Hodja @ Glockenbachwerkstatt, München, 2019-09-19

Treffen sich ein ostdeutscher Trommler, ein New Yorker Underground-Rapper und ein Gitarrist aus der alternativen Kopenhagener Freistadt Christiana und gründen eine Band. Was sich wie eine schwer vorstellbare Kombi an Musikanten oder mindestens wie die Einleitung zu einem schrägen Witz anhört, ist beim international besetzten Trio Hodja tatsächlich genau so passiert. Und passiert weiter als manifestierter, überwältigender Live-Orkan Abend für Abend, irgendwo auf den Bühnenbrettern dieser Welt.
Die begnadete Crossover-Kapelle mit Standort Berlin gab am vergangenen Donnerstag-Abend im gut gefüllten Saal der Glockenbachwerkstatt ein München-Gastspiel und unterstrich damit nachdrücklich, dass sie derzeit zu den heißesten Eisen im ewigen Feuer des Rock and Roll gezählt werden muss. Drummer Matthias Arbo Klein aus Wismar und der New Yorker Subkultur-Veteran Claudius Abesodo Gamiel Winston King Pratt aus der Lower East Side Manhattans musizieren bereits seit gut einer Dekade beim Kopenhagener Gospel/Blues-Quartet Reverend Shine Snake Oil Co. zusammen, einige Jahre später schloss man sich als Dreierverbund im Nebenprojekt Hodja mit dem Dänen Tenboi Levinson zusammen. Bass braucht’s keinen für das dunkel-lärmende Gebräu, im schwer scheppernden Trommel-Anschlag des Siebziger-Heavy-Rock, im kreischenden, gründlich auf den Nerven bohrenden Lärm aus der Heavy-Trash-Garage, der zwischen Pussy Galore und fiktiv-guten ZZ Top (wären sie denn je gut gewesen) alles verhackstückt, was die Blues-Noise-Stromgitarre an krachenden und dröhnenden Möglichkeiten hergibt, gekrönt von Frontmann Claudius Pratt mit einer Bandbreite an gesanglichen Stilmitteln zwischen Proto-Rap, waidwundem Beefheart-Jaulen und röhrendem, inbrünstigem, tief-schwarz eingefärbtem Deep Soul – der mit Nachdruck verdeutlicht, wo der Rock’n’Roll ursprünglich herkommt: von der Straße, aus der Blues-Kaschemme, vom harten Leben auf den Baumwoll-Feldern und in der Fabrik. Vorgetragen mit der Energie und der Unruhe des Hardcore-Punk. Selbst die Handvoll eingestreuten Balladen kommen ohne Wohlklang und Sentiment daher, stets lauert hinter der zurückgenommenen Energie im Downtempo das Bedrohliche, Zornige, düster Drängende, die Pein, die nach Artikulation drängt, in den lauten und flotteren Nummern bricht sich das sowieso permanent Bahn.
Der Humor in diesem schwergewichtigen Frontalangriff kommt an dem Abend allenfalls in den Ansagen des New Yorker Vulkans daher, am vergangenen Donnerstag vor allem unfreiwillig, einen grandiosen Bock schoss Sänger Pratt dabei in der Kommunikation mit dem Publikum: Die Stadt hätte wohl keinen guten Ruf im Land, nicht so viele brauchbare Clubs und überhaupt zu viele Geldsäcke und tot-sanierte Viertel am Start, aber an einem coolen Ort wie der Glockenbachwerkstatt wäre die Banken-City Frankfurt dann doch ein sympathischer Ort – der gern genommene Versprecher des orientierungslosen Rockstars im laufenden Tourbetrieb, ist auch schon berühmteren Kollegen passiert – einen typischen „Spinal Tap“-Moment nannte er es, peinlich war’s ihm. Musste es nicht sein, der Rest des Abends war pures Gold, die frenetischen Publikums-Reaktionen und willigen Mitsing-Aktionen bezeugten es eindeutig.
Im Anschluss an das Konzert große Verkaufs-Show von Drummer Klein, der äußerst schnoddrig wie unterhaltsam die Textilien und Tonträger der Band feil bot, allein diese Nummer war für sich den Besuch der Veranstaltung wert.
Frontaleres, Publikums-zugewandteres, direkt zupackenderes Garagen-Rock- und Heavy-Soul-Entertainment wird man selten intensiver als bei einem Hodja-Konzert finden, darum die uneingeschränkte Konsumenten-Empfehlung: Bei Gelegenheit unbedingt hingehen! Vielleicht auch – mit etwas Glück – im nächsten Jahr beim weltbesten aller Raw-Underground-Open-Airs im Murnauer Voralpenland. Da dürfen sich die anderen Kapellen und Sanges-Barden dann selbst im Hochsommer warm anziehen, gesetzt den Fall…

2 Kommentare

  1. Hallo Gerhard.
    Anfang des Jahres waren sie ja bereits in Chemnitz und das war mein Beginn des Konzert Jahres 2019. Es war ein beeindruckender Start und du hast es wieder sehr gut beschrieben. Allein ihre Energie ist einfach toll! Auch das anschließende Gespräch mit Matthias Arbo Klein war ja schon den Weg wert. Tolle Fotos !
    Mal sehen wie es mit den dreien weitergeht …

    Gefällt 1 Person

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