Ippio Payo

Stems + Zwinkelman @ Maj Musical Monday #87, Glockenbachwerkstatt, München, 2018-04-16

In Abwandlung eines bekannten Sprichworts: Jeder postrockt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise. Die 87. Auflage der Do-It-Yourself-Reihe Maj Musical Monday für Indie-, Post-, Experimental-, Noise-Rock, Artverwandtes und Multimedia-Präsentationen lässt sich kaum treffender charakterisieren – in nahezu trauter Runde beschallten zum Wochenauftakt zwei Duo-Formationen mit völlig unterschiedlichen Ansätzen der instrumentalen Musik den Saal der Münchner Glockenbachwerkstatt.

Sie sind hier beileibe keine Unbekannten mehr, insofern: erwartet ruhig gingen es die beiden Münchner Musiker von Zwinkelman zum Auftakt an, der Maj-Musical-Monday-Mitveranstalter wie unter anderem unter seinem Alter Ego Ippio Payo auftretende Postrock-Musiker Josip Pavlov und Dominik Lutter, Kopf seines zumeist als One-Man-Band agierenden Experimental-Folk-Projekts Domhans, versenkten sich in nahezu meditativer Kontemplation in ihre auf zwei Akustik-Gitarren entworfenen Klanglandschaften, die Tiefenentspanntheit der introvertierten, geradezu klassisch anmutenden Tondichtungen des Duos übertrug sich sofort auf das mit gebührender Aufmerksamkeit lauschende Publikum, das frei fließende, melodische Gitarren-Anzupfen erinnerte einmal mehr an die unaufgeregte Könnerschaft und technische Versiertheit von klassischen Flamenco-Gitarristen, die spezifische Post-/Experimental-Lesart der Chicago-Schule wie auch die dezent avantgardistischen Ansätze der Vertreter der American Primitive Guitar. Die in einen Trance-Flow gleitende Polyrhythmik lieferte den filigranen Soundtrack für das in Seelenruhe gelassene Sinnieren an einem lauen Frühlings- oder Sommerabend. Einmal mehr waren hier zwei Ausnahme-Gitarristen ganz bei ihrer Kunst und im gegenseitigen Einvernehmen auf musikalischer Ebene beisammen, zwei Talente, die sich auf der Bühne augenscheinlich blind verstehen und sich gegenseitig in ihrem Verständnis von experimentellen Kompositionen für Akustik-Gitarre und Slowcore-Postrock ergänzen. Zwinkelman: in jüngster Zeit des Öfteren gehört, trotz strengem stilistischen Rahmen und eindeutig eng gefasstem Konzept immer wieder hochspannend, ein- und gefangen-nehmend und darum gerne immer wieder auf’s Neue genossen.

Interstellar Overdrive, mit anderen Mitteln: Auch der aus dem nordenglischen Huddersfield stammende Gitarrist John Dorr fand hier bereits implizit Erwähnung, als Kollaborateur mit seinem Postrock-Outfit Stems als Teil der französisch-britischen Instrumental-Formation The Chapel of Exquises Ardents Pears, die derzeit eine Auszeit nimmt und im letzten Jahr mit einem überwältigenden Auftritt beim belgischen dunk!Festival wie mit der exzellenten „TorqueMadra“-EP bleibenden Eindruck hinterließ.
Zum Maj Musical Monday formierten sich Stems als Duo mit Dorr selbst und dem begleitenden Drummer Dirk Leber, die erwarteten Streicher, allen voran die Cellistin Christine Avis, die das Spannungsfeld der Tonträger der Band zwischen Neoklassik und experimenteller Gitarrenmusik charakteristisch maßgeblich mitprägen, glänzten an diesem Abend durch Abwesenheit, und so mussten am Montagabend die von Arvo Pärt, Godspeed You! Black Emperor und indischer Klassik beeinflussten Komponenten im Stems-Vortrag unzitiert bleiben. John Dorr erging sich statt dessen in einer dezent von relaxt angejazzten Drums unterstützten, von Loops und Samples und vor allem von einer entsprechenden Videoinstallation begleiteten Crossover-Spielart aus vehementem, hallendem, von lärmigen Drones befeuertem Space-/Psychedelic-/Progressive-Rock und einer Demonstration der Möglichkeiten des E-Gitarren-Postrock, die in den Extremen von fein ziseliertem Filigran-Anschlag bis monolithischer Sound-Wand und allen möglichen Ausprägungen dazwischen an- und abschwellte und selbst bei Art-Rock-verwandten Eno-Reminiszenzen, circa „Another Green World“/„Before And After Science“-Phase, keine Berührungsängste zeigte, die optischen Eindrücke von Raumsonden, Kratern und Seen von der Dark Side Of The Moon, explodierenden Sonnenstürmen und intergalaktischen Ansichten von Milchstraßen und den Tiefen des Alls taten ihr Übriges zur Eindringlichkeit des optisch-tonalen Gesamt-Kunstwerks. Nach den kosmischen vierzig Minuten ließ sich Dorr zu einer solistischen Dreingabe überreden, in der er Loops und hypnotischen Gitarren-Flow zu einer von nordafrikanischem Tuareg-/Desert-Blues und arabischen Rhythmus-Elementen infizierten Klangskulptur formte, ein Kultur-übergreifender Sound-Ansatz, der perspektivisch nach weiterer Vertiefung im Gitarren-dominierten Postrock verlangt. Unkonventioneller Abschluss einer erneut rundum überzeugenden MMM-Experimental-Nacht, die hinsichtlich Publikums-Zuspruch bei der von beiden Duetten gezeigten musikalischen Exzellenz nicht weniger als einen gesteckt vollen GBW-Stadtteiltreff-Saal verdient hätte.

