Chris Forsyth

Abgerechnet wird zum Schluss: Die Platten des Jahres 2019

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.
(Friedrich Nietzsche)

Zum Jahresende ein (sehr wahrscheinlich) letztes Mal, aus alter Gewohnheit, und um die Nummer hier zu einem halbwegs geschmeidigen Ende zu bringen: eine Kulturforum-Liste der Lieblings-Alben 2019, die Top 25 Longplayer, subjektiv, absolut unvollständig, in jedem Fall ergänzungswürdig, unfertig, ohne weitere Kommentare. Weil das Leben 2019 zu Teilen ein Irrtum war. Seit dem Spätsommer keine Platten-Besprechungen mehr in diesem Theater. Zeitmangel, dadurch bedingt fehlende Muse und zunehmend weniger Lust am Fabulieren. So manches Weitere wäre unbedingt erwähnenswert gewesen, das neue Großwerk der runderneuerten Swans, der aktuelle Output der grandiosen französischen Postrock-Experimentierer von Oiseaux-Tempête, die jüngste Song-Sammlung von Baby Kreuzberg, das exzellente Krautrock-Album „The Ground“ des Hamburger Quartetts Halma, mit „Odds Against Tomorrow“ ein weiteres Meisterwerk des US-Gitarristen Bill Orcutt, der zweite Wurf der Münchner Rembetiko-No-Waver The Grexits, um nur ein paar wenige, sträflich vernachlässigte Beispiele zu nennen. Es sollte nicht sein, und es wird wohl auch nicht mehr werden. Anyway, alles hat seine Zeit, und manchmal spielt die Musik eben wo anders…
Danke für’s Lesen, danke für’s Reinhören, alles Gute für 2020 und darüber hinaus.

(01) Matana Roberts – COIN COIN Chapter Four: Memphis (2019, Constellation Records)
(02) Chris Forsyth – All Time Present (2019, No Quarter)
(03) Alexander Tucker – Guild Of The Asbestos Weaver (2019, Thrill Jockey Records)
(04) Lonesome Shack – Desert Dreams (2019, Alive Naturalsound Records)
(05) Siskiyou – Not Somewhere (2019, Constellation Records)
(06) H – H (2019, Echokammer)
(07) Fly Pan Am – C’est ça (2019, Constellation Records)
(08) Barst – Re: Cycles (2019, Consouling Sounds)
(09) House And Land – Across The Field (2019, Thrill Jockey Records)
(10) Lungbutter – Honey (2019, Constellation Records)
(11) Ni – Pantophobie (2019, Dur et Doux)
(12) Trigger Cut – Buster (2019, Bandcamp)
(13) Träden – Träden (2018, Subliminal Sounds)
(14) Steve Gunn – The Unseen In Between (2019, Matador)
(15) Erlend Apneseth Trio with Frode Haltli – Salika, Molika (2019, Hubro)
(16) Ralph Heidel // Homo Ludens – Moments Of Resonance (2019, Kryptox Records)
(17) Deadbeat & Camara – Trinity Thirty (2019, Constellation Records)
(18) Dire Wolves – Grow Towards The Light (2019, Beyond Beyond Is Beyond Records)
(19) Oozing Wound – High Anxiety (2019, Thrill Jockey Records)
(20) Efrim Manuel Menuck & Kevin Doria – are SING SINCK, SING (2019, Constellation Records)
(21) Black To Comm – Seven Horses For Seven Kings (2019, Thrill Jockey Records)
(22) Radare – Der Endless Dream (2019, Golden Antenna Records)
(23) William Tyler – Goes West (2019, Merge Records)
(24) Endon – Boy Meets Girl (2019, Thrill Jockey Records)
(25) Mono – Nowhere Now Here (2019, Pelagic Records)

Reingehört (530): Chris Forsyth

„a near-perfect balance between 70s rock tradition and present day experimentation“
(Pitchfork)

Chris Forsyth – All Time Present (2019, No Quarter)

