isabel Sörling auf Dauer nicht derart am Nerv bohren, so jedoch bleibt das Vergnügen über diesen im Grunde löblichen Ansatz ein eher überschaubares…
(*** – *** ½)

Reingehört (193): The Paul Butterfield Blues Band

paul_butterfield_bb

The Paul Butterfield Blues Band – Got A Mind To Give Up Living / Live 1966 (2016, Real Gone)
Ganz was Feines aus der Bluesrock-Historie: Das Real-Gone-Label veröffentlichte dieser Tage einen Konzert-Mitschnitt der Butterfield Blues Band von einem Gig der Combo im Unicorn Coffee House Boston, aufgenommen während eines zweiwöchigen Engagements der Chicago-Blueser in besagtem Laden im Mai 1966.
Paul Butterfield, Mike Bloomfield, Elvin Bishop und Co. hatten zu der Zeit ihr hochgelobtes Debütalbum auf dem Markt und standen kurz vor der Veröffentlichung ihres bahnbrechenden Zweitwerks „East-West“ (1966, Elektra), der vom Coltrane-Jazz und indischer Raga-Musik beeinflusste Bluesrock-Meilenstein ist hier mit „Never Say No“ und „Get Out Of My Life Woman“ im Repertoire der Live-Aufnahme vertreten, mit der Smokey-Robinson-Nummer „One More Heartache“ findet sich auch bereits ein Stück vom „The Resurrection Of Pigboy Crabshaw“-Album (1967, Elektra).
Die Aufnahmequalität des vorliegenden Tonträgers mag nicht die exzellenteste sein, der Umstand wird aber mehr als wett gemacht durch die dokumentierte Spielfreude der Band, durch die beherzten Gitarrensoli von Bloomfield und Bishop und vor allem durch den ausgeprägten Hang zur Improvisation, der wesentlich durch das Jazz-orientierte Spiel des Trommlers Billy Davenport getrieben wurde und in seinen besten Momenten mit den konzertanten Höhenflügen vom Southern-Blues-/Jam-/Jazz-Rock-All-Time-Favourite „At Filmore East“ (1971, Capricorn) der Allman-Brüder gleichzusetzen ist.
(**** 1/2)

Reingelesen (48): Henning Mankell – Die Rückkehr des Tanzlehrers

mankell_tanzlehrer

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“
(Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui)

Henning Mankell – Die Rückkehr des Tanzlehrers (2002, Paul Zsolnay Verlag)

Mit dem 2000 im Original in seiner skandinavischen Heimat erschienenen Roman ist Henning Mankell eine spannend zu lesende Auseinandersetzung mit dem schwedischen Rechtsextremismus gelungen. Eingebunden in die Rahmenhandlung eines Kriminalromans und ergänzt um den historischen Kontext der Strafverfolgung der deutschen Kriegsverbrecher und ihrer Henkersknechte nach 1945 entwirft der Autor ein erschreckendes, realitätsnahes Bild vom Überleben der nationalsozialistischen Ideale in Kreisen der schwedischen Gesellschaft und in weltweit vernetzten rechtsextremen Untergrundorganisationen.
Der Kriminalbeamte Stefan Lindman als zentrale Figur der Erzählung kämpft im Verlauf der geschilderten Ereignisse an vielen Fronten: mit dem schockierenden ärztlichen Bescheid der eigenen Krebserkrankung, mit dem drohenden Zerbrechen der komplizierten Beziehung zu seiner polnischen Freundin Elena, mit der Aufklärung der grausamen, rituellen Hinrichtung seines ehemaligen Polizei-Kollegen Herbert Molin, in dessen Verlauf unbequeme Wahrheiten nicht nur zur nationalsozialistischen Vergangenheit und Geisteshaltung des ehemaligen Mitarbeiters ans Licht kommen, auch in der eigenen Familiengeschichte liegt dahingehend bei Lindman etliches im Argen.
Molin, der nach der Pensionierung zurückgezogen in den Wäldern Nordschwedens lebt und dort seiner Passion des Tangotanzens nachgeht, wird offensichtlich Opfer einer gezielten und perfekt geplanten Rache-Aktion, der Leser kennt nach circa einem Drittel des Buches den Mörder, der Spannung der Lektüre tut dies keinen Abbruch.
Lindman folgt den Spuren des ehemaligen Kollegen während seiner krankheitsbedingten Arbeitsbefreiung und ermittelt privat, dank gegenseitiger persönlicher Zuneigung zum vor Ort verantwortlichen Hauptermittler Giuseppe Larsen entwickelt sich eine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Kriminalistik-Profis. Im weiteren Verlauf der Geschichte ereignet sich ein zweiter Mord, bedingt durch ein völlig anderes Motiv, die Ermittler im Roman und die Leser rätseln über einen möglichen zweiten Täter.

