Minimal Music

Reingehört (360): Godspeed You! Black Emperor

„this, this long-playing record, a thing we made in the midst of communal mess, raising dogs and children. eyes up and filled with dreadful joy – we aimed for wrong notes that explode, a quiet muttering amplified heavenward. we recorded it all in a burning motorboat.“

Godspeed You! Black Emperor – Luciferian Towers (2017, Constellation Records)

Gibt diese Musikanten und Bands, die machen einfach nix falsch, haben sie noch nie, werden sie schwer vermutlich auch nie. Da ist die überdurchschnittliche Güte jeder konzertanten Aufführung wie jeder neuen Tonträger-Veröffentlichung ein gesicherter Fakt wie das sprichwörtliche „Amen“ in der Kirche. Bestätigt hat sich dieses großspurige Gelaber einmal mehr beim ersten wie – fundamental untermauernden – mindestens fünften Durchhören der aktuellen Arbeit „Luciferian Towers“ des kanadischen Post- und Experimental-Rock-Kollektivs Godspeed You! Black Emperor.
Im Output gab sich die neunköpfige Formation aus Montreal/Quebec um die Gründer Efrim Menuck, Mike Moya und Mauro Pezzente in den vergangenen Dekaden sparsam, gemäß der Maxime „Weniger ist oft mehr“ ist das aktuelle Album erst die siebte Veröffentlichung inklusive der grandiosen 1999er-EP „Slow Riot For New Zero Kanada“, seit Erscheinen des Vorgänger-Werks „Asunder, Sweet And Other Distress“ im Frühjahr 2015 tummelte sich die Band bei Gedenkveranstaltungen zum Ersten Weltkrieg in West-Flandern, bei Aufführungen mit dem Tanz-Ensemble The Holy Body Tattoo und zu Teilen auf Konzertreisen und den Einspielungen zum jüngsten Tonträger von JB Robinsons großartigem Ambient/Drone-Metal-Projekt Wrekmeister Harmonies.
Hinsichtlich Klangbild indes geizt das Kollektiv einmal mehr nicht mit Opulenz, mit jedem weiteren Durchlauf offenbaren sich neue Klangfarben und schillernd glänzende Grau-Schwarz-Schattierungen in diesem dreiviertel-stündigen, zuforderst dunkel funkelnden Prachtwerk.
Der Opener „Undoing A Luciferian Tower“ führt die Hörerschaft heran an den Album-dominierenden Grundton im abstrakten, Neo-Klassik-zitierenden, dezent dröhnenden Ambient-Experimental-Flow, der sich in diesem Stück über einfacher zu konsumierende Filmmusik-Schichten hin zu einer Orgel-/Synthie-getragenen, euphorisierend-hymnischen Space-Herrlichkeit entlädt – die überschwänglichen tonalen Gefühlsausbrüche der englischen Mitsiebziger-Prog-Hochphase, circa Van-Der-Graaf-Ecke, haben offensichtlich auch im fernen Kanada ihren Eindruck hinterlassen.
Das Klang-Triptychon „Bosses Hang, Pt. I – III“ lotet als orchestrale Breitband-Elegie die Möglichkeiten des Drone-dominierten Postrock aus, zwischen Gewitter-artigem Ambient-Donnern und Balladen-entschleunigter Krautrock-Getragenheit driftet die Band in Richtung moderne Klassik und Minimal Music, der Bezug zum zeitgenössischen polnischen Komponisten Henryk Górecki wurde bereits vor vielen Jahren im Stück „Moya“ offengelegt und erfährt hier grenzüberschreitend wie Hörgewohnheiten-ausdehnend Ergänzung und Horizont-Erweiterung.
Die Gast-Musiker Bonnie Kane und Craig Pederson beleben in „Fam/Famine“ unvermittelt das finstere Ambient-Mäandern mit Holz- und Blechblas-Getröte, Miles-„The Nervensäge“-Davis-artigem Free-Jazz-Gelichter und Mariachi-geprägtem Spaghetti-Western-Soundtracks (hier ist er wieder, der GY!BE-obligatorische Ennio-Morricone-Querverweis).
Ein weiterer Dreiteiler, „Anthem For No State“, beschließt das instrumentale, komplexe Intensiv-Werk mit einer gefühlt nicht endend wollenden Sintflut in vehementer Postrock-Wucht, die im finalen Abschnitt dann doch einen Gang zurückschaltet und so das Nachbeben in getragenem Wohlklang ausschleichen lässt.
Wie selten sonst wo haben diverseste musikalische Ausdrucksformen derart Raum zum Atmen wie auf GY!BE-Tonträgern, trashiger, rabiater Fuzz-Gitarrenanschlag existiert in gedeihlicher Klangvielfalt mit dissonanter Neuklassik wie mit experimentellen Querverweisen zum Siebziger-Krautrock und richtungsweisenden Postrock-Weiterentwicklungen, ohne dabei je konstruiert oder im Vortrag befremdlich zu wirken. Eindrücklich wie zuletzt auch die schottischen Genre-Kollegen von Mogwai unterstreichen Godspeed You! Black Emperor mit ihrem 2017er-Großwurf, dass sie uneingeschränkt wie von Beginn an zu den intensivst leuchtenden Sternen am weiten Postrock-Firmament zählen und es nach wie vor wie nur wenige Bands verstehen, den eigenen Klang-Kosmos seit dem Urknall auszudehnen.
Die gewichtige Glanztat erscheint heute beim wieder mal nicht genug zu lobenden kanadischen Indie-Label Constellation Records, home of the brave.
GY!BE-Herbst-Konzertreise im alten Europa steht auch an, München ist leider nicht im Lostopf, heul.
(***** ½)

