Songwriter

Reingehört (371): Gill Landry, Ed Dupas

“There’s only two kinds of music: the blues and zippety doo-dah.”
(Townes Van Zandt)

Gill Landry – Love Rides A Dark Horse (2017, Loose Music)

War schon unter dem Pseudonym Frank Lemon zugange und in vergangenen Tagen mit der Nashville-Bluegrass-/String-Band Old Crow Medicine Show unterwegs, solistisch schert sich Gill Landry auf „Love Rides A Dark Horse“ kaum um die tradierten Muster des Country-Mainstream, mit seinen neun neuen, dieser Tage bei Loose Music erschienenen Songs bietet er in den Stimmungs-aufgehellteren Kompositionen wie „Denver Girls“ oder „Berlin“ mit verhallten Slide-Gitarren durchwehte, staubige Southern-Gothic-Kleinode, die sich trotz gespenstischer Atmosphäre und unterschwelligen Beklemmungsanwandlungen angenehm ins Ohr schmeicheln, der charakteristische, abgeklärte Bariton des Songwriters tut hierzu sein Übriges. In den melancholischeren, getragenen, ins Desillusionierte und Grübelnde kippenden Folk-Balladen ist Landry maximalst weit entfernt von beschwingtem Cowboy-Gepolter, Musik, zu der man alleine an der Bar sitzend in sein schales Bier weinen möchte, der Soundtrack für den Leichenschmaus zur Beerdigung des amerikanischen Traums. Dark Doom Country-Folk-Geschichten über Liebe, Hass, Desillusionierung von einem einsamen Wolf, der fertig ist mit der Lebensabschnittsgefährtin, seinem Umfeld und der Welt im allgemeinen. Spendiert dem Mann einen Drink und/oder kauft seine Platte, er hat es verdient.
(**** ½ – *****)

Ed Dupas – Tennessee Night (2017, Independent Records)

Nochmal hochanständiger Stoff aus der Americana-Ecke, bereits seit dem Frühsommer zu haben: Ed Dupas, geboren in Texas, aufgewachsen in Kanada, mittlerweile ansässig in Ann Arbor/Michigan, hält auf „Tennessee Night“ gekonnt die Balance zwischen Alternative Country, Midtempo-Folk-Rock und einer zu Herzen gehenden Balladen-Kunst, die unüberhörbar geprägt wurde von der Tondichtung altvorderer Säulenheiliger wie Steve Earle oder Guy Clark. Die nicht zu knapp bemessene Portion Schmelz in Gesang und Slide-Gitarren-Spiel geht tief rein in Gemüt und Seele der westlich sozialisierten Urban-Cowboys, Vorort-Desperados und Prärie-Outlaws, sie garantiert wohlige Ergriffenheit, sporadisch nah an der Grenze zum Herzschmerz-Kitsch, diese dankenswerter Weise aber nie überschreitend oder ausdehnend. Klassischer Heartland-Stoff, der Uncle-Tupelo-Verehrer_Innen genauso reinlaufen dürfte wie Springsteen- und Mellencamp-Freund_Innen, hoher Abdeckungsgrad Hilfsausdruck.
Geschichten über gebrochene Herzen, Road Trips, Motel Rooms und die Hoffnung auf bessere Zeiten im amerikanischen Alltag, der passende Working-Class-Stoff zum beseelten No-Depression-Sound, unkompliziert wie effektiv in Szene gesetzt.
(**** ½ – *****)

Advertisements

Reingehört (370): The Rural Alberta Advantage

„Our music’s pretty honest and it’s who we are as people.“
(Nils Edenloff)

The Rural Alberta Advantage – The Wild (2017, Paper Bag Records / Saddle Creek)

Alles andere als Veröffentlichungs-Weltmeister, das Trio aus Toronto, „The Wild“ ist gerade mal der vierte Longplayer seit Bandgründung von The Rural Alberta Advantage Mitte der Nuller-Jahre, getreu dem Motto „Gut Ding will Weile haben“ wird die jahrelange Warterei dieser Tage endlich reichlich entlohnt, Klasse statt Masse gilt für zehn neue RAA-Songperlen. Die fesche Amy Cole hat 2016 ihren angestammten Platz an den Keyboards und Background Vocals an die fesche Robin Hatch abgetreten, ansonsten hat sich bei den Kanadiern im Wesentlichen nichts geändert, und dafür gab es auch kaum Veranlassung.
Frontmann Nils Edenloff heult wie eh und je zuweilen mit einer Inbrunst, als gäbe es kein Morgen, das Uptempo-Geschrammel auf der Wandergitarre kommt unvermindert zackig im stringenten Anschlag, das antreibende Getrommel im selbigen, die Ausschmückungen in Form von wohligem Melodien-Zauber liefern der fein im Hintergrund orgelnde Keyboard-Sound wie die ergänzenden Harmoniegesänge, fertig ist die Laube.
Die anrührende Indie-Dramatik und der Tanzbein-animierende Drive irgendwo zwischen Speed-Folkrock, gekonntem Balladen-Songwriting und bewusst einfach wie unkompliziert gehaltenem Gitarren-Pop sind mit den Jahren gut gereift und durch sporadisches Touren erprobt wie veredelt worden, mit dem Opener „Beacon Hill“ ist die geneigte Hörerschaft sofort an der Angel, exakt wie das Publikum vom Start weg bei den energetischen Auftritten der Band.
Mit dem furiosen, völlig entfesselten „Wild Grin“ kurz vor Ende des Tonträgers vertreiben The RAA all die belanglosen Mainstream-Grattler, die sich über die letzten Jahre in den heiligen Hallen des Indie-Rock frech breit gemacht haben – wie unser Herr höchstselbst seinerzeit das Geldwechsler- und Händler-Volk bei der Tempelreinigung – circa von Arcade Fire über die 2017er-Bankrotteure The National bis hin zu Adam Granduciel und seinem unsäglichen Krieg gegen die Drogen, „nausg’haut mit der Scheiß-Bürscht’n“, wie ein bayerisches Kabarett-Schwergewicht so brachial wie treffend anmerken würde. Kümmerer, wie sie sind, entlassen die drei Musikanten_Innen die Hörerschaft nicht in derart aufgewühltem Zustand aus der Nummer, mit „Letting Go“ wartet zum Schluss eine herrlich entspannte wie dezent nostalgisch-melancholische Prärie-Ballade, die das Album sanft abgefedert ausklingen lässt.
„The Wild“ erscheint morgen beim Künstler-geführten Label Paper Bag Records in Toronto, beherztes Zugreifen ist dringend ans Herz gelegt.
(*****)