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Trrmà + Mimi Kawouin + NAQ @ Köşk, München, 2018-04-05

International besetztes Experimental-Dreierpack am vergangenen Donnerstag im Münchner Köşk. Den rein instrumentalen Abend der avantgardistischen Klänge eröffneten Giovanni Todisco und Giuseppe Candiano aus dem italienischen Bari mit ihrem Projekt Trrmà, in ihrem Vortrag ließen sie die Welten der analog erzeugten und digitalen Klänge miteinander verschmelzen, die abstrakten Interferenzen, das weiße Rauschen und das Nerven-anbohrende Noise-Pfeifen, das der Elektroniker Candiano seiner Synthie-Kiste durch Knöpfe-Drehen und Umstecken einzelner Modul-Verbindungen in den Raum schickte, wurde von der perkussiven Begleitung Todiscos strukturiert und für die Hörerschaft in gut konsumierbare Form gebracht. Der Trommler demonstrierte seine Kunst in einem weit gefassten Spektrum, klassisches Paukenschlagen, martialisches Antreiben und afrikanische Stammes-Polyrhythmik in vehementer Wucht wechselten mit filigranen Triangel-Klängen und monotoner Krautrock-Hypnose zur Begleitung der artifiziellen Freiform-Electronica.
(**** – **** ½)

Wo beim Trrmà-Klanggebilde der beiden Süditaliener dank weitgehend vertrauter Taktgebung das Mitnicken und Eingrooven zum monoton-kargen, latent verstörenden Endzeit-Rauschen noch halbwegs ohne große Anstrengung gelingen mochte, verlangte der zweite Vortrag des Abends vom Auditorium weitaus mehr Zuwendung und aufmerksames Auseinandersetzen mit einem dargebotenen Noise-Soundtrack, den der Franzose Mimi Kawouin – beim Münchner Auftritt ohne seine seltsam-lustige Kostümierung – auf die für das Experimentelle aufgeschlossenen Konzertbesucher abfeuerte.
Aus einem Arsenal an digitalen Gerätschaften und verkabelten Maschinen, optisch begleitet von nervösem Neonröhren-Flackern, entlockte der Solokünstler eine lärmende Drone-Kakophonie, die in ihrer ganzen atonalen Pracht mit einem harten und aggressiven Ansatz den inneren Ästheten antestete, gefälliges Zappeln und Zucken war immerhin dann geboten, wenn sich aus dem abstrahierten Grundrauschen über Rückkopplungen und Loops ein monotoner, gefangen nehmender Industrial-/EBM-Beat herauskristallisierte, der sich in Wiederholungen in einem Verglühen in Intervallen im chaotischen Klangkosmos-Nirvana verabschiedete, um in mutierter Form im steten Lärm-Flow verschiedene Reinkarnationen zu durchlaufen. Sicher keine konzertante Grenzerfahrung für Jedermann/frau, aber die waren zu der Gelegenheit in den Zwischennutzungs-Räumlichkeiten im Münchner Westend auch nicht zugegen.
(****)

