Psychedelic Rock

Reingehört (391): Hills

Hills – Alive At Roadburn (2017, Rocket Recordings)

„The Hills Have Eyes“ lautet der Titel eines Wes-Craven-Horrorklassikers aus dem Jahr 1977 – hier in dem Fall: Weniger Augen, vielmehr Gitarren, Orgeln und der ausgeprägte Hang einiger schwer in den Siebzigern hängengebliebener Skandinavier zum gedehnten konzertanten Erguss. Und vor allem alles andere als Horror. Vier Lange vom Psychedelic-Kollektiv Hills aus Göteborg, viermal annähernd im Viertelstunden-Bereich unterwegs in Sachen schwerst hypnotischer Space-/Kraut-/Psych-Rock-Flow, treibend-gleichmütiger Rhythmik, repetitives Mäandern in Richtung glückseliges Klang-Nirvana und mitunter tonales Verweben von schwedischem Mittsommer-Rausch mit komplexen indischen Raga-Drones im spielfreudigen wie beseelten Improvisations-Modus.
Losgetreten von eingangs gängigen wie heranführenden Indierock-Mustern entwickeln die ausgedehnten Sound-Trips neben dem Ausbau der jeweiligen Song-Motive schnell ein Eigenleben in Richtung Hinausdriften in den Klang-sphärischen Weltenraum, wo in den unendlichen Weiten der lärmende Noise-Rock, einschmeichelnde Melodik und losgelöste Trance-Entspanntheit eine gedeihliche Symbiose eingehen.
Live eingespielt im April 2016 beim Roadburn Festival im holländischen Tilburg (Wär mal eine Reise wert, das 2018er-Line-Up mit Exzellenzen wie Godspeed You! Black Emperor, Wrekmeister Harmonies, Damo Suzuki, Kikagaku Moyo 幾何学模様, Ex Eye und vielen anderen lässt die Zunge schnalzen bei Freunden der experimentellen Rockmusik).
(*****)

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Reingehört (388): Gunn-Truscinski Duo

If I were forced to put what John and Steve play into a genre I would simply call it „music“. There’s a quality of timelessness to it without being nostalgic that is impossible to manufacture.
(Kim Gordon)

Gunn-Truscinski Duo – Bay Head (2017, Three Lobed Recordings)

Gibt eine Handvoll Musiker, denen kann man blind vertrauen. Der amerikanische Indie-Gitarrist Steve Gunn ist in jedem Fall so einer – ob mit modernem, unaufgeregtem Alternative-/Cosmic-American-Rock auf seinen Soloalben, im strengeren Country-/Bluegrass-Rahmen mit den Black Twig Pickers oder im Improvisations-artigen, freien Instrumentalflow wie auf der jüngsten Kollaboration mit dem Drummer und langjährigen Weggefährten John Truscinski, der in Brooklyn ansässige Ausnahmemusiker liefert permanent ohne Abstriche Qualität und Erbauliches.
Das Gunn-Truscinski Duo ist erstmals 2010 mit vier exzellenten Kompositionen auf der in Kleinstauflage limitierten „Sand City“-LP in Erscheinung getreten, seitdem sporadisch auf ein paar weiteren Tonträgern und zu konzertanten Zusammenkünften. Das Duo versteht sich blind im Entwickeln der einnehmenden Klangkonstrukte, oft kristallisiert sich in den einzelnen Werken aus eingangs abstraktem Ambient-Drone eine klare Struktur heraus durch Führung der Gitarre, die sich auf dem aktuellen Album in berauschender Psychedelic, ausladendem Cosmic-American-Höhenflug, filigranem Akustik-Gitarren-Gezupfe und arabisch-orientalischer Trance-Mystik ergeht, weitaus komplexer und vielfältiger, als man das gemeinhin von Duo-Aufnahmen erwarten darf. Sich wiederholende Melodien-Muster und die sich steigernde Intensität des Vortrags wie die stoisch-robuste Rhythmik erinnern an Genre-typische Elemente des Postrock, auch der hypnotische Charakter einiger Instrumental-Übungen des Albums passen dahingehend gut ins Bild, man täte dem Tonträger aber unrecht, ihn stilistisch auf eine einzige Spielart zu fixieren, eine reichhaltige Bandbreite an losgelöstem Blues, Gitarren-Jazz, Experiment, östlichen Anklängen und bewährten Rock-Riffs greift beim Zusammenspiel des Gunn-Truscinski Duo ineinander. Ray Manzarek von den Doors hatte in den Sechzigern Momente in seinem Orgelspiel, in dem er sich völlig in seiner Musik verlor, Steve Gunn tut es ihm dahingehend an der Gitarre auf „Bay Head“ wiederholte Male nach und präsentiert so die reine Schönheit seiner tonalen Kunst.
(*****)

Gunn-Truscinki Duo Live @ nyctaper.com.

Reingehört (385): Gun Outfit

Gun Outfit – Out Of Range (2017, Paradise Of Bachelors)

Exzellenter Indie-/Desert-Rock der L.A.-Combo Gun Outfit mit verhallten Gitarren in gespenstisch-verhuschter Brachland-Atmosphäre inklusive Pale-Blue-Eyes-Fata-Morgana und einer geballten Portion Paisley Underground. Die Band knüpft ungefähr dort an, wo sie bereits vor zwei Jahren mit dem Album „Dream All Over“ eine hochanständige Arbeit in Sachen intelligent-inspiriertes Geister-Geschrammel hinterließ, neben ein paar Bouzouki- und Dulcimer-begleiteten Cosmic-American- und Slowcore-/Alternative-Country-Balladen dominiert auf dem aktuellen Werk vor allem eine ausgeprägte Gitarren-Psychedelic zwischen lockerer Entspanntheit und schlafwandlerischer Downtempo-Melancholie im verwaschen-nachschallenden Sound, vorgetragen mit raffinierter Spielfreude, Versiertheit und einem untrüglichen Gespür für die Balance zwischen Tradition und Moderne, die wie auch das erkennbar Artverwandte im hochqualitativen Indierock-Feld zwischen Yo La Tengo und Steve Gunn nie den entsprechenden Tiefgang und die nötige Reife vermissen lässt.
Schön auch mit anzuhören, wie das Bandleader-Paar Carrie Keith und Dylan Sharp jeweils in etwa hälftig den Gesang übernimmt und so ganz ohne verordnete Frauen-Quote in völliger Gleichberechtigung das Mikrophon hin- und her wandern lässt.
Kendra Smith und Steve Wynn versuchen im Grateful-Dead-Kostüm als Wander-Musikanten in der Wüste, wie das Brian Jonestown Massacre zu klingen, oder so ähnlich…
Konzert-Termin zum Dick-Anstreichen im Kalender: Die Veranstalter vom Clubzwei präsentieren Gun Outfit am 26. Februar im Münchner Unter Deck.
(*****)