Reingehört (352): We Stood Like Kings

ko.yaa.nis.qatsi (from the Hopi language), n. 1. crazy life. 2. life in turmoil. 3. life disintegrating. 2. life out of balance. 5. a state of life that calls for another way of living.

We Stood Like Kings – USA 1982 (2017, Kapitän Platte)

„Chopin meets Pink Floyd meets Explosions In The Sky“ verkündet die Homepage von We Stood Like Kings über das musikalische Selbstverständnis des Quartetts aus Brüssel, das kann man getrost unwidersprochen so im Raum stehen lassen, die Band misst sich hier mit augenscheinlich gewichtiger wie prominenter Tonkunst, und das völlig zurecht, wohl fundiert und ohne falsche Bescheidenheit. Speziell mit ihrem neuen Projekt „USA 1982“ stapeln die jungen Belgier auch alles andere als tief, bei der Neuvertonung des Experimentalfilm-Klassikers „Koyaanisqatsi“ von Godfrey Reggio aus dem Jahr 1982 muss sich die Band immerhin mit dem Original-Score von Minimal-Music-Maestro Philip Glass als nahe liegende Referenzgröße und erwiesenermaßen bereits seit Jahrzehnten exzellent funktionierende Film-Beschallung messen lassen.
We Stood Like Kings haben sich seit 2011 auf das Komponieren von Filmmusik zu cineastischen Meisterwerken spezialisiert, in den vergangenen Jahren hat das Quartett die auch live zur Filmvorführung aufgeführten Arbeiten „Berlin 1927“ zu „Die Sinfonie der Großstadt“ von Walther Ruttmann und „USSR 1926“ als Stummfilm-Vertonung für Шестая часть мира / A Sixth Part Of The World“ des sowjetischen Dokumentarfilm-Pioniers Dziga Vertov konzipiert, nun als aktuelles Werk im opulenten Doppel-CD-Format ein neuer, alternativer Soundtrack für den auf einem Statement aus der indigenen Hopi-Sprache basierenden, zivilisationskritischen „Koyaanisqatsi“-Film über den Eingriff der Menschheit in die Abläufe der Natur und die dadurch ausgelöste Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts.
Wo der 1983 veröffentlichte Original-Soundtrack vor allem vom Orchester- und Chor-begleiteten, minimalistischen Keyboard-Spiel vom Philip-Glass-Experten und Dirigenten Michael Riesman dominiert wird, bietet die kompositorische Neuinterpretation von We Stood Like Kings einen vielschichtigeren Ansatz, zwar ist auch hier die Führung durch die Klanglandschaften durch Judith Hoorens‘ elegisches Pianospiel unzweideutig, neben der offensichtlich klassisch geschulten, Kammer-musikalischen Balladenkunst wie der moderneren Minimal-Music-Interpretation im Tastenanschlag der jungen Belgierin öffnen die Mannen der Band gerne, oft und in an- und abschwellenden Gezeiten den instrumental-experimentellen Horizont im bewährten Instrumental-Rock-Anschlag via Gitarre/Bass/Schlagwerk in Richtung gediegener, Ergriffenheit befeuernder, klassischer Prog-Rock englischer Prägung und hin zur Vehemenz der Post-Rock-affinen Soundwände und Klangwellen, die den begnadet-erhabenen Piano-Flow konterkarieren wie bereichern und in ihrer Eindringlichkeit den bewegten Bildern der Filmvorlage in nichts nachstehen.
Momente der Kontemplation gehen über in berauschende Sound-Klangfarben, meditative Versenkung gibt sich die Hand mit der jederzeit gut konsumierbaren Komplexität der als Einfluss tatsächlich erkennbaren mittleren Pink-Floyd-Ära, circa „Wish You Where Here“-Periode, die jahrhundertealte Kunst der Tondichtung für Piano in permanenter, neoklassischer Neuerfindung trifft den in der Hochphase der ausladenden Rockmusik verhafteten Progressive-Ansatz und die in die Zukunft gewandte, experimentellere Spielart des Postrock in einem spannenden wie stimmigen Crossover und generiert so ein Vielfaches seiner einzelnen Elemente.
„USA 1982“ erscheint am 22. September beim Bielefelder Kapitän-Platte-Label. Die feine ostwestfälische Plattenfirma für Post-, Indie-, Kraut-Rock und Experimental-Musik war in den vergangenen Jahren stets gut am Merchandising-Stand des dunk!-Festivals im belgischen Zottegem vertreten, für das dreitägige Hochamt des Postrock wären We Stood Like Kings die perfekt geschaffenen Kandidaten für die 2018er-Ausgabe, bitte dann mit begleitender Filmprojektion vor der Waldbühne, von Brüssel nach Velzeke/Zottegem/Ostflandern sind’s keine 50 Kilometer, da sollte doch was gehen…
(***** – ***** ½)

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4 Kommentare

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