Den Abend beschlossen nach den intensiven Aufführungen der europäischen Nachbarn die beiden ortsansässigen Münchner Künstler von NAQ/Nobody Answers Questions mit weitaus vertrauteren und in dem Kontext gleichsam konventionelleren musikalischen Strukturen und audiovisuellen Stilmitteln. Das Duo NAQ formiert sich aus dem MajMusicalMonday-Veranstalter und in zahlreichen Münchner Postrock- und Indie-Bands engagierten Multiinstumentalisten Josip Pavlov (Ippio Payo, The Grexits, Majmoon, Zwinkelman, Das Weiße Pferd) und dem Lichtkünstler Michael „Gene“ Aichner aka Genelabo.
Optisch begleitet von einer sehenswerten Videoinstallation/Visual-Show loopte Pavlov den Bass, ein wuchtig-dumpfes Trommeln und filigranes Spiel auf dem Xylophon und begeisterte einmal mehr mit seiner von repetitiven Gitarren-Riffs und einer ureigenen, individuellen Klangsprache geprägten Postrock-Spielart, die sich bei NAQ deutlich dunkler, melancholisch entrückter, in düstereren Farben gezeichnet und meditativer gebärdet als der Ansatz, den der begnadete Klangkünstler solistisch oder im Zusammenspiel mit dem hiesigen Drummer Tom Wu unter dem Namen Ippio Payo firmierend pflegt. Gleichwohl findet sich auch bei Nobody Answers Questions alles, was die exzellenten Auftritte des Musikers und Komponisten in jedweder Konstellation stets auszeichnen: ein Öffnen und stimmiges, fundiertes Erweitern des gängigen Instrumental-Postrocks in vielerlei Richtungen, ein Einbinden von Krautrock- und Progressive-Ansätzen, Art-Rock- und Avantgarde-Pop-Zitaten, Ambient-verwandtes Hineinversenken in Trance-haften, hypnotischen Klang-Fluss und intensives Lärmen wie Anlehnungen an klagenden, mäandernden Balkan-Folk. Einmal mehr ein einnehmend-faszinierender, höchst gelungener Auftritt, mit dem sich Pavlov und Co vor keinem prominenten Namen der instrumentalen Indie- und Experimental-Musik verstecken muss.
Josip Pavlov spielt am kommenden Donnerstag, 12. April, ein Solo-Konzert unter seinem Alter Ego Ippio Payo im Münchner Kafe Kult, in dem Rahmen wird auch das italienische Noise-/Experimental-/Postpunk-Duo So Beast aus Bologna auftreten.
Beim Maj Musical Monday #87 am 16. April in der Münchner Glockenbachwerkstatt ist Pavlov und sein Duett-Partner Dominik Lutter mit dem gemeinsamen Akustik-Postrock-Duo Zwinkelman zu sehen und hören, den zweiten Teil der Veranstaltung wird der englische Gitarrist John Dorr mit seinem Postrock-/Neoklassik-Projekt Stems bespielen, das im vergangenen Jahr auch als Teil der wunderbaren französisch-britischen Kollaboration The Chapel Of Exquises Ardents Pears mitwirkte, man darf gespannt sein.
(*****)

Ippio Payo + Chicos de Nazca @ Import/Export, München, 2018-03-01

Die Münchner Konzertveranstalter vom Tapefruit-Fanzine schnürten am vergangenen Donnerstagabend ein feines Paket an anregender Beschallung für das Eingrooven in den Wochenausklang, die leider nur wenigen Unverzagten, die das Verlassen der heimischen, geheizten Butze hinaus in den Permafrost der Isarmetropole in Richtung subkulturelle Import/Export-Kantine wagten, sollten ihr Kommen nicht bereuen.