Hochamt für die Freunde der psychedelischen Rockgitarre, aus der faszinierenden Welt des Chris Forsyth: Der Ausnahmemusiker aus Philadelphia hat zusammen mit Mitgliedern seiner Solar Motel Band und weiteren Gästen mit „All Time Present“ das nächste Glanzstück im Zusammenspiel zwischen Verhaften in der amerikanischen Musikhistorie und experimentellem Trance-Flow aus dem Hut gezaubert. Wo die vorangegangene Arbeit „Dreaming In The Non-Dream“ unter anderem mit Verweisen in den Krautrock und die englische Progressive-Schule der Früh-Siebziger aufwartete, konzentriert sich das neue Werk weit mehr auf die Interpretation und Einbindung klassischer Formen der US-Rockmusik im Kontext freier Experimental-Exerzitien. Forsyth präsentiert sich auf den acht neuen, zum Teil ausladend langen Nummern in glänzender Spiellaune, vor Ideen sprühend, technisch versiert wie stets und dabei weitgehend losgelöst von beengenden Konventionen. Die Form ist gewahrt, der Geist darf sich darin völlig ungehemmt und gedeihlich entfalten.
Die mancherorts eingewertete Postrock-Kategorisierung ist allenfalls durch die ausgedehnt langen Instrumental-Passagen gerechtfertigt, der Gitarrist lässt das Fundament aus klassischem Roots-, Desert- und Psychedelic-Rock zu freien Cosmic-American-Jams, Jazzrock-verwandten Improvisationen und hypnotischen Halluzinationen auswachsen.
Die Eröffnungsnummer „Tomorrow Might As Well Be Today“ ist ein beschwingtes Folk/Indie-Rock-Instrumental im Radio-Format als eingängige Lockerungsübung an der Grenze zum Jangle-Pop, mit „Mystic Mountain“ geht es dann erstmals auf ausgedehnten Trip in die heißen und trockenen Wüstenregionen, durchdrungen von psychedelisch flimmernden Luft-Phänomenen, das gefährliche Lauern der Klapperschlangen und der Peyote-Rausch sind nicht fern. „The Man Who Knows Too Much“ als feine, von mystischen Sirenen-Klängen des Synthies umwehte Akustikgitarren-Miniatur ist dann bereits das letzte Stück in klassischer Drei-Minuten-Kürze, die restliche Stunde bietet fünf Kompositionen in erschöpfender Ausdehnung zwischen knapp neun und annähernd zwanzig Minuten. „Dream Song“ ist tatsächlich traumwandlerisch grandiose Desert-Psychedelia mit ausladenden, herrlich jaulenden, lichternden Gitarren-Soli/Riffs und gespenstisch entrücktem Gastgesang von Rosali Middleman.
In „New Paranoid Cat“ glänzt Forsyth eingangs noch einmal als versierter Musiker an der akustischen Gitarre, der repetitive, wenig variierende Charakter der Nummer erinnert im Vorspann an Werke der American Primitive Guitar und wächst sich später zu einem bunt funkelnden Spektrum an opulenten, halluzinogenen Klangfarben aus.
Der über neun-minütige minimalistische Gitarren-Trance-Flow in „(Livin‘ In) Cubist Time“ nimmt sich aus wie eine Anmerkung und Fortführung zu den „Plunderphonics“-Samples und Sound-Layern, mit denen der kanadische Komponist John Oswald Mitte der Neunziger über hundert Aufnahmen der frei improvisierten Space-Jam-Nummer „Dark Star“ der Grateful Dead auf dem Album „Greyfolded“ zu den beiden abstrakt-surrealen Psychedelic-Kompositionen „Transitive Axis“ und „Mirror Ashes“ verdichtete. Überhaupt „Dark Star“ als Referenzwerk: Auch „The Past Ain’t Passed“ atmet diesen Improvisations-Spirit und geht als dezent vom indischen Raga durchwirkte, aktuelle Interpretation des Live-Klassikers von Garcia, Weir und Co. ohne Beanstandungen seitens der Deadhead-Fraktion durch. Das fast zwanzig-minütige „Techno Top“ ist ein schier endlos driftender Gitarren-Rave mit dezenten Electronica-Beigaben im funky Rhythmus zum finalen Tanz ins entrückte Nirvana, Forsyth selbst nennt das seine „nihilistic disco accountant“ Vibes.
Manche Musiker sind heilfroh, wenn sie auf ihren Alben dann und wann den ein oder anderen Ohrwurm zuwege bringen, Chris Forsyth hat mit „All Time Present“ eine ausgewachsene Riesenschlange als über 70-minütiges Komplettwerk im Doppel-LP-Format in die Welt und in die Gehörgänge gesetzt. Das feine Teil ist seit einer Woche im gut sortierten Plattenhandel und im Stream/Download-Netz zu haben.
(***** – ***** ½)