Electronica

Die virtuelle Reste-Schublade (7): Bowie, Blesvik, Burger

Stay at home, read a book – es muss ja nicht notgedrungen diese Schwarte sein:

Dylan Jones – David Bowie: Ein Leben (2018, Rowohlt)

Als eine der größten Ikonen der Rockmusik hätte der Thin White Duke im Nachgang wahrlich Substanzielleres als hunderte von Seiten an Klatsch und Tratsch verdient. Viel mehr hat der Schmöker „David Bowie: Ein Leben“ von Dylan Jones tatsächlich nicht zu bieten, das ist bei diesem Sujet mehr als bedauerlich und letztendlich eine vergebene Chance zum großen Biografie-Wurf.
Einer komplexen Persönlichkeit wie Bowie als Musiker, Songwriter, Schauspieler, Sammler wie Kunstmaler wird des Buch vom Herausgeber des englischen Lifestyle-Magazins GQ kaum gerecht. Vielleicht konnte man von einem Mode-Fritzen und Parteigänger der britischen Konservativen tatsächlich auch nicht mehr erwarten. Dabei ist das Werk flott zu lesen, angelehnt an den „Oral History“-Stil des Klassikers „Please Kill Me“ über den US-Punk von Legs McNeil und Gillian McCain reiht Jones die Interview- und Statement-Schlaglichter zahlreicher Freunde, musikalischer Weggefährten, Journalisten und Prominenter aus Pop-Kultur und Film-Welt aneinander, die sich mehr oder weniger in ihren Statements permanent wiederholen: dass Bowie für die einen entweder ein überaus angenehmer, gebildeter und vielseitig interessierter Mensch war – oder im anderen Extrem jede/n sofort aus dem Adressbuch strich, nachdem die wie auch immer geartete Beziehung der Karriere oder dem Amüsement nicht mehr förderlich war. Somit kaum Neues unter der Sonne für die altgediente Fan-Schar.

Er war immer höflich, es war ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten, im Gegensatz zu den Typen aus Liverpool oder den Stones aus South London.
(Terry O’Neill, Fotograf)

Zu den Inhalten, zu den Hintergründen seiner Song-Texte, zur Intention seiner Aufnahmen erfährt man wenig bis nichts, der gehaltlose Schein lichtert durch hunderte von Seiten. The cheapest bitch of Rock’n’Roll, der unsägliche Bono, darf natürlich auch nicht fehlen mit seinem saumseligen Anbiederungs-Geschmarre, und die Drogen, die Courtney Love eingepfiffen hat, als man ihr das Mikro zum Thema unter die Nase hielt, waren dem stringenten Argumentieren offensichtlich schwerst abträglich. Eine Menge Füll-Material und heiße Luft, wenig Substanz, da wird an der Oberfläche gekratzt und kaum etwas an Themen gründlich durchleuchtet. Wie das Finanz-Konstrukt der „Bowie Bonds“ funktioniert, kapiert mit dem Poser-Gelaber des Investment-Bankers David Pullman kein Mensch, dabei wäre mit drei Sätzen zum Thema „Asset Backed Securities“ alles gesagt gewesen, siehe Wiki oder alle möglichen Ausführungen zur Subprime-Krise ab 2007.

Die Gründe, warum er tat, was er tat, dahinter habe ich nie kommen können.
(Geoffrey Marsh, Kurator der Ausstellung „David Bowie is…“, Victoria and Albert Museum London)

