Konzerttermine

Reingehört (346): EMA

EMA – Exile In The Outer Ring (2017, City Slang)

Seit ihrem wunderbaren 2011er Indie-Noise-Debüt-Wurf „Past Life Martyred Saints“ auf der Positiv-Liste: Erika Michelle Anderson aka EMA. Mit dem Opener „7 Years“ ihres zur Veröffentlichung anstehenden neuen Longplayers zeigt die junge Songwriterin aus South Dakota einer wie der New Yorker Glamour-Trulla Lana Del Rey, wo der Hammer hängt, indem eine hingehauchte Ergriffenheits-Ballade nicht zwangsläufig nach knietiefem Schmalz-Sumpf und vor Zuckerguss triefendem Kitsch klingen muss, um mächtig Atmosphäre zu erzeugen. Im weiteren Verlauf des Tonträgers gibt sich die Sängerin ihren rabenschwarzen, konfrontativen Reflexionen über den US-Alltag hin, die Düsternis des amerikanischen Highway ist Thema wie der menschenverachtende Rassismus der Aryan Nation und das Leben im Strafvollzug. EMA verarbeitet ihre persönlich gewonnenen Eindrücke und Erfahrungen durch das Leben im Suburb-Lower-Class-Viertel in Portland/Oregon, dort, wo der zornige weiße Trump-Wähler in der Grattler-Siedlung residiert – eine empathische Auseinandersetzung mit dem Groll und den prekären Lebensumständen der Abgehängten, tonal umgesetzt in radikalem Indie-/Folk-/Elektro-Drone-Noise, mit eindringlichen Spoken-Word-Passagen und allerlei verzerrten Gitarren, Rhythmus-Loops, Triphop-, Synthie- und Trance-Gedröhne garniert.
Kategorisieren mag sich die Songsammlung partout nicht lassen, und genau das macht sie neben den Inhalten der Songtexte spannend: Für ein reines Indie-/Folk-Album enthält es zu viele Spurenelemente an artifizieller Electronica und erkennbarer Neugierde am grenzüberschreitenden Ausprobieren, im Experimental-Bereich geht es indes auch nicht glatt durch, dafür sind die Songs noch zu weit im ansatzweise klassischen Songwriting verhaftet.
Ob sich das konzertant in eine eindeutigere Richtung bewegt, kann beispielsweise vor Ort im kommenden, bereits an die Tür klopfenden Herbst am 27. September beim EMA-Gig in der Kranhalle auf dem Münchner Feierwerk-Gelände inspiziert werden. „Exile In The Outer Ring“ gibt es bereits ab 25. August beim Schallfolien-Händler Ihres Vertrauens käuflich zu erwerben.
(**** ½ – *****)

Konzert-Vormerker: Jason Serious Band

Support Your Local No-Depression-Heroes: Die Combo um den in München angelandeten US-Songwriter Jason Serious präsentiert am kommenden Freitag, 18. August, ab 19.00 Uhr ihre wunderbar-beseelten Alternative-Country-, Americana-, Folk- und Bluegrass-Songs auf der Theatron-Bühne am Münchner Olympiagelände, dank wie in jedem Jahr umfänglichem Festival-Sponsoring für umme.

Raut-Oak Fest 2017 @ Riegsee, 2017-07-22

Leidlich ausgeschlafen aus dem Zelt gekrochen, irgendwie den Kreislauf in Schwung gebracht, im Gasthof Westner in Riegsee anständigst zu Mittag bekocht worden, und schon ging es am vergangenen Samstag in die nächste Runde in Sachen Raw Underground Musical Festival auf der Bühne unter der Eiche am Ortsrand, den zweiten Tag des Raut-Oak Fest 2017 eröffneten die drei Griechen von Screaming Dead Balloons mit tonnenschwerem Psychedelic-Garagenrock, der Noise-Kraut-Flow in seiner zeitlos-substanziellen Spielart dürfte beim ein oder anderen Festivalbesucher die Wirkungen der nachts zuvor konsumierten Substanzen in der nachmittäglichen Hitze reaktiviert haben hinsichtlich Abdriften in abgehobene Space-Out-Regionen, alle anderen genossen auch ohne stimulierendem Input einen hinsichtlich Handwerk und Songwriting beherzt präsentierten Einstieg in das Tagesprogramm.

