Industrial

Reingehört (477): Petrolio

Petrolio – Intramoenia: Noises For Angela (2018, Low Noise Productions)

Das Noise-Projekt Petrolio ist ein Kind des Soundtüftlers Enrico Cerrato, der Musiker und Mixer aus der Piemont-Stadt Asti war/ist in diversen weiteren, vor allem im italienischen Musik-DIY-Underground bekannten Metal-, Industrial- und Jazz-Noise-Formationen wie Infection Code, Gabbiainferno und Moksa engagiert, umfängliche Erfahrungen, die er in die drei experimentellen Elektro-Noise-Entwürfe der EP „Intramoenia: Noises For Angela“ einfließen lässt, einer gut 18-minütigen klanglichen Untermalung für avantgardistische Theateraufführungen der Performerin Angela Teodorowsky.
Pochende Industrial-Kälte, verfremdete, verhallte, semi-melodische Synthie-Kraut-Mixturen, Sprach-Samplings, rudimentäre, vom Noise verdeckte Elektro-Pop-Elemente und synthetischer Trance-Flow greifen ineinander und verflechten sich zu einer komplexen Mixtur, die ein weites Klangfeld aufspannt von abstrakten Krach-Interferenzen und Strukturen-auflösenden Lärm-Soundwänden über den Ohren-schmeichelnden Wohlklang der italienischen Sprache in Spoken-Word-Beimischungen bis hin zu tanzbaren, mindestens zum Mitzucken animierenden Techno-/Industrial-Beats.
Trotz aller Künstlichkeit der abstrahierten Soundgebilde wirkt der Verbund der drei experimentellen Arbeiten wie ein natürlicher Organismus, der permanent mutiert und in der Weiterentwickelung immer neue Evolutionsformen annimmt. Die drei mittellangen Nummern funktionieren als stand-alone-Klanginstallation ordentlich und entfalten ihren ganzen Reiz vermutlich erst im multimedialen Kontext als Soundtrack zur zugedachten Bühnen-Performance der in der Widmung bedachten Angela.
(**** ½ – *****)

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Futuro de Hierro + Dame Area @ Pension Noise #11, Köşk, München, 2018-06-07

Zwei lärmende und höchst anregende experimentelle Projekte vom jungen Duo Silvia Konstance und Víctor Hurtado aus Barcelona am vergangenen Donnerstag im Rahmen der Veranstaltungsreihe Pension Noise im Münchner Köşk: Eingangs abstrakte Noise-Drones, rhythmisches Industrial-Pochen, verzerrte Beats, Heavy Ambient Space-Out-Soundtracks und irrwitziges Synthie-/Sampling-/White-Noise-Gelichter im steten Flow von Futuro de Hierro unter Federführung und garniert mit Trance-verwandten Spoken-Word-/Post-Rap-Sprachfetzen im politischen Kontext von Multi-Instrumentalist Hurtado aka Viktor Lux Crux, der in der Vergangenheit bereits mit musikalischen Avantgarde-Größen wie Jochen Arbeit und Nurse With Wounds zusammenarbeitete und an dem Abend von Silvia Konstance Knöpfe-drehend und damit raumgreifendes Electronica-Dröhnen und -Pfeifen erzeugend an Korg-Gerätschaften begleitet wurde, die Selbstauskunft des spanischen Klangkünstlers blieb an dem Abend unwidersprochen: „His live performances are high octane and visceral sonic assaults of disjointed rhythms, noise and vocals“. Durchaus. Musik zum Erleben mit allen verfügbaren Sinnen.

Nach kurzer Umbau-/Verschnauf-/Getränke-Pause sodann im zweiten Teil des Experimental-Pakets das Projekt Dame Area mit Silvia Konstance als Chefin im Ring, weitaus tanzbareren Polter-Rhythmen und minimalistischer Elektro-Melodik. Tribalistischer, bewusst primitiv gehaltener Industrial-Beat traf auf synthetische Großstadt-Kälte in Gestalt von Post/Electropunk-, Achtziger-Proto-Industrial- und Synth/Wave-Pop-Reminiszenzen im Geiste von Genesis P-Orridge, Gary Numan und Alan Vega, zu denen die junge Frau frontal das Publikum animierend den gesamten Zuhörerbereich als Bühne nutzend als extrovertierte Electronica-Lolita ihre Stakkato-/Propaganda-artigen Schlagwörter schwadronierte, repetitive Kampfansagen, Statements, auf Kern-Aussagen reduzierte Schlaglichter, vermutlich auch hier mit politischen Inhalten, Zivilisations-Kritik/Verdrossenheit, was auch immer. Musik in Gedenken an eine Zeit, in der die Aufbruchstimmung gewaltig, der Forschergeist ausgeprägt und der Wille zum Aufbauen neuer Klangstrukturen, Zerstören althergebrachter Muster, Do-It-Yourself groß war, mit großartigen Ergebnissen auf Throbbing-Gristle-, Joy-Division-, Cabaret-Voltaire- und vielen anderen Tonträgern, so auch in der konzertanten, doppelten Intensiv-Bedienung am Donnerstag-Abend im Münchner Westend.