Jens Balzer hat sich im vergangenen Herbst in seiner „Zeit“-Rezension zum Buch völlig zu Recht darüber echauffiert, warum Bowies Bewunderung für die Inszenierungen des deutschen Nationalsozialismus so gut wie gar nicht und seine sexuellen Ausschweifungen mit minderjährigen Groupies Anfang der Siebziger nur völlig unzureichend thematisiert werden, in Zeiten der Political Correctness, von #MeToo-Debatten und der versuchten und letztendlich gescheiterten Auseinandersetzung mit den Missbrauchs-Fällen innerhalb der katholischen Kirche müsste das analog zu den Vorwürfen um die pädophilen Neigungen eines Michael Jackson zu ähnlich fundamentalen Diskussionen führen. Zu den politischen Ausfällen des Thin White Duke kommt der britische Journalist Paul Gorman, der den kultisch verehrten Musiker dem Vernehmen nach stets kritisch sah, immerhin gegen Ende des Werks kurz zu Wort und bringt damit etliche Facetten zum Phänomen Bowie auf den Punkt: „Auf alle Fälle liebäugelte er mit rechter Politik und gab dumme Kommentare zu dem Thema ab – in anderen Worten: Er war ein normaler Mensch mit Fehlern. Diese absurde Überhöhung, insbesondere von Leuten, die vor seinem Tod ‚Lodger‘ nicht von ‚Tonight‘ hätten unterscheiden können, muss gebrochen werden.“
Die Zeit, die beim Ackern durch 800 Seiten dieses größtenteils überflüssigen Blablas verstreicht, kann man weitaus anregender verbringen, zum Beispiel mit dem Abhören der nach wie vor grandiosen Siebziger-Jahre-Platten des einzigartigen Pop-Chamäleons, im Speziellen dem großartigen Glamrock-Wurf „The Rise and Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“, seiner experimentellen Berlin-Trilogie „Low“ / „Heroes“ / „Lodger“  oder dem 1976er-Meilenstein „Station To Station“.

… Er deutete auf Bowie, der vor dem Cateringwagen saß und fragte: „Wissen Sie, wer das ist?“ Ohne zu zögern, antwortete der Mann: „Natürlich weiß ich das. Es ist irgendein Arschloch, das ein Clownskostüm trägt.“ Später erinnerte sich Bowie daran. „Das war für mich ein ganz wichtiger Moment. Ich wurde in meine Schranken verwiesen, und es zeigte mir: „Ja, ich bin nur irgendein Arschloch, das ein Clownskostüm trägt.
(Dylan Jones)

Reingehört – Kurz und bündig:

Runar Blesvik – Sedate (2019, Fluttery Records)

Der Mann legt ein flottes Veröffentlichungs-Tempo hin: Erst im vergangenen September debütierte der norwegische Tondichter Runar Blesvik mit dem Album „Blend“, einer feinen Arbeit im Grenzgang zwischen organischer Neoklassik und digitaler Ambient-Elektronik. Auf „Sedate“ entwickelt er dieses Konzept weiter, der gediegene Konzertsaal zur Präsentation der minimalistischen Klavier-Elegie mutiert zusehends zur Chill-Out-Lounge, die Schönheiten der zeitgenössischen Klassik driften im Grenzfluss hin zu filigranen Ambient-/Trance-Beats und analogem Synthie-Space. Alles, was es an Lobeshymnen zum Erstwerk des jungen skandinavischen Sound-Pioniers und Filmmusik-Komponisten zu singen gab, darf auch für sein zweiten Wurf in höchsten Tönen angestimmt werden. Erhebende Schönheit und pure Freude, in Tönen eingefangen.
„Sedate“ ist bereits am 19. April beim kalifornischen Indie/Experimental-Label Fluttery Records erschienen.
(*****)

Rob Burger – The Grid (2019, Western Vinyl)

Noch einer mit viel musikalischem Gehalt und brillanten eigenen Ideen im neo-klassisch/experimentellen Crossover-Austausch: Der Komponist und Multi-Instrumentalist Rob Burger aus Portland/Oregon ist in den vergangenen zwanzig Jahren solistisch, mit seinem Tin Hat Trio wie als renommierter Session-Musiker für Größen wie John Zorn, Beth Orton, Marianne Faithfull oder Laurie Anderson (amongst many others) in Erscheinung getreten, letztere revanchiert sich mit einem vokalen Beitrag auf Burgers neuem Werk „The Grid“ im Stück „Souls Of Winter“. Daneben beeindruckt der man of many talents auf seiner kommenden Veröffentlichung mit filigranen Instrumental-Arbeiten in einer komplexen Vielfalt, die sich im ersten Abhören des Tonträgers kaum vollumfänglich begreifen lässt. Erhebend schöne Piano-Klassik, Reminiszenzen an den kosmischen Kraut-Space von Pionieren wie Tangerine Dream oder Neu!, exzellente, verfremdete Ambient-Meditationen am Harmonium und exotische Electronica-Experimente finden sich in diesen feinen, zuweilen in melancholischer Schwermut verweilenden Kompositionen aus organischen und digitalen Klang-Schichten.
„The Grid“ erscheint am 21. Juni beim texanischen Indie-Label Western Vinyl.
(**** ½ – *****)