Reingehört (364): Jon Langford, Lee Ranaldo, The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die

The World Is A Beautiful Place And I Am No Longer Afraid To Die – Always Foreign (2017, Epitaph)

Hilft alles nix: Die Band aus Connecticut mit dem Kilometer-langen Bandnamen war schon mal weitaus beeindruckender und vor allem intensiver unterwegs in Sachen Postrock und Emo-Core. „Always Foreign“ ist über weite Strecken im Würgegriff von dominierendem Psychedelic-Beatles-Pop-Geschwurbel und Konsens-Indie-Geplätscher, quasi doppelt-plus-ungut, erst gegen Ende, in den abschließenden Stücken „Fuzz Minor“ und vor allem im finalen „Infinite Steve“ mag partiell sowas wie die beglückende Vehemenz berauschender Postrock-Gitarren-Dramatik aufkommen, gepaart mit den auf vergangenen Werken und im konzertanten Vortrag typischen Anlehnungen an den betörenden Emo-Post-Hardcore von Shudder To Think, für einen 40-Minuten-Longplayer unterm Strich bei weitem zu wenig für eine Band, auf die man einst große Stücke hielt.
(***)

Lee Ranaldo – Electric Trim (2017, Mute)

Ex-Sonic-Youth-Gitarrenmeister Lee Ranaldo ist auf „Electric Trim“ weit entfernt von früheren Feedback- und Rückkopplungs-Exzessen, der New Yorker gibt sich auf der jüngsten Solo-Arbeit betont entspannt, Song-orientiert, an etlichen Schwachstellen des Werks geradezu aufreizend gefällig. Dank vereinzelter Perlen wie dem coolen und gleichsam treibenden Neo-Prärie-Rocker „Uncle Skeleton“ oder dem eingangs saumseligen, von Sharon Van Etten gesanglich begleiteten, im zweiten Teil euphorisch explodierenden „Last Looks“ sowie einigen gelungenen Softcore-Balladen und Psychedelic-Pop-eingefärbten Indie-Rockern bleibt die Langweiler-Gelbe-Karte für dieses Mal in der Brusttasche stecken und wir belassen es für die eingestreuten tonalen Schlaftabletten im Geiste akustischen McCartney-Geplätschers und das belanglose Jazz-Gitarren-Gefrickel bei einer dezenten Verwarnung.
Unterstützt von Sonic-Youth-Spezi Steve Shelley an den Drums und Ausnahme-Gitarrist Nels Cline, der das partielle, Füße-einschläfernde Geschrammel bereits bestens von seiner derzeit schwer im Sinkflug befindlichen Hauscombo Wilco kennt. Fürderhin nutzloses Wissen vom Beipackzettel für das Literatur-Volk: Brooklyn-Romancier Jonathan Lethem hat die Entstehung etlicher Stücke beim Texten begleitet.
(****)

Jon Langford – Four Lost Souls (2017, Bloodshot Records)

Working Class Socialist und Mekons-Mitbegründer Jon Langford zieht mit seinem jüngsten Solo-Album stilistisch wie kaum anders zu erwarten schwer in Richtung Waco Brothers, seiner seit über 20 Jahren aktiven Chicagoer Alternative-Country-Combo, die Aufnahmen für „Four Lost Souls“ entstanden im legendären Muscle Shoals Sound Studio in Sheffield/Alabama, unter maßgeblicher Hilfe vom ehemaligen Elvis-Bassisten Norbert Putnam und von „Muscle Shoals Rhythm Section“-Mitbegründer David Hood. Die Beteiligung dieser tief in der amerikanischen Musiktradition verhafteten alten Kämpen mag den Umstand begründen, dass der Tonträger zwar mit der von Langford wie seinen Combos gewohnten, griffigen Alternative-Dramatik in „Poor Valley Radio“ eröffnet, im weiteren Verlauf aber zusehends den gängigen, Massen-kompatiblen wie austauschbaren Country-, Rock’n’Roll- und – in der ausgeprägten Form vom ollen Jon und seinen Gesangs-Duett-Mädels bisher so nicht vernommen – Soul-Mustern Tribut zollt und in einer Handvoll belangloser Titel völlig darin versumpft. Das Langford-typische Feuer ist in weiten Teilen nur ein schwaches Glimmen, mit seinem in der Vergangenheit hochgeschätzten leidenschaftlichen Vortrag ist es dieses Mal nicht weit her, schade, man hätte einen Guten wie ihn gerne wieder und grundsätzlich immer mit dickem Lob überzuckert.
Das Plattencover hat der profilierte Kunstmaler Langford naheliegend selbst gestaltet, wenigstens dafür uneingeschränkt Daumen hoch.
(*** ½)