Experimental-Rock

Trrmà + Mimi Kawouin + NAQ @ Köşk, München, 2018-04-05

International besetztes Experimental-Dreierpack am vergangenen Donnerstag im Münchner Köşk. Den rein instrumentalen Abend der avantgardistischen Klänge eröffneten Giovanni Todisco und Giuseppe Candiano aus dem italienischen Bari mit ihrem Projekt Trrmà, in ihrem Vortrag ließen sie die Welten der analog erzeugten und digitalen Klänge miteinander verschmelzen, die abstrakten Interferenzen, das weiße Rauschen und das Nerven-anbohrende Noise-Pfeifen, das der Elektroniker Candiano seiner Synthie-Kiste durch Knöpfe-Drehen und Umstecken einzelner Modul-Verbindungen in den Raum schickte, wurde von der perkussiven Begleitung Todiscos strukturiert und für die Hörerschaft in gut konsumierbare Form gebracht. Der Trommler demonstrierte seine Kunst in einem weit gefassten Spektrum, klassisches Paukenschlagen, martialisches Antreiben und afrikanische Stammes-Polyrhythmik in vehementer Wucht wechselten mit filigranen Triangel-Klängen und monotoner Krautrock-Hypnose zur Begleitung der artifiziellen Freiform-Electronica.
(**** – **** ½)

Wo beim Trrmà-Klanggebilde der beiden Süditaliener dank weitgehend vertrauter Taktgebung das Mitnicken und Eingrooven zum monoton-kargen, latent verstörenden Endzeit-Rauschen noch halbwegs ohne große Anstrengung gelingen mochte, verlangte der zweite Vortrag des Abends vom Auditorium weitaus mehr Zuwendung und aufmerksames Auseinandersetzen mit einem dargebotenen Noise-Soundtrack, den der Franzose Mimi Kawouin – beim Münchner Auftritt ohne seine seltsam-lustige Kostümierung – auf die für das Experimentelle aufgeschlossenen Konzertbesucher abfeuerte.
Aus einem Arsenal an digitalen Gerätschaften und verkabelten Maschinen, optisch begleitet von nervösem Neonröhren-Flackern, entlockte der Solokünstler eine lärmende Drone-Kakophonie, die in ihrer ganzen atonalen Pracht mit einem harten und aggressiven Ansatz den inneren Ästheten antestete, gefälliges Zappeln und Zucken war immerhin dann geboten, wenn sich aus dem abstrahierten Grundrauschen über Rückkopplungen und Loops ein monotoner, gefangen nehmender Industrial-/EBM-Beat herauskristallisierte, der sich in Wiederholungen in einem Verglühen in Intervallen im chaotischen Klangkosmos-Nirvana verabschiedete, um in mutierter Form im steten Lärm-Flow verschiedene Reinkarnationen zu durchlaufen. Sicher keine konzertante Grenzerfahrung für Jedermann/frau, aber die waren zu der Gelegenheit in den Zwischennutzungs-Räumlichkeiten im Münchner Westend auch nicht zugegen.
(****)