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Mono, Årabrot, Jo Quail @ Strom, München, 2019-04-29

Die japanischen Postrock-Götter Mono als Headliner im Rahmen eines Dreier-Packs am Montagabend im Münchner Strom-Club, eine gern genommene Kombi, zuletzt auf den Tag genau vor zweieinhalb Jahren an selbem Ort präsentiert, wie seinerzeit im Vorprogramm mit einem Solo-Auftritt und einer Combo, die nicht recht in den Kontext der rein instrumentalen Musik passen mochte.

Überpünktlich noch vor offiziellem Konzertbeginn stand die fesche Engländerin Jo Quail mit ihrer Solo-Performance am elektrisch verstärkten Cello auf der Bühne, für drei ausgedehnte Instrumental-Nummern tauchte die klassisch ausgebildete Musikerin aus London den Strom-Saal in dunkle Klangfarben. Quail erwies sich wie bereits zu früheren Gelegenheiten als versierte Grenzgängerin zwischen minimalistischer Neo-Klassik und experimenteller Electronica. Die Rhythmik eingangs gesampelt über das Klopfen des Takts auf die Saiten des Streichinstruments, loopte die Musikerin den so erzeugten Beat und ließ ihn in Endlosschleifen zu finsterem Industrial-Pochen aus den Tiefen der geheimnisvollen Maschine mutieren, darüber legte sie in bewährter Manier ihre getragenen, filigranen, zu Teilen auch dissonanten Cello-Drones, die als organisches Element Kontrapunkt zum synthetisch generierten Trance-Loop setzten.
Wo die ersten beiden Instrumentals „White Salt Stag“ und „Gold“ geheimnisvoll in düsteren Stimmungslagen schwelgten und damit unheilvoll, hypnotisch dräuend in den Bann zogen, zeigte die letzte Nummer „Mandrel Cantus“ vom aktuellen Album „Exsolve“ eine etwas heiterere Seite aus dem Werk der Musikerin, deren notorisch schwarze Gewandung sowieso in völligem Kontrast zu ihrem freundlichen Wesen steht. Mit zusätzlichem Klatschen und perkussivem Trommeln auf der Bespannung ihres Instruments gestaltete sie das ausgiebig zelebrierte Stück zu einer nahezu tanzbaren Nummer mit abschließender, rein in der Neoklassik gehaltenen Coda. Eine weitere höchst erbauliche und erneut viel zu kurz gehaltene Solo-Aufführung der faszinierenden Soundscapes aus der Feder der jungen englischen Komponistin, Trost für Quail-Fans hielt der Abend gleichwohl bereit: Die Cellisitn sollte sich zum heimlichen Star des Abends mausern, mit ihren sporadischen Beiträgen zu den folgenden Auftritten war die Frau omnipräsent, avancierte damit quasi zum personifizierten rote Faden der Veranstaltung.

