Wovenhand + Emma Ruth Rundle @ Ampere, München, 2016-09-21

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Anfang/Mitte der Neunziger trieb in München mal eine Artcore-Band mit dem genialen Namen Schwermut Forest ihr Unwesen, das kaum genießbare Gedöns musste man seinerzeit das ein oder andere Mal im Vorprogramm von großen Indie-Nummern wie etwa Fugazi hinter sich bringen, aber wie gesagt, der Band-Name: sensationell.
In derart düsteres Gehölz führte uns auch ohne Umschweife am vergangenen Mittwoch die bezaubernde Songwriterin Emma Ruth Rundle aus L.A./California im Vorfeld zum anstehenden Wovenhand-Orkan, und aus diesen Wäldern sollten wir für den Rest des Abends nicht mehr so richtig herausfinden.
Neben ihren solistischen Arbeiten ist Rundle bei der amerikanischen Postrock-Institution Red Sparowes, der Experimental-Band Marriages und der Slowcore-Combo Nocturnes aktiv, die Gute kommt rum…
Die junge Frau von der amerikanischen Westcoast hat beim Verfassen ihrer Werke offensichtlich alles andere als Sonnenschein im Herzen, ihre Folksongs künden von der dunklen Seite des Lebens, spartanisch, hart und zupackend im Gitarrenanschlag, im weiteren Verlauf des Konzerts begleitet und bereichert durch die schwere Melancholie des Violinenspiels, verzweifelt, klagend, hypnotisch, mit dem Schicksal hadernd ist der Gesang der Amerikanerin, der irgendwo zwischen hoffnungsloser Entrücktheit, der intimen, mitternächtlichen, stimmlich-dunklen Erotik von Hope Sandoval/Mazzy Star und halluzinierender Pop-Psychedelic wandert.
Mit ihrem halbstündigen Vortrag sorgte Emma Ruth Rundle für eine der angenehmsten Überraschungen in jüngster Zeit hinsichtlich Konzert-Vorprogramm, der düstere Folk hätte auch über eine längere Distanz getragen, das begeisterte Publikum wäre mit Andacht dabeigewesen.
(**** ½ – *****)

Das Herantasten und Heranführen des Publikums an den Kern des eigenen musikalischen Kosmos war auch das Ding von David Eugene Edwards und seiner Southern-Gothic-Combo Wovenhand am Mittwochabend nicht, mit der geballten Wucht der jüngsten Aufnahmen wie etwa dem aktuell erschienenen Album „Star Treatment“ eröffnete die Band, die im Lineup hinsichtlich des letzten München-Konzerts um einen Keyboarder erweitert wurde.
Mit indianischen Beschwörungs-Riten und schweren Gitarren-Gewittern entfesselten Edwards und seine Mannen bereits zu Beginn einen Orkan, der die Zuhörer hineinzog in die Welt der Mythen der amerikanischen Ureinwohner, der religiösen Visionen und der staubtrockenen, düsteren, schweren Romantik des amerikanischen Südens. Vorbei sind die Zeiten, in denen der charismatische Edwards in der Frühphase von Wovenhand den dunkel funkelnden Appalachen-Alternative-Country-Geist seiner Vorgängerband 16 Horsepower in das Klangbild seines neuen Outfits herüberrettete und seine getragenen, beschwörenden Weisen zur halbakustischen Gitarre vortrug, Wovenhand sind konzertant endgültig in der finsteren, kochenden, bezwingenden, geradezu manischen „Tribal Psycho-Blues“-Welt des Gun Club angekommen, auch der treibende Underground-Blues der australischen Kult-Band Crime & The City Solution dient als Referenz zu den schneidenden Gitarren, Edwards selbst mischte beim Wiederaufleben der Combo um Simon Bonney im Jahr 2012 mit und dürfte einiges an Einflüssen aus dieser gedeihlichen Zusammenarbeit mitgenommen haben.
Bevor das Konzert mit „El-Bow“ vom „Refractory Obdurate“-Album und „King O King“ als einzige Zugabe den Schlusspunkt und furiosen Höhepunkt erreichte, zu dem vor allem Drummer Ordy Garrison wie bereits vor zwei Jahren im selben Saal mit virtuosem Schlagwerk-Donnern zu Hochform auflief, irritierte die Band im Mittelteil mit erratischen Ausflügen in psychedelischen Alternative-/Progressive-Rock, in diesen Passagen stand für Edwards vor allem das Predigen und Beschwören der Dämonen im Vordergrund, das begleitende Moog- und Wurlitzer-Georgel mochte nicht ungeteilt Wohlgefallen finden im vollgefüllten Ampere. Wird aber vermutlich niemanden vom Besuch abhalten, wenn Wovenhand beim nächsten Schamanen-Ritual ihren imaginären Totem-Pfahl in der Münchner Konzert-Landschaft aufstellen.
(**** ½)

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6 Kommentare

  1. Cool – hätte nicht das mir das gefällt, aber sowohl Emma Ruth Rundle als auch Wovenhand gefielen mir, vielleicht nicht gleich für ein ganzes Konzert, aber sehr spannend. Freu mich immer wieder wenn ich hier neues entdecke 🙂

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  2. Geil. Schwermut Forest. Mag mich noch an „Auf der Gästecouch“ mit den schon fast gerappten Lyrics erinnern.Das ist aber doch ziemlich Easy Listening. Waren die wirlich so krass artsy fartsy? Wovenhand in Zürich nicht gesehen, Ein kumpel von mir fands jedoch spitzenmässig, ein anderer scheisse. Geschmäcker eben….

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, die guten alten Schwermut Forest ;-)) Ich glaub, die haben sich im Lauf der Zeit weiterentwickelt, anfangs waren die live ungenießbar, irgendwann hab ich sie live zum letzten Mal Mitte der Neunziger gesehen, da ging’s dann einigermaßen…
      Wovenhand: hab auch schon bessere Konzerte von ihnen gesehen, war aber schon unterm Strich ganz ok. Aber ich schätze, an der Predigernummer scheiden sich die Geister, das übertreibt er langsam etwas. Kumpel von mir hat das Konzert in Hamburg beim Reeperbahnfestival gesehen, der konnte auch nix damit anfangen, wie Du sagst, Geschmackssache…
      Viele Grüße,
      Gerhard

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