Den Abend beschlossen nach den intensiven Aufführungen der europäischen Nachbarn die beiden ortsansässigen Münchner Künstler von NAQ/Nobody Answers Questions mit weitaus vertrauteren und in dem Kontext gleichsam konventionelleren musikalischen Strukturen und audiovisuellen Stilmitteln. Das Duo NAQ formiert sich aus dem MajMusicalMonday-Veranstalter und in zahlreichen Münchner Postrock- und Indie-Bands engagierten Multiinstumentalisten Josip Pavlov (Ippio Payo, The Grexits, Majmoon, Zwinkelman, Das Weiße Pferd) und dem Lichtkünstler Michael „Gene“ Aichner aka Genelabo.
Optisch begleitet von einer sehenswerten Videoinstallation/Visual-Show loopte Pavlov den Bass, ein wuchtig-dumpfes Trommeln und filigranes Spiel auf dem Xylophon und begeisterte einmal mehr mit seiner von repetitiven Gitarren-Riffs und einer ureigenen, individuellen Klangsprache geprägten Postrock-Spielart, die sich bei NAQ deutlich dunkler, melancholisch entrückter, in düstereren Farben gezeichnet und meditativer gebärdet als der Ansatz, den der begnadete Klangkünstler solistisch oder im Zusammenspiel mit dem hiesigen Drummer Tom Wu unter dem Namen Ippio Payo firmierend pflegt. Gleichwohl findet sich auch bei Nobody Answers Questions alles, was die exzellenten Auftritte des Musikers und Komponisten in jedweder Konstellation stets auszeichnen: ein Öffnen und stimmiges, fundiertes Erweitern des gängigen Instrumental-Postrocks in vielerlei Richtungen, ein Einbinden von Krautrock- und Progressive-Ansätzen, Art-Rock- und Avantgarde-Pop-Zitaten, Ambient-verwandtes Hineinversenken in Trance-haften, hypnotischen Klang-Fluss und intensives Lärmen wie Anlehnungen an klagenden, mäandernden Balkan-Folk. Einmal mehr ein einnehmend-faszinierender, höchst gelungener Auftritt, mit dem sich Pavlov und Co vor keinem prominenten Namen der instrumentalen Indie- und Experimental-Musik verstecken muss.
Josip Pavlov spielt am kommenden Donnerstag, 12. April, ein Solo-Konzert unter seinem Alter Ego Ippio Payo im Münchner Kafe Kult, in dem Rahmen wird auch das italienische Noise-/Experimental-/Postpunk-Duo So Beast aus Bologna auftreten.
Beim Maj Musical Monday #87 am 16. April in der Münchner Glockenbachwerkstatt ist Pavlov und sein Duett-Partner Dominik Lutter mit dem gemeinsamen Akustik-Postrock-Duo Zwinkelman zu sehen und hören, den zweiten Teil der Veranstaltung wird der englische Gitarrist John Dorr mit seinem Postrock-/Neoklassik-Projekt Stems bespielen, das im vergangenen Jahr auch als Teil der wunderbaren französisch-britischen Kollaboration The Chapel Of Exquises Ardents Pears mitwirkte, man darf gespannt sein.
(*****)

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The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die + Kamikaze Girls @ Kranhalle, München, 2018-03-26

„Kamikaze Girls want you to know that it’s okay to be sad“ geben uns Lucinda Livingstone und Conor Dawson mit auf den Weg, dabei war am vergangenen Montag in der Kranhalle des Münchner Feierwerks nicht im mindesten Anlass zur Trauer geboten ob des Auftritts des gemischten Doppels aus Leeds UK. Auch wenn die Kamikaze Girls vor gut zwei Jahren eine Sad-/Slowcore-/LoFi-Version des Bowie-Klassikers „Heroes“ einspielten und diese Fassung schon mal das Taschentuch zwecks melancholischer Seelenpein zücken lässt, standen die Zeichen zur Eröffnung des launigen Indie-Abends zum Start in die Karwoche eindeutig auf Sturm. Die Sängerin/Gitarristin mit dem Michael-Jackson-Tourshirt und der Drummer mit dem naturroten Rauschebart griffen sich das Publikum vom Fleck weg mit beherztem Anschlag, und so zierte sich das Konzertvolk kaum, der Aufforderung Lucinda Livingstons Folge zu leisten, die hinteren Ecken der spärlich gefüllten Halle zu verlassen und den Platz vor der Bühne zu füllen, machte ja auch Sinn, von der Nähe betrachtet verfing der ungebremste Mix aus Enthusiasmus und ernsthafter Darbietung der jungen Leute aus Northern England noch weitaus mehr. Unverstellter Riot-Grrrl-Drive mit viel Wut im Bauch, die beizeiten auch unvermittelt herausgeplärrt artikuliert wurde, gehaltvoller, abgeklärter Postpunk mittels Sirenen-artiger Fuzz-Gitarren, melodischer Riffs, einer entfesselten Rhythmik und Klagen über den Zustand der Welt, inhaltlich untermauert durch die Auseinandersetzung mit Themen wie Depression oder Abhängigkeit und Statements für Toleranz, offene Grenzen und gegen sexuelle Übergriffe im Pub um die Ecke oder sonstwo, das Duo scheint hinsichtlich Haltung und musikalischer Umsetzung zu wissen, wo und wofür es steht. Damit nicht genug, Freund_Innen des gepflegten Postrock kamen mit dem gedehnten Ausklang durch entsprechendes Pedale-Bedienen und Effektgeräte-Schrauben zur Errichtung einer dezent von Feedbacks verzerrten Gitarrenwand als vehementem Schlusspunkt auch noch auf ihre Kosten.
So gab es dann zum Ende hin doch noch eine kleine Träne zu zerdrücken, und es war mehr als ok, traurig zu sein, da keine Zugaben geplant waren im knapp fünfzig-minütigen Opener-Programm, ein Seufzer des Bedauerns, da der schmissige Punk der beiden jungen Musikanten aus West Yorkshire gut und gerne noch eine Weile in der Güte und Intensität so weiterscheppern hätte dürfen. So blieb nur das Wort des großen deutschen Fußball-Philosophen Lothar M. im Geiste von „Wäre, wäre, Fahrradkette“ als schwacher Trost, der Gang zum Tresen zur Überbrückung des Wartens auf den Hauptact des Abends und das Hoffen auf eine Headliner-Tour der Kamikaze Girls in naher Zukunft.
(*****)