Der Mittelteil der dreiteiligen Aufführung gehörte dem norwegischen Trio Årabrot: Zu Klängen von Klaus Nomi enterte die Combo die Bühne, im Folgenden geriet die Beschallung im konzertanten Vortrag um etliche Grade derber. Årabrot und vor allem ihr Frontmann Kjetil Nernes haben etliches aus der Historie des Postpunk – hier schwer vermutlich vor allem die ersten PiL-Alben – des Noiserock, Gothic und Grunge und aus diversen krachenden Metal-Spielarten aufgesogen, halbgar verdaut speien sie das Zitierte der Hörerschaft mit Vehemenz vor die Füße. Sänger/Gitarrist Nernes trägt scheint’s die von Großvatern ererbte Mormonen-Gewandung auf und dominiert den Sound mit einer satt dröhnenden Glam-Gitarre, die selbst ein Mick Ronson zu Zeiten von „Ziggy“-Bowie nicht vollmundiger krachen ließ, dazu schwadroniert, rumort und marodiert er im Stile der großen britischen Punk-Krakeeler aus den Spät-Siebzigern auf dem soliden Gerüst seiner beiden Rhythmus-Begleiter. Mit der Nummer „Sinnerman“ durchbrach die Band das ergiebig präsentierte Noise-Schema, Jo Quail begleitete hier am Cello, das Stück mutete wie eine von Nick Cave komponierte Piraten-Ballade an, gesungen von Ober-Sister Andrew Eldritch oder einem extrem schlecht gelaunten Michael Gira – oder war es doch Helge Schneider, wie ein geschätzter Konzert-Begleiter sarkastisch anmerkte? Zum Ende hin riss die Combo das Ruder noch einmal herum und zelebrierte ein exzessiv abrockendes, ausgelebtes Lärmen als finalen Abgesang, zu dem der eingebrachte klassische Streicher-Satz der weiterhin involvierten schönen Jo keine zusätzlichen Akzente setzen konnte und letztendlich vergebene Liebesmüh blieb, zu dominierend war da das Feedback-geprägte Krachen der drei skandinavischen Berserker.
Irgendwas muss am eklektizistischen Gewerk von Årabrot dran sein, selbst der große Steve Albini hat bereits seine helfende Hand beim Platten-Produzieren angelegt, am Montagabend fielen die wertenden Meinungen der Hörerschaft über die vierzig-minütige Brachial-Beschallung hingegen alles andere als eindeutig aus – aber eine gepflegte Kontroverse hat der Wahrheitsfindung noch nie geschadet.

Business as usual aus dem Hause Mono, und das ist bei dem gewohnt hohen Niveau ihrer Konzerte alles andere als ein abfälliges Urteil – selbst der Amerikaner Dahm Majuri Cipolla fügte sich nahtlos und ohne Abstriche mit wuchtigem Anschlag in den zwischenzeitlich vakanten Platz hinter den Trommeln, nachdem der langjährige Drummer Yasunori Takada Ende 2017 zu neuen Ufern aufbrach.
Die japanische Postrock-Institution ist derzeit zur Promotion des aktuellen Tonträgers „Nowhere Now Here“ im Lande unterwegs, das Quartett aus Tokyo versteht nach wie vor wie kaum eine zweite Formation des Genres das austarierte Spiel zwischen getragenen, meditativen Ambient-Momenten in melancholischer Versunkenheit und dem unvermittelten Aufrichten der intensiv lauten, überbordenden Gitarren-Soundwände als monolithische Prachtbauten in den Sphären ihrer Klanglandschaften. Mono zählen damit weiterhin unangefochten zur internationalen Speerspitze des Genres, die das emotionale Wechselbad der lauten und leisen Töne in Perfektion beherrscht, das Vereinen von neoklassischen Kompositions-Elementen mit ihren wunderschönen, melodiösen, bis zur fühlbaren Glückseligkeit anschwellenden Gitarren-Crescendi und den finalen, in ihrer alles zersetzenden Radikalität explodierenden Noise-Drones. Am eindrucksvollsten demonstrierten Mono das am Montagabend mit den beiden letzten Nummern des regulären Sets, dem eingangs meditativ getragenen „Halcyon“ und dem Live-Klassiker „Ashes In The Snow“, ersteres kongenial von Jo Quail bereichert und an das Album „Hymns To the Immortal Wind“ erinnernd, zu dem Mono orchestral von einem kompletten Klassik-Orchester begleitet wurden, letzteres als sich langsam anbahnender Sound-Tsunami, in dem der laute Part des Mono-Klangkosmos zu einer alles mitreißenden Feedback-Flutwelle kulminierte.
„Breathe“ fiel mit dem ätherischen Gesang von Bassistin Tamaki Kunishi aus dem gewohnten, rein instrumentalen Rahmen, blieb leider jedoch im Live-Vortrag wie auch in der Studio-Version seltsam blass und austauschbar im gefälligen Wohlklang-Flow, letztendlich aber die einzige Passage, zu der sich die Begeisterung über dieses Konzert bedeckt hielt.
Mit der einzigen Zugabe „Com(?)“ zuletzt ein Werk aus der Frühphase der Band, in der das Quartett noch einmal alle Register ihrer Laut-Leise-Dramatik zog, beide Gitarristen so zum ersten Mal erlebt ihr Gewerk im Stehen verrichteten und Derwisch „Taka“ Goto gar in der Konzert-ausklingenden, atonalen Super-Nova seine Saiten wie einst Hendrix selig mit den Zähnen bearbeitete, bevor er die Komposition durch massives Einwirken auf Regler, Wah-Wahs und andere Effekt-Geräte im atonalen Klangrausch vernichtete.
Mono liefern nach wie vor den hochdramatischen Soundtrack für den Martial-Arts-Eastern, in dem der grausame Rächer mit seinem Hattori-Hanzō-Schwert eigenhändig dem ärgsten Feind die Rübe abhackst…