Der Raut-Oak-Auftritt von Lonesome Shack ging als Solo-Auftritt von Band-Songwriter Ben Todd über die Bühne, was auf Tonträgern der Combo aus Seattle mit hohem Trash- und Garagen-Faktor, gelegentlich geradezu tanzbar aus den Lautsprechern kommt, gestaltete sich im reduzierten Vortrag ohne die angestammten Bandmitglieder als Verneigung vor den großen Ahnherren des Country- und Delta-Blues, eine feine Reminiszenz an die Wurzeln des Genres, rau, getragen und entspannt im Saitenanschlag, klagend und nachdenklich Geschichten-erzählend in der Sangeskunst, hätte in der Form auch vor gut hundert Jahren in einer Scheune oder auf dem Feld im Mississippi Delta stattfinden können (allerdings von keinem Weißbrot präsentiert), und wird vermutlich auch in hundert Jahren noch seine Daseinsberechtigung haben, an gewichtigen Themen für den Blues wird es auch fürderhin nicht mangeln.

Solistisch ging es weiter im Programm, mit Brother Grimm stand ein bekannter Name auf der Besetzungsliste des Festivals. Erst jüngst im Januar bespielte der Berliner ein Fish’n’Blues-Special in der Münchner Glockenbachwerkstatt mit seinen tonalen und mitunter auch sehr atonalen „Albträumen in Fuck-Moll“, beim Raut-Oak gab Dennis Grimm erneut eine Demonstration seiner Desert-Blues-Tonkunst, die die dunklen Seiten der Seele in gespenstischem Klang-Hall auslotet, vor intensiv-abstrakten Birthday-Party-Dissonanzen nicht Halt macht und auch ansonsten kein Experiment scheut. Loops, Drones, Feedbacks und beklemmende Ansagen mittels Megaphon, alles taugliche Mittel zur Dämonenaustreibung auf dem Weg zur Erlösung, Brother Grimm beherrscht wie nur wenige die Fortschreibung und Grenzüberschreitung des Blues mit zeitgemäßen Anleihen aus der avantgardistischen Tondichtung. Nicht nur in diesem Rahmen erneut eine bereichernde und Hörgewohnheiten erweiternde Erfahrung, zumal im gleißenden Sonnenlicht, wo diese Musik doch eigentlich nach Kaschemmen-artigen, dunklen Aufführungsorten und dünner Kerzenbeleuchtung verlangt.

„Garage Protopunk Blues from fucking cold Siberia“ – damit wäre zum Auftritt des russischen Trios The Jack Wood grundlegend alles gesagt, wäre da nicht diese elfenartige Sirene Sasha als Frontfrau, die als geborene Bühnenperformerin am frühen Abend in extrovertierter Manier das Publikum innerhalb kürzester Zeit in den Bann zog. Der schneidende, rohe Mix der Band aus Trash-Blues und No-Wave-Elementen in Referenz an die New Yorker Endsiebziger diente als Soundtrack für die energetischen Verrenkungen und Schrei-Attacken der jungen Frau, die sich augenscheinlich zu jeder Sekunde ihrer Wirkung auf die Konzertbesucher bewusst war. Das exaltierte Bühnengebaren und der exzeptionelle Gesangsstil brachte der Sängerin bereits Vergleiche mit großen Indie-Damen wie P.J. Harvey oder Diamanda Galas ein, The Jack Wood spielten unter anderem beim Glastonbury Festival und arbeiteten mit Punk-Legenden wie Richard Hell, Lenny Kaye und Thurston Moore zusammen.

Mit The Picturebooks aus Gütersloh stand eine klassische Duo-Besetzung auf den Brettern der kleinen Bühne, Fynn Claus Grabke an Gesang und Gitarre und Philipp Mirtschink an den Trommeln entwickelten eine unglaubliche Wucht mit ihrem Heavy-Rock-Blues, die Band bringt alles mit, um auch optisch die Vehemenz ihres trashigen Biker-Sounds zu unterstreichen, eine überbordende, wilde Bühnenaufführung, in der der rohe Gitarrenanschlag und das Grollen des Sängers von einem Berserker an den Beckentrommeln hinsichtlich entfesseltem Ausbruch noch getoppt werden – warum der eindrückliche Ansatz von der Band selbst immer wieder durch überdrehtes Anmoderieren im Bierzelt-Stil unterwandert wird, ist wohl dem Umstand geschuldet, das die dort in Ostwestfalen gerne mal so sind, immer eine Spur zuviel Gepose, immer gerne eine Spur zuviel verbale Umarmung, dabei hätte die Musik die Nummer überhaupt nicht nötig, spricht ja alles für sich im ruppig-intensiven Klangbild der Bilderbücher…

