Minimal Music

Reingehört (464): A Veil Of Water

„In short, A Veil Of Water tries to capture fleeting sensations, momentary glimpses, and feelings of longing, producing a musical representation of his internal world.“
(Hidden Vibes)

A Veil Of Water – Late Night Loneliness (2018, Hidden Vibes)

Herzschmerzende, annähernd zu Tränen der Ergriffenheit rührende Melancholie als emotionale Klammer und thematischer Aufhänger einer heterogenen und doch irgendwo völlig stimmig zusammengefügten Instrumental-Miniaturen- und Song-Sammlung: Das neue, zweite Album des unter dem One-Man-Band-Namen A Veil Of Water auftretenden norwegischen Musikers Rune Trelvik spannt einen weiten stilistischen Bogen von neoklassischen Piano-Elegien über wohlgefälligen Indie-Pop bis hin zu instrumentaler, gleichwohl dezenter wie für den Fan viel zu kurz aufscheinender, dafür um so überwältigender Postrock-Herrlichkeit.
Eingeleitet von zwei getragenen, klar strukturierten Klavier-Miniaturen demonstriert der skandinavische Klangkünstler knapp 40 Minuten lang, worum es ihm in seiner Arbeit geht: Die Abbildung reiner Schönheit in zehn zumeist Gesangs-freien Klang-Entwürfen, und man untertreibt nicht, wenn man ihm das Gelingen dieses Unterfangens vollumfänglich zugesteht.
Die Hörerschaft fühlt sich ohne große Berührungsängste und vor allem ohne angestrengte Auseinandersetzung mit dem Gehörten unversehens einnehmend gefangen im getragenen Piano-Flow, und urplötzlich steht sie da, die Postrock-Wand, im Gitarren-durchwirkten Stück „If I’m Not Perfect By Tomorrow“ – ein sanft in die Klanglandschaft drapiertes, keine sich mächtig auftürmendes Bauwerk. Erhaben und einnehmend, ohne sich intensiver Lautmalerei bedienen zu müssen. Wo Mogwai, Russian Circles, Caspian und andere artverwandte Überwältigungs-Lärmer komplette Bausätze an Chinesischen Mauern, überdimensionalen Kraftwerken oder Wolkenkratzern in die tonalen Prärien zimmern, genügt bei Rune Trelvik/A Veil Of Water ein filigranes Fachwerkhaus als kurz erscheinende und dann wieder verblassende Fata Morgana im weiten Wohlklang-Panorama.
In „The Remaining Hours“ sampelt Trelvik unerwartet wie bereichernd Field Recordings von ausgelassenem Kinderlachen in sein anrührendes, erhebendes Klavierspiel, macht durchaus Sinn, das Unbeschwerte und Ausgelassene der frühen Jahre in der Form zu konservieren, im richtigen Leben verstummt der kindliche Frohsinn dem Zombie-haften Glotzen in die digitalen Sucht-Gerätschaften geschuldet sowieso zusehends mehr.
Geschickt werden die Werke mit dezenter Electronica und digitalen Finessen unterfüttert, die sich unaufdringlich und fern jedes Effekt-Haschens wie das Gesamtwerk gebärden, herrlich etwa auch das verhallte Keyboard-Schimmern im „Moon Song“, bei dem Trelvik zum Ende hin sanft die Stimme erhebt und atmosphärische Gitarren-Tunes einwebt.
„Late Night Loneliness“ ist ein weiterer grandioser Wurf von A Veil Of Water nach dem einnehmenden Debüt „Reminder“ aus dem Jahr 2013, das der Hörerschaft neben der exzellenten neuen Arbeit nicht minder ans Herz gelegt sei.
„Late Night Loneliness“ erscheint heute beim in Kiev ansässigen ukrainischen Ambient- und Neoklassik-Label Hidden Vibes.
(***** – ***** ½)

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Soundtrack des Tages (204): Glenn Branca