NAQ/Nobody Answers Questions + Trrma‘ @ KAP37, München, 2019-04-11

Postrock, Multimedia und abstrakte Töne zur April-Veranstaltung des KAP37 am vergangenen Donnerstagabend: Wo sonst für gewöhnlich die Songwriter-, Folkmusiker- und Kellergospler-Zunft ihr Liedgut beseelt zum Vortrag bringt, war für diese Runde das experimentelle Musizieren der thematische Aufhänger im kleinen, feinen Saal der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach.
Dass diese Nummer in dem Rahmen auch exzellent funktionieren kann, stellten bereits im vergangenen Oktober die beiden lärmenden Neuseeland-Kiwis von Earth Tongue und vor allem der Münchner man of many talents  Josip Pavlov mit seinem Solo-Postrock-Outfit Ippio Payo eindrucksvoll unter Beweis.
Pavlov war es auch, der am Donnerstag zusammen mit Lichtkünstler Gene Aichner aka Genelabo und ihrem gemeinsamen Multimedia-Projekt NAQ/Nobody Answers Questions den ersten Teil der rein instrumentalen Performance-Aufführungen bestritt. Mit ihrer audio-visuellen Duo-Präsentation werfen die beiden ortsansässigen Experimental-Künstler Fragen zu ihrer Klangreise auf: Wo wird sie hinführen? Wer weiß die Antwort? Vielleicht niemand, weitaus wahrscheinlicher jedoch das Duo selbst. Am Donnerstagabend blieben sie während ihrer knapp einstündigen, mehrdimensionalen Mixtur aus erratischen Lichteffekten und überwältigenden Instrumental-Entwürfen kaum eine Antwort schuldig auf die Frage, wie ein improvisierter Klangrausch im Crossover aus Postrock und intensivster Trance-Hypnose, visuell in den Effekten verstärkt durch fiebriges Blitz-Geflacker, zur perfekten Form streben kann. Der musikalische Ansatz von Josip Pavlov ist ein lebender Organismus, im ständigen Fluss, permanent neue Ufer suchend und Grenzen austestend. In diesem Leben gleicht kein Ippio-Payo- oder NAQ-Konzert dem anderen. Das Handwerkszeug bleibt dasselbe, die Richtung des musikalischen Flows ist im Groben vorgegeben, im Detail jedoch nicht vorhersehbar: Geloopte Bass- und Gitarrenläufe, in ständiger Wiederholung als Grund-Rhythmus angelegt, der Takt wird von elektronischen Beats oder gesampelten, live eingespielten Floortom-Paukenschlägen bestimmt. Darüber legt Pavlov mit zweiter Gitarrenlinie seine harten Riffs, zuweilen filigrane Melodien und den sich stetig weiterentwickelten, hypnotischen, Trance-artigen Postrock-Ausbruch, der sich von exzellenten Eno-Zitaten aus der Frühphase des englischen Experimental-Pioniers, herrlich mäandernden Klangschönheiten zwischen Progressive und Ambient über metallen klingenden Postpunk und Industrial-Kälte bis hin zum lautmalenden Noise-Exzess ausdehnt. Das alles verdichtet der Multiinstrumentalist zu einer massiv ergreifenden, komplexen Ein-Mann-Orchestrierung, deren in den Bann ziehende Wirkung zu keiner Komposition lange auf sich warten lässt. Gene Aichner korrespondiert und antwortet spontan mit abstrakten Lichtinstallationen, über die er mittels PC und Beamer die Bühne in eine nervös flimmernde, abstrakte Lichtflut taucht, Psychedelic mit modernen Mitteln, wenn man so will. Und in jedem Fall immer wieder aufs Neue faszinierend und die Sinne anregend. Dieser NAQ-Farben- und Klangrausch war einmal mehr ein höchst erbaulicher, die sogleich aufgeworfenen Fragen nach der weiteren Entwicklung der Kollaboration werden dann bei nächster Gelegenheit beantwortet.

