Songwriter

The Afghan Whigs + Ed Harcourt @ Backstage Halle, München, 2017-08-08

Die hohe Kunst der gepflegten Indie-Schule am vergangen Dienstag im Münchner Backstage, in doppelter Ausfertigung: Den schweißtreibenden Abend durfte der englische Songwriter Ed Harcourt solistisch in improvisierter DIY-Manier im Vorfeld zum anstehenden Afghan-Whigs-Inferno eröffnen, mit live eingespielten Drum-Samples, digitalen Loops, eindrücklichen, von massiv angeschlagener, verzerrter Noise-Gitarre begleiteten Songs aus dem Grenzbereich Alternative-Rock/Experimental-Drone, einer Handvoll dramaturgisch ansprechender, ab und an leider auch etwas ins Austauschbare abdriftenden Piano-Balladen und mit einem finalen, exaltierten Sangesvortrag inklusive ausgiebigem Bad in der Menge gab der Londoner Musiker die halbstündige Empfehlung ab für seine anschließende Weiterbeschäftigung als Aushilfsgitarrist und Keyboarder bei der reanimierten Combo von Grunge-Urgestein Greg Dulli.
(**** ½)

Die Afghan Whigs waren bis vergangenen Dienstagabend das letzte Mal vor sage und schreibe 19 Jahren in der bayerischen Landeshauptstadt konzertant zugange, viel ist seitdem passiert in der Bandhistorie, Auflösung 2011, ein kurzes Intermezzo 2006, Reformierung dann vor fünf Jahren, dazwischen mal mehr, mal weniger gelungene Veröffentlichungen und Konzertreisen von Bandleader Greg Dulli auf Solopfaden, mit den Twilight Singers oder dem gemeinsamen Gutter-Twins-Seitenprojekt zusammen mit Grunge-/Indie-Blues-Ikone Mark Lanegan.
Die Jahre sind nicht spurlos an den Bandmitgliedern vorübergegangen, der Frontmann aus Hamilton/Ohio hat inzwischen etliches an Pfunden zuviel auf den Rippen, von der Erscheinung mittlerweile weitaus mehr einem feisten Theken-Stammgast, rausgefressenen Mafiosi oder Polizeihauptmeister Krause als einem Rockstar ähnelnd, Basser und Whigs-Mitbegründer John Curley ist zum grauen Wolf gereift, und Gitarrist Dave Rosser hat traurigerweise kürzlich im Alter von 50 Jahren den Kampf gegen sein Krebsleiden verloren, die Band widmete ihm an dem Abend das Jeff-Buckley-Cover „Can Rova/Last Goodbye“.
Greg Dulli eröffnete den 100-minütigen München-Gig seiner wiederbelebten Afghan Whigs im Alleingang mit dieser unsäglichen Prince-für-Arme-Soulnummer „Birdland“, die auch als Aufmacher beim aktuellen „In Spades“-Album herhalten muss, wie auf dem Tonträger ging es im Konzert nach dieser überstandenen, kurzen Tortur qualitativ steil anziehend nach oben, der schwergewichtige Soul kam ab dann vor allem in den fordernden, klagenden und grollenden Sangeskünsten des Bandleaders zu seinem Recht, jener gab nicht zuletzt aufgrund seiner massiven Leibesfülle in der Beschwörung der eigenen Dämonen den formvollendeten R&B-Crooner.
Die sechsköpfige Band entfachte einen permanent glühenden, schwelenden Brand an hart zupackenden und massiv groovenden, dunkel funkelnden Grunge-Epen, mit diesen für die Band typischen Bastarden aus schweißtreibendem Sixties-/Southern-Soul und intensivem Alternative-/Indie-/Blues-Rock, den die Whigs bereits auf frühen Alben wie den Meisterwerken „Gentlemen“ (1993) und „Black Love“ (1996) in Perfektion veredelten.
Mit phasenweise bis zu vier Gitarren schichtete die Formation eine beeindruckende Soundwand auf, die kaum mehr eine denkbare Steigerung an Vehemenz zuließ, immer den beseelten Saitenanschlag und das Heulen Dullis in den Vordergrund gemischt, seiner Rolle als Entertainer, Zentrum, Kopf, maßgeblichem Songwriter und exklusivem Poser der Band gerecht werdend.
Die jahrzehntelange Historie der Afghan Whigs wurde gebührend abgefeiert, neben einer Auswahl an Frühwerken lag der Schwerpunkt der präsentierten Songs auf den Titeln der beiden Comeback-Alben „In Spades“ und „Do To The Beast“, im Mittelteil der Show nahm Greg Dulli auf dem Keyboard-Hocker Platz, um in einer Balladen-lastigen Passage für eine zwischenzeitliche Verschnaufpause für Mitmusiker wie Publikum zu sorgen, ein Intermezzo von kurzer Dauer, das die Kräfte sammelte für einen in Tempo und Intensität erneut losgelösten zweiten Teil. Wo die Band auf Tonträger mitunter den Druck dezent herausnimmt, mit Bläsersätzen abrundet und ab und an auch verhaltener im Anschlag agiert, lässt sie im Live-Vortrag alle Dämme brechen und führt selbst durchschnittliches Songmaterial zu ungeahnten Höhen, gegen Ende des regulären Teils zitierte Greg Dulli gar die Doors und zog im Zugaben-Block mit dem finalen „Faded“ nochmals alle Register der Alternative-Rock-Dramatik.
Es war vor allem für die beinharten Whigs-Fans, zu Teilen aus fernen Gefilden der Republik angereist, ein denkwürdiger, erschütternder, ergreifender Konzert-Abend, dem das Publikum in der vollgepackten Backstage-Halle den gebührend frenetischen Applaus spendete.
(*****)