Späte Kerze: In Memoriam Glenn Branca. Der amerikanische No-Wave-/Neo-Klassik-/Experimental-Drone-Pionier und begnadete Krachmacher, Komponist, Bandleader und Musiker ist am 13. Mai in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Der 1948 in Harrisburg/Pennsylvania geborene und später in New York City wirkende Branca hat mit seinen Drone- und Oberton-Klangforschungen, Einspielungen mit repetitiven, hypnotischen Noise-Elementen, offenen, oft atonalen Saiten-Stimmungen und avantgardistisch-erschütternden Gitarren-Orchester-Aufführungen mit bis zu einhundert Musikern zahlreiche nachfolgende, herausragende Bands wie Sunn O))), Sonic Youth und die Swans maßgeblich beeinflusst. Sonic-Youth-Gitarrist Lee Ranaldo war Musiker des Electric Guitar Orchestra von Branca, wie auch zeitweise sein späterer Band-Kollege Thurston Moore, Helmet-Chef Page Hamilton und Swans-Mastermind Michael Gira.
1982 gründete Glenn Branca sein eigenes Platten-Label Neutral Records, auf dem unter anderem Sonic Youth ihre Debüt-LP „Confusion Is Sex“ und die Swans ihren No-Wave-Klassiker „Filth“ veröffentlichten.
Von den Werken Glenn Brancas sind vor allem die ersten Alben aus den frühen Achtzigern „Lesson No. 1“ und „The Ascension“ essentiell und für die Nachwelt von nicht zu unterschätzendem Wert. Daneben hat Branca zahlreiche Symphonien, einzelne Experimental-Arbeiten und im Jahr 1982 zusammen mit dem Dichter und Warhol-Schauspieler John Giorno das Album „Who You Staring At?“ veröffentlicht.

Glenn Branca – „Lesson No. 1 For Guitar“ → vimeo-Link

Reingehört (458): Rachel Grimes

„One of American independent music’s few truly inspired technicians.“
(WIRE Magazine)

Rachel Grimes – The Doctor From India: Original Motion Picture Soundtrack (2018, Mossgrove Music / Temporary Residence Limited)

Filmmusik, die auch hervorragend ohne die bewegten Bilder funktioniert: Die Komponistin/Pianistin Rachel Grimes aus Louisville/Kentucky ist in Sachen Neue Klassik ab Anfang der Neunziger mit dem ausdrücklich nicht nach ihr – vielmehr nach einem Auto – benannten Indie-Kammerensemble Rachel’s in Erscheinung getreten, hat mit zahlreichen Orchestern und Experimental-Größen wie – amongst othersHelen Money und Erik Friedlander zusammengearbeitet und in diesen Tagen den Soundtrack für einen Film veröffentlicht, der sich dem Leben und Schaffen des Arztes Dr. Vasant Lad widmet, einem Pionier der ganzheitlichen Medizin, der sich Ende der siebziger Jahre maßgeblich für die Verbreitung der indischen Heilkunst des Ayurveda in der westlichen Welt einsetzte. Über die cineastischen Qualitäten der Biografie lässt sich hier mangels Erfahrungswerten nichts berichten, die instrumentale Beschallung des Biopics ist hingegen ausdrücklich höchstlöblich ausdrücklich zu empfehlen.
Achtzehn ineinander greifende, elegante und erhabene Piano-Mediationen mittels neoklassischer Minimal-Music-Themen, geschult an Michael Nyman, Philip Glass und George Winston, bereichert durch entspannte Violinen-, Saxophon- und Flöten-Arrangements und völlig unspektakulär mit feinsten Elektronik-Behandlungen zwecks sanftem Ambient-Flow versehen. Unaufgeregt auch die gelegentliche Symbiose mit indischen Klassik-Traditionen, die nichts mit gezwungen passend gemachter Crossover-Kompatibilität verschiedener Weltmusiken am Hut hat. Die Liste an brauchbaren Film-Soundtracks, die auch ohne die zugehörigen Motion Pictures ihren ureigenen Zauber entfalten, ist überschaubar, „The Doctor From India“ darf seit Neuestem dazugezählt werden.
(*****)