„Er betrat den Speisesaal. Während er seinen Tisch aufsuchte, fragte er sich, warum sie wohl geweint hatte. Aber es ging ihn nichts an. Jeder hat sein eigenes Elend, dachte er. Seine Hundemeute, gegen die er zu kämpfen hatte.“
(Henning Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers, Teil 1, Härjedalen, Oktober – November 1999, 10)

Der Roman bietet die von Mankell vor allem von den Wallander-Romanen gewohnte, erstklassige Krimi-Kost, die spannende Geschichte zeichnet sich durch die nüchterne und unaufgeregte Sprache, knappe Dialoge, überraschende Wendungen und stringentes, sorgfältiges Erzählen der einzelnen Handlungsstränge aus.
In „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wartet der schwedische Bestsellerautor mit historischen Grundlagen zu nationalsozialistischen Strömungen in bestimmten Kreisen Schwedens während der europäischen Vormachtstellung Hitler-Deutschlands zu Zeiten des zweiten Weltkriegs auf und setzt sich kritisch mit Strömungen in der rechten Szene Skandinaviens auseinander, heute vermutlich noch so aktuell wie bei Erscheinen des Romans vor über fünfzehn Jahren.

„Ich hatte geglaubt, es würde sterben“, sagte die Stimme. „All das Entsetzliche, das damals geschehen ist. Aber die Gedanken, die in Hitlers krankem Gehirn geboren wurden, sind immer noch lebendig. Sie haben andere Namen, aber es sind die gleichen Gedanken. Die gleiche grauenhafte Betrachtungsweise, der zufolge ganze Völker ausgelöscht werden können, wenn es als notwendig erachtet wird. Über diese ganze neue Technik, die Computer, die internationalen Netzwerke, sind alle diese Gruppen eng miteinander verbunden. Heutzutage findet sich alles in den Computern.“
(Henning Mankell, Die Rückkehr des Tanzlehrers, Teil 3, Die Kellerasseln, November 1999, 32)

Im Wesen des jungen Neonazis Magnus Holmström, einer Nebenfigur des Romans, erkennt der Leser unschwer Charakterzüge des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, der erst im Juli 2011, elf Jahre nach Veröffentlichung des Krimis, die Bühne der Weltöffentlichkeit betreten wird, in Oslo und auf der Insel Utøya tötet er insgesamt 77 überwiegend junge Menschen in seinem rechtsextremistischen Wahn, wenngleich auch Breivik den Nationalsozialismus wegen seiner radikalen antisemitischen Grundhaltung in seinem Manifest „2083: A European Declaration Of Independence“ ablehnt.
Zur erfolgreichen Wallander-Krimireihe Mankells gibt es im Übrigen eine Querverbindung: Der rechtsradikale Porträtmaler Wetterstedt und Mentor Holmströms ist der Bruder des Justizministers Wetterstedt, der in »Die falsche Fährte« ermordet wird, das Verbrechen wird auch im „Tanzlehrer“ thematisiert.

„Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wurde zweimal für das Fernsehen verfilmt. In der deutsch-österreichischen TV-Produktion aus dem Jahr 2004 waren unter anderem Tobias Moretti als Stefan Lindman  und Maximilian Schell als der Molin-Mörder zu sehen. Aus dem gleichen Jahr stammt die schwedisch-deutsche Verfilmung „Danslärarens återkomst“, die in der ARD unter dem Titel „Die Rache des Tanzlehrers“ zu sehen war.

Henning Mankell wurde 1948 in Stockholm geboren. Er arbeitete als Theaterintendant und Regisseur an Häusern in Schweden und im afrikanischen Mosambik. Einer breiteren Leserschaft wurde er durch seine Kriminalromane um den Ermittler Kurt Wallander bekannt. Neben weiteren Kriminalromanen wie „Der Chinese“ oder „Kennedys Hirn“ veröffentlichte er eine Reihe an Arbeiten, die sich kritisch mit den Lebensbedingungen auf dem afrikanischen Kontinent, seiner zweiten Heimat, auseinandersetzen.
Wie im „Tanzlehrer“ bezog Mankell in seinen Romanen oft Stellung zu politischen und gesellschaftlichen Themen.
Im Oktober 2015 ist Henning Mankell an den Folgen seiner Krebserkrankung im Alter von 67 Jahren in Göteborg gestorben.