Bereits im April des Vorjahres trafen NAQ mit der süditalienischen Experimental-Formation Trrmà im Rahmen einer Veranstaltung des Zwischennutzungs-Projekts Köşk zusammen, am Donnerstag waren Giovanni Todisco und Giuseppe Candiano aus Bari auf Einladung der befreundeten Münchner Künstler erneut zu Gast an der Isar.
Die Klangforscher aus Apulien sind aktuell von einer ausgedehnten Japan-Tour zurück, zu der sie während eines Monats täglich einen Auftritt absolvierten. Das Trrmà-Konzept ist gleichermaßen simpel wie schwer greifbar, damit hochspannend: Die völlig abstrakten, von jeglicher Melodik losgelösten Digital-Töne aus den Synthesizern und verbundenen Modulen von Giuseppe Candiano treffen auf das analoge Trommeln seines Mitmusikers Giovanni Todisco, das sich von einer archaischen Rhythmik, Stammes-Trommeln gleich, über wuchtigen Paukenanschlag bis hin zu den leisen Tönen der Triangel erstreckt.
Im ersten Stück mochten die Electronica-Töne noch als eine Ahnung von synthetisch erzeugten Flöten- oder Klarinetten-Pfeifen durchgehen, im Verbund mit dem wuchtigen, Trance-artigen Getrommel und Klappern der Tablas als musikalische Untermalung für einen rauschhaften nordafrikanischen Tanz-Ritus, später löste sich das Erkennbare oder mit welchen Reminiszenzen und Assoziationen auch immer Verbundene in den Interferenzen, im sequenziellen Maschinenpfeifen, in einem undefinierbaren weißen Rauschen völlig auf, einzig die Perkussion gab den frei lichternden Elektronik-Funken und den nebulösen Klangwolken eine greifbare Form. Mehr Physik als Musik, von halbwegs konventioneller Rhythmik konsumierbar und verständlich gemacht. Das mit dieser Art der Klangmalerei und der experimentellen Töne-Generierung kein einfaches Hören und Konzerterlebnis im hergebrachter Form möglich ist, dürfte auf der Hand liegen. Konzentrierte Auseinandersetzung mit dem Gehörten war Voraussetzung, um Genuss aus dieser Präsentation zu ziehen. Intellektuell anspruchsvoll wurde es zum Ende hin, als Giuseppe Candiano als letztes Werk eine stochastische Komposition ankündigte, die Maschinen übernahmen die Regie zum Erzeugen der atonalen Experimental-Drones nach dem Zufallsprinzip – wer den Unterschied zum vorher Gehörten fundiert benennen könnte, sollte sich an dem Abend ein Heiligenbild zur Belobigung verdient haben…

Das nächste Konzert im KAP37 fällt dann zur Abwechslung wieder eine Spur konventioneller aus, am 16. Mai ist der schwedische Garagen-Trash-Folk-Blueser Bror Gunnar Jannson als One-Man-Band zu Gast, highly recommended and approved by the Dad Horse Experience. Kapuzinerstraße 37, München, 20.00 Uhr.

Josip Pavlov tritt demnächst unter seinem Alter Ego Ippio Payo zu folgenden Gelegenheiten auf: Am 3. Mai im Köşk, zusammen mit dem Drummer Tom Wu und der Electronica/Kraut-Formation Bosch, Schrenkstraße 8, München, 20.00 Uhr. Und am 20. Mai in der Münchner Glockenbachwerkstatt im Rahmen des Maj Musical Monday #96, zusammen mit der neuseeländischen Band Mermaidens, Blumenstraße 7, 19.00 Uhr.