Allein mit der Niederschrift des ellenlangen Bandnamens The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die dürfte sich so mancher Zeilenschinder aus den Lohnsklaven-Abteilungen der Konzert- oder Platten-besprechenden Printmedien klammheimlich über quasi geschenkte Gage ohne großen Zusatzaufwand freuen, dabei schwebte über dem Konzert der amerikanischen Ostküsten-Formation aus Willimantic/Connecticut eindeutig über weite Strecken das Motto „Weniger wäre mehr“, mitunter war die Combo da in Linie, ob rein optisch beim jeweils gekürzten Haupthaar von Keyboarderin Katie Dvorak und Sänger David Bello oder dem reduzierten Lineup im Vergleich zum München-Konzert vor gut zwei Jahren, als TWIABPAIANLATD insgesamt zu acht mit sage und schreibe vier Gitarristen antanzten und damit eine orchestrale Eindringlichkeit an erhabenen Emocore-/Postrock-Momenten zu entfalten wussten – eine emotional ergreifende Intensität, die man am vergangenen Montag zuweilen etwas misste.
Es mag am unausgegorenen, größtenteils weit unter den Möglichkeiten der Band bleibenden Songmaterial des aktuellen, hier kaum auf ungeteilte Gegenliebe stoßenden Longplayers „Always Foreign“ liegen, das zu Teilen zum Vortrag kam und Gottlob im konzertanten Gewand nicht in Gänze an die Arcade-Fire-artige Belanglosigkeit der dokumentierten Tonkonserven heranreichte, es mochte aber auch einfach an einem Alles-sofort-auf-einmal-wollen der personell oft variierenden Formation liegen, dass die Qualität und Erhabenheit ihres letzten Auftritts an gleicher Örtlichkeit nur sporadisch erreicht wurde. Am Einsatz der Musiker_In mangelte es gewiss nicht, das Sextett engagierte sich wie vor zwei Jahren zelebriert mit Herzblut für die eigenen Klangentwürfe, und doch hatten ein exzellent aufgelegter Steven Battery an den Drums mit Unterstützung von Urmitglied Josh Cyr am fünfsaitigen Bass sprichwörtlich alle Hände voll zu tun, um den in viele Richtungen wegexplodierenden Laden halbwegs zusammenzuhalten. In einem erratischen, atemberaubenden Ritt bewegte sich die Band durch die Spielarten ihres wunderschönen, hymnischen Indie-Emocore, den opulenten Postrock und die experimentellen Gitarren-Noise-Drone-Intermezzi, die auf einer imaginären Überholspur den 70er-Prog-Rock hinsichtlich Tempi-Wechsel, Melodie-Breaks und unvermittelter stilistischer Launen weit hinter sich ließen und so für die Hörerschaft das ein oder andere Rätsel in den Raum stellten und manche Antwort schuldig blieben – die größte Ungewissheit nach diesem vehementen wie das Publikum beizeiten über Gebühr fordernden Auftritt dürfte die spannende Frage aufwerfen, wo die Reise dieser außergewöhnlichen, mit vielen Talenten gesegneten Vertreter des atmosphärischen Emocore künftig hinführt. Das KF bleibt dran an TWIABPAIANLATD und berichtet beizeiten, versprochen.
(**** – **** ½)