Soundtrack des Tages (177): Mark Kozelek

Weniger ist manchmal mehr: US-Songwriter Mark Kozelek überschlägt sich 2017 mit Neuveröffentlichungen, Anfang des Jahres „Common As Light And Love Are Red Valleys Of Blood“ unter dem Alias Sun Kil Moon, gemeinsam mit Justin Broadrik/Jesu ein paar Monate später die ziemlich überflüssige, da kaum Neues bietende Kollaboration „30 Seconds To The Decline Of Planet Earth“, mit dem Parquet-Courts-Bassisten Sean Yeaton und prominenten Gästen wie Will Oldham und Steve Shelley schwadroniert er sich in inzwischen gewohnter „Drauflos-labern“-Manier auf dem jüngst erschienenen Album „Yellow Kitchen“ (Caldo Verde) durch Themen wie die vergangene US-Wahl und zuviel Kalorien-Aufnahme zum Weihnachtsfest im völligen musikalischen Stillstand, der gute Helge würde anmerken: „Das ständige Geblubber wo man bekloppt von wird“.
Auf der zwischenzeitlich erschienenen „Night Talks EP“ (Caldo Verde) finden sich immerhin zwei neue Folk-Werke, eine alternative Version von „I Love Portugal“ vom „Common As Light…“-Album im Akustik-Gewand plus zwei Coverversionen, neben einer von der Autorin selbst begleiteten Interpretation von Kath Blooms „Pretty Little Flowers“ eine würdige Verneigung vor dem großen, im letzten Jahr dahingeschiedenen Leonard Cohen:

Reingehört (335): Alpha Male Tea Party, Waxahatchee, Broken Social Scene

Alpha Male Tea Party – Health (2017, Big Scary Monsters)

