Songwriter

Madrugada @ Technikum, München, 2019-02-28

Like some new mountain range
Leave the lowlands behind
(Madrugada, The Kids Are On High Street)

Als im vergangenen Herbst die Meldung die Runde machte, dass die norwegische Indie-Legende Madrugada nach 10 Jahren Auszeit den Betrieb wieder aufnimmt, wurde das mancherorts als kleine Sensation gefeiert. Die Band stellte 2008 ihr letztes Album fertig, während der Aufnahmen verstarb Gitarrist Robert Burås unerwartet im Jahr zuvor, Sänger Sivert Høyem und Bassist Frode Jacobsen entschieden sich seinerzeit zu einer letzten Tour zur Tonträger-Promotion und lösten die Band im Anschluss auf.
2019 nun die Reunion der verbleibenden Gründungsmitglieder, neben Høyem und Jacobsen ist der zwischenzeitlich ausgestiegene Ur-Drummer Jon Lauvland Pettersen wieder mit an Bord, unterstützt von den Tour-Gitarristen Cato Thomassen und Christer Knutsen ist die Band derzeit auf ausgedehnter Konzertreise in Europa zur Feier des 20jährigen Jubiläum ihres 1999er Debütalbums „Industrial Silence“ unterwegs, ihr letzter regulärer Deutschland-Termin ließ Madrugada dankenswerterweise im Münchner Technikum Station machen.
„Ausverkauft“ vermeldeten die Ticket-Dealer bereits weit vor Ende des letzten Jahres zum anstehenden Gig, die Fans im Süden der Republik waren in freudiger Erwartung fix bei der Hand beim Billett-Kauf, und so nahm es nicht weiter Wunder, dass die Stimmung im Saal bereits bei Bühnen-Betreten der Musiker kurz vor dem Siedepunkt war. Dahingehend sollte sich die Betriebstemperatur an diesem denkwürdigen Abend auch nicht mehr abkühlen und gegen Ende hin gar zu glückseliger Euphorie steigern, lange wurde keine Combo mehr so dankbar abgefeiert wie die Alternative-Rock-Institution aus dem hohen Norden. Und die Band wurde der entgegengebrachten Verehrung in ihrem gut zweistündigen Set durchgehend gerecht, dahingehend dürfte es keine zwei Meinungen unter den Besuchern der Veranstaltung geben.
Im ersten Teil des Konzert-Abends also „Industrial Silence“ zur Gänze, der Debüt-Meilenstein und neben „The Deep End“ das vermutlich beste Madrugada-Album, auf dem die Band alle ihre geschätzten Qualitäten bereits zur vollen Entfaltung brachte: Herausragende Indie-Rock-Songs zwischen großen, überbordenden Gefühlen, melancholischen Anwandlungen in einer dunklen Grundstimmung, exzellente Balladen-Kunst und das ausgeprägte Gespür für einen dichten Alternative-Rock-Sound, der das Blues-Jaulen der Strom-Gitarre und die süffigen, satten Riffs zu feiern weiß. Dem Mann am Mischpult sei Dank für den glasklaren Sound, Sänger Sivert Høyem, hoch sympathischer Moderator des Abends, verzauberte mit seinem warmen, wohl tönenden Bariton, als leidenschaftlicher Rock-Frontmann wie als emotionaler Balladen-Crooner, die Band ließ ihre Einflüsse aus dem Prärie- und Wüsten-Blues des Gun Club bis hin zur härteren Gangart aus der Underground-Garage der Stooges durchscheinen und unterstrich nachdrücklich, dass der Soundtrack für geheimnisvolle David-Lynch-Szenarien, zur Untermalung von nächtlichen Fahrten über den Highway oder zur Beschallung für das mitternächtliche, einsame Weinen ins Bier am nächsten Tresen seit jeher im skandinavischen Raum bunte Blüten treibt – die Mojave-Wüste, das Motel in the middle of nowhere und die Interstate 5 sind scheint’s da oben irgendwo zwischen Stokmarknes und Oslo zu verorten.
Im zweiten Teil boten Madrugada in einer Auswahl an Songs aus den späteren Alben noch einmal großes Kino an dichtem Sound und intensiver Song-Kunst, ein ausgedehnter Zugaben-Block in stetiger Spannungssteigerung offenbarte das Ausnahme-Talent der Band für die erhebenden, hymnischen Momente des Indie-Rock. Nicht weniger als pure Ergriffenheit beim Grande Finale im gesamten Saal mit der heiligen Dreifaltigkeit aus „Majesty“, „The Kids Are On High Street“ und „Valley Of Deception“, epische Song-Dramen und große Melodien, die das Beste zum Schluss kredenzten und damit für das Publikum keine Wünsche mehr offen ließen.
Nicht jedes Comeback glückt, so manche Reunion darf man getrost unbesehen durchwinken, Aufgewärmtes mag ab und an einfach nicht mehr munden, bei Madrugada hingegen war die Rückkehr auf die Bühnenbretter dieser Welt mindestens am vergangenen Donnerstag in München ein einziger, rauschhafter Triumphzug, vermutlich verhält es sich auf jeder weiteren Station ihrer Tour kaum anders. In der Form hat der Indie-Rock auch heute noch weit mehr zu bieten als den handelsüblichen Einheitsbrei, so manche zeitgenössische Band darf sich bei den Skandinaviern abschauen, wo das Werkzeug aus der „Norwegian Hammerworks Corp.“ hängt.
Madrugada 2019: Als wären sie nie weg gewesen. Und nie waren sie so wertvoll wie heute. Wie ausnehmend schön, dass sie wieder da sind.