Reingehört (437): Mouth

Mouth – Floating (2018, Tonzonen Records / H’Art)

Alles im Fluss und vor allem in der Spur: Krautrock aus Köln, vom Trio Mouth, das mit „Floating“ in einigen Tagen ihr drittes Studio-Album an den Start bringen wird. Die Band ist seit der Jahrtausendwende in der kosmischen Umlaufbahn unterwegs und besticht mit einer fein ausgewogenen und vor allem mit Können vorgetragenen Mixtur aus der in den End-Sechzigern/Früh-Siebzigern entstandenen ureigenen deutschen Lesart der psychedelischen Rockmusik und Reminiszenzen an den Prog-Rock britischer Prägung aus der selben Ära, dann und wann garniert mit Fusion-artigem, angejazztem Easy-Listening-Gelichter und dem entrückten Geist der Space-Rock-Seligkeit.
Wabernde Keyboards, gedehnte, repetitive Gitarren-Riffs zur Förderung der kontemplativen Versenkung im Sound-Flow und der Einsatz entsprechender Wah-Wah-Verzerrer zum Saiten-Anschlag zwecks Dekaden-typischer Effekt-Aufbrezelung dominieren das Klangbild des rheinischen Trios Koller/Kirsch/Mavridis, das sich in der Form wunderbar in die derzeit wieder aufkeimende oder irgendwie auch Dauer-präsente Neo-Psychedelia-Strömung einreiht und dem Genre mit ihrem eigenen Ansatz ganz gewiss keine Schande bereitet.
In „Madbeth“ verpassen Mouth dem durchgeknallten Schotten-Tyrannen aus dem berühmten Shakespeare-Königsdrama den treffenden Spottnamen, und welcher anderen Kölner 70er-Kraut/Experimental/Psychedelic-Institution neben den fundierten, ausladenden Trance-via-Progressive-Rock-Jams „Sunrise“ und „Sunset“ speziell im neun-minütigen, zentralen Gusto-Instrumental-Stück „Homagotago“ die gebührende und gleichsam über die Maßen gelungene Ehrerbietung erwiesen wird, dürfte auf der Hand liegen.
Der exaltierte, sporadisch angestimmte Gesang passt over the top in die selbst gewählte musikalische Siebziger-Jahre-Verortung der Band und erweitert das Gesamtpaket in ergänzende Sound-Dimensionen wie Hard- und Glam-Rock, auch wenn es für das mitunter ins Axl-Rose-hafte kippende Gekreische ein paar Abzüge in der B-Note gibt, aber das tut der Stimmung und dem positiven Gesamteindruck des Tonträgers in keinster Weise Abbruch. „Picking up the spirit of the old days“, wie es im Presse-Beiblatt so schön heißt – hat geklappt mit dem aufpicken, durchaus.
„Floating“ erscheint am 23. März via H’art-Vertrieb beim Krefelder Kraut-/Indie-/Spacerock-Label Tonzonen Records in limitiertem Farb-Vinyl, als Digipack-CD und im Bandcamp-Download.
(**** ½ – *****)