„finally and in conclusion;
the “luciferian towers” L.P. was informed by the following grand demands:
+ an end to foreign invasions
+ an end to borders
+ the total dismantling of the prison-industrial complex
+ healthcare, housing, food and water acknowledged as an inalienable human right
+ the expert fuckers who broke this world never get to speak again.“

Reingehört (353): bvdub

bvdub – Heartless (2017, n5MD)

Hochinteressanter Klangkunst-Experimentierer von der US-Westcoast: Brock Van Wey ist musikalisch in der Spät-Achtziger-Rave-Szene der San Francisco Bay Area verwurzelt, als DJ und Musiker hat er in vergangenen Dekaden seine Deep-House- und Ambient-Arbeiten in Kalifornien zu Gehör gebracht, 2001 ist er für 10 Jahre ins selbst gewählte Exil nach China gegangen, wo er mit der Veröffentlichung seiner diversen Tondichtungen und Electronica-Genres startete, im Bereich Ambient als bvdub wie unter seinem eigenen Namen, Deep House als Earth House Hold und Drum & Bass unter dem Projektnamen East Of Oceans.
Zurück in seiner Heimat, veröffentlicht er in den kommenden Wochen sein Album „Heartland“ beim ortsnahen Experimental-/Indie-Label n5MD in Oakland unter dem Pseudonym bvdub, im Übrigen die erste Volle-Länge-Vinylpressung seit Bestehen der Plattenfirma.
Für Brock Van Wey hingegen ist es bereits die 29. bvdub-Arbeit, davon etliches im Eigenvertrieb und zum Teil ausschließlich digital veröffentlicht. Auf „Heartless“ lässt er laut Labelinfo die Konzepte und Erfahrungen zahlreicher Live-Auftritte aus den vergangenen Jahren einfließen, die sich irgendwann verselbstständigten, ein Eigenleben entwickelten und sich so zu einem großartigen Ambient-Monolithen auswuchsen.
In acht ausgedehnten Sound-Entwürfen zwischen 6 und 12 Minuten nimmt sich Van Wey die nötige Zeit, um in entspannter, nahezu kontemplativer Ruhe wunderschöne, sphärische Ambient-Klanglandschaften zu komponieren, erhabene und getragene Soundtracks für klare und unberührte Winterlandschaften, in den dunkleren, mystischeren Ausprägungen Bilder des unwirtlichen Nordens hinter der „Game Of Thrones“-Mauer assoziierend, in den helleren Klangfarben Erinnerungen an Sonnen-durchflutete, Schnee-bedeckte Wälder und unberührte Natur weckend.
Glasklare Minimal-Music-Piano-Mediationen erheben sich wiederholt aus dem sphärischen Rauschen und halten so gekonnt die Balance zwischen greifbaren Instrumental-Strukturen und sanftem, abstraktem Wohlklang-Drone. Engelsgleiche Sangeskunst ist in diesem atmosphärischen Flow oft nur andeutungsweise wie durch dichten, verhallten Nebel vernehmbar, der entspannt-dunkle Grundton von „Limitless“ etwa wird durch dezente, aus dem Off erklingende Soul-Hymnen bereichert, die sich den Weg ins Ohr durch die gesampelten Schichten zu bahnen versuchen. Die Kunst liegt in der Reduktion, wie bereits die konzeptionelle Titelgebung andeutet – „Painless“, „Dreamless“, „Sleepless“, irgendwas fehlt – wie im richtigen Leben – immer, aber das tut in diesem Fall der Eindringlichkeit der meditativen Klangskulpturen keinen Abbruch – „But with ‚Heartless‘ this is only your introduction – easing you in before plunging to the deep end“.
„Heartless“ erscheint am 15. September beim kalifornischen n5MD-Label.
(*****)