Den Auftakt des Abends bespielte der in zahlreichen Münchner Bands wie den Grexits, Majmoon oder Zwinkelman engagierte Musiker und Maj-Musical-Monday-Organisator Josip Pavlov mit seinem Postrock-Outfit Ippio Payo, an dem Abend wie bereits auf seinem exzellenten 2017er-Tonträger „All Depends On Nature“ vom ortsansässigen Meister der Trommelstöcke Tom Wu begleitet. In gut 40 Minuten entwarfen Pavlov und Wu einen betörenden, rauschhaften Instrumental-Klangkosmos aus vehementen Gitarren-Drones und -Loops, einer gewichtigen Progressive-Rock-Psychedelic, die an dem Abend dann und wann mit unerwarteter Härte und Direktheit präsentiert wurde, und hypnotischem Postrock-Flow, die repetitiven Gitarrenwände und experimentellen Klangskulpturen erfuhren selbstredend durch das virtuose Trommeln des kongenialen Kompagnons zusätzlich Finesse, Drive und Volumen.
Zwischen das direkte Zupacken der harten, lärmenden, jedoch stets melodisch ansprechenden Prog-Rock-Dramatik integrierten Ippio Payo geschickt dezente Anklänge an kontemplativen Trance-Space wie auch unterschwellige, in dem Kontext schwer auszumachende Zitate aus der Balkan-Folklore, für die Zuhörerschaft eine Milderung und Erdung des entfesselten Sound-Orkans, wie auch durch das grandios in sanften Wellen und minimalistischen Strukturen schaukelnde „Fisherman“ vom aktuellen Album.
Josip Pavlov, ein Musiker ganz bei sich und seiner Kunst, beschloss solistisch – wie im vergangenen Jahr auch bei seinem Auftritt in der Bergschmiede – mit der anrührenden, schwer ergreifenden, getragenen Loop-Komposition „Another Green World“, die tatsächlich die Eno-typische, schwer greifbare Electronica-/Ambient-Pop-Klangsprache perfekt zu zitieren wusste und damit ohne jeden Zweifel jederzeit neben Klassikern wie „St. Elmo’s Fire“, „In Dark Trees“ oder „Sky Saw“ vom 1975er-Meilenstein des englischen Sound-Pioniers bestehen würden. Ein würdiger Abschluss einer beglückenden, kompakten Tonal-Vollbedienung, die dringendst nach Tonträger-Einspielung und Veröffentlichung verlangt.
(***** – ***** ½)

Gibt’s ja ab und an, diese Konzerte, zu denen man zuvorderst wegen des Support Acts antanzt, umso genehmer, wenn die angekündigte Hauptattraktion des Abends dann auch noch was auf der Pfanne hat. Die fünf in Berlin ansässigen Chilenen von Chicos de Nazca zelebrierten eine gepflegte Spielart ihrer ureigenen Prärie-Psychedelic, die den ein oder anderen Altrocker gefällig mitwippen, das Haupt in der stoischen Rhythmik dezent zucken und vor allem die blonden Schönheiten aus dem hinteren Theken-Bereich des Import/Export endlich in ihrem den konzertanten Vortrag störenden Geschnatter verstummen und in den zugewandten Tanzmodus übergleiten ließ.
Francisco „Kb“ Cabala und seine Mannen aus Santiago de Chile zeigten in ihrem einnehmenden Vortrag ohne große Präliminarien vom Start weg, wo die Space-Out-Reise für den Rest des fortgeschrittenen Abends hingehen sollte. Wo die Südamerikaner auf ihren gefälligen Tonträgern die Länge der Songs im konventionellen Bereich halten und auch Elemente aus Rave, Sixties-Geschrammel und Fuzz-/Jangle-Pop zu ihrem Recht kommen lassen, gestaltet sich der Live-Vortrag des Quartetts weitaus zupackender, die Songs um ein x-faches in die Länge gestreckt, weniger verspielt, schwerst Neo-Psychedelia-/Shoegazer-verhallt und schlichtweg ergreifend härter im Rock’n’Roll-Anschlag inklusive aufjaulender Gitarre, Wah-Wah-Verzerrungen, Casio-Georgel, in die Länge gedehnter Sound-Orgien und einer spukhaften, gespenstischen Desert-Atmosphäre. Ob dieses ausladende, ellenlange Ergehen in prächtiger Gitarrensoli-Herrlichkeit und minutenlange, immer gleiche, hypnotische Rhythmus-Halten vom ausgiebigem, von Substanzen-Konsum begleitetem Starren auf den chilenischen Salar de Atacama inklusive psychedelischem Farbenspiel bei Sonnenuntergang herrührt, von ein paar Bieren im Sommer am Berliner Wannsee oder einfach nur von einer Überdosis Hendrix, Eleventh Dream Day oder Roky Erickson, wir wissen es nicht, das Resultat hat sich in jedem Fall sehen respektive hören lassen, schade nur, dass so wenig Mitreisende diesen heftigen Sound-Trip begleiteten.
(**** 1/2 – *****)

Die nächsten Tapefruit-Konzerte in München:

24.03.2018The Underground Youth + Blue Haze – Import/Export
01.04.2018Bleib Modern + Paar – Milla
02.04.2018Soviet Soviet + Kill Your Boyfriend – Milla
05.05.2018G.Rag/Zelig Implosion Deluxxe + Tom Wu – Import/Export
02.06.2018Knobs & Wires – Import/Export