Hörenswerter Instrumental-Rock-Crossover von Alpha Male Tea Party aus Liverpool: Seit 2012 entwickelt das Trio aus Nordengland seine Spielart des Progressive Rock, auf „Health“ veredelt die Combo den Grenzgang zwischen Post- und Math-Rock in einer rundum (und nicht zuletzt hinsichtlich glasklarem Sound) gelungenen Produktion, zwischen geschliffener Härte und melodischer Finesse, zwischen treibendem Flow und vertracktem Rhythmus-Wechsel pendeln die zehn Gitarren-dominierten Intensiv-Klang-Demonstrationen, die die Band in eine Liga mit Bands wie And So I Watch You From Afar katapultiert, wo die Nord-Iren weitaus mehr im Live-Vortrag und nur selten auf Konserve zu überzeugen wissen, sind Alpha Male Tea Party in Sachen Tonträger weitaus überzeugender unterwegs, eine ausgereifte Arbeit, die die Einflüsse aus der Ära der Prog-Rock-Altvorderen wie King Crimson gebührend zu würdigen weiß, löblich aber nicht in der Vergangenheit verhaftet bleibt und in Weiterentwicklung Richtung Math/Djent mit dezenten Postmetal-Ergänzungen den Blick stramm nach vorne richtet. Konzertantes Antanzen wäre schwerst genehm.
(*****)

Waxahatchee – Out In The Storm (2017, Merge)

Passable Indie-Rock-Arbeit der US-Songwriterin Katie Crutchfield aus Birmingham/Alabama, die ihr Band-Projekt nach einem Flusslauf in ihrer amerikanischen Südstaaten-Heimat benannte. Ansprechende Mischung aus LoFi-Songwriting, gefällig-einschmeichelndem Mädels-Gesang, flottem Alternative-Power-Pop und domestizierter Grunge-Gitarren-Intensität. Live eingespielt und somit den angerauten Charme dieses ab und an ins Gefällige schielenden Indie-Geschrammels weitestgehend noch erahnend lassend. Für Riot-Grrrl-Rabatz ist es zu brav und kaum sperrig, hinsichtlich gängigem Indie-Rock-/-Pop-Mainstream aber dann doch noch originell und spielfreudig genug, um aus diesem Sumpf vorteilhaft-positiv herauszuragen.
Waxahatchee spielt live am 17. September im Münchner Glockenbachviertel-Club Milla, das Vorprogramm wird Crutchfield-Schwester Allison bestreiten, die auch auf „Out In The Storm“ an Schlagwerk und Tasteninstrumenten zu hören ist.
(****)

Broken Social Scene – Hug Of Thunder (2017, Arts & Crafts)

Gewogen und für zu leicht befunden: Das kanadische Indie-Kollektiv Broken Social Scene ist auf dem jüngst erschienenen Album „Hug Of Thunder“ weitaus weniger als die Summe seiner Einzelteile, trotz maßgeblicher Mitarbeit von Größen wie den üblichen Verdächtigen Kevin Drew, Brendan Canning, Charles Spearin oder Leslie Feist, trotz unzähliger Ideen und Einflüsse und einem letztendlich Zuviel an Klangreichtum kommt die Big Band aus Toronto in den wenigsten Momenten über eine leichtfüßige, schwirrende, Pop-affine Belanglosigkeit hinaus. Innerhalb kürzester Zeit bricht sich beim Abhören ein unangenehmer Befindlichkeits-Mix aus Übersättigung und vergeblichem Warten auf das Ansprechend-Gefangennehmende Bahn, too much an ätherisch-überdrehtem Elfen-Gesang, überzuckerten Harmonie-Chören und vor allem völlig substanzloser, Musical-artiger Easy-Listening-Beschallung, zuviel aus der Stars- und Metrics-Ecke, viel zu wenig aus dem gewichtig-experimentelleren Bereich a la Do Make Say Think, das ist der Sound der 70er-Jahre-Mainstream-Hitparaden-Betäubung, in ein modernes Kleid gewandet und frech als Indie verkauft. Ein aufgeblähter Mix aus Pomp und beschwingtem Wohlklang-Gelichter, der trotz reichhaltiger Zutaten ungenießbar bleibt  – oder ganz einfach auf den Punkt gebracht: Viel Lärm um Nichts. Von den Mitwirkenden hätte man sich deutlich mehr an Qualität erwartet als diesen schwer verdaulichen Weichspüler-Sing-Sang, auch wenn auf dem vor sieben Jahren erschienenen Vorgängerwerk „Forgiveness Rock Record“ bereits nicht mehr alles Gold war, was glänzte. Das Runtergleiten auf dem absteigenden Ast setzt sich bei BSS fort, sehr bedauerlich.
(** ½)