Werbeanzeigen

Eine Kerze für Mark Hollis

Der englische Musiker und Songwriter Mark Hollis ist gestern im Alter von 64 Jahren in London gestorben. Zusammen mit dem Drummer Lee Harris und dem Bassisten Paul Webb gründete er 1981 die Synthie-Pop-Band Talk Talk, die in der Frühphase ihrer Karriere eine Handvoll Hits wie „Such A Shame“ und „It’s My Life“ in den Singles-Charts platzieren konnte. Nach dem Erfolg ihres dritten Albums „The Colour Of Spring“ setzte sich die Band mit experimentelleren Klängen auseinander, auf den letzten beiden regulären Tonträgern wandte sie sich in zeitlosen Kompositionen ab vom gängigen New-Wave-Pop der Achtziger, hin zu kammermusikalischer Neo-Klassik, Jazz, Progressive-/Krautrock-Elementen und einer frühen, von Talk Talk selbst geprägten Spielart des Postrock, mit der die Engländer den Sound nachfolgender Formationen des Genres wie Mogwai oder Godspeed You! Black Emperor maßgeblich beeinflussten.
Talk Talk lösten sich nach den Sessions zu ihrem exzellenten 1991er-Album „Laughing Stock“ auf. Mark Hollis veröffentlichte 1998 im Nachgang ein einziges Solo-Werk unter seinem Namen, ein Meisterwerk, das in den bisher erschienenen Nachrufen nur erstaunlich knappe Erwähnung findet. „Mark Hollis“ ist geprägt von einer grandiosen Mixtur aus akustischem Kammer-Pop und Folk, edlen Jazz-Elementen, dezenten Neu-Klassik-Zitaten und Ambient-artiger Entrücktheit, zu denen Hollis in melancholischer Empathie seine Lyrics oft mehr klagt als singt, ein von Ruhe und Erhabenheit durchwirktes Gesamtkunstwerk, das in seiner minimalistischen Entschleunigung völlig abgeklärt wirkt und zu Teilen nicht mehr im Diesseits verhaftet zu sein scheint. Das Album ist Hollis‘ eigentliches Vermächtnis an die Musikwelt, der er bereits vor zwanzig Jahren für immer den Rücken kehrte.