Für ein dickes Ausrufezeichen sorgten Low-Gitarrist/Sänger Alan Sparhawk und sein Blues-Projekt Black-Eyed Snakes aus Duluth/Minnesota, wo Low hinsichtlich Songmaterial gerne mal qualitativ zwischen ergreifendem Indie-Slowcore und gähnender Langeweile schwanken, spielt sich bei den Snakes die gefangen nehmende Eindringlichkeit permanent am oberen Level ab. Dem Umstand geschuldet, dass das britische Psychedelic-Blues-Duo The Approved erneut die Raut-Oak-Teilnahme kurz vor knapp absagte, durften sich die Black-Eyed Snakes in einem eineinhalbstündigen „Full Set“-Konzert entfalten, sehr zur Freude der Zuhörerschaft, mit zwei Gitarren und zwei Drum-Sets zelebrierte die Band ihre Verneigung vor jedweder Spielart des ungebändigten Blues-Rock, von John Lee Hooker bis zu den Cramps schwang einiges mit an Gruß an die Altvorderen, und doch präsentierte sich der druckvolle Riff-/Percussion-Ritt modern gewandet mit raffinierter unterschwelliger Trash-Würze in einer Aufführung, die auf das Eindrücklichste unterstrich, dass diese Musikgattung auch heutzutage noch lange nicht am Ende ihrer Möglichkeiten angelangt ist. Mindblowing 1 am Tag 2.

Fredrick „Joe“ Evans IV und Pete Dio von Left Lane Cruiser enterten zu vorgerückter Stunde zum Finale des 2. Tages die Bühne, mit dem Material des neuen Longplayers „Claw Machine Wizard“ im Gepäck fackelte das Duo nicht lange und zog das Tempo ihres Trailerpark-Trash-Blues sofort in den oberen Bereich, die messerscharfe Slide-Gitarre und der hart nach vorne treibende Beat waren wie erwartet der roh gezimmerte Rahmen für die Ausbrüche, Beschwörungen und Verwünschungen, die Wut und Verzweiflung der Verlorenen aus der amerikanischen Unterschicht, denen Joe Evans mit unvermittelter Härte, Wut und Witz seine einschneidende Stimme gibt. Das Duo erfuhr zwischenzeitlich Zuwachs durch die wunderbare Sarah Kirkpatrick von catl., die für ein paar Nummern enthusiastisch das Tambourin mitschwang, bald darauf wurden die Herrschaften der örtlichen Polizei vorstellig und brachen das Konzert wegen Lärmbelästigung ab, Joe Evans bemerkte nach dem Konzert sarkastisch, vermutlich hätten die Kühe am nächsten Morgen sonst schwarze Milch gegeben. Schade, auch Left Lane Cruiser wären an dem Abend geplant über die volle Distanz gegangen, über nicht zu Änderndes lohnt indes kein Jammern, der Blick richtet sich nach vorne, zum 27. Oktober, dann wird das Duo in der Münchner Garage Deluxe auftreten, Vorfreude pur. Trotz abruptem Ende: Mindblowing 2 am Tag 2.

Nicht nur der zweite Festival-Tag kam zum plötzlichen Stillstand, nach Mitternacht hat das Wetter Ernst gemacht, ein Orkan-artiger Sturm die Zeltbehausung geflutet und uns vor der Zeit vom Festival ins heimische München zurückgespült. Bühne und weitere Teile des Festival-Geländes wurden in Mitleidenschaft gezogen und schwer verwüstet, die Show ging am dritten Tag trotz widrigster Umstände dank vieler helfender Hände wie geplant weiter, gerne hätte man noch dem Auftritt der 4Shades um Clubzwei-Veranstalter Ivica Vukelic, Echokammer-Labelchef Albert Pöschl und Schlagzeuger Martin Rühle beigewohnt, bei den Bands Dirty Deep, Colour Haze, Mount Hush und P.O.P.E. wäre sicher auch noch das ein oder andere Hörenswerte zu entdecken gewesen.
So bleibt vor allem eins – Danke zu sagen: für zwei tolle Festivaltage, an alle Freunde, Begleiter und ein paar neue Bekannte für Spaß, anregende Konversation, the legendary Tiki-Bar und Ersatz für vergessene Schlafsäcke, für feste und flüssige Verpflegung beim Festival-Catering, danke an die freiwilligen Helfer, die großartigen MusikerInnen und Bands, Jay Linhardt from Warrensburg/Missouri für den grandiosen Soundmix, an die Redneck Connecktion für allzeit stimmiges DJing vor, zwischen und nach den Konzerten – und selbstredend last but not least ein großes – wie Fredrick „Joe“ Evans IV rauskrächzen würde – „DONKESHEIJN“ an the one and only Christian Steidl, der als Veranstalter und Organisator mit Sachverstand, Herzblut und offenem Ohr dieses wunderbare, familiäre Festival mit einem in diesem Jahr nicht mehr zu toppenden Line-Up auf die Beine stellte – ein Festival, bei dem Veranstalter, Musiker, Helfer und Gäste alle gleichermaßen für eine Sache brennen, und das in der Form hoffentlich noch lange eine jährliche Neuauflage erfährt.