Reingehört (329): Lost Train Blues / V. A.

Let me eat when I’m hungry
Let me drink when I’m dry
Two dollars when I’m hard up
Religion when I die
(The Moonshiner)

Lost Train Blues: John & Alan Lomax And The Early Folk Music Collections At The Library Of Congress (2016, Jalopy Records)

Der Roots-Urstoff: „A 12“ black disc with tiny grooves containing music in a format only „record players“ understand“ – Erstmalig auf Tonträger gepresstes und Wiederveröffentlichtes aus den Aufnahme-Sessions, die der amerikanische Musikethnologe Alan Lomax und sein Vater John in den frühen dreißiger bis fünfziger Jahren während ihrer ausgedehnten Forschungsreisen in den USA als Field Recordings in Gefängnissen, in Farm-Scheunen, in Schulen oder in Kellern für das Archive of Folk Culture der Library of Congress in Washington sammelten.
Aus Anlass des hundertsten Geburtstags von Lomax junior von Brooklyn-Folk-Festival-Chef Eli Smith für das Jalopy-Records-Label kompiliert, bietet der 22-Stücke-Sampler einen exzellenten Querschnitt über die frühen Ausprägungen des amerikanischen Folk, neben Gospel-, Country- und Blues-Songs und überlieferten Traditionals wie dem allseits bekannten „St. James Infirmary“ oder dem von „Dad Horse“ Dirk Otten bis hin zu Uncle Tupelo besungenen „Moonshiner“ finden sich obskure Spoken-Word-Moritaten, feine A-Cappella-Folk-Hymnen und Stücke wie das von rituellen Gesängen der indigenen Ureinwohner beeinflusste „My One-Eyed Ford“ des Boys Chorus of the Santa Fe Indian School.
In einer Bandbreite zwischen christlichen Kirchenliedern und Balladen bis hin zu Arbeiter- und Gewerkschafter-Songs präsentiert sich der Stoff mit viel Patina, Schellack-Knacken und Rauschen, da konnte auch das behutsame Remastering nur punktuell und in homöopathischer Dosierung den Sound aufpeppen, der Qualität des Songmaterials tut dies keinen Abbruch.
Der heilige Gral und der musikalische Urmeter, dessen Bedeutung, Form und Inhalt sich Bands aus dem Muddy-Roots-Umfeld oder Combos wie die Felice Brothers, der Agnostic Mountain Gospel Choir oder die Blues-Trasher von Left Lane Cruiser – um nur einige Wenige zu nennen – auch heute noch gewahr sind – und von dem Talent-befreite Belanglos-Kapellen, drittklassige Schülerbands und abgeschmackte Mainstream-Hanseln vom Schlage The Head And The Heart, Fleet Foxes, The Decemberists oder Mumford & Sons hinsichtlich historischer Wurzeln und Verpflichtung offenkundig schlichtweg keinen blassen Schimmer haben, fuck dem all
Schön, dass es noch Platten-Labels gibt, die trotz schwer vermutlich ausbleibendem kommerziellem Erfolg den Mut aufbringen, für solche Liebhaber-Projekte die Tonträger-Presse anzuschmeißen, dafür kann es an Lob kaum zuviel geben.
(******)

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5 Kommentare

  1. Eine eindrucksvolle Bilanz, vor allem, wenn man sich klarmacht, dass sich in den 1930er Jahren die Folkloristen für die Musik der einfachen Leute jeglicher Herkunft und Rasse, die das eigentliche demokratische Substrat und Fermet amerikanischer Kultur darstellten, kaum interessierten.

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    1. Genau so ist es. Neben der kulturhistorischen und sozialen Relevanz ihrer Arbeit muss man den Herren Lomax vor allem zugute halten, dass die Folk- und Rockmusik der folgenden Jahrzehnte ohne ihre ausgedehnten Feldforschungen mit Sicherheit in der Form kaum vorstellbar gewesen wäre.

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      1. Interessant ist ja, dass der Schwerpunkt der Feldforscher gar nicht die Dokumentation des Blues war, sondern das, was man als „amerikanische Balladen“ bezeichnete. Da hatten sie noch ein Kapitel über Negro-Blues angefügt.

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