Baby Kreuzberg @ KAP37, München, 2019-02-22

Stadien-Schnulzer Springsteen gibt in seiner bei Netflix ausgestrahlten, unsäglich langweiligen und vor allem unsäglich affektierten „On Broadway“-Show eingangs unumwunden zu, dass er in seinem Leben unterm Strich noch nie was Vorzeigbares an Knochenjobs in den Mühlen der Lohnsklaverei gearbeitet hat und damit in seinen zahlreichen Working-Class-Songs von selbst nie Erlebtem, allenfalls von Erfahrungen aus zweiter Hand erzählt – hinsichtlich Authentizität eine ganz arme Nummer (Böse Zungen werden an der Stelle einwerfen, beim Mainstream-Bruce größtenteils nicht nur dahingehend).
Was die Geschichten und Hintergründe seiner Texte betrifft, geht es beim Berliner Songwriter Marceese Trabus aka Baby Kreuzberg gern thematisch mindestens eine Nummer kleiner als beim fragwürdigen „Boss“, dafür liegt er in puncto Glaubwürdigkeit ganz weit vorne – wenn er sich in Songs wie „Monkey Bussiness“ oder „Ain’t No Texas Ranger“ über Konzert-Veranstalter auslässt, die den gebuchten Künstler um ihre Gage prellen, oder über angesagte Live-Clubs in Neukölln, die grundsätzlich nur Musiker aus New York oder Chicago buchen, keinesfalls einen aus dem örtlichen Kiez, dann weiß Marceese aus seiner eigenen Vita, wovon er spricht.
Im Rahmen seiner laufenden „Speak Of The Devil“-Solo-Tour machte der Berliner Barde am vergangenen Freitag im Münchner KAP37 Halt, die heimelige Bühne der Nachbarschaftshilfe Westermühlbach ist wie geschaffen für einen Entertainer seines Schlages, der Saal war gut gefüllt, und so konnte einem erbauenden, das Gemüt nach harten Arbeitstagen wieder aufrichtenden Songwriter-Abend zum Wochenausklang nichts mehr im Wege stehen. Tat’s auch nicht. Dem Musiker eilte aufgrund jahrzehntelangem, fleißig bespieltem Tour-Betrieb und zahlreichen Band- wie Solo-Projekten ein exzellenter Ruf voraus, diesen unterstrich er an dem Abend auf das Angenehmste. Charmant, unaufgeregt und mit dem Humor seiner Berliner Herkunft moderierte Baby Kreuzberg sein umfangreiches Repertoire, das trotz vielseitiger stilistischer Ausprägungen als homogenes Gesamtwerk zu überzeugen wusste. Das geerdete, wahrhaftige, in Americana-Tradition verwurzelte Songwriting bildete den Hauptstamm eines reichhaltig blühenden Baums, ob als Herz-anrührende Alternative-Country-Ballade, als trockener Acoustic-Blues, schmissiger Rock’n’Roll-Twang oder als schlichte, elegante Liedermacher-Melodie zum deutsch vorgetragenen Liebesgedicht an die Herzallerliebste daheim, der Berliner kennt die Vorbilder und hat viel Eigenes anzumerken.
Instrumental ein bewanderter Virtuose auf seinen sechs Saiten, gab der Solist Einblick in sein breitgefächertes Können, ob mit ruppigerem Garagen-Blues auf der Halbakustischen, den selbst eine Indie-Legende wie Alex Chilton nicht kaputt-trashiger aus dem Übungskeller gezogen hätte, oder mit dem 10-minütigen Akustik-Instrumental „Eclipse“ seines Seitenprojekts „Yer International Humbug“, das mit Herrlichkeiten wie Flamenco-Zitaten und Trance-artiger Desert-Psychedelic in den Bann zog, ob mit ausgedehnten, nachhallend lärmenden Feedback-Orgien im Zusammenspiel von Gitarre, Pedalen und der Lautsprecher-Box zum kontrastreichen Durchbrechen und Konterkarieren der entspannten, ruhigen Grundstimmung des Abends, selbst der seinerzeit ab Ende der Siebziger von den Sendern totgespielten Pink-Floyd-Hitnummer „Another Brick In The Wall“ hauchte Marceese in Form einer dringlichen Folk-Blues-Version neues Leben ein. In dem Rahmen nicht vermutete Geistesverwandtschaft zum brachialen Geknüppel der vom Künstler in der Vergangenheit gerne gehörten Slayer, inhaltlich in Form zweier Serienkiller-Balladen mit morbiden Schilderungen durch die Brille der Delinquenten, Baby Kreuzberg zollte damit wohl thematisch auch seiner eigenen musikalischen Vergangenheit mit der Berliner Trash-Metal-Combo „gate“ Tribut. Der im Rock der harten Gangart prominent vertretene wie im Tour-Titel erwähnte Teufel himself durfte in dem Zusammenhang auch nicht fehlen, wo er andernorts seinen Auftritt als Pudel oder irgendwo im Detail steckend hat, inkarnierte er beim Berliner Songwriter als verflossene Liebschaft in einer bitter-süßen Tirade auf Abhängigkeiten und die Tyrannei böser Weiber.
Damit’s nicht allzu bierernst und trübsinnig wurde, schoss Baby Kreuzberg satirische Spitzen gegen das Berliner Hipster-Volk, das sich in seinen Unarten von den Münchner Exemplaren im Wesentlichen kaum unterscheidet, gegen Social-Media- und Smartphone-Junkies, und gab selbstironische Einblicke ins eigene Familienleben. Ob die beiden Songs aus seinem Kinderlieder-Projekt „Raketen Erna“ an diesem Abend unbedingt in die Setlist gehörten, man könnte lange darüber diskutieren, immerhin werden Tagsüber in der Nachbarschaftshilfe am Westermühlbach auch Kinder betreut, damit lag’s dann hinsichtlich Lokalität schon mal nicht ganz falsch. Kurzer Werbe-Block für das eigene Schaffen ist auch nicht verboten, zumal sich viel potentielle Kundschaft im Auditorium tummelte, und mehr Schmiss und Pfiff als „Hänschen-Klein“ hatten die deutschen Texte aus Sicht einer Rotzgöre mit Berliner Schnauze allemal.
Von der tiefen Entspannung der Country-Folk-Holzveranda über die Trash-Garage in die Blues-Kaschemme, mit Abstechern auf den lärmenden Pausenhof des Kindergartens, in die staubtrockene Hitze der Wüste und in die seelischen Abgründe von Massenmördern, dagegen nimmt sich die „Reise um die Erde in 80 Tagen“ aus wie ein urfader Pauschal-Trip, von der orchestralen Beschallung auf der Schiffs-Passage um den Globus ganz zu schweigen.
Baby Kreuzberg und das KAP37, das hat gepasst: Eine der schönsten Münchner Bühnen für das Songwriter-Genre, und einer der versiertesten Vertreter der Zunft hierzulande, die hätten die Tauben nicht schöner zusammentragen können, wie die Alten in so einem Fall treffend anmerken.

Der All-Americana-Gitarrist mit der wohl tönenden, ab und an latent ins Brüchige kippenden Stimme und dem umfangreichen, nicht in Schubladen zu pressenden, gleichsam stets stimmigen Gewerk tritt in München wieder am 27. März in der Shotgun Sister Coffeebar auf, Deisenhofener Straße 40, 20.00 Uhr. Weitere, zahlreich stattfindende Konzerttermine von Baby Kreuzberg finden sich auf seiner Homepage, guckst Du hier. Highly recommended!

Das nächste SchaufensterKonzert im KAP37 findet am 21. März statt, der Hong Kong Jockey Club wird bekanntes Liedgut in unbekannten Versionen spielen, damit sind freudige Überraschungen garantiert – Derartiges beherrschte die Combo bereits unter dem alten Band-Namen Fly In The Ointment auf das Unterhaltsamste. Und wer hören will, wie Howlin‘ Wolf nach Sex-Pistols-Punk klingt (oder andersrum?), die Doors wie eine Ska-Band, oder warum olle Schmonzetten wie „Rebel Yell“ oder „Personal Jesus“ im richtigen Gewand dann doch mehr als nur passable Nummern sind, die- oder derjenige sollte sich den Termin schon mal vormerken. Fasching ist zwar dann schon vorbei, aber getanzt werden darf trotzdem. München, Kapuzinerstraße 37. 20.00 Uhr. Auch